Thomas Müller

Josefa Schmid: Dafür wäscht eine Hand die andere.

HAMCHA art integration, Heinz Michael Vilsmeier
Josefa Schmid, Wahlplakat der Landtagskandidatin der FDP

HAMCHA: Sie würden also beide Ämter besetzen?

JOSEFA SCHMID: Ja, in diesem Fall schon. Das Bürgermeisteramt in Kollnburg ist ehrenamtlich ausgestaltet und das wird auch so bleiben, auch wenn es viele Kollegen gibt, die berufsmäßig tätig sind, obwohl deren Gemeinden weniger Einwohner haben. Wenn man berufsmäßig Bürgermeister ist, geht es rechtlich nicht. Aber die Konstellation des ehrenamtlichen Bürgermeisters lässt das zu. Das hat es ja auch schon einmal gegeben mit der Helga Weinberger in Schöfweg, die sowohl CSU Landtagsabgeordnete als auch Bürgermeisterin war.

HAMCHA: In der Bevölkerung werden die Vorgänge innerhalb der CSU sicherlich diskutiert, welche Rückmeldungen bekommen Sie?

JOSEFA SCHMID: Sehr positive! Erstens finden die Bürger, dass ich mir nichts gefallen lassen soll. Es wird ein bisschen mit Unverständnis wahrgenommen, dass die CSU sich das antut, mit Kanonen auf Spatzen zu schießen. Die Leute fragen sich, ob die CSU keine anderen Probleme hat, als mich jetzt nach über einem halben Jahr noch abzustrafen. Also es wird auch so ein bisschen politisches Kalkül dahinter vermutet. Man hatte ja bewusst die Bodenmaiser Bürgermeisterwahl im Februar abgewartet und sich dann erst im März mit meiner Personalie beschäftigt. Den Leuten gefällt nicht, dass es wieder so ein Schlingerkurs ist. Was bringt es, wenn ich, was juristisch nicht geht, ausgeschlossen werde. Aber entweder ganz oder gar nicht. Da wird es so eine Zwischenlösung, weder Fisch noch Fleisch, nicht geben.

HAMCHA: Was heißt Zwischenlösung, worin könnte sie bestehen?

JOSEFA SCHMID: Na ja, man will nach außen, nachdem ich nicht freiwillig gegangen bin, dass ich bei der CSU bleibe, aber nichts zu sagen habe. Das ist halt ein fauler Kompromiss für die Leute.

HAMCHA: Das heißt in den Parteigremien werden Sie geschnitten, verlieren Ihre Ämter, hier in der Gemeinde muss man ja mit Ihnen reden, auch von CSU Seite. Eigentlich eine Gradwanderung, die die CSU da geht .

http://youtu.be/ZESEI1U63Tw

JOSEFA SCHMID: Ja, ich habe mich mehrmals empfohlen, die CSU Bürgermeisterin zu werden und auch 2014 die CSU Bürgermeister-Kandidatin sehr gerne sein will und es tut einem schon weh wenn man dann auf der Ortshauptversammlung hört, dass man das nicht will und dass es einen Protest-Kandidaten gegen mich geben wird. Also die Arbeit wird einfach ignoriert.

HAMCHA: Was wirklich erstaunlich ist, ist dass Sie jetzt aus den übergeordneten Parteigremien der CSU so wenig Rückhalt erfahren.

JOSEFA SCHMID: Das finde ich eigentlich auch sehr erstaunlich. Ich hätte mir gewünscht, dass vielleicht ein Helmut Brunner oder meinetwegen auch ein Horst Seehofer auf Helmut Brunner indirekt Einfluss nimmt, dass man sich zusammensetzt, ohne großen Medienwirbel, und einfach in einem Vier-, Sechs-, Acht-Augen-Gespräch nach einer Lösung sucht. Die muss es doch geben. Warum kann man sich nicht mit meinen Gegenspieler aus 2008, der hier immer noch die Fäden gegen mich zieht, in einer Art Mediation zusammen setzen und sagen, dass der Konflikt doch lösbar sein muss. Oder dass man einfach meinen Mitbewerber von damals, der immer noch gekränkt ist, einfach um Zurückhaltung bittet.

