Sozialismus

Konstantin Wecker: Ich habe keine Aktien, ich habe kein Plus auf dem Konto

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Konstantin Wecker bei Songs an einem Sommerabende, Foto: Heinz Michael Vilsmeier

HAMCHA: Macht das Böse in Dir, Dir Angst?

Konstantin Wecker: Ja, wahrscheinlich. Ich hab ja immer wieder dieses Beispiel erzählt, als ich den SS-Mann gespielt habe und dann entdeckte, wie sehr mir die Machtausübung vor den Statisten gefallen hat, diese Machtspiele, die Teil dieser Rolle waren. Ich kam zu dem Schluss, dass ich mich wohl auch deswegen seit Jahrzehnten für den Antifaschismus stark gemacht hatte, weil es auch ein Schutz vor mir selbst ist.



[Unterbrechung]

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Konstantin Wecker bei Songs an einem Sommerabende, Foto: Heinz Michael Vilsmeier

Konstantin Wecker: Ich habe den Pazifismus gewählt, weil ich der Meinung bin, dass ich damit moralisch mit mir persönlich am besten klar komme. Also ist auch mein Pazifismus, die Gewaltlosigkeit, das Bekenntnis zur Gewaltlosigkeit, natürlich auch eine Art Selbstschutz. Das hat immer alles mit einem selbst zu tun. Man braucht ja bestimmte Modelle, vor allem, wenn man so ein anarchischer Typ ist, wie ich, der sich eigentlich zuerst mal an keine Gesetze hält, an keine moralischen Regeln, an keine kirchlichen Gebote.

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Konstantin Wecker bei Songs an einem Sommerabende, Foto: Heinz Michael Vilsmeier

HAMCHA: Damit sind wir wieder an diesem Punkt, an dem wir vorhin waren, als wir über Grenzen sprachen. Sowohl in Hinblick auf das Böse in Dir, wie auch in Hinblick auf Deine Bereitschaft zur Gewalt setzt Du Dir ganz bewusst Grenzen.

Konstantin Wecker: Ja. Und dazu brauche ich zum Beispiel die Vernunft, dazu brauche ich die Ratio. Eine Ratio, die nicht gekoppelt ist an die Empathie, kann lebensgefährlich sein. Das haben wir gemerkt am, bestes Beispiel, dem Hitlerreich und genauso an anderen Diktaturen. Da gab es ganz kluge, rationale und auch gebildete Menschen, die nur völlig frei von Empathie waren. Wenn die Empathie fehlt, führt die Ratio zu einer schrecklichen Orgie der Gewalt.

HAMCHA: Wenn in unserer Gesellschaft alles dem Rationalismus unterworfen wird, wenn alles nur noch an der Funktionalität ausgerichtet wird…

Konstantin Wecker: Niemand kann ein Gedankenmodell entwickeln und behaupten, das sei für ewig das beste Modell.

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Heinz Rudolf Kunze und Konstantin Wecker bei Songs an einem Sommerabende, Foto: Heinz Michael Vilsmeier

HAMCHA: Das gilt natürlich auch für spirituelle Systeme. Die Gefahr von der Du sprichst liegt überall dort, wo etwas verabsolutiert wird.

Konstantin Wecker: Das ist absolut richtig, genau. Es muss alles im Fluss bleiben, es muss lebendig bleiben und es muss im Austausch bleiben. Der Grundgedanke der Demokratie ist ja, dass sie lebendig bleibt und dass sie veränderbar ist, im Gegensatz zu irgendwelchen anderen Gesellschaftsmodellen. Darin ist auch eine Aufforderung an uns alle, sie wirklich so lebendig zu erhalten.

 

 

 

 

HAMCHA: Siehst Du die Gefahr, dass es in unserer Gesellschaft Entwicklungen gibt, die auf eine Verabsolutierung partikularer Interessen und der ihnen entsprechenden Modelle hinauslaufen?

Konstantin Wecker: Natürlich. Das ist ja die ganz große Gefahr überhaupt.

