Wasserkraft

Michael Adam: Ich glaube, man muss zu den Unternehmen hingehen und sie an die Hand nehmen

HAMCHA art integration, Heinz Michael Vilsmeier
Michael Adam, Landrat des Landkreises Regen und ehemaliger Bürgermeister von Bodenmais

Michael Adam: Die Wasserkraft hätte mit Sicherheit, vom technischen Stand aus gesehen, erhebliches Potential. Ausbaupotential. Aller-dings kann ich mir nicht vorstellen, dass sich die Bayerische Staats-regierung dazu durch-ringen kann, ihre gesetz-lichen Gegebenheiten zu überdenken. Gerade was Fischerei angeht, was Aufstiegshilfen angeht, was Restwassermengen angeht. Da muss man auch wissen, dass gerade Naturschutzverbände oder auch die Fischereiver-bände wesentlich stärker organisiert sind und kraftvoller auftreten gegenüber einer Regierung, als es die Lobby für Wasserkraftwerke tut. Wesentlich!

HAMCHA: Gerade in den 30er Jahren und später noch einmal in den 50er Jahren, gab es ja ein Projekt, eine Planung, in der der Region bei Böbrach große Bedeutung zukam. Da gab es schon das geflügelte Wort von „Böbrach am See“: Wissen Sie etwas über diese Planungen und gibt es aktuelle Planungen zum Bau größerer Wasserkraftwerke?

Michael Adam: Derartiges ist bei uns jetzt gerade nicht in der Pipeline. Wir haben da draußen, in unserem Nachbarlandkreis Passau, diesen Riedlpumpspeicher, der seit Jahren geplant ist und wo es darum geht, dass man die Energie, die man tagsüber durch Photovoltaik erzeugt, durch Pumpleistung umwandelt und in die Höhe bringt. Nachts, wenn keine Sonne zur Verfügung steht, lässt man das Wasser ab und macht damit Strom. Der Gedanke ist nicht neu. Größere Projekte sind hier jetzt, bei uns vor Ort, nicht angedacht. Wobei ich hier sage, da sind wir auch noch am Anfang. Ich glaube die eOn, die bei uns der gängige Netzbetreiber ist, weiß selbst noch nicht, wie ihr geschieht. Sie wird sich jetzt wirklich Gedanken machen müssen, wie sie jetzt bei diesen temporären Energieversorgern, Voltaik, Wind, diese Energie zwischenspeichern kann. Diese Diskussionen werden kommen. Wir werden in Niederbayern mehrere solcher Pumpspeicher brauchen.

HAMCHA: Gibt es von Seiten Ihrer Behörde Initiativen, solche Projekte wie Windkraftanlagen, Pumpspeicherwerke, eventuell auch Wasserkraftwerke, hier anzusiedeln, auch wenn jetzt, z. B. von Seiten der Staatsregierung, noch Widerstände spürbar sind? Oder eben auch bei der Bevölkerung noch Bedenken da sind?

Michael Adam: Also wir … man muss hier zwei Dinge trennen. Das Landratsamt ist ja einmal Staatsbehörde als Genehmigungsbehörde. Das heißt, hier genehmigen wir ja grundsätzlich nur. Dann sind wir ja als Kreisbehörde Vertreter der Gebietskörperschaft Landkreis. Als solche darf sich der Landkreis selber nicht an solchen Projekten beteiligen. Man könnte ja auf die Idee kommen, der Landkreis baut so ein Wasserkraftwerk, zum Beispiel. Das darf er nicht, von der Landkreisverordnung her! Wir gehen jetzt aber als Gebietskörperschaft Landkreis her, bzw. sind hergegangen und haben einen Energienutzungsplan vergeben. Das heißt, eine Fachhochschule wird dezidiert für uns untersuchen, wo und in welchen Bereichen unseres Landkreises bieten sich welche Potentiale an, für Wind, für Wasser, für Biomasse, für Biogas usw. Und diese Pläne veröffentlichen wir dann. Und dann ist mein Eindruck der, dass es viele Private und auch Unternehmen gibt, die sich darum reißen, solche Potentiale auszuschöpfen. Da werden wir m. E. nicht viel tun müssen. Sollte es anders sein, werden wir selbstverständlich auf die Suche gehen nach Leuten, die das umsetzen, werden Unternehmen akquirieren, die das tun. Aber meine Erfahrung ist wirklich die, es wird einem aus den Händen gerissen. Die Bevölkerung ist wahnsinnig scharf auf solche Projekte.

