rausch

Rauschzeichen: Kunst wird nicht mehr als Arbeit anerkannt


Rauschzeichen: Kunst wird nicht mehr als Arbeit anerkannt

verwendet mit freundlicher Genehmigung von Florian Söllner
Rauschzeichen, Robert Rausch und Florian Söllner, photo by Malte Stabenau, mstabenau AT arcor DOT de

Die Musiker Robert Rausch (31) und Florian Söllner (32) sagen von sich, sie könnten unterschiedlicher nicht sein. Gleichzeitig erklären sie am Rande eines Liedermachertreffens im südthüringischen Weitersroda, einander auf Anhieb gut verstanden zu haben. Nachdem sie jahrelang solo und in einer Formationen mit bis zu dreizehn Musikern auftraten („Robert Rausch und seine Zustände“), versuchen sie es nun als Duo  „Rauschzeichen“. Sie sind überzeugt, dass es absolut realistisch sei, dem künstlerischen Erfolg mit zwei Gitarren und einem Auto näher zu kommen. Den unvermeidlichen Mühsalen des Musikerlebens begegnen sie mit dem Motto Wider die Natur und Gottes Gebote.

Robert Rausch und Florian Söllner leben auf dem Schloss Weitersroda, dessen Eigentümer, Prinz Chaos II., alljährlich zu einem Liedermachertreffen lädt. 2012 reagierten rechtsradikale Kreise in der Region mit militanter Feindseligkeit. In einer Gruppe des sozialen Netzwerks Facebook wurde mit “headshots nur headshot”  zum “paradiesvogelschießen” aufgerufen. Einige Tage vor Beginn des Festivals ging Rauschs Auto im Hof des Schlosses in Flammen auf.

Die angegriffenen Paradiesvögel ließen sich dennoch nicht abschrecken. Die Besucher verbrachten einige stimmungsvolle Tage mit Polizeipräsenz, berauschten sich in Hogel’s sehr mächtiger Absinthbar und lauschten den Songs der zahlreich angereisten Musiker. In der Schlosskneipe Simplicissimus dauerten die Jamsessions bis in die Morgenstunden. Man wolle, so verlautete aus Kreisen um Prinz Chaos II., es auch in den nächsten Jahren so halten.

Einige der verwendeten Fotos sind mit freundlicher Genehmigung
Florian Söllners der Website www.rauschzeichen.de entnommen.
Wir danken
dem Fotografen Malte Stabenau

Am Anfang ist es praktisch unmöglich, Engagements zu bekommen

HAMCHA:  Robert Rausch, Du hast in der Vergangenheit mit der Band „Robert Rausch und seine Zustände“ gearbeitet, warum jetzt als Liedermacherduo zusammen mit Florian Söllner?

ROBERT RAUSCH:  Es ist einfach null realistisch, eine Band mit sechs Leuten zu haben und zu versuchen, damit finanziell über die Runden zu kommen. Am Anfang, bevor dich jemand kennt, ist es praktisch unmöglich, Engagements zu bekommen, von denen die Kosten gedeckt werden. Deswegen haben wir uns entschieden, es zu zweit zu machen. Es ist eben ein realistisches Ziel, mit zwei Gitarren und einem Auto irgendwo hinzufahren. Selbst wenn unsere Gage nur ein Hunni ist, kommen wir damit hin. Das ein paar Mal, bringt auch was. Was wir gerade machen, ist darauf gemünzt, uns finanziell ein bisschen abzusichern. Wir brauchen beide nicht so viel Geld und das Ziel, das wir uns gesteckt haben, ist realistisch erreichbar. Das hängt von vielen Faktoren ab, er macht das Organisatorische und das Merchandising, damit hab ich nicht viel zu tun, das macht er super. Er hat mit seiner Sendung über deutsche Liedermacher die Verbindungen zu Radio Z. – Wie lange machst Du das jetzt schon?

FLORIAN SÖLLNER:   5 Jahre fast.

ROBERT RAUSCH:  Er kennt die alle.

FLORIAN SÖLLNER:  Radio Z ist ein freier Radiosender in Nürnberg …

ROBERT RAUSCH:  … der letzte freie Radiosender!

FLORIAN SÖLLNER:  … gibt’s im Netz als Livestream, wir haben aber auch einen Sendebereich mit einem Radius von etwa 40 km, also Nürnberg, Fürth, Erlangen.

HAMCHA:  Was meinst Du mit ‚Wir’?

