Wer bei uns einmal die Politik sein lässt, ist weg

Dr. Thomas Goppel: “Wer bei uns einmal die Politik sein lässt, ist weg.”

© HAMCHA art integration Heinz Michael Vilsmeier, 2012
Dr. Thomas Goppel (MdL)

HAMCHA: Vor ca. 20 Jahren endete im deutschen Fernsehen die amerikanische Fernsehserie „Dallas“. Haben Sie die damals mitverfolgt?

GOPPEL: Relativ selten und wenig. Den Schluss nicht, aber die Serie. Ja.

HAMCHA: Sie sind fünf Geschwister in der Familie. Haben sie auch eine Familie gegründet?

GOPPEL: Verheiratet bin ich, und das gerne. Wir haben leider keine Kinder. Für diesen Fall waren wir fest entschlossen, in den Bayerischen Wald zu gehen, weil man sich in München als Volksschullehrer das Dasein nicht leisten konnte, zur damaligen Zeit nicht, zu ordentlichen Konditionen, falls man Kinder bekam. Mit Kindern wären wir aufs Land gezogen. Also nichts von Dallas!

HAMCHA: Weil das Preisniveau damals hier in München schon so hoch war?

GOPPEL: Es war ein Unterschied zwischen 30 und 40 Prozent. Und wenn ich für dasselbe Gehalt, was Frau und Herr Goppel als Lehrer, wir sind beide Lehrer von Beruf, bekomme und wenn ich davon, sagen wir einmal ein Drittel, neben dem Lebensalltag frei verfügbar habe, kann ich dort sogar bauen.

HAMCHA: Wie viele Jahre waren Sie im Schuldienst?

GOPPEL:  Viereinhalb Jahre.

HAMCHA: Das ist ja nicht so lange.

GOPPEL: Wie man es nimmt. Aber: Länger hätte mir selbst mehr gefallen.

HAMCHA: Ich war acht Jahre im Schuldienst.

GOPPEL: Einer von meinem Schlag wäre, wenn das die Politik in Deutschland zuließe, so wie in England oder vielleicht auch in Amerika, das weiß ich nicht genau genug, mit Sicherheit zwischendurch wieder in die Schule zurück gegangen. Wer bei uns einmal die Politik sein lässt, ist weg. Und das wäre uns dann doch auch wieder zu langweilig geworden. Nach den ersten 12 Jahren bin ich dann ja ins Kabinett gekommen. Ohne solche Chance hätte ich da die Politik womöglich sein lassen. Zumindest war das vorher mit meiner Frau auf Gegenseitigkeit verabredet. Von 1986 an war ich im Kabinett, bis jetzt vor 4 Jahren. Und 2013 bin ich in dem Alter, in dem man die Szene eher vom Rande her beobachtet. Obwohl ich jetzt auch wieder ein bisschen Schule halte, (in der Nachbargrundschule in Deutsch und im Lesen), wenn da jemand ausfällt. Das mache ich schon ganz gern. Und ich halte Rhetorik-Kurse. Die habe ich immer wieder gehalten und tue das auch heute wieder.

HAMCHA: Aber nicht an der Schule!?

GOPPEL: An der Fachhochschule und gelegentlich im privaten, nein, sagen wir mal, vereinlichen und politischen Umfeld.

Unsere wichtigste Fähigkeit verkümmert

HAMCHA: Herr Dr. Goppel wenn ich jetzt keine Frage mehr stelle, sondern Sie bitte einfach noch etwas zu sagen, was Sie für wichtig halten, etwas, was Sie den Lesern dieses Interviews gerne mit auf dem Weg geben würden, was würden Sie sagen?

GOPPEL: Mich beunruhigt, dass ganz viele Themen unserer Tage unerläutert bleiben, dass immer mehr Menschen dazu neigen, Gespräche nur noch mit sich selbst zu führen. Immer öfter trifft man Menschen, die sogar in der Trambahn das Reden mit sich selbst anfangen. Auch wenn es, leise und gemurmelt, kaum verstehbar ist. Oder dass sie mit ihrer Telefonleitung im Ohr, mit dem Stöpsel, der Technik kommunizieren, statt die Kommunikation mit der Nachbarschaft zu suchen. Ganz wenige Fähigkeiten unterscheiden uns von allen Lebewesen auf dieser Welt. Eines davon ist der Verstand, der aber nur funktioniert, wenn ich ihn mit Hilfe der Sprache und unserer sonstigen fünf Sinne in Bewegung setze, dann in Betrieb halte. Dieses „in Bewegung setzen“ braucht Widerspruch, braucht Dialog, braucht auch Bestätigung. Und diese Bestätigung, diesen Dialog, sind wir dabei zu verlernen. Ich bin überzeugt, dass wenn viele von all den Hartz IV Empfängern, wenn sie sich nicht isoliert haben würden, einen Dialog gehabt hätten, nicht in so schwere Wasser geraten wären. Ebenso bin ich davon überzeugt, dass der Teil unserer Gemeinschaft, der auf die schiefe Bahn gerät, eine andere Einstellung zu unseren Gegebenheiten, auch den Möglichkeiten gewonnen hätte, wenn wir alle mehr im Gespräch, im Dialog stünden, auch miteinander zu tun verpflichtet wären. Miteinander zu reden ist eine der wichtigsten Fähigkeiten, die wir besitzen. Meine Sorge: Sie verkümmert. – Mein zweites Desiderat ist, die gewachsene bayerische Lebensart wieder lebendig zu machen. Unsere Gesellschaft, unser Wohlstand und unser Wunsch anders, vielleicht sogar besser zu sein als andere, wird sich nur erfüllen, wenn wir uns darauf besinnen, dass das „Leben und leben lassen“ nicht nur aus individuellen Ansprüchen hergeleitet ist, sondern aus der Toleranz, die den Anderen zum Korrektiv meiner Ideale macht. Damit ist die Definition von Toleranz, für die es keine schönere gibt als die bayerische: „Leben und leben lassen“, als Leitfaden unserer Politik postuliert. Es ist die unsere, unser CSU-Leitfaden. Das macht uns niemand streitig. Und das Ergebnis einer 50-jährigen CSU-Politik (1958-2008) liegt da. Anders manchmal, aber im Ergebnis besser. Ist das kein schöner Beleg fürs Richtige und Gute? Zumindest im Kern!

HAMCHA: Herr Dr. Goppel, vielen Dank für das Gespräch.

GOPPEL: Ja, so ist es!

Das Gespräch führte Heinz Michael Vilsmeier am 13.06.2012 im Bayerischen Landtag.

 

© HAMCHA art integration Heinz Michael Vilsmeier, 2012, Impressum

Hinterlasse eine Antwort