Willy Michl

Moses Wolff: ich imitiere lieber Charaktere

Ich imitiere lieber Charaktere

HAMCHA: Wie bist Du auf die Idee gekommen, Schauspieler zu werden?

Moses Wolff: Das war eigentlich von vornherein für mich auf der Hand gelegen, weil ich mich seit jeher wahnsinnig viel für Filme interessiert hab. Für Theater auch, aber für Filme mehr. Und weil ich auch immer gerne in Rollen geschlüpft bin. Ich hab in der Schule mit einem Klassenkameraden, mit dem ich heute noch befreundet bin, oft während des Unterrichts Lehrer imitiert. Die Lehrer haben uns manchmal 10 Minuten gegeben, wo wir dann andere Lehrer imitieren durften, vor der Klasse. Das war immer sehr beliebt und wir haben das so gut gemacht … – also ich hab zum Beispiel mal, einmal bei einem Schulkameraden angerufen, mit der Stimme von unserem Direktor, da hab ich ihn gerügt, und am Samstag, 9:00 Uhr, in die Schule geschickt und gesagt, er muss da einen Aufsatz schreiben und sich bei mir melden. Der ist dann hin und ich hab ihn dann an der Schule abgepasst und die Sache aufgeklärt. Ich hab gerne solche Streiche gespielt.

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Moses Wolff, 1993

HAMCHA: Du bist also auch ein guter Stimmenimitator?

Moses Wolff: Ich glaub schon. Ich imitiere schon ganz gerne Stimmen, aber ich imitiere lieber Charaktere. Am liebsten erfinde ich selber Figuren mit meinen Stimmen. Aber ich imitiere auch manchmal Persönlichkeiten. Ich hab ja jeden Sonntag meine Show mit Michi Sailer in der von mir und Jaromir Konecny gegründeten Show „Schwabinger Schaumschläger“. Da mach ich … Da ist übrigens mittlerweile auch der Christoph Theußl dabei, ein toller österreichischer Liedermacher. Da imitiere ich, da haben wir so einen Schluss-Song, den sing ich immer als Herbert Grönemeyer, Hans Albers oder als André Heller. Da imitiere ich dann Leute. Oder ich hab auch eine Nummer, in der ich Werner Herzog imitiere, den kann ich, glaub ich, ganz gut.

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Schwabinger Schaumschläger Show – Lese-Bühne mit Michi Sailer, Christoph Theussl und Moses Wolff

HAMCHA: Wie arbeitest Du? Schreibt jemand vorher ein Skript, wenn Ihr beispielsweise eine Aufführung der Schaumschläger entwickelt und Ihr probt das dann – oder muss man sich das eher als spontane Aktion vorstellen?

Moses Wolff: Das ist so, das hat halt so eine Eigendynamik. – Wenn man es ein paar Jahre macht und das jeden Sonntag, wir haben so eine eigene Art auf der Bühne, das ist sehr familiär. Das Publikum fühlt sich sehr wohl, eine ganz gemütliche Atmosphäre halt, wir sind sehr nah am Publikum, sehr emotional. Es ist so, dass wir uns insofern vorbereiten, dass wir natürlich die Leute einladen, das macht überwiegend der Michi Sailer. Ich kümmere mich um die Fahrtkosten und die Hotelbuchungen, wir kriegen ja eine Kulturförderung durch das Kulturreferat München. Wir sprechen uns natürlich ab, dass wir sagen, wie ist die Reihenfolge, beispielsweise, wer muss als erster kommen, weil die Stimmung dann so und so wird … etc. Wir haben da eine gewisse konzeptionelle Vorbereitung, aber das dauert nicht lang, weil wir das schon so lange machen. Wir wissen ja, wie die Show läuft. – Und das Schreiben …? Wir versuchen, jede Woche neue Texte zu schreiben, was nicht immer gelingt, weil man nicht immer die Zeit und Muße hat. Aber wir versuchen’s schon, dass wir jede Woche etwas Neues bieten. Jeder Auftretende hat immer zwei Texte, á Maximum 7 Minuten, und ich mach nach Möglichkeit einen neuen und einen Klassiker. Dadurch ist natürlich die Anzahl an Texten sehr gewachsen. Ich hab ja neben den Schaumschlägern auch eine Band mit eigenem Spektakel namens „Perlen vor die Säue“, das ist mit meinem musikalischen Copiloten Hansi Krohn komplett durchstrukturiert. [ http://www.moses-wolff.de/shows  ] Da ist von vornherein klar, wie’s los geht, wann ich was sage, wann kommt die Carolyn Breuer rein, die bei größeren Gigs Saxofon spielt, bei uns. Die ist nicht bei jeder Nummer dabei und wird dann natürlich entsprechend gesondert und, aufgrund ihres großen musikalischen Werkes, würdevoll vorgestellt. Das ist alles konzeptioniert und wird auch geprobt – aber die Schaumschlägershow wird nicht geprobt. Ebenso meine eigene Show im Parkcafé, „Humoristen, Schlepper, Bauernfänger“, zu der ich mir einmal im Monat meine Lieblingskünstler einlade, die wird auch nicht geprobt, sondern aus dem Ärmel geschüttelt.