FLORIAN SÖLLNER:  Na ja, „Wir“ sind ein freies Radio, ein Mitgliederradio. Wir haben 180 Redakteure, von denen jeder seinen Teil macht und vier, fünf Hauptamtliche, die Vollzeit arbeiten, in der Verwaltung, z. B. in der Musikredaktion. Die Restlichen sind alle ehrenamtlich, auf honorarfreier Basis. – Das muss man lieben.

HAMCHA:  Das klingt nach Selbstausbeutung, ist es das?

FLORIAN SÖLLNER:  Jein, ich mache jetzt seit 5 Jahren die Liedermachersendung Blaue Stunde und hab wahnsinnig viel davon.

HAMCHA:  Moderierst Du die Sendung?

FLORIAN SÖLLNER:  Ich lade die Gäste ein und moderiere die Sendung.

ROBERT RAUSCH:  Es ist ja auch das Schöne, dass immer ein Life-Gast da ist, um den sich die jeweilige Sendung dreht. Dadurch bekommt man einen richtigen Einblick. So wie Du jetzt gerade das Interview mit uns machst, macht er es mit den anderen Liedermachern. Die waren ja schon alle da, Hans Söllner, …

FLORIAN SÖLLNER:  … alle nicht, aber man kann das Line up schon sehen lassen. Götz Widmann und Willi Michl war letztens da…

als das Liedermachen ein bisschen freier und dreckiger wurde

HAMCHA:  Gehört Ihr zu einer neuen Generation von Liedermachern?

ROBERT RAUSCH:  Wo ist denn die Grenze?


FLORIAN SÖLLNER:  Bei Wecker und Mey, man muss es mal so sagen.

ROBERT RAUSCH:  Bin nicht sicher, ist Götz Widmann schon einer von den Neueren? Das ist wahrscheinlich gerade so die Grenze.

HAMCHA:   Stellt sich die Frage nicht auch in Bezug auf Rüdiger Bierhorst?

Florian Söllner: Ich denke, dass das die Leute sind, die die jüngere Generation angestoßen haben, gemeinsam mit Joint Venture, die ja schon Ende der 80er am Start waren. Das war das erste Mal, dass das Liedermachen ein bisschen freier und dreckiger wurde, als es eben mit Wader und Mey ist. Aus der Tradition von Götz Widmann und Rüdiger Bierhorst geht es schon fließend auf uns über. Wir würden auch einmal das Wort Ficken in einem Song singen.

HAMCHA:   Florian, wann bist Du geboren?

FLORIAN SÖLLNER:  80.

HAMCHA:  Und Du Robert?

ROBERT RAUSCH:  81

HAMCHA:  Die Dreißigjährigen sind etwa die Generation, die hier auch versammelt sind. Eine Ausnahme ist Cynthia Nickschas, sie ist mit ihren 24 deutlich jünger.

ROBERT RAUSCH:  Ja gut, aber diese Schwankung, die paar Jahre mehr oder weniger, löst sich irgendwo auf.

FLORIAN SÖLLNER:  Das ist trotzdem eins.

er spielt komplett anders Gitarre als ich

HAMCHA:  Was verbindet Euch?

ROBERT RAUSCH:  Uns beide? – Man muss halt sehen, dass wir uns nur flüchtig kannten. – Er ist zu mir in ein anderes Wohnprojekt gezogen, das kleiner war als dieses hier. Dort wohnten 14 Leute, auch Musiker, in einem alleinstehenden Haus. Wir haben uns kennengelernt und gleich auf Anhieb sehr gut verstanden. Ich hatte keine Lust mehr auf die Band „Robert Rausch und seine Zustände“, weil es mir organisatorisch zu krass war, die ganzen Leute zusammenzuhalten. Jetzt habe ich hier, zum ersten Mal seit eineinhalb Jahren, wieder mit ihnen gespielt. Er hatte angefangen Lieder zu schreiben und wir sagten ‚gut, spielen wir zusammen’. Wir sind sehr gegensätzlich, aber ich fand die Mischung gut. Er spielt komplett anders Gitarre als ich, er singt auch anders als ich und trotzdem passen wir komplett zusammen. Wir machen ja auch dieses Rollending auf der Bühne, Herr Söllner, Herr Rausch,

wir sind quasi die perfekte Boygroup

verwendet mit freundlicher Genehmigung durch Florian Söllner
Rauschzeichen, Robert Rausch, Florian Söllner, by Malte Stabenau

HAMCHA:  … und die Rauschzeichen …

ROBERT RAUSCH:  … die Hassliebe, so in der Art.

FLORIAN SÖLLNER:  Wir sind quasi die perfekte Boygroup. Ein Blonder und Blauäugiger und ein Verrückter, der Dunkelhaarige und Melancholiker. Dass passt eigentlich ganz gut.