[Unterbrechung]

Konstantin Wecker: Es gibt in unserer Gesellschaft Tendenzen, die zu einem antidemokratischen System führen. Nicht, dass es jetzt besonders gierige Menschen gibt, die gab es schon immer, sondern die einfach blind sind. Es liegt am Kapitalismus selbst. Der gierige Banker ist nicht ein Ausnahmefall, sondern der gierige Banker funktioniert im Sinne unserer Gesellschaft [Vorschlag: unseres Wirtschaftssystems, HAMCHA]. Er vermehrt Geld um jeden Preis. Insofern hat, für mein Gefühl, der Kapitalismus auch nie eine Moral, er hatte sie nur dann, wenn man ihn, wie in den 70er Jahren, politisch einigermaßen gezügelt hat. Und auch diese Zügelung war nur möglich, weil es das Gegenmodell gab und weil man sich dem Gegenüber, dem Sozialismus und Kommunismus, rausputzen wollte.

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Konstantin Wecker und Dominik Plangger bei Songs an einem Sommerabende, Foto: Heinz Michael Vilsmeier

Ich halte es eigentlich für idiotisch, auf den sogenannten gierigen Banker zu schimpfen und auf den gierigen Konzernchef. Die arbeiten alle im Sinne dieses Systems völlig richtig. Man merkt jetzt, dass Marx einfach Recht hatte und dass es mit riesen Schritten einem Ende zugeht. Diese Ungerechtigkeit wird immer zügelloser, wie wir es am Beispiel Griechenland sehen, wo wild gewordene Nazis prügelnd durch Athen laufen dürfen, von der Polizei mehr oder weniger unbehelligt. Sind wir doch mal ganz ehrlich, dem, der Gewinner dieses kapitalistischen Systems ist, muss es doch im Endeffekt lieber sein, wenn wir hier keine Demokratie haben, sondern irgendeine Form von Technokratur oder Demokratur, wie es oft genannt wird.

HAMCHA: Mein Eindruck ist, dass wir in einer Phase leben, in der die Mechanismen der Demokratie bei weitem nicht mehr ausreichen, um die Kraft der Finanzmächte, die sich da aufgebaut hat, in irgendeiner Weise noch zu kontrollieren. Die Finanzmächte agieren total entfesselt, die Regierungen sind komplett abhängig und stehen unter ihrem Diktat. Was momentan als Krise daherkommt, ist in Wahrheit das große Ernten, das große Absahnen. Wir sehen, hier werden gigantische Werte zu anonymen Investoren transferiert, die ihre Apparate, ihre Banken, ihre Versicherungsgesellschaft in den Vordergrund stellen. Das ist ein Vorgang, der mir persönlich Angst macht, weil ich nicht sehe, dass hierzu eine Gegenmacht aufgebaut wird. Selbst die Staatsapparate besitzen nicht mehr die Macht, hier etwas dagegen zu setzen.

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Konstantin Wecker und Dominik Plangger bei Songs an einem Sommerabende, Foto: Heinz Michael Vilsmeier

Konstantin Wecker: Ja, ja, man muss nur einmal anschauen, wem die Medien gehören. Da gibt es von den Medien immer nur ein paar flüchtige Aufschreie. Im Endeffekt klären sie auch nicht richtig auf. Zum Beispiel die Zyperngeschichte war in einer einzigen Zeitung so erklärt, dass ich als Laie sie verstehen konnte. Das war, interessanter Weise in der österreichischen, sehr konservativen Zeitung „Die Presse“. Eine spanische Zeitung hatte gefragt: „Gibt es intelligentes Leben in Europa?“ [lacht] Und man muss beantworten: Nein, das gibt es nicht mehr!

HAMCHA: …Richtig…

Konstantin Wecker: Und da gebe ich Dir Recht, das ist keine Krise, das ist das große Absahnen.

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Konstantin Wecker und Dominik Plangger bei Songs an einem Sommerabende, Foto: Heinz Michael Vilsmeier

HAMCHA: Und das passiert jetzt seit 2008 ununterbrochen. Ich habe nicht den Eindruck, dass es eine Gegenströmung gibt, die dem eine ernst zu nehmende Macht entgegen setzen könnte. Die Europäischen Institutionen sind dem Griff des Kapitals nach der politischen Macht bereits untergeordnet.