HAMCHA: Deine Arbeitsweise hat also nicht so viel mit dem zu tun, was man an der Schauspielschule lernt.

Moses Wolff: Ne, überhaupt nichts. Außer natürlich, dass man, was man aber auch nicht unbedingt an der Schauspielschule lernt, das Timing beherrscht. Was man als Schauspieler können muss, ist Timing. Beim Theater gibt’s ein ganz anderes Timing wie beim Film. Ich hab mein Timing eigentlich beim Film gelernt. Beim Shânti kann man gut sehen, wie ich mein Timing einsetze, da mach ich ja ganz gerne und ganz gezielt Pausen. Manchmal gab’s schon Shânti-Aufführungen, wo ich drei Minuten nur auf meinem Instrument gespielt hab, ohne etwas zu sagen, was auf der Bühne wie eine Ewigkeit wirkt…

HAMCHA: … und von Dir, dramaturgisch durchkonzipiert ist.

Moses Wolff: Ja, ja klar. Ich stell mich immer aufs Publikum ein. Wenn ich einen Leseabend mache, nur lese, neulich hab ich in Gröbenzell gelesen, das war eine Lesung mit Abendessen. Da nehme ich dann sehr viele Texte mit, weil ich das Publikum wahrnehme und die Energie des Publikums merke. Danach entscheide ich, in welche Richtung es geht. Ich entscheide mich dann spontan, welche Sachen ich überhaupt an dem Abend lese, welche Geschichte an der einen Stelle kommt und welche an einer anderen. Das mach ich dann während der Lesung, da weiß ich manchmal erst, während ich gerade eine Geschichte lese, welche ich als nächstes mache.

HAMCHA: Macht der Umstand, dass Du in der Wahrnehmung des Publikums so stark identifiziert wirst mit solchen komischen Charakteren wie dem Wildbach Toni oder eben diesem Moses Shânti, es für Dich schwerer, ernstere Rollen, z. B. am Theater, anzunehmen?

Moses Wolff: Nee, das ist immer eine komplett neue Herausforderung, quasi eine neue Reise, die man antritt. Manchmal sind die Reisen kürzer, manchmal länger, aber ich nehme jedes Projekt komplett ernst, das ist unabhängig davon, wie viel Geld ich dafür krieg oder wie weit es eine Außenwirkung hat oder wie viele Zuschauer oder was weiß ich, das ist egal. Wenn ich zusage, dass ich es mache, dann nehm ich es ernst. Zum Beispiel hab ich damals am Staatstheater, da war ein junger Regieassistent, das ist der Sohn vom August Everding, der Marcus Everding, gewesen, zu dem hatte ich damals einen sehr guten Draht, den hab ich zwanzig Jahre später zufällig wieder getroffen, auf einer Veranstaltung, und hab mich mit ihm gleich wieder gut verstanden. Er hat mich wieder engagiert für die Carl-Orff-Festspiele im Kloster Andechs. Da spiele ich den dritten Bürger, zwar eine kleine Rolle, aber die ist auch gründlich geprobt, da ist sehr viel Arbeit drin. Während der Probe- und Spielzeiten können wir dort im Kloster wohnen, jeder hat ein Zimmer, das ist eine sehr schöne Sache.