HAMCHA:  Wovon handeln Eure Texte?

FLORIAN SÖLLNER:  Das ist bei uns recht unterschiedlich. Ich schreib ziemlich direkt aus dem Leben heraus über Situationen, die mir passieren und die ich verarbeite. – Ja, was bietet mein Leben so? – Natürlich „Alkohol“, so heißt auch ein berühmter Titel von mir., Auch dazu gibt es ein paar Lieder von mir, wie es ist, als bunter Vogel zu leben, wie es ist Stress mit der Polizei zu haben. – Robert schreibt eher aus dem Gefühl heraus, da wird es poetischer und melancholischer als bei mir.


ROBERT RAUSCH:  Er macht eher so … – Ich glaub, man muss es einfach hören, es ist schwer zu beschreiben. Wenn man es hört, merkt man den Unterschied. Er schreibt mehr diese Liedermacherei. Am Anfang hatten wir Lieder, die uralt waren, die ich mit „den Zuständen“ nicht mehr gespielt habe. Wir haben, das war auch ganz gut so, ein paar Versionen zu zweit gemacht. Für „Rauschzeichen“ habe ich selbst noch keine neuen Lieder geschrieben. Wir haben alte Robert Rausch – Lieder gemeinsam neu interpretiert, wobei ich viel auf der Sologitarre begleite. Ich bin an der Gitarre einigermaßen fit und gebe seinen Liedern noch eine kleine Note dazu. Die Mischung ist gut, das passt eben, weil er dieses …

FLORIAN SÖLLNER:  …Schrammelige spielt…

ROBERT RAUSCH:  … und ich kann noch ein paar Nuancen mit rein bringen. Das macht es, glaube ich, ganz interessant und kam, hier jedenfalls, auch sehr gut an – eigentlich in jedem Konzert. Kürzlich haben wir vor sehr schwierigem Publikum gespielt und auch das hat funktioniert.

da stand ein 50köpfiger Männerchor

HAMCHA:  Inwiefern war das ein schwieriges Publikum?

FLORIAN SÖLLNER:  Wir waren zu einem 60sten Geburtstag gebucht und haben dabei mehr Geld verdient, als bei drei normalen Konzerten zusammen. Als wir bei dem Sportheim in einem kleinen Dorf ankamen, schauten wir erstmal zum Fenster rein, da stand ein 50köpfiger Männerchor, der „… schön, dass Du geboren bist …“ sang. Es waren lauter etwas bierbäuchige ältere Herren versammelt, die weiße Hemden anhatten.

ROBERT RAUSCH:  Wenn man da mit Titeln über auf Extasy sein anfängt, kommt das besonders gut an!

FLORIAN SÖLLNER:  … aber es war interessant. Wir haben zwei Songs gespielt, zunächst waren sie etwas irritiert, aber dann haben wir sie so mitgerissen, dass am Ende das Geburtstagskind halb lachend, halb weinend zu uns kam und sagte, dass es wie in seiner Jugend gewesen sei und dass es ein super Konzert gewesen sei. Wir haben selbst dieses Publikum rocken können, mit unserem Zeug. Das war sehr schön.

Publikum darf man nicht immer so nehmen wie es ist

HAMCHA:  War das Eure bisher beste gemeinsame Bühnenerfahrung?

ROBERT RAUSCH:  Nicht unbedingt.

FLORIAN SÖLLNER:  Würde ich jetzt auch nicht sagen. Wir haben beim „Liedermacher Café“ in Giessen einen sehr schönen Gig gespielt. Die laden einmal im Monat Liedermacher ein und das Publikum ist total toll, das muss man sagen. Das ist eben bei Liedermachern immer so eine Geschichte, es ist eben Zuhörmusik. Keiner tanzt, man muss richtig zuhören, man lauscht. Und das Publikum dort war eben sehr konzentriert bei der Sache, sie haben sich die Texte angehört und fanden alles sehr gut.

ROBERT RAUSCH:  Das ist so, wenn man bei einer Veranstaltung ist, bei der das Publikum genau weiß, was auf es zukommt, genau so, wie hier beim Paradiesvogelfest. Die Meisten wissen, sie kommen hier her um sich etwas anzuhören. Das ist nicht so ein Laberpublikum, die Leute die vor dir sitzen, hören es sich eben wirklich an. Es bringt ja auch nichts, wenn… Liedermachersongs mit deutschen Texten sind keine Nebenbeimusik. Ein Lied ist nur das halbe Lied, wenn du nicht verstehst, was gerade passiert.