HAMCHA: Haben Sie den Kontakt zur Führungsebene innerhalb der CSU gesucht?

JOSEFA SCHMID: Ich habe ihn zu Helmut Brunner gesucht, aber….

HAMCHA: Von ihm kam der Vorschlag, sie sollten doch austreten.

JOSEFA SCHMID: Ja genau. Also ich werfe ihm da schon mangelndes Fingerspitzengefühl vor. Das hätte man regeln können. Er hat sich meines Erachtens nach zuerst überhaupt nicht drum gekümmert und dann, als es im Dezember, wohl gemerkt auf meinen Druck hin, ein vermittelndes Gespräch gab, da haben sie vermutet, dass ich die SPD Bürgermeisterkandidatin in Bodenmais sei. Da ist das Kind schon längst in den Brunnen gefallen gewesen. Helmut Brunner hat da keine Kompetenz erkennen lassen, einen goldenen Brückenschlag herstellen zu können. Es ist gänzlich misslungen.

HAMCHA: Und auch von anderen Seiten, weder von Frau Haderthauer oder von Herrn Goppel oder wem auch immer, kam keine Initiative.

JOSEFA SCHMID: Nein. Also wir haben ja, ich habe ja von der Christine Haderthauer eine Urkunde bekommen, dass wir hier vorbildliche Seniorenpolitik machen. Außerdem habe ich auch einen bayerischen Preis gewonnen oder auch von der Dr. Christina Schröder diesen Bundespreis erhalten. Ich persönlich bekomme natürlich schon jetzt auf formeller Ebene die Anerkennung, dass ich gute Gemeindepolitik mache. Aber in der Rolle als CSU-Kollegin wollte man sich hier nicht einmischen. Das ist auch das, was Helmut Brunner immer gesagt hat, dass er sich hier nicht in den Ortsverband einmischt. Das wäre aber als Kreisvorsitzender seine Aufgabe gewesen.

HAMCHA: Okay. Würden Sie gern noch etwas zu diesem Punkt sagen, was wir bis jetzt noch nicht angesprochen haben?

JOSEFA SCHMID: Vielleicht, dass Sie es mal mit Michael Adam ein bisschen vergleichen. Den haben Sie ja wahrscheinlich auch interviewt. Sie sind jetzt bei mir ein bisschen stark auf diesen Konflikt, den ich natürlich mit der CSU habe, fokussiert. Das ist ja jetzt sozusagen meine Spezialität. Aber ich weiß nicht, wo haben Sie denn bei Michael Adam den  Fokus im Interview gehabt?

HAMCHA: Er hat eigentlich den Fokus zu Beginn des Gespräches sehr stark auf den Vorgang um die Böbrach Mühle gelenkt, was mich etwas überrascht hat, weil  ich da eigentlich nur eine Frage vorbereitet hatte, die ich ihm stellen wollte. Aber er hat das sofort, weil er so massiv in dem Konflikt involviert war, an den Anfang gestellt. Dann wurde über diesen Vorgang gesprochen und natürlich kam dann auch die Thematik der Korruption mit ins Blickfeld. Im Grunde sollte es ein sehr persönliches Interview werden, was es dann auch wurde. Aber ich muss sagen, dass es gut eine halbe Stunde letztendlich um die Problematik der Böbrach Mühle ging, die Frage der Korruption im Amt, also im Landratsamt mit der personellen Besetzung und das weitere Vorgehen im Hinblick auf die Korruptionsvorwürfe.

JOSEFA SCHMID: Und jetzt, welche Visionen er als Landrat hat, ist dieser Aspekt noch gekommen?

HAMCHA: Es ging auch darum, aber relativ wenig.