Konstantin Wecker: Geradezu unterworfen worden! Da gibt es ein schönes Beispiel. Eigentlich ist es so wie in der Katholischen Kirche. Ich möchte gar nicht bestreiten, dass es da Leute gibt, vielleicht der neue Papst oder wer auch immer, die wirklich hingebungsvoll dienen möchten. Aber es gibt so unglaublich viele Interessengruppen. Wenn Du überhaupt einen bestimmten Rang erreichst in der Hierarchie der Kirche, ist es praktisch unmöglich, nicht vereinnahmt zu werden. Genau so ist es in der Politik. Es gibt sicher an der Basis viele Politiker, die gute Ideen haben, Vorschläge, wie sie sich etwas vorstellen, die Idealismus haben.

HAMCHA: – Ja … ich kann nicht widersprechen. Ich sehe es genau so.

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Konstantin Wecker und Dominik Plangger bei Songs an einem Sommerabende, Foto: Heinz Michael Vilsmeier

Konstantin Wecker: Ich gebe Dir Recht, wenn ich überlege, was für ein dünnes Aufflackern Occupy war. Und wenn man sieht, was wir hier gar nicht so mitbekommen haben, mit welcher brutalen Staatsgewalt die Occupy-Bewegung in Amerika unterdrückt wurde. Am Anfang hat man noch die Bilder gesehen, bei denen wir gemerkt haben, nette Menschen haben sich versammelt, haben campiert – das war alles ganz toll und das ging so weit, dass sich die Banker schon fast geschämt haben, in die Wall Street zu gehen. Mittlerweile ist alles zerschlagen und zwar mit brutalem Polizeieinsatz.

HAMCHA: Ich denke, dass das genau die Situation beschreibt, in der wir momentan leben. – Was mich an Dir persönlich interessiert ist die Frage: Wie gehst Du mit materiellem Reichtum und der individuellen Verpflichtung um, sich diesen Entwicklungen entgegenzustellen? – In dem Augenblick, in dem man materiellen Reichtum anhäuft, steht man vor dieser moralisch-ethischen Frage. Wie löst Du dieses Problem für Dich?

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Konstantin Wecker und Dominik Plangger bei Songs an einem Sommerabende, Foto: Heinz Michael Vilsmeier

Konstantin Wecker: Ich hatte noch nie in meinem Leben Aktien. Das Einzige, was ich besitze, ist das Haus in Italien. Ansonsten, ich habe keine Aktien, ich habe kein Plus auf dem Konto, nach wie vor nicht, weil ich immer noch alte Schulden abbezahle.  Ich hätte bei meinen Aussagen, die ich treffe und bei meinen Texten ein Problem, wenn ich heimlich ein paar Aktienfonds oder irgendwelche Fonds hätte. Obwohl ich es niemand verüble. Obwohl ich jeden fragen würde, der zu mir sagt, er wolle sich Fonds kaufen: Bist Du Dir sicher, dass Du Geld verdienen möchtest mit all dem, was da drin steckt, in diesen Fonds, zum Beispiel mit dem Waffenhandel?

HAMCHA: Wobei es bei vielen gemeinnützig und ökologisch aufgemachten Banken inzwischen auch so ist, dass die etablierten Banken hier ein Geschäftsfeld entdeckt haben und Banken gründen, die mit einem „sauberen“ Image daher kommen. Die treten dann an Kunden heran und bieten ihnen an, ihr Geld „ökologisch sauber“ oder sozial verantwortlich anzulegen. Was den Anlegern nicht klar ist, ist der Rückfluss der erzielten Gewinne an die Mutterkonzerne.

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Konstantin Wecker und Dominik Plangger bei Songs an einem Sommerabende, Foto: Heinz Michael Vilsmeier

Konstantin Wecker: [lacht] Also müsste man sich genau erkundigen, wem so eine  gemeinnützige Bank quasi gehört. Das ist ja fast nicht mehr möglich! Heutzutage kann man diese unglaublichen Verflechtungen des Finanzsektors gar nicht mehr durchschauen. Am Schluss bleiben, glaube ich, ein oder zwei Konzerne auf der Welt übrig. Beste Beispiele sind Gillette und Wilkinson. Die haben sich immer bekämpft. Jeder hat Neuheiten geschaffen, früher war das zumindest so. Vor dreißig Jahren, als es noch die Planwirtschaft gab, da gab es ganz viele kleine Firmen, die Nassrasierer herstellten. Am Schluss waren es nur noch Gillette und Wilkinson. Heute weiß man, dass sie zusammengehören. [lacht]


HAMCHA: Das bedeutet doch, dass die Freie Marktwirtschaft, der Markt, abgesehen davon, dass die demokratischen Entscheidungs- und Kontrollsystem nicht mehr ausreichend funktionieren, selbst nicht mehr funktioniert. Das Geschehen auf dem Markt wird zunehmend durch wenige große Konzerne dirigiert.