FLORIAN SÖLLNER:  Als Liedermacher hast du oft diese Problematik, dass du in irgendeiner Kneipe spielst, wo die Leute am Saufen sind und sich eigentlich unterhalten wollen. Da singst du dann gegen eine Wand von Publikum an und kannst genauso gut Tapetenmusik machen.

haltet endlich mal die Fresse

HAMCHA:  Wie geht Ihr mit so einem Publikum um?

FLORIAN SÖLLNER:  Also ich persönlich, der Herr Rausch auch, sehr rigide. Publikum darf man nicht immer so nehmen wie es ist, man muss es auch hinführen. In Giessen, bei unserem sehr schönen Auftritt, hat der Robert Rausch eine Ballade gespielt, was war es noch mal?

ROBERT RAUSCH:  Die „Sachliche Romanze“, von Erich Kästner.

FLORIAN SÖLLNER:  Er hatte die „Sachliche Romanze“ vertont und die Leute wollten Party machen. Irgendwann hat er während der Ballade abgebrochen und geschrien: „Haltet endlich mal die Fresse!“ – Erst dann konnte er seine Ballade spielen.

HAMCHA:  Das Publikum hat es hingenommen?

FLORIAN SÖLLNER:  Sie waren dann ruhig und haben zugehört.

ROBERT RAUSCH:  Ich hatte solche Erfahrungen im E-Werk in Erlangen auch gemacht, wo ich öfter mit „Robert Rauch und seinen Zuständen“ gespielt habe. Wenn das Publikum anfing zu entgleiten, habe ich die Erfahrung gemacht, dass wenn ich sie anschnauzte, es ganz gut funktionierte. Komischer Weise sind sie dann verlegen, wahrscheinlich weil ich auf der Bühne sitze und sie das missachtet haben, da fühlt sich jeder gleich angegriffen und denkt, „Oh, Scheiße, ich hab Mist gemacht“, so in der Art. Das ist ganz gut.

ich habe letztes Jahr meine beiden Kinder verloren

HAMCHA:  Robert, was passiert mit Dir, wenn Du auf die Bühne gehst?

ROBERT RAUSCH:  Meistens geht es mir gut, weil ich dann wenig nachdenke.

HAMCHA:  Du denkst nach, wenn Du nicht auf der Bühne stehst?

ROBERT RAUSCH:  Ja.

HAMCHA:  Und das ist nicht gut?

ROBERT RAUSCH:  Oft nicht.

HAMCHA:  Warum nicht?

ROBERT RAUSCH:  Ich hatte in der letzten Vergangenheit ein paar nicht so schöne Erlebnisse, die muss ich verarbeiten. Ich bin da auf dem Weg!

HAMCHA:  Willst Du darüber sprechen?

ROBERT RAUSCH:  Ich habe letztes Jahr meine beiden Kinder verloren, meine Töchter. Dadurch ist auch meine zwölfjährige Beziehung kaputt gegangen. Mein Bruder hat sich ein paar Jahre davor erhängt. … Es ist so, dass ich eigentlich noch eine Erzieherausbildung gemacht habe, aber in der Summe hat das nicht gut zusammengepasst. Deswegen habe ich da ab und zu was zu tun.

HAMCHA:  Entschuldige bitte meine Frage, es tut mir leid…

ROBERT RAUSCH:  Meine Töchter haben nur drei Tage gelebt – nur ist gut. Es ist sehr schwer, so etwas für jemanden zu beschreiben, der es nicht selbst erlebt hat. Auf jeden Fall hat es mich aus dem Leben geworfen. Ich habe es hier geschafft, wieder ein neues Leben aufzubauen. Ich bin froh darum, aber es hat jetzt schon zwei Jahre gedauert, bis ich mich einigermaßen fangen konnte. Jetzt ist es wieder so, dass ich sagen kann… – Ja, es war aber ein scheiß Zeit.

HAMCHA:  Oh ja, das kann ich nachempfinden.

ROBERT RAUSCH:  Natürlich macht das immer noch was mit einem, wahrscheinlich wird das mein Leben lang so sein. Es ist nicht mehr so, dass ich komplett darauf fixiert und konzentriert bin. Fast niemand hat ein einfaches Leben, ich will jetzt nicht auf die Nummer „wie schlimm“ gehen. Für mich war es halt sehr anstrengend, in den letzten zwei Jahren und jetzt versuche ich, wieder neu weiter zu machen.

als ich in der psychosomatischen Klinik war hab ich ein Album geschrieben

HAMCHA:  Hilft Dir Deine Musik, diese Schläge zu verarbeiten?