JOSEFA SCHMID: Das sind ja so richtige Splitter, die Sie da raus ziehen. Also das war jetzt bei ihm so der Aspekt. Gut, das ist jetzt etwas Persönliches, die Spielschulden von Heinz Wölfl sind natürlich ein persönliches Dilemma, das er mit diesen Korruptionsgeschichten vererbt bekommen hat.

HAMCHA: Für mich ist die Frage, ob das wirklich nur die persönliche Problematik eines Landrats ist,  oder ob es da nicht auch tatsächlich etwas gibt, was mit Korruption zusammenhängt, was mit Vorteilsgewährung zusammenhängt und auch Vorteilsnahme. Sie haben das ja sicherlich auch intensiv mitverfolgt, weil Sie eine der Kandidatinnen waren, die sich um das Amt von Herrn Wölfl beworben hatten, nachdem er sich das Leben genommen hatte.

 http://youtu.be/hoScOp5XxIk

JOSEFA SCHMID: Also es ist im Fall von Heinz Wölfl sicherlich in erster Linie ein persönliches Dilemma. Also ein persönliches Schicksal, dass er aufgrund einer Spielsucht, das ist ja eine Sucht, wahrscheinlich persönlich auch das Problem hatte. Obwohl er ein so intelligenter Mensch war, konnte er sich da nicht mehr helfen, sodass er für sich nur den Ausweg des Suizids sah. Aber es kommt natürlich auch ein bisserl zum Vorschein, dieses Verständnis, ich mein Herr Heinz Wölfl war ein CSU Politiker, dieses Verständnis einer Partei, die zu lange Hausmacht hat… dass da einfach verkrustete Strukturen entstehen. Das ist nicht nur in Bayern so, sondern das ist …

HAMCHA: … Sie meinen, dass das auch eine spezielle Art und Weise ist, Macht auszuüben?

JOSEFA SCHMID: Genau, es ist zu viel Selbstverständnis drin, zu viel Klüngelei, es ist einem vielleicht auch gar nicht mehr bewusst. Ich sage, dass eigentlich ab 2003, als die absolute Mehrheit in Bayern war, sich die Problematik mit der Korruption vielleicht bei manchen stärker ausgeprägt hat.

HAMCHA: Es ist bekannt, dass die Staatsanwaltschaft Deggendorf in der Causa Wölfl ermittelt. Es ist auch bekannt, dass gegenwärtig gegen 18 Personen ermittelt wird. Von Seiten des Landrats Michael Adam höre ich, dass das durchwegs Personen sind, die außerhalb des Landratsamtes stehen, also praktisch Dritte sind. Es gibt sogar eine Formulierung, in der Michael Adam davon spricht, dass Herr Wölfl von Dritten bezahlt wurde. Was halten Sie von diesen Korruptionsvorwürfen?

JOSEFA SCHMID: Also ich bin mir sicher, dass es mit dem Bediensteten im Landratsamt null und nichts zu tun hat. Es war eine Einzelaktion von Heinz Wölfl und Heinz Wölfl war mit Sicherheit intelligent genug und hat diese Gelder, die meines Erachtens mit Sicherheit geflossen sind, in seine Privattasche fließen lassen. Also er hat mit dem Landratsamt an und für sich nichts zu tun und es wurde auch schon festgestellt, dass es keine weiteren Kreise gezogen hat. Aber er wurde durch das ganze wahnsinnig angreifbar.

HAMCHA: Nur, wenn jemand Geld bezahlt, einem Politiker, um Entscheidungen zu beeinflussen, zum Beispiel in Genehmigungsverfahren, dann muss das ja irgendwo durch ein Amtshandeln umgesetzt werden.

JOSEFA SCHMID:  Ja, aber das…

HAMCHA: .. das Amtshandeln kann in einer Behörde, wie einem Landratsamt, nicht unbemerkt bleiben.