HAMCHA: Du hast vorhin geschildert, wie Du in den Beruf des Schauspielers hineingewachsen bist, angefangen in der Kindheit, als Schüler, als Du noch Lehrer imitiert hast…

Moses Wolff: … Ja …

HAMCHA: … aus diesem Imitieren ist sozusagen Dein Beruf entstanden. Ist es das Imitieren, was einen Schauspieler zum Schauspieler macht?

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Moses Wolff (12)

Moses Wolff: In der Schule habe ich ja nicht nur imitiert, sondern freilich auch Schultheater gespielt, wie viele meiner Kollegen. Es ist immer lustig, wenn wir für den Wildbachtoni oder andere Kurzfilme, ich habe ja schon sehr viele Kurzfilme gemacht, wenn wir dann Castings machen. Ich mach grundsätzlich immer Castings, weil ich mir die Schauspieler ja anschaun muss. Wenn die dann in ihren Lebenslauf reinschreiben: Ich hab früher im Schultheater gespielt, dann später bei der Firmenfeier soundso, dann sagt das natürlich gar nichts aus, weil das keine professionellen Auftritte sind. Egal, wenn mir jemand sympathisch ist, lad ich ihn oder sie zum Casting ein, außer die Entfernung ist so groß, dass es ein Schmarrn ist. Weil wegen einer kleinen, nicht besonders gut bezahlten Rolle da Leute lang anreisen zu lassen, halte ich für Unsinn. Nur wenn ich mir ziemlich sicher bin, dass ich mit diesem Schauspieler arbeiten möchte, stimme ich für sowas zu und zahle dann meistens auch die Fahrtkosten. Manche Leute bewerben sich ja auf eine total originelle Art und Weise. Aber Schultheater würd ich jetzt beispielsweise gar nicht reinschreiben, wenn ich mich irgendwo bewerbe, weil es wirkt ja so, als würde man, ja, halt gar nix gemacht haben. Obwohl Schultheater natürlich teilweise gut ist, aber ich kenn das von mir: man nimmt es nicht ernst, wenn jemand nur Schultheater gemacht hat, obwohl man im Schultheater viel lernen kann. Wir hatten eine gute Lehrerin, mit der ich auch immer noch regen Kontakt habe, sie ist jetzt über 80, sie ist sehr nett und wahnsinnig kompetent, die hat damals schon Erich Kästner–Stücke mit uns inszeniert, in der Schule. Seinerzeit hab ich bereits einen guten Einblick bekommen, da lernt man schon, wie das ist, wenn man wahnsinnig viel Text lernen muss, und wie es ist, unter der Regie eines anderen zu arbeiten. Die hat das wirklich sehr gut gemacht. Später hab ich dann alles dran gesetzt, den Beruf auszuüben. Ich bin einmal sogar nach Berlin gegangen, weil ich da bei einem Stück mitmachen wollte, was dann aber eh nicht realisiert wurde. Die haben es  leider nie auf die Reihe gebracht und das Stück wurde nie gemacht. In Berlin hab ich dann natürlich versucht, mit Kabarett oder irgendwie über die Runden zu kommen und bin dann, nach eineinhalb Jahren, wieder zurück gezogen. In Berlin hab ich erst gemerkt, wie wichtig mir München ist. In Berlin ist mir jeden Tag eingefallen, was grad alles in München passiert. So, ja, jetzt geht’s los mit der Biergartenzeit oder, jetzt geht bald die Wiesn los, morgen ist Kocherlball, und so weiter. Obwohl, ich glaub, der Kocherlball war damals gar nicht, die Tradition kam erst später wieder zurück. Egal, jedenfalls wusste ich immer irgendwas: Maibaum aufstellen, Freunde grillen am Flaucher, Viktualienmarkt, Weihnachtsmarkt, Feuerzangenbowle, irgendwelche Stammtische, Kinaturm, Maria Einsiedel, Waldschwaigsee, ständig halt irgendwas. In München gibt es ja soviele Traditionen und Bräuche. Da war mir klar, am Donnerstag wusste ich immer, da sitzen meine ganzen Freunde von früher aus Pasing im Schweizer Hof, wo der Wirt übrigens vor vier Tagen verstorben ist, den ich sehr gern mochte. Der war nicht mehr der Jüngste und relativ krank und vor vier Tagen ist der gestorben. Horst Rapp. Und seine liebe Ehefrau, die Marille, die betreibt das Gasthaus hoffentlich noch lang weiter. Naja, also ich hab jedenfalls eines Tags gemerkt, ich kann nicht mehr in Berlin bleiben, ich muss wieder nach München.

