Liedermacher

Cynthia Nickschas: Ich glaube, dass wir Revolutionsgedanken teilen

HAMCHA art integration, Heinz Michael Vilsmeier
Cynthia Nickschas beim Paradiesvogelfest auf Schloss Weitersroda,2012

HAMCHA: Ist es für Dich okay, dass ich versuche, in diesem Interview etwas Persönliches von Dir zu erfahren?

Cynthia Nickschas: Das ist bei mir nicht schwer. Ich bin auch nur ein Mensch, wenn es um mein Privatleben geht.

HAMCHA: Gut, aber es gibt Menschen, die sich, was das Persönliche anbelangt, bedeckt halten.

Cynthia Nickschas: Mach ich nicht, ich habe nichts zu verstecken.

HAMCHA: Ich hatte letzten Samstag mit Prinz Chaos ein vierstündiges Interview. Ich glaube, es sind etwa 35 Seiten geworden, die schon transkribiert sind, er sagte, es gäbe eine Liedermachergeneration, zu der auch Du gehörst, die sich stark von der Liedermachergeneration Wader, Degenhardt, Mey und Wecker, unterscheidet. Siehst Du auch einen Unterschied?

Cynthia Nickschas: Ja, ich sehe den Unterschied auch.

HAMCHA: Worin besteht er?

Cynthia Nickschas: Ich sehe den vor allem darin, dass ich glaube, dass wir offener miteinander sind. Wir laden uns gegenseitig ein und ziehen uns gegenseitig hoch. Wir haben vieles gemeinsam. Vor allem glaube ich, dass wir Revolutionsgedanken teilen und so eine Art friedliche Revolution starten wollen. Die damals haben das zwar einzeln gesagt, aber nie wirklich zusammen geführt. Das finde ich an der heutigen Liedermachergeneration cooler, dass man sich gegenseitig kennt, die Texte kennt, zusammen auf der Bühne steht, und Sachen zusammen macht. Dann auch die Leute in einer Art und Weise anzusprechen, die nicht bedeckt ist, sondern ehrlicher als früher, nicht so verblümt gesprochen.

HAMCHA: Was hat Dich auf die Idee gebracht, Liedermacherin zu werden?


Cynthia Nickschas: Ich wollte Musik machen. Ich weiß nicht, ich habe immer Musik gemacht. Ich habe mich immer gut dabei gefühlt und habe dann eigentlich Lieder für meine persönliche Therapie geschrieben. Als ich die Lieder geschrieben habe, ging es mir gut und seltsamer weise auch meinem Umfeld. Dann haben mir alle möglichen Leute gesagt, dass ich es halt mal probieren soll. Zuerst hab ich mit meinem Papa probiert, ein Album aufzunehmen. Das hat nicht funktioniert, weil in der Zeit ziemlich viel Family-Stress war. Ich bin wieder umgezogen und hab angefangen in der Küche zu arbeiten. Ich habe dann die Arbeit verloren und stand eine Woche vor Monatsende ohne Geld da. Um meine Miete zusammen zu kriegen, hatte ich nur die Möglichkeit, auf der Straße Musik zu machen. Ich hatte eine Freundin, die Straßenmusik machte und mir sagte, ich solle es doch einfach mal machen: „Probier es doch einfach mal aus, komm nach Köln“. Ich habe zu der Zeit in Fulda gewohnt. Sie sagte: „Ich nehme Dich mit durch die Clubs, zieh Dich Durch die Straßen und zeig Dir die Plätze, wo Du spielen kannst. Leg los, Mädchen, Du bist gut!“ Alle Leute um mich herum sagten: „Ja, probier es mal, versuch es, Du hast genug, mach mal“. So hab ich mich hingesetzt und es hat seltsamerweise funktioniert.

HAMCHA art integration, Heinz Michael Vilsmeier
Cynthia Nickschas im Gespräch mit Heinz Michael Vilsmeier beim Paradiesvogelfest auf Schloss Weitersroda,2012

HAMCHA: Welche Erfahrungen hast Du dabei gemacht?

Cynthia Nickschas: Alles Mögliche, das ist das Seltsame. Ich habe Texte geschrieben, die ich selbst gar nicht als so tiefsinnig empfunden habe. Da sind Leute vor mir gestanden, haben geweint und mir einen Fünfer in den Koffer geworfen. Sie sagten, dass ich ihren Tag gerettet habe. Ich habe mir gedacht: „Häh? Cool, meine Therapie hilft auch anderen Leuten!“ Das ist eigentlich der Grund, warum ich es mache.

HAMCHA: „Therapie“ sprichst, das ist ja ein Wort aus der Psychotherapie, der Medizin, geht es Dir um Heilung?

Cynthia Nickschas: Ja. Ich hab schon viel erlebt, hab vieles gesehen und wurde viel verarscht. Die Schule war auch nicht so das Gelbe vom Ei. Diese ganzen Erfahrungen muss man eben verarbeiten. Wenn man es nicht tut, versteckt man sich vor sich selbst oder flüchtet vor sich selbst. Ich bin kein Mensch, der gerne vor sich selbst flüchtet.