ROBERT RAUSCH:  Ich hab das früher gemacht, mit „Robert Rausch und seinen Zuständen“, da konnte ich auch persönliche Sachen verarbeiten, das mit meinem Bruder zum Beispiel. , Das war allerdings anders. Das mit meinen Töchtern hab ich bis jetzt noch nicht geschafft, nicht mit „Rauschzeichen“. Bis jetzt hatte ich diese künstlerische Pause, in der ich einfach keine neuen Sachen geschrieben habe. Es kann sein, dass es noch kommt, dass ich auf Deutsch etwas dazu schreiben kann. Als ich einen Monat in der psychosomatischen Klinik war, weil ich echt nicht mehr konnte, hab ich ein Album geschrieben, auf Englisch. Da wollte ich einmal ein Projekt machen, aber vielleicht mache ich es auch gar nicht, vielleicht hab ich es nur für mich gemacht und fertig. Was ich im Moment mache ist „Robert Rausch und seine Zustände“ …

FLORIAN SÖLLNER:  …und Du hast ein sehr schönes Lied über Essen gehen geschrieben…

ROBERT RAUSCH:  Ja, ich arbeite jetzt wieder an ein paar neuen Sachen. Es sind schon vier Alben von Liedern, irgendwann ist man auch… Ich habe in kurzer Zeit sehr viele Lieder gemacht, man kann ja nichts erzwingen, entweder es kommt oder es kommt nicht. Nur weil mir etwas Schlimmes passiert ist, ist es nicht automatisch so, dass ich gleich die besten Lieder darüber schreibe. So läuft es nicht. Vielleicht werde ich es irgendwie, irgendwann einmal mit einbauen, ich weiß es nicht, ich kann es jetzt nicht abschätzen. Vielleicht ist es auch ein Thema was nicht da hin gehört, keine Ahnung.

HAMCHA:  Wie entstehen Deine Lieder?

ROBERT RAUSCH:  Ich hab mehrmals versucht, das irgendwie zu rekonstruieren und ich hab keine Ahnung, wie ich Lieder schreibe, ich habe echt keine Ahnung. Ich weiß nie, ob ich den Text zuerst hatte oder die Melodie. Ich bin absoluter Autodidakt, habe nie Gitarre gelernt und spiele seit 10 Jahren. Ich hab immer mit vielen Leuten Musik gemacht, von denen ich es mir abgeschaut habe. Ich spiele viel und es entsteht einfach irgendwie, es ist schwer zu sagen, ich weiß nicht wie.

ich gehöre zu den Künstlern, die wirklich schlimm zittern und Panik bekommen

HAMCHA:  Florian, was passiert bei Dir, wenn Du auf die Bühne gehst?


FLORIAN SÖLLNER:  Zuerst einmal furchtbares Lampenfieber. Ich gehöre zu den Künstlern, die wirklich schlimm zittern und Panik bekommen, wenn sie auf die Bühne müssen.

ROBERT RAUSCH:  Bei ihm ist es echt krass. Ich bin immer richtig entspannt, er macht sich vorher schon richtig Gedanken…

FLORIAN SÖLLNER:  Stimmt, ich bin schon ein Stunde davor so unbrauchbar, dass man mich auch nicht ansprechen kann. Wenn es dann auf die Bühne geht, brauche ich drei, vier Lieder, um meinen Drive reinzukriegen und so richtig Spaß zu haben. Die ersten drei Lieder sind für mich jedes Mal die Hölle.

ROBERT RAUSCH:  Man muss auch sagen, dass er jetzt endlich kapiert hat, dass er sich vor dem Auftritt nicht unbedingt total besaufen sollte. Das macht ja auch was aus. Ich trinke schon auch aber es ist genau anders rum bei uns. Während er jetzt versucht nüchtern zu bleiben, brauche ich meine drei Bier und bin dann locker drauf. Bei dem Erfurter Liederfestival hatten wir auf der Bühne eine nicht so gute Erfahrung.

FLORIAN SÖLLNER:  Ja, es ist wirklich so. Es ist mir ein paar Mal passiert, dass ich im Lampenfieber einige Biere reingesoffen habe und dann doppelt nicht mehr spielfähig war, ich hatte Angst und war auch noch betrunken. Deswegen ist es jetzt immer so, dass ich vor dem Konzert komplett nüchtern bleibe und erst auf der Bühne mein erstes Bier trinke.

ROBERT RAUSCH:  Man muss auch sagen, das ist meine Meinung, dass es bei ihm daran liegt, dass er es einfach noch nicht so lange macht wie ich. Ich habe mit 18 angefangen auf Bühnen zu sein und hab seither immer gespielt.

FLORIAN SÖLLNER:  Das siehst Du falsch, das wird in zwanzig Jahren immer noch genau so sein bei mir.