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Moses Wolff

HAMCHA: Du hattest so richtig Heimweh nach München?

Moses Wolff: Ja, total! Und seitdem weiß ich’s sehr zu schätzen, alles. Damals gab es noch einen Altplayboystammtisch, den der Gunter Sachs mit dem James Graser und den ganzen Altplayboys gegründet hatte, den haben wir wieder ins Leben gerufen, den gabs damals noch, der war im Augustiner Biergarten in der Arnulfstraße. Da haben wir den wieder gemacht. Und dann war es halt so, dass ich wusste, da treffen sich meine Leute, meine Jungs vom Altplayboystammtisch… Ich hab das einfach nicht mehr ausgehalten und musste von Berlin wieder zurück. So hab ich mich von Berlin aus in München beworben, bei einer Firma, einer sehr coolen Firma, die es leider nicht mehr gibt. Das war so ein Callcenter, wo man quasi auf einer Service-Hotline angerufen wurde, sozusagen eine Telefonauskunft mit Pannenhilfe und allem möglichen. Über diesen Job hab ich einige Leute kennengelernt, mit denen ich heute noch beruflich zu tun hab oder privat befreundet bin, unter anderem den Willy Michl und den Konstantin Wecker, weil die da gern angerufen haben und irgendwelche Services wollten…

HAMCHA: Was waren das für Services?

Moses Wolff: Der Willy Michl hat zum Beispiel mal angerufen, weil er ist ja ein Indianer, Stadtindianer, Isarindianer. Der hatte damals wohl eine Pfote von einem Hasen, glaub ich … Der hat dann bei uns angerufen, hatte mich zufällig in der Leitung und hat mich gefragt, ob ich ihm einen  Tierpräparator besorgen könnte. Ich hab auch einen ausfindig gemacht. Damals, in den 90er Jahren, war es ja noch nicht so, dass man so etwas wie Google hatte. Da konnte man nicht einfach mal ins Internet gehen, sondern musste sich anderweitig behelfen. Da hab ich halt dann rumtelefoniert und das dann für den rausgefunden und zurückgerufen. Oder der Wecker, der wollte halt einfach nur ganz normale Nummern von Reisebüros oder so. Wir haben die Nummern rausgesucht und die Anrufer weiterverbunden. Das war so’ne Telefonauskunft für die erste Handygeneration und eine Servicehotline, wo man auch Krankenhäuser oder Berghütten oder die Pannenhilfe rausfinden konnte. Wenn jemand eine Panne hatte, hat er bei uns angerufen und wir haben ihnen halt einen Wagen vorbeigeschickt oder auch mal die Botschaft angerufen, wenn jemand im Ausland Probleme hatte.

HAMCHA: Da hast Du also gejobt, war das dann noch in Berlin?

Moses Wolff: Ne, ne, dass war in München. Ich hab mich von Berlin aus in München beworben, bei dieser Firma und hab, sobald ich wieder in München war, das war 1995, dann bei dieser Firma gearbeitet.