HAMCHA: Ich bin seit 2008 sehr eng verbunden mit dem Netzwerk Forst und Holz Bayerischer Wald. Ich habe noch ein anderes berufliches Leben als Firmenberater. Ich habe 2008 in der Nähe von Deggendorf die erste deutsche Hobelmeisterschaft mitgesponsert und mitorganisiert. In diesem Zusammenhang habe ich Herrn Schulze vom Netzwerk Forst und Holz kennengelernt. Und über diesen Kontakt ist eine Zusammenarbeit entstanden, die die Zielsetzung hat, für die Unternehmen des Netzwerkes einen Zusatznutzen zu generieren. Inzwischen ist das Netzwerk gewachsen und es ist ja so, dass die Holzbranche, nicht nur in der Region sondern auch im Landkreis, einer der wichtigsten Arbeitgeber überhaupt ist. – Wie schätzen Sie das Netzwerk Forst und Holz für die Holzbranche und für die Region insgesamt ein?


Michael Adam: Jenseits dieses ganzen Netzwerkgedankens, es ist wichtig, dass sich eine Branche zusammentut, das Knowhow austauscht, sich u. U. auch ergänzt, miteinander nach außen auftritt in einer Lobby, das gibt es ja in vielen Bereichen. Wir machen das jetzt im Glas, zum Beispiel. Es ist beim Netzwerk Holz und Forst natürlich umso wichtiger, weil da noch riesige Marktpotentiale liegen, bei uns auch Alleinstellungsmerkmale da sind und viel zu wenig in der Bevölkerung bekannt ist, welches Potential wir hier wirklich vor Ort bieten. Ich hab das jetzt gesehen, auf Anregung vom Herrn Schulze, ich hab mich da belehren lassen, beim Hausbau. Ich wollte immer Stein, ich konnte mir das nicht vorstellen in einem Holzhaus und ich hab mir das angesehen und bin da begeistert. Allein beim Eintreten in so ein Haus ist da eine Atmosphäre, die kriegen sie anders nie hin. Und das ist, glaube ich, auch die Aufgabe von so einem Netzwerk, miteinander aufzutreten, Potentiale aufzuzeigen, Lobbyarbeit zu leisten, offensiv in den Markt hineinzugehen. Es gibt Erwägungen, dass man Modulholzmöbel baut, dass man eigene Produktsegmente miteinander entwickelt. Ich finde, das ist nicht nur nettes Kolorit. Da kann, wenn man so eine Idee wachsen lässt und wenn man es konsequent schafft die Unternehmen da einzubinden, es schaffen, dass sie so eine Philosophie leben, dann kann man da wirklich auch objektiv wirtschaftliche Wertschöpfung daraus erwachsen lassen. – Die tut uns gut!

HAMCHA: Ich habe mich in diesem Zusammenhang intensiv mit den Wirtschaftsdaten in Niederbayern beschäftigt und festgestellt, die Holzbranche ist hier neben der Automobilindustrie der zweitwichtigste Arbeitgeber. …