ROBERT RAUSCH:  Okay, das weiß ich ja nicht.

FLORIAN SÖLLNER:  Das hat bei mir nichts mit der Bühne zu tun. Ich bin ja auch schon lange auf der Bühne unterwegs, anfangs mit Coversachen…

ROBERT RAUSCH:  Okay, das hast Du gesagt.

FLORIAN SÖLLNER:  Das bleibt mir, das weiß ich jetzt schon. Schau Dir den Reinhard Mey an, der bringt das jetzt noch fertig. Der spielt komplette Konzerte erst einmal durch, bevor er auf die Bühne geht, sonst ist der Mann fertig. Oder Hannes Wader, eine Rampensau ohne Ende, der tigert auf und ab hinter der Bühne, bevor es los geht. Das kriegst Du nicht raus, Lampenfieber ist Lampenfieber.

HAMCHA:  Florian Kirner, alias Prinz Chaos, sagt, Lampenfieber sei bei ihm so ein Art Grundspannung, die er brauche, um sich zu fokussieren und konzentriert zu spielen. – Du würdest wohl gerne darauf verzichten?

FLORIAN SÖLLNER:  Es ist wirklich anders. Diese Grundspannung auf der Bühne mag ja prinzipiell gut sein, um gute Arbeit abliefern zu können. Aber bei mir ist es so, dass mir auf der Bühne die Hände so zittern, dass ich irgendwelche Titel mit schwierigen Gitarrenpickings einfach nicht mehr kann, obwohl ich sie eigentlich 1a runterspiele, wenn ich in meinem Zimmer hocke. Dann wird’s kontraproduktiv. Ich muss mir immer wieder für die ersten zwei, drei Stücke ganz einfache Lieder raussuchen, die ich selbst mit einem Zitterer im Schlaf spielen kann. Wenn ich erst mal drin bin, wird’s super, aber die ersten drei einfachen Songs müssen einfach sein.

HAMCHA:  Hast Du auch Texthänger?

ROBERT RAUSCH:  Da ist er echt gut.

FLORIAN SÖLLNER:  Texte kann ich mir wirklich unglaublich gut merken, die kann ich wirklich aus dem Schlaf, vor allem die Sachen, die man selber schreibt, die hat man so oft durchgeschrieben, umgeschrieben und eingesungen, beim Schreiben schon so oft gesungen, dass die wirklich sitzen. Texthänger habe ich ganz selten.

HAMCHA:  Was überwiegt bei Euch, das spielen eigener Texte oder der von Anderen?

FLORIAN SÖLLNER:  Wir spielen nur Lieder, die wir selbst geschrieben haben.

ROBERT RAUSCH:  Also gut, wir haben jetzt ein anderes, „Ich will auf Extasy sein“.

FLORIAN SÖLLNER:  Vom Prinzen haben wir ein Lied…

ROBERT RAUSCH:  … vom Degenhardt, „Ich möchte Weintrinker sein“, das hat der Prinz umgeschrieben.

FLORIAN SÖLLNER:  Und ab und zu, seit der Degenhardt tot ist, spielen wir „Das Testament“ von ihm.

ROBERT RAUSCH:  Es gibt halt ein paar Lieder, das kann man als Liedermacher schon mal machen, das hab ich als „Robert Rausch und seine Zustände“ auch immer gemacht, ein, zwei Cover in einem Set von guten eigenen Versionen, das kann man schon mal machen, das gefällt auch dem Publikum und es macht mir selber auch Spaß.

FLORIAN SÖLLNER:  Aber das ist dann eher so ein Hut ab Ding. Wenn ich einen Song von einem anderen Liedermacher spiele, dann ist das schon ein Chapeau.

so ein Bauwagen heizt sich leichter als ein Schloss

HAMCHA:  Seit wann lebt Ihr hier auf dem Schloss Weitersroda?

FLORIAN SÖLLNER:  Also ich seit einem knappen Jahr.

ROBERT RAUSCH:  Ich ein bisschen weniger, ich musste erst den Bauwagen von der anderen Kommune hierher bringen, das war so ein fließender Prozess.

FLORIAN SÖLLNER:  Ein knappes Jahr, den ersten Winter haben wir überstanden.

HAMCHA:  Der war hart…!

ROBERT RAUSCH:  Ja, also die Winter hier sind hart.

HAMCHA:  Ich kann mir vorstellen, dass es schwierig ist, so einen Bauwagen einigermaßen warm zu bekommen.

ROBERT RAUSCH:  Ich hab einen Holzofen.

FLORIAN SÖLLNER:  Ach weißt Du, so ein Bauwagen heizt sich leichter als ein Schloss.