HAMCHA: Okay. Das Zurückkehren nach München war für Dich ein Schritt, den Du sehr gerne gemacht hast, weil Dein Heimweh so groß war. Aber es war auch nicht so, dass Du einfach hättest sagen können: „Ich geh zurück nach München und hab dort gleich eine Möglichkeit, als Schauspieler zu arbeiten.“

Moses Wolff: Nee. Es war so ähnlich wie bei der Freundin, die auf der Schauspielschule war, dass die anderthalb Jahre Berlin … Als ich nach Berlin gegangen war, dachte ich mir, ich kann ja jederzeit zurück kommen, die Leute gibt es ja und das Theater gibt es gewiss auch noch. Vor Berlin hab ich in einer Serie mitgespielt, „Anna Maria – eine Frau geht ihren Weg“, mit Uschi Glas, wo ich eine relativ große Rolle hatte, und ich hab ja auch Anfang der Neunziger in München, zusammen mit Arnd Schimkat, Peter Gutdeutsch und Bibiana Decker, die Kabarett-Truppe „Trio Farfadet“ gegründet und kleine aber feine Erfolge in München und Umgebung gefeiert. Ich dachte halt, das wird noch alles so sein, wie vor Berlin. Dann bin ich zurück gekommen und musste erst mal schaun, wie ich wieder Fuß fasse. Weil am Prinzregenten- und am Residenztheater war eine neue Intendanz, die haben sich gar nicht mehr für mich interessiert, da war ich gar nicht mehr auf dem Schirm, sozusagen. – Wenn man beim Film eine Rolle in einer Serie gespielt hat und dann zwei Jahre nirgends mehr auftaucht, hat einen das Fernsehen vergessen, dann interessiert das auch keinen mehr. Außerdem, wenn man zwei Jahre nichts gemacht hat, ist das eine lange Zeit. Dann sagen die: Ja warum haben Sie zwei Jahre nichts gemacht? Dann kann man nicht sagen: Ja weil ich in Berlin war und äh, bla bla bla. Man muss von vorne anfangen, das hab ich dann auch gemacht. Ich habe dann wieder Theater gespielt, im „Theater in der Westermühle“, mit einem sehr tollen Regisseur, Hans Hildebrandt hat der geheißen. Dann eben auch bei verschiedenen Fernsehproduktionen, aber auch viel Schmarrn, bei Galileo, bei „Welt der Wunder“ und so. Es wurde allerdings immer mehr, immer interessanter, immer größer. Irgendwann, Anfang des neuen Jahrtausends, kamen dann auch größere Rollen. Und eines Tages hatte ich es geschafft, dass ich eben nur noch in dem Beruf arbeite und nicht mehr irgendwelche Jobs machen musste. Es ist zwar manchmal wirtschaftlich äußerst knapp, aber es funktioniert bist heute. Toi, toi, toi.

HAMCHA: Was hatte Dich veranlasst, nach Berlin zu gehen?

Moses Wolff: Dieses Theaterstück, von dem ich vorhin erzählt hab. Es war ein Theaterstück was geplant war, was aber nie aufgeführt wurde. Das war einer der Gründe, zu jenem Zeitpunkt nach Berlin zu gehen, weil ich mir dachte, da würde ich eine tolle Rolle spielen, in einem vollen Theater, in einer riesen Produktion. Das hat aber, wie gesagt, nie stattgefunden. Außerdem wollte ich vernünftig Schlagzeug lernen, aber auch dieses Vorhaben wurde nie in die Realität umgesetzt. Ich war schon vor der Wende gern in Berlin gewesen und Anfang der 90er Jahre immer wieder. Da hatte ich Freunde und kannte viele Leute. Als ich nach Berlin gezogen bin, war ich kurz zuvor in Griechenland gewesen – ich war immer gerne in Griechenland, bis heute. Ich habe dort einen total netten Typen kennengelernt, mit dem ich bis heute bestens befreundet bin. Er kommt jedes Jahr zum Oktoberfest. Und dann hatte ich auch einige Freunde aus München, die bereits in Berlin gewohnt hatten und eben noch jenen einen Urberliner, mit dem es auch super war. Also ich hatte keine schlechte Zeit in Berlin, aber was mir zu anstrengend war auf Dauer, waren diese wahnsinnigen Entfernungen, die man ständig zurücklegen muss, weil es halt eine Riesenstadt ist und mir irgendwann klar wurde, dass die meisten Leute in Berlin nicht so gern aus ihrem Viertel rausgehen.