JOSEFA SCHMID: Es ist halt so, ein Landrat hat natürlich unglaubliche Entscheidungsfreiheiten und Ermessensspielräume und ein Landrat kann entscheiden, ob  irgendwo ein Gewerbegebiet entsteht, wo es vielleicht rechtlich von den Behörden und den Fachstellen nicht so anerkannt würde. Aber er kann das in einer Einzelfallentscheidung durchdrücken. Er kann das durch seine Unterschrift. So sind einfach unsere bayerischen Gesetze, dass ein bayerischer Landrat sehr, sehr viele Kompetenzen hat. Er kann das durchdrücken. Wir sind ja selber auch Leidtragende mit der Firma Dietz, die an einer Stelle bauen durfte, wo es baurechtlich unmöglich ist, wirklich unmöglich.

HAMCHA: Im Gemeindegebiet.

JOSEFA SCHMID: Jetzt in der Gemeinde Geiersthal. Die Firma Dietz hat direkt an der B 85 einen Bau, der alles erschlägt, hinbauen dürfen, dazu billigsten, landwirtschaftlichen Grund erworben. Ich habe damals auch gesagt, dass der Herr Dietz, der Firmeninhaber, dem Heinz Wölfl dann privat bestimmt was gegeben hat. Der hat sich mit Sicherheit von dem Geld geben lassen. Also der Heinz Wölfl wird eine Gegenleistung dafür gefordert haben, da bin ich fest davon überzeugt. Aber das taucht nirgends auf. Überall sagen die Leute, dass das da nicht hingehört hätte, das wurde mir ja auch gesagt. Wir haben hier auch um die Firma Dietz gekämpft. Wir haben 50 000 € in eine Bauleiterplanung investiert, die für die Katz waren.

HAMCHA: Schon zu Ihrer Amtszeit?

JOSEFA SCHMID: Zu meiner Amtszeit. Weil man gedacht hat, die Firma Dietz gehört dahin, wo sie ihren Sitz hat und da soll sie daneben erweitern. Da hätte sie teuren Gewerbegrund kaufen müssen. Die Firma Dietz hat sehr viel Geld gespart, indem sie diesen landwirtschaftlichen Grund dort kaufen konnte. Dafür wäscht eine Hand die andere. Das ist mir auch bei der Böbrach Mühle aufgefallen, seine Argumentation, dass er da einem anderen Herren gedient hat. Das sind genau die Vorwürfe, die er jetzt mit ins Grab nimmt.

HAMCHA: Sie erwähnen die Böbrach Mühle. Für Sie ist es offensichtlich, dass da eine Vorteilsnahme passiert ist?

 

JOSEFA SCHMID: Also der Heinz Wölfl hat Argumentationen an den Tag gelegt, die rechtlich nicht nachvollziehbar waren. Da müssen wir unbedingt reden, wie wir es formulieren aber diese Nähe zum Unternehmer Karl in Innernzell, den Sie natürlich auch noch haben, die ist natürlich bei Heinz Wölfl ganz deutlich da. Es wird ja auch gemunkelt, dass er sich von dem auch Geld geliehen hat. Ich weiß jetzt nicht … Das ist jetzt alles…

HAMCHA: Ja, er soll Grundstücksnachbar sein. Er soll ganz gezielt, über einen langen Zeitraum hinweg, Grundstücke rings um die Böbrach Mühle aufgekauft haben. Er ist auch auf die Vorfahren von Konrad Müller (Anm.: Eigentümer der Böbrach Mühle, die Red.) mehrmals zugegangen und hat seinen Wunsch geäußert, die Böbrach Mühle zu erwerben. Er hat das, wie mir von diesem gesagt wurde, auch gegenüber dem Konrad Müller gemacht. Er wird sicherlich einiges getan haben, um dieses Grundstück erwerben zu können, zumal 2006 ja der damalige Eigentümer verstorben ist und dieser die Böbrach Mühle an den Konrad Müller vererbt hat.

