Zwiesel

Thomas Müller: Wir haben noch immer die Grenze im Kopf

HAMCHA art integration, Heinz Michael Vilsmeier
Thomas Müller, Bürgermeister von Bayerisch Eisenstein

HAMCHA: Bayerisch Eisenstein liegt unmittelbar an der Grenze zu Tschechien, wie sieht die Zusammenarbeit mit der tschechischen Seite aus? Gibt es da Punkte, die verbesserungswürdig sind?

Thomas Müller: Ich würde mal so sagen: Die Freundschaft ist gut, sehr gut. Allerdings, die Realisierung von gemeinsamen Projekten steckt immer noch ganz gewaltig in den Kinderschuhen. Was halt nach wie vor das große Problem ist, ist die Sprachbarriere. Die Sprachbarriere ist einfach immer noch unüberbrückbar. Allerdings, wie gesagt, wir haben jetzt hier einen Azubi, der Tschechisch spricht, seine Muttersprache. Es liegt bei uns in Bayerisch Eisenstein geografisch absolut auf der Hand, dass dieses Eisensteiner Tal gemeinsam verschiedene Projekt entwickeln muss. Aber außer, wie ich schon gesagt habe, wirklich guter freundschaftlicher Kontakte und die Organisation von gemeinsamen Festen und einer Kamera, die vom Arber das Eisensteiner Tal filmt, ist noch nicht sehr viel geschehen.

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Bahnhof Bayerisch Eisenstein / Železná Ruda-Alžbětín

HAMCHA: Wo hackt es?

Thomas Müller: Das Hauptproblem ist die Sprachbarriere und das Zweite ist immer, glaube ich, wer letztendlich die Verantwortung übernimmt, damit das Projekt realisiert werden kann. Es gibt ja da verschiedene Förderkriterien und Vorschriften. Man muss ja das Projekt wirklich gemeinsam anpacken, auch gemeinsam abrechnen und das ist halt dann im Detail gar nicht so einfach. Vielleicht hackt es auch wieder an dem Begriff, den wir vorhin schon einmal gehabt haben: am gegenseitigen Vertrauen.

HAMCHA: Wie realistisch ist es, über Entwicklungsvisionen für einen Landkreis Regen und eine Gemeinde Bayerisch Eisenstein zu sprechen, ohne die tschechische Seite zu berücksichtigen? Würde nicht ein grenzüberschreitendes Entwicklungskonzept riesige Chancen eröffnen?

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Bayerisch Eisenstein: Noch immer die Grenze im Kopf

Thomas Müller: Ich persönlich glaube sowieso daran, dass Bayerisch Eisenstein ein Zukunftsort ist. Aufgrund unserer Lage sind wir Zukunftsort. Diese tolle Tallage, dann natürlich, ich nenne es immer Erlebnisdreieck, der Große Arber, der Nationalpark Bayerischer Wald und Tschechien, die Chance, dass man da touristisch anpacken kann – und jetzt eben gemeinsam. Das ist, glaube ich, auch deswegen so schwierig, weil wir immer noch die Grenze im Kopf haben und die Grenze als eine Linie, als einen Zaun begreifen, wo es zu Ende ist.


HAMCHA: So gesehen gibt es vor allem ein mentales Problem.

Thomas Müller: Mental! Und jetzt ist es so, dass die Grenze, bzw. das Grenzgebiet mittlerweile wieder ineinander übergehen kann – oder könnte. Das könnte übergehen. Das wird das spannende Thema, dass man das auch planerisch mit einer Vision, mit einem Konzept gemeinsam anpackt. Da wäre das Eisensteiner Tal prädestiniert und könnte wirklich auch ein ganz gutes Thema für den Landkreis sein, nicht nur, da sind wir wieder bei der Straße, als Grenzübergang. Nicht nur, dass Eisenstein als Übergang der B11 nach Tschechien gesehen wird, sondern dass da eigentlich noch viel, viel mehr dahinter stecken könnte.

HAMCHA: Wie könnte die Zusammenarbeit aussehen, auch kulturell?

Thomas Müller: Kulturelle Zusammenarbeit, die beginnt, würde ich sagen, mit verschiedenen Festen. Aber das könnte zum Beispiel ein gemeinsamer Homepageauftritt sein. Das könnte beispielsweise das Vernetzen verschiedener Wanderwege sein, einschließlich eines einheitlichen Beschilderungskonzeptes, das ohne Wenn und Aber zweisprachig sein sollte, vielleicht sogar mehrsprachig. Vielleicht könnte es auch schon das GPS-Thema sein, dass diese Wege durch GPS erfasst sind. Es könnte auch sein, dass man Themenwege schafft, die die Geschichte des gemeinsamen Eisensteiner Tals thematisieren, Glasgeschichte, Entstehung der Region. Rein theoretisch könnten es auch schon grenzüber

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Tourist Info in Bayerisch Eisenstein mit dem Büro des Bürgermeisters

schreitende Qualitätsoffensiven sein, es könnte, ohne Wenn und Aber, auch die Zusammenlegung beider Touristinfos sein, unter einem Dach, an zwei Orten, an drei Orten am Grenzbahnhof. Durch unseren tschechischen Azubi sehe ich auch da Chancen. Ich selber hätte da überhaupt keinerlei Berührungsängste. Da wäre ich voll mit im Boot, ohne Wenn und Aber.