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Moses Wolff mit Helge Schneider

Man musste, um Freunde in Zehlendorf zu treffen, halt nach Zehlendorf fahren, weil die nicht nach Mitte fahren wollten, usw. Man musste immer wahnsinnig viel fahren. Und das Zweite war, dass in Berlin immer so dermaßen viel los ist, dass man ständig glaubt, man versäumt irgendwas und dadurch war ich damals immer ein bisserl unter Druck. Weil ich bin ja schon seit Ewigkeiten überzeugter Anhänger der Hiphop-Kultur und jeden Abend waren geile Konzerte, von A Tribe Called Quest, von Da Lench Mob, von Mobb Deep, von Ice-T, von den Beastie Boys, von Wu Tang, von den Roots, von Tricky und so weiter, jeden Abend tausend Möglichkeiten und in meinem damaligen Alter war dieser innere Stress natürlich Gift. Und das Dritte Problem, was richtig schlimm war, war, dass der Winter in Berlin irgendwie furchtbar eisig kalt und düster ist. Bei uns ist der Winter nicht so beklemmend. Aber in Berlin ist er wirklich hart und sehr anstrengend. Das war mir dann zu viel. Nach einem dieser harten Winter sagte ich mir: einen zweiten kann ich nicht noch mal ­aushalten.

HAMCHA: Okay, ich habe 27 Jahre in Berlin gelebt, das war schon eine ziemlich lange Zeit. Bei mir war es ein bisschen anders. Ich bin nach meinem ersten Studium von München nach Berlin gegangen, das war 1978.

Moses Wolff: Ja, dann bist Du ja zur coolsten Zeit nach Berlin gegangen, da hast Du ja die Anfänge von Ideal mitbekommen und Interzone und Spliff und so. Das ist natürlich eine andere Zeit, mit der Zone und vor allem mit der Musik war das natürlich Wahnsinn. Vor der Wende, als die Mauer noch stand, war West Berlin natürlich eine total geniale Stadt, eine kleine Oase halt. Das ist etwas anderes, ich bin ja nach der Wende dort hin gezogen. Ich habe im Prenzlauer Berg gewohnt, da hat sich inzwischen auch alles völlig verändert. Wo ich die längste Zeit in Berlin gewohnt habe, in der Immanuelkirchstrasse das war damals so ein Kneipenviertel, so ein Weggehviertel. Mittlerweile wohnen da nur noch Familien, das Viertel erkennst du nicht wieder.

HAMCHA: Pflegst Du noch Kontakte nach Berlin?

Moses Wolff: Jedes Jahr habe ich ein paar Tage, wo ich in Berlin Lesungen mache, auf verschiedenen Bühnen. Ich kenne noch immer viele Leute dort und durch meinen lieben Freund Holger, der ein Gastronomiegenie ist, inzwischen auch eine Menge cooler Menschen aus dieser Szene. Dann bin ich auch mit den meisten Lesebühnenleuten in Berlin befreundet. Es ist ja so, dass es dort jeden Tag eine Lesung gibt. Man könnte Montag bis Sonntag jeden Abend bei einer Lesung auftreten. Wenn man sich darum kümmert, ist das super. Ich mag Berlin total gerne, drum fahr ich auch immer wieder gern hin. Und mein alter Freund, den ich damals in Griechenland kennengelernt hatte, der hat immer ein Gästezimmer für mich frei. Da ich mich mit seiner Frau auch sehr gut verstehe und glaub ich auch kein unangenehmer Gast bin, passt das auch super. Außer Berlin mag ich übrigens auch Hamburg total gerne.  Meine drei Lieblingsstädte in Deutschland sind München, Hamburg und Berlin. In dieser Reihenfolge. Berlin ist schon sehr wild, da gibt es natürlich sauviele Möglichkeiten, da passiert ja auch viel Kunst – in München passiert freilich auch viel Kunst, aber in Berlin ist es so, dass alles ein bisschen ungezähmter ist, andere Ansprüche, da ist nicht so viel Geld da in der Stadt, da kann man auch mal Projekte machen, wenn man keine Sponsoren hat, das ist eine andere Atmosphäre, die ich sehr gerne mag….