HAMCHA:  Okay…

ROBERT RAUSCH:  Da hat er Recht!

HAMCHA:  Was ist Schloss Weitersroda für Euch?

ROBERT RAUSCH:  Der Traum. – Ich bin ja der, der das Glück hatte, dass irgendwelche Leute letzte Woche mein Auto abgefackelt haben. Das war hier gestanden, genau drei Meter von meinem Bauwagen entfernt. Aber ich werde hier ganz bestimmt nicht weggehen, auch wenn jemand meint, er muss mir mutwillig Gewalt androhen. Ich hab hier meinen Traum. Der Prinz hat es auch so schön gesagt, da müssen sie ihn hier schon raus schießen – so ähnlich sehe ich das auch. Ich lass mir das nicht versauen, denn ehrlich gesagt, hab ich gar keine andere Perspektive. Das ist es, was ich will. Ich bin froh, dass ich einmal etwas gefunden habe, was ich will. Das will ich, da werde ich auch nicht weg gehen, fertig.


HAMCHA:  Konstantin Wecker schrieb in seinem Facebook – Aufruf, dass das, was Prinz Chaos hier macht, ein Wohn- und Kulturprojekt ist. – Was versteht Ihr darunter?

FLORIAN SÖLLNER:  Das sagt die Formulierung von Konstantin Wecker schon ziemlich deutlich. Erstens wohnen wir hier und ein Kulturprojekt ist es insofern, als wir unten den Simpl haben, den Simplicissimus, wo wir probieren in die Region Kultur reinzubringen, mit Konzerten, Lesungen, mit Cabarét, Veranstaltungen, Tanzabenden, alles Mögliche. Dadurch, dass fast alle Bewohner im kulturellen Bereich tätig sind, ob das jetzt der Prinz ist oder wir beide, ist einfach auch ein großer Durchlauf da. Kabarettleuten, die am Wochenende hierher kommen …

ROBERT RAUSCH:  … schau mal, wer da ist! – Das ist der Herr, für den wir zu seinem 60sten gespielt haben – guter Mann! – ‘Tschuldigung, da müssen wir ganz kurz mal Hallo sagen. – Schön, dass Du da bist…! Wir machen gerade ein Interview, wir können uns später länger unterhalten. – Immer da vorne rein!

FLORIAN SÖLLNER:  Ach, das Konzert hat dem Geburtstagskind sogar so gut gefallen, dass es zum Paradiesvogelfest kommt.

HAMCHA:  Ist er hier aus der Region?

FLORIAN SÖLLNER:  Die wohnen in der Nähe von Coburg.

ROBERT RAUSCH:  Das ist etwa eine Stunde weg von hier.

HAMCHA:  Wäre Euer Entschluss, zusammen Musik zu machen, ohne dieses Schlossprojekt nicht zustande gekommen?

Florian Söllner, ROBERT RAUSCH:  Doch, doch! Wir haben’s ja davor schon gemacht.

FLORIAN SÖLLNER:  Wir haben vorher angefangen, wenn wir jetzt getrennt wohnen würden, wäre es wahrscheinlich wesentlich schwieriger.

ROBERT RAUSCH:  Man muss einmal ganz klar sagen, dass hier in alle Richtungen alle Möglichkeiten offen sind, das ist ja das Geniale. Man wohnt hier, man kann zusammen proben, man kann sich mit anderen Leuten austauschen, das ist so ein Dreh- und Angelpunkt, der einfach genial ist. Es gibt genügend Platz, es können immer Gäste kommen. Wenn die Kneipe auch noch richtig anläuft, wird es richtig gut. Allein was jetzt in einem Jahr passiert ist, das hat sich potenziert. Nach diesem Paradiesvogelfest wird es sich noch mal potenzieren, nächstes Jahr sieht es hier noch mal ganz anders aus, dann wohnen vielleicht im zweiten Flügel auch noch Leute und es wird immer mehr, es wird immer besser.

HAMCHA:  Tragt Ihr die Kosten für das Schloss gemeinsam?

FLORIAN SÖLLNER:  Es ist so, dass der Prinz der Käufer und Besitzer ist. Wir zahlen quasi Miete, relativ gering, auf jeden Fall weniger, als in einer WG in der Innenstadt von Nürnberg. Damit wird der Kredit abbezahlt, der für den Kauf des Schlosses natürlich notwendig war. So probieren wir das zu tragen.

manchmal reden wir hinter dem Rücken sogar gut übereinander

HAMCHA:  Bekommt Ihr von älteren Liedermachern Unterstützung?