JOSEFA SCHMID: Das ganze Agieren von dem Heinz Wölfl war ja gegen den Konrad Müller gerichtet und war für mich mit gesundem Menschenverstand nicht zu erklären. Also er hat eine andere Triebfeder und Motivation gehabt. Die natürlich, an der er zerbrochen ist. Es war für ihn am Ende ein ganz schwieriges Geschäft. Ich habe mich mit ihm sehr persönlich bei einem Flug nach Brüssel und zurück, acht Wochen vor seinem Tod, wo wir drei Tage lang waren, unterhalten, auch über all die Probleme im Landkreis. Mir wurde damals klar, dass er mit sich abgeschlossen hatte, er war ein sehr geknickter Mensch. Und das Gespräch hat mich aber wiederum auch motiviert, zu kandidieren, weil er mich schon als eine seiner Nachfolgerinnen gesehen hat. Er hat Leistung immer sehr honoriert und war da auch nicht unbedingt der Parteisoldat. Er hat es auch nicht als richtig empfunden, was mit mir da in Kollnburg passiert. Aber ich habe gemerkt, und er hat das auch zu mir gesagt, dass er sich schon lange nicht mehr so wichtig nimmt. Es ist die absolute menschliche Tragödie.

HAMCHA: Glauben Sie, das er von sich selbst einfach enttäuscht war?

JOSEFA SCHMID: Ich glaube schon, dass man, wenn man ein so hochintelligenter Mensch ist wie Heinz Wölfl und man sieht, dass man sich gegen diese Spielsucht nicht wehren kann, dass man da verzweifelt ist.

HAMCHA: Das ist der eine Aspekt. Der andere ist ja, wenn er tatsächlich Geld genommen hat, wie demütigend das ist, zu diesen Leuten hingehen zu müssen und zu sagen „Gebt mir Geld“.

JOSEFA SCHMID: Als Bittsteller, ja das muss wirklich eine Katastrophe für Heinz Wölfl gewesen sein, der ja immer ein so stolzer Mann war. Für mich war er immer ein Vorbild, was seine ganze Autorität betraf. Er war auch ein absolutes Arbeitstier, nach außen. Aber dann hat er auch noch diese zweite Scheinwelt gehabt, dass er im Internet gespielt hat. Im Spielcasino hat er ja dann aufgehört, weil er Hausverbote hatte. Mir ist das sehr nahe gegangen. Für mich ist das menschlich schrecklich, was da passiert ist. Aber es kann scheinbar jedem passieren.

HAMCHA: Sie haben vorhin einmal gesagt, die CSU ist eine Partei, die im Grunde eigentlich nach außen ein Bild von sich schafft, was nach innen so nicht stimmt und deswegen wird auch sehr viel Geheimniskrämerei betrieben, das heißt es werden Entscheidungen in geschlossenen Zirkeln getroffen, die nach außen hin so nicht vermittelt werden. Wo auch die Widersprüche und die Diskussionen nicht vermittelt werden, sondern eine fertige Entscheidung nach außen präsentiert wird. Das erinnert mich jetzt ein bisschen daran, was Sie eben gesagt haben, dass Herr Wölfl jemand war, der so eine Scheinwelt nach außen dargestellt hat. Ist das etwas, was mit einem bestimmten Politikstil zusammenhängt?

JOSEFA SCHMID: Es ist halt diese Gutsherrenart, diese Gutsherrenpolitik, die man merkt, die in manchen Politikerköpfen noch da ist. Aber das wird aussterben. Das kommt bei den Bürgern nicht an, man sieht es ja schon Land auf, Land ab. Also die Bürger wollen Transparenz und nicht diese augenscheinlich klaren Entscheidungen. Das durchschauen die Leute. Also, wie soll ich das noch mal anders formulieren?