HAMCHA: Wie sieht das in den übergeordneten politischen Gremien aus?

Thomas Müller: In unserem Gemeinderat positiv. Übergeordnet auch, allerdings darf man nie vergessen, wir haben immer noch eine ältere Bevölkerung, die vor dem tschechischen Nachbarn Angst hat. – Eigenartig. Oder die, die dem tschechischen Nachbarn gegenüber misstrauisch sind, einfach aus der Geschichte heraus…

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Lokalbahnmuseum / Bavorské lokálnich drah

HAMCHA: … wegen der Vertreibung?

Thomas Müller: Ja, ja. In Bayerisch Eisenstein gibt es noch ganz viele Bürger, die vertrieben worden sind und sich dann ganz nahe an der tschechischen Grenze angesiedelt haben. Meine Oma ist das beste Beispiel. Man kann noch und noch mit ihr diskutieren, über die Geschichte in einem größeren Zusammenhang, über das Unrecht, das Deutschland in den ganzen Ländern verursacht hat… Das ist alles nicht in ihrem Kopf drin, weil sie einfach als Kind diese schlimme Vertreibung erlebt hat.

Das war für sie Unrecht. Das war für sie Unrecht, egal, was da die große Geschichte dazu sagt.

HAMCHA: Bedeutet das, dass es hier in der Region noch immer sehr starke grenzüberschreitende Ressentiments gibt?

Thomas Müller: Ja. Je älter die Bürger, umso stärker die Ressentiments.

HAMCHA: Das ist ein Problem.

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Bayerisch Eisenstein: Die Spuren der Vergangenheit – nicht nur im Museum !

Thomas Müller: Ich würde es nicht Problem nennen, das Wort Problem ist mir schon wieder zu scharf. Es ist immer noch da aber es ist kein Problem mehr. Es ist bei Vielen noch da und das ist vielleicht auch so ein Thema. Ich war ja der jüngste Bürgermeister in Niederbayern, zweitjüngster in Bayern, damals 2002. Für mich war klar, dass das Thema von Anfang angepackt werden muss. Da gibt es dann immer so lustige Sätze wie: Ja der Thomas, der ist ja in Ordnung, wenn er nicht so viel mit den Tschechen täte. – Eigentlich ist es gar nicht so viel. Aber es gibt freundschaftliche Kontakte und wie gesagt, das gibt es bei manchen schon, dass sie diese Angst haben.


HAMCHA: Es wird ja oft gesagt, dass das, was grenzüberschreitend ist, die Kriminalität sei.

Thomas Müller: Ja, das würde ich nicht so sagen. – Was ist Kriminalität? Die Deutschen fahren rüber zum Vietnamesenmarkt, unterstützen die vietnamesische Mafia, die Deutschen fahren rüber ins Kasino, die Deutschen gehen ins Bordell, da drinnen sind Frauen aus der Ukraine, aus Russland und ich weiß nicht woher. Da lässt sich auch darüber philosophieren, wie die hier rüber gekommen sind. Es gibt viele Deutsche, die da drüben leider keine gute Botschaft von Deutschland übermitteln. Und natürlich gibt es hin und wieder Einbrüche, die anscheinend von der tschechischen Seite her kommen, meistens sogar noch von weiter her, von Polen oder was… Aber im Großen und Ganzen, momentan haben wir es wieder aktuell, wo man noch nicht weiß, wer es ist, woher sie kommen, war es in der Vergangenheit in einem verträglichen Ausmaß.

HAMCHA: Ich habe gehört, der Liedermacher Hans Söllner ist in Bayerisch Eisenstein auftreten. – Wie war das Konzert?

Thomas Müller: Ich muss gestehen, ich war nicht dort. Aber ich glaube, dass es insgesamt ein sehr gutes war. Topp besucht, 570 Besucher, hier in der Arberland Halle und die, die dort waren, waren alle begeistert. Das ist jetzt nicht unbedingt meine Richtung, von daher war ich nicht dort.

HAMCHA: Herr Bürgermeister Müller, ich danke Ihnen für das Gespräch.

Thomas Müller: Ich danke Ihnen auch.

Das Gespräch führte Heinz Michael Vilsmeier

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