HAMCHA: Haben Dich Deine Erfahrungen selbst in Frage gestellt?

Cynthia Nickschas: Auch, auch. Viel mit Druck… vor allem psychischem Druck. Ich habe nicht viel körperliche Gewalt, sondern psychische Gewalt erlebt – das prägt.

HAMCHA: Von welcher Seite hast Du psychische Gewalt erlebt?

Cynthia Nickschas: Von der Seite meines Stiefvaters, von der Seite meines angeheirateten Onkels und generell… Kinder sind grausam. Ich bin als Kind immer die Kleinste gewesen. Ich konnte in der Schule Scheiße bauen und war trotzdem gut, da waren die anderen eifersüchtig drauf.

HAMCHA: Du kommst eigentlich aus Tuttlingen, hast also nicht immer in Köln oder Bonn gelebt?

Cynthia Nickschas: Ja, ich komme aus Tuttlingen. Dort habe ich ein halbes Jahr gewohnt, dann hatte ich schon den ersten Umzug meines Lebens. Meine Familie hat noch nie wahnsinnig viel Geld gehabt. Mein Vater ist Gitarrenlehrer und Musiker. Nach einigen Versuchen, einen anderen Beruf zu wählen, hat er sich dann doch für die Musik entschieden. Dann kam noch anderer Kram dazu, beispielsweise wurde er fälschlicher Weise verdächtigt, weil er einem Phantombild von irgendeinem Verbrecher ähnlich gesehen hat. Er wurde eineinhalb Jahre lang verfolgt und hat dadurch seine Verbindungen verloren. Das hat seinen Job kaputt gemacht und wir mussten umziehen, nach Zimmern, in der Nähe von Rottweil. So ging’s weiter, keine Ahnung… Schließlich hat er den Job ganz verloren und wir sind nach Hessen gezogen. In Hessen sind wir so von Haus zu Haus… In meiner Familie ist es laut! Wir sind alle Musiker und nicht jeder Vermieter, vor allem in ländlichen Gegenden, kann das ab.

HAMCHA: Bist Du mit Deinen Eltern aufgewachsen?

Cynthia Nickschas: Bis ich zehn war, dann haben sie sich getrennt. Mein Papa hatte eine neue Freundin und meine Mutter einen neuen Freund. Der war ein ziemlicher Freak, der im Krieg gewesen war und das Resozialisierungsprogramm nicht mitgemacht hat. Erst hat man ihm das nicht angesehen, man hat es erst später gemerkt.

HAMCHA: Welcher Jahrgang bist Du?

Cynthia Nickschas: Ich bin 87erin, jetzt 24…

HAMCHA art integration, Heinz Michael Vilsmeier
Cynthia Nickschas beim Paradiesvogelfest auf Schloss Weitersroda,2012

HAMCHA: …und schon eine der stimmmächtigsten Liedermacherinnen. – Das habe ich nicht gesagt, weil ich es mir ausgedacht habe, einige Deiner Kollegen sagen das von Dir!

Cynthia Nickschas: Das ist süß! Scheiß Liedermacher, müssen immer hinter dem Rücken gut reden! [lacht] Das ist echt süß, dass mich alle so sehen. Ich finde das schön. Es ist schön, dass alle mich so sehen, echt ein krasses Gefühl für mich, ein Superstar in dieser Welt zu sein… dass sich jeder freut, dass ich komme und dass ich da bin, „Geil, spielst Du noch? Schön!“. Das ist für mich auch eine Art Heilung.

HAMCHA art integration, Heinz Michael Vilsmeier
Cynthia Nickschas begann ihre Karriere als Straßenmusikerin

HAMCHA: Zustimmung tut Dir gut, kannst Du gut mit Lob umgehen?

Cynthia Nickschas: Ich glaube, dass ich nicht gut damit umgehen kann, aber ich finde es schön.

HAMCHA: Was meinst Du mit, ‚Du kannst nicht damit umgehen’?

Cynthia Nickschas: Wenn es zu viel wird, würde ich gern im Boden versinken, weil ich mir denke, dass ich das gar nicht verdient habe. Das ist meine persönliche Therapie und wenn es anderen Menschen hilft, ist das schön! Aber es ist nicht das, worauf ich es eigentlich ausgelegt hatte. Ich wollte eigentlich nur Musik für mich selbst machen und meine Therapie durchziehen. Dass meine Musik anderen Leuten auch hilft, hat mich eben gefreut, aber es war gar nicht so mein Ziel, viele Leute zu erreichen. Es ist einfach nur geil, zu sehen, wie krass die Leute auf meine Texte reagieren und wie lieb sie zu mir sind. Ich schreibe eigentlich nur Gedanken und sie hören die Gedanken so, wie ich sie gemeint habe. Das ist schön, denn es ist noch nicht lange so. Ich habe mich lange nicht ausdrücken können. (zur Übersicht / weiterlesen)

Das Gespräch führte Heinz Michael Vilsmeier


©HAMCHA art integration Heinz Michael Vilsmeier, Impressum