HAMCHA: Gut, aber wir erleben es ja auf allen Ebenen der Politik, bis hinein in die Bundesregierung, dass Politik in dieser Weise noch immer praktiziert wird. In geschlossenen Machtzirkeln, durch Einflussnahme von Lobbys, Einflussnahme vielleicht auch in Form von Korruption, auch in der Weise, dass zum Beispiel Politiker, wenn sie aus dem aktiven Politikgeschäft ausscheiden, in die Wirtschaft gehen und man sich offensichtlich auf diesem Weg bei ihnen bedankt. Das ist ja eine spezielle Form der Korruption in Deutschland, man muss es so sagen, wo nicht sofort Geld fließt, wo aber dann Posten zugeschanzt werden.

JOSEFA SCHMID: Also, das ist ein Riesenproblem. Ich bin ganz beeindruckt von Island zurückgekehrt, wo der Kollege, der große Kollege, der Bürgermeister von Reykjavik, die Wahl gewonnen hat, unter anderem mit dem Slogan oder mit seiner Forderung, offene statt verdeckter Korruption zu praktizieren, also ganz offensiv damit umzugehen. – Ich glaube, dass wir Deutschen ein wahnsinniges Problem mit Korruption an sich haben und ich glaube, dass sich keiner so richtig an das Thema heran traut, aber es ist allgegenwärtig.

HAMCHA: Das Thema Korruption beschäftigt Sie auch sehr stark.

JOSEFA SCHMID: Sie wissen ja, dass ich eine Doktorarbeit über die Strafbarkeit des kommunalen Mandats wegen Korruption schreibe und an der Universität Passau eingeschrieben bin. Aber dieses Thema ist jetzt durch diese Vorkommnisse mit Heinz Wölfl für mich so belastend, dass ich es mir für die Zeit nach der aktiven Politikerzeit vornehme.

HAMCHA: Was denn?

JOSEFA SCHMID: Diese Arbeit zu beenden.

HAMCHA: Sie sind jetzt 38 Jahre, seit wann arbeiten Sie an der Doktorarbeit?

JOSEFA SCHMID: Ich hab sie begonnen, bevor ich zur Bürgermeisterin gewählt wurde.

HAMCHA: Das heißt 2007 schon. Sind Sie in dieser Zeit auch ein Stück weiter gekommen mit der Arbeit?

JOSEFA SCHMID: Es gibt immer wieder so kleine Dinge, die man ein bisserl belächelt, wie den Deggendorfer Bierkrieg. Es flammt immer wieder mal etwas in der Presse auf, aber es gibt Riesenprobleme in der Praxis. Alleine die Praxis, dass man immer nur die örtlichen Gewerbetreibenden oder Ingenieure in den Gemeinden zum Zug kommen lässt. Das sind ja alles so Probleme. Man sieht eigentlich nur Probleme. Wir müssen wirklich offener mit dem Thema Korruption umgehen.

http://youtu.be/pBOYzGtrJs4

HAMCHA: Haben Sie in dieser Zeit als Bürgermeisterin von Kollnburg Erkenntnisse, also praktische Erkenntnisse, über Korruption sammeln können?

JOSEFA SCHMID: Ja, aber das sind jetzt alles so Argumente dafür, dass ich diese Arbeit erst beenden will, wenn ich nicht mehr in der aktiven Politik bin.

HAMCHA: Können Sie über diese praktischen Erkenntnisse im Zusammenhang mit Korruption hier auch etwas sagen?

JOSEFA SCHMID: Ja. Ich weiß nicht, was der Michael Adam zu dem Thema gesagt hat. Diese ganzen Compliance-Strukturen, die man eigentlich aufbauen müsste, die er, glaube ich, jetzt auch versucht aufzubauen, dass man die Mitarbeiter schult, wo Korruption anfängt. Man müsste eigentlich noch viel mehr Aufklärung betreiben. Also ich habe schon viele Erkenntnisse.

HAMCHA: Sie haben vorhin den Fall Dietz genannt. Dann haben Sie auch den Fall der Böbrach Mühle genannt und dieses Gespräch, das Sie mit dem Landrat Wölfl auf dem Flug nach Brüssel hatten. Hatten Sie dann da konkrete Erkenntnisse über Korruptionsvorgänge?