Konstantin Wecker: Dirigieren! – Das meine ich damit. Genauso dirigieren, wie man es früher der Planwirtschaft vorgeworfen hat…

HAMCHA: …sicherlich mit effizienteren Methoden!

Konstantin Wecker: [lacht] Ja, so ist es. – Und mit Methoden, mit denen den Menschen das Geld noch mehr aus der Tasche gezogen wird!

HAMCHA: Eine letzte Frage noch: Was kann die Kultur bewirken?

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Konstantin Wecker und Dominik Plangger bei Songs an einem Sommerabende, Foto: Heinz Michael Vilsmeier

Konstantin Wecker: Daraufhin, dass Giora Feidman gesagt hat, es hätte die Politik nichts in der Kunst zu suchen. Die Parteipolitik natürlich nicht! Vielleicht hatte er auch dieses alte Bild vor Augen, dass ein politischer Künstler, wie in den 70er Jahren…

HAMCHA: …ich vermute es.

Konstantin Wecker: …praktisch kommunistische Ideologie verbreitet. Nein. Ich bin ganz im Gegenteil der Meinung, dass der Künstler derjenige ist, der auf der Seite der Umgeknickten zu sein hat, der für die da ist, die keine Lobby haben. Die ganzen Spinner, die so wichtig wären. Wir sind ja leider eine Gesellschaft geworden, in der das einzige Gut des Menschen darin besteht, dass er dem Staat Geld bringt. Die ganzen anderen Güter, die so viel wichtiger wären, wie ein großer Verstand, ein großes Herz, Menschen die empathisch sind, die hilfsbereit sind, die kreativ sind, alles das fehlt in unserer Gesellschaft.

HAMCHA: … – Übrigens glaube ich, dass Du mit Deiner Antwort gar nicht weit weg bist, von Giora Feidman. Auch ihn habe ich zum Ende des Gesprächs gefragt, was er Künstlern in Deutschland mit auf den Weg geben wollen würde. Er sagte: Wieso nur in Deutschland? Den Künstlern auf der ganzen Welt könne er das mit auf den Weg geben. Seine Antwort war: Dient der Gesellschaft – serve society! Verstehe ich Dich richtig, wenn ich annehme, dass Du diese Meinung teilst?

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Konstantin Wecker, Foto: Thomas Karsten

Konstantin Wecker: Den Außenseitern der Gesellschaft! Ich war in meinem Leben immer ein Außenseiter und ich bin immer wieder durch die Literatur und durch die Kunst auf den richtigen Weg gebracht worden. – Dostojewski war ein Freund, Henry Miller war ein Freund, Oskar Maria Graf war mein Freund. Immer dann, wenn ich mich einsam fühlte und allein. Rilke natürlich, all meine großen Dichter! Meine Pubertät habe ich mit Georg Trakl überstanden. Ich hätte es ohne Heym, ohne expressionistische Literatur nicht überstanden. Das ist bis heute so. Wenn ich denke, oh, die ganze Welt ist wieder einmal gegen mich, ich bin vielleicht der Einzige, der dagegen ist, die sogenannten Rebellen in Syrien zu unterstützen, dann helfen mir, in diesem Fall nicht Künstler, sondern Bücher. Da muss man nur Tolstoi lesen, dann weiß man, dass es richtiger wäre, für die Gewaltfreiheit einzutreten.

HAMCHA: … und Du meinst damit die Menschen, die als Außenseiter der Gesellschaft die Verlierer sind?

Konstantin Wecker: Ein bisschen Geld braucht man, das wirst Du selbst so empfinden und das sagt auch die Glücksforschung. Ein gewisses Geld braucht man auf dieser Welt, um die Basis für ein glückliches Leben zu haben. Aber ich glaube zu viel versaut einen wahnsinnig und macht einen psychisch fertig.

HAMCHA: Konstantin, ich danke Dir für dieses Gespräch.

Das Gespräch führte Heinz Michel Vilsmeier

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