Michael Adam: … Exakt. – Was keiner weiß! …

HAMCHA: … was so gut wie keiner weiß! – Aber so ist es. Das ist ein wichtiger Punkt, dass hat mich gerade in meiner Eigenschaft als Firmenberater sehr interessiert. Ich habe daraufhin auch viele Gespräche mit Unternehmern aus der Holzbranche geführt. Dabei habe ich festgestellt, da gibt es drei unterschiedliche Klassen, so würde ich das grob sagen. Zum einen sind da die Handwerker die alleine arbeiten oder mit maximal ein paar Gesellen. Dann gibt es recht erfolgreiche Handwerksbetriebe, die von der handwerklichen in die industrielle Produktionsweise hineinwachsen. Einige erreichen immerhin eine Größenordnung von mehr als 50 Mitarbeitern und mehr. Sie sind, gerade auch hier in Ihrem Landkreis stark vertreten. Und dann gibt es mittelständische Unternehmen, die ganz andere Beschäftigtenzahlen erreichen. – Mir ist aufgefallen, dass gerade im kleinen und mittleren Segment betriebswirtschaftlich fundiertes Know How fehlt. – Ich veranstalte daher, zusammen mit dem Netzwerk Forst und Holz Bayerischer Wald, eine Serie von Unternehmerabenden, zu denen ich Professoren aus der Fachhochschule in Deggendorf und anderen Hochschulen zu Vorträgen einlade, z. B. zu den Themen Unternehmensfinanzierung, risks of change management, Controlling, aber auch zum Thema Kultur und Wirtschaft. Im Vorfeld besuchte ich mit einigen der Referenten Firmen der Holzbranche, beispielsweise ein Sägewerk mit ca. 15 Mitarbeitern. Auf die Frage, wie er eigentlich seine Preise kalkuliert, holte der Unternehmer einen Zettel aus der Tasche mit den Worten, dies sei sein Controlling. Dies zeigt das Defizit in betriebswirtschaftlichen Kenntnissen. Das Problem betrifft insbesondere die Unternehmen, die auf einer handwerklichen Basis in eine bestimmte Größenordnung hineingewachsen sind. Die Entscheider gehen oftmals nur nach dem Gefühl und befinden sich im Blindflug.

Michael Adam: Das ist eine Einschätzung, die ich voll und ganz unterschreiben würde. – Wir sehen zum Beispiel, wenn ich den Landkreis im Sparkassen Verwaltungsrat vertrete, ohne konkrete Firmen zu nennen, dass ganz oft, bei kleinen Unternehmen die plötzlich wachsen, der Bedarf entsteht, dass man erkennt, dass man nicht mehr alles selbst ‚handeln’ kann. Man braucht dann halt einen Controller. Das sind auch Prozesse, wo Netzwerke gefordert sind, wo auch Banken gefordert sind zu sagen „pass mal auf, um dich in Zukunft so und so auszurichten, muss das jetzt laufen. Du kannst es selbst, mit deinem Wissen nicht mehr handeln. Oder du musst dich fortbilden. Also dass sehen wir ganz oft. Andererseits ist es erfreulich, weil sich unsere Firmen gut entwickeln. Wir sehen, wir haben nicht so wahnsinnig viele Neugründungen in dem Bereich. Geschweige denn Firmen von Außen. Ich glaube, die letzte Betriebsansiedlung von Außen, die war … ich glaub es war in den letzten 15 eine. Aber unsere Unternehmen wachsen in sehr starker Art und Weise momentan.

HAMCHA art integration Heinz Michael Vilsmeier
“PEST” + “SCREAM” QB 2000 Wannsee

HAMCHA: Diese Beobachtung kann ich bestätigen. Ich bin in der glücklichen Situation über einen Etat verfügen zu können, aus dem heraus ich diese Unternehmerveranstaltungen finanziere. Aber der vorhandene Bedarf ist sehr viel weitergehender. Ich sehe insofern eine Notwendigkeit, entsprechende Impulse zu geben. Wäre es nicht eine lohnende Aufgabe für den Landkreis, hier ein unternehmensorientiertes Bildungsangebot zu schaffen?

Michael Adam:  Deswegen gehen wir raus in die Netzwerke. Weil die Vorstellung falsch ist, dass man z. B. über die VHS oder über das Regionalmanagement so etwas organisiert und dann kommen die. Da ist der Weg zu weit, da fehlt auch dieses aufsuchende Element. Ich glaube schon, dass man zu den Unternehmen hin gehen muss, dass man sie an die Hand nehmen muss. Das versucht Schulze so gut wie es geht, in diesem großen Gebiet, zu sagen „pass mal auf, da und da und da und da! – Aber der direkte Kontakt muss gegeben sein. Also da glaube ich, ist unsere Netzwerkarbeit sehr gut, weil man das von Amts wegen nicht verordnen könnte.

HAMCHA: Herr Landrat Adam, ich bin mit meinen Fragen am Ende. – Haben Sie noch einen Punkt, den Sie in dieses Interview einbringen möchten?

Michael Adam:  Ich bin erstaunt ob der Themenfülle und würde sagen, wenn Sie das gut rüber kriegen, bin ich wunschlos glücklich.

HAMCHA: Vielen Dank für das Gespräch!

Michael Adam: Ich bedanke mich! (zur Übersicht)

Das Gespräch führte Heinz Michael Vilsmeier

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