HAMCHA: … Es ist einfach anarchischer…

Moses Wolff: … Nein, ich glaub, diese Zeit ist vorbei. Anarchie findet man in Berlin nicht mehr so, es sieht nur von außen so aus. Aber innen ist es in Berlin mittlerweile genauso spießig wie in anderen Städten. Also es gibt für mich nur zwei Orte, wo anarchisches Denken herrscht, das ist in Bayern und in Griechenland. Also, nicht, dass Du mich falsch verstehst, die Anarchie ist in Berlin nicht mehr zuhause, die Strukturen sind zwar noch anarchisch, aber nicht die Denkweise. Die meisten Berliner sind glaub ich ziemlich bürgerlich in ihrer Denkweise.

HAMCHA: Also ich habe es immer so empfunden, dass in Berlin das Alternativ, dass Unerprobte, in das man sich vortastet, die Leitnorm ist. In München gibt es eine ganz andere Leitkultur, die Kultur des Etablierten …

Moses Wolff: Es gibt in München halt die viel besprochene Tradition. Dadurch dass wir so viele Traditionen haben in Bayern und so viele kulturelle Traditionen, die halt auch seit langer Zeit bestehen, hat man natürlich auch eine andere Wahrnehmung. – Wie Du gerade sagst, mit ausprobieren. Ich bin vorgestern in München in einer gemischten Show aufgetreten, das war in diesem Fall eine Abend, bei der Leute etwas ausprobieren können. Ich hab das als relativ ungewöhnlich empfundenen, weil in den meisten Shows, die stattfinden, da sind es halt Profis, die mitwirken. Da probiert keiner was aus, da sind es Profis. Die das Vorgetragene schon erprobt haben. Diese Ausprobier-Idee, die ist ja ziemlich gut, aber sie ist mir nicht vertraut, weil wir so viele gute Profis haben, dass es für Neulinge schwer wird. In unserer Lesebühne, den Schaumschlägern, haben wir für Anfänger das sogenannte „Stahlbad“, bei dem sie zu Beginn der Show fünf Minuten etwas ausprobieren können. Das passiert aber außerhalb des offiziellen Show-Rahmens. Klar, wenn man einen Text hat und den das erste Mal probieren will, kann man sich bei Poetry Slams in die offene Liste eintragen. Aber Mixed-Shows zum Probieren gibt es in München nicht viele, im Gegensatz zu Berlin. Wenn man jetzt zum Beispiel einen Kurzfilm drehen will, dann geht das in Berlin wesentlich leichter, weil die Leute einfach nicht alle Geld wollen. Es ist halt weniger Geld da, da ist es für die Leute normal, dass sie irgendwo einmal umsonst mitspielen. .

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Moses Wolff und seine Freunde Christoph Theußl und Michael Sailer

HAMCHA: Machst Du eigene Produktionen?

Moses Wolff: Ich habe neben dem Wildbachtoni selbst einige Kurzfilme gemacht, zusammen mit Johannes Raspe und natürlich mit dem Richard und einige auch ganz allein… schon – ich mache verschiedene Sachen. Klar, und Filmen kostet halt natürlich einiges, man muss ja Schnittplätze anmieten etc… So eine Produktion kostet halt immer ein bisschen. (zur Übersicht / bitte weiterlesen)

Das Gespräch führte Heinz Michael Vilsmeier

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