JOSEFA SCHMID:  Na ja, ich war da in diesem Zirkel nicht eingeweiht. Ich wusste nicht, dass Heinz Wölfl Geldsummen bekommt. Ich wusste zwar, dass er wahnsinnig gern Schafkopf spielt und dass er sich da bei manchen auch schon Geld ausgeliehen hat, das hat man so mitbekommen. Ich wusste aber nicht, dass er verschuldet ist. Also die Dimension war mir nicht bewusst. Aber mir ist das spanisch vorgekommen, wie uns diese Firmenansiedlung Dietz durch die Lappen gegangen ist. Das ging nicht mit rechten Dingen zu. Da habe ich mir gedacht, dass da irgendwas falsch läuft und ich konnte mir dann nachher mein Bild zusammenreimen, als dann der Nachruf vom Firmenchef kam, in dem er ihm für die unbürokratische Hilfe gedankt hat und ein Lobeslied auf Heinz Wölfl angestimmt hat, dass der Heinz Wölfl vorher beim Spatenstich die Baugenehmigung schon in der Hand hatte. Es sind so Mosaiksteinchen, die dann ein Bild für mich ergaben.

HAMCHA: Ich meine, das sind ja zwei ganz unterschiedliche Vorgänge. Bei dem einen Vorgang ist es so, dass offensichtlich ein Genehmigungsverfahren auf eine unerklärliche Art und Weise beschleunigt wurde, auf der anderen Seite ist es so, jetzt im Fall Böbrach Mühle, dass ein Genehmigungsverfahren so in die Länge gezogen wird, dass der Antragsteller nach fünf Jahren an der gleichen Stelle steht, wie am Anfang. Und das kann einen Bürger eigentlich nur entmutigen, der einen Plan hat, der etwas realisieren möchte, was für den Landkreis und die Region durchaus sinnvoll sein könnte.

JOSEFA SCHMID: Man merkt einfach, dass man sich das als rechtschaffender Bürger nicht erklären kann, dass da andere Motivationsgründe, Mechanismen im Spiel sind, die sich einem erst erschließen, wenn man weiß, welche Probleme Heinz Wölfl hatte.

HAMCHA: Wurde im Kreis der Bürgermeister über solche Vorgänge gesprochen? Es gab ja auch den Landkreistag.

JOSEFA SCHMID: Ja, den bayerischen Gemeindetag, wo wir Bürgermeister zusammen sind. Also wenn, dann nur hinter vorgehaltener Hand, also öffentlich wurde da nie, um Gottes Willen… Sie dürfen gerne mal meinen Kollegen Thomas Müller zu der Sache Heinz Wölfl fragen, der weiß da wesentlich mehr. Der wusste wesentlich mehr, was da im Vorfeld alles gelaufen ist. Ich habe eigentlich wenig mitbekommen, weil ich so quirlig bin.

Ich habe es ganz konkret nur an meiner Firmenansiedlung mitbekommen, die eigentlich todsicher bei mir hätte sein müssen. Man kann auch gar nicht verstehen, dass eine Firma aus ihrem bestehenden Gebäude rausgeht und irgendwo komplett neu baut.

HAMCHA: Wenn ich mir ihre Vita anschaue, dann geht bei Ihnen alles Schlag auf Schlag. Schule, ein Studium, noch ein Studium, dann kurze Stationen in der Publizistik…

JOSEFA SCHMID: Ja.

HAMCHA: … bei der Polizei, mit 21 Jahren der Eintritt in die CSU, Beginn einer politischen Karriere, die auch recht erfolgreich verlaufen ist. 2007 Beginn einer Dissertation, Doppelstudium abgeschlossen. Frau Schmid, woher nehmen Sie die Energie?

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Das Gespräch führte Heinz Michael Vilsmeier

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