FLORIAN SÖLLNER:  Ich sage mal so, wir haben natürlich einige Freunde in dem Bereich, Konstantin usw., die uns puschen, in dem Sinne, dass sie uns auf ihrer Homepage erwähnen. Finanziell nicht, das kann man auch von keinem erwarten, es gibt ja viele tolle Projekte. Hier Geld reinzuschießen, solange man nicht hier wohnt, kann man nicht erwarten. – Wir besorgen uns die Unterstützung, wir machen das Paradiesvogelfest. Es kommen Leute, können hier eine gute Zeit verbringen, lassen Geld da, auch das fließt wieder in das Schloss rein.

HAMCHA:  Ihr werdet ideell unterstützt?

FLORIAN SÖLLNER:  Das auf jeden Fall.

ROBERT RAUSCH:  Es ist uns ja keiner negativ gesonnen. Götz Widmann hat bei der Liedermacherbühne in Herzberg den Prinz auf die Bühne geholt. In einer gewissen Form ist das ja schon eine Gemeinschaft, die spielen alle zusammen. Es ist jedenfalls nicht so, dass da jeder gegen jeden ist.

FLORIAN SÖLLNER:  Manchmal reden wir hinter dem Rücken sogar gut übereinander!

HAMCHA:  Wie gemein!

ROBERT RAUSCH:  Nein, es ist wirklich so, dass ein Liedermacher einfach ein Mensch ist. Das ist ja das Schöne, darum geht es. Jeder ist anders, Rüdiger Bierhorst ist Rüdiger Bierhorst, ich bin Robert und er ist er, wir sind keine hinkonstruierte Band. Man kann nicht sagen, der klingt genau so wie der oder wie der. Die guten Liedermacher sind einfach unterschiedliche Charaktere. So eine Cynthia, wenn Du die heute spielen hörst, das wirst Du merken, gibt’s einfach im Moment nicht noch mal, hab ich noch nie gehört. Was wir machen, das sind eben auch nur wir beide, zwei sich selbst entwickelnde, einzelne Personen, die zusammen Musik machen. Das kommt auch so rüber. Oder der Prinz, der ist eine ganz eigene Person. Bei vielen Rockbands geht es nicht so um die Person, die zwischendurch auch mal etwas erzählt. Weil jeder etwas anderes macht, ist auch die Konkurrenz nicht so groß, so sehe ich das zumindest.

Robert ist ein großer Degenhardt-Fan

HAMCHA:  Ich möchte noch einmal auf Eure Haltung zur Generation Wader, Wecker und, noch davor, Degenhardt. Sind das Liedermacher, die Einfluss auf Euch hatten, vielleicht auch haben?

FLORIAN SÖLLNER:  Ich sage mal so, teilweise. Ich bin in Bayern weitgehend mit Hans Söllner aufgewachsen und von ihm beeinflusst worden. Den hab ich schon mit 10, 12 Jahren gehört, mein Vater hat ihn ja ein paar Mal auf dem Plattenspieler laufen lassen. Damals hab ich noch gar nicht gewusst, was Hanf ist, da hab ich mir das schon angehört. Es hat mich schon immer schwer beeindruckt, dass man als einzelner Mensch, und da ist man auf der Bühne sehr nackt, einfach rausgeht, um die Leute zum Lachen oder zum Weinen zu bringen. Musikalisch war ich natürlich immer von Konstantin Wecker sehr begeistert, von Degenhardt, muss ich sagen, weniger. Ich schätze ihn sehr hoch aber er ist wirklich sehr anstrengend anzuhören…

ROBERT RAUSCH:  … da muss ich leider widersprechen…

FLORIAN SÖLLNER:  Ja, ich erzähle gerade von mir, das ist eben bei mir so, es ist wie eine Kulturlesung. Natürlich haben die mich alle beeinflusst, alle aber irgendwie anders. Der Eine hat mir gezeigt, dass man auch mal lyrischer schreiben kann, der Andere, dass man auf der Bühne auch mal ein bisschen dreckig sein kann, vom Dritten hab ich ganz was anderes gelernt. Aber natürlich, beeinflusst sind wir alle von diesen Leuten.

HAMCHA:  Wo grenzt Ihr Euch ab?

FLORIAN SÖLLNER:  Ich denke, wir brauchen uns gar nicht bewusst abgrenzen, wir grenzen uns automatisch ab. Wenn man unsere Texte hört, oder uns auf der Bühne sieht, merkt man einfach ganz konkret, dass wir eine andere Generation sind und andere Themen haben. Das passiert von ganz alleine.

HAMCHA:  Wolltest Du gerade etwas anderes sagen, Robert?

ROBERT RAUSCH:  Ich muss leider ganz kurz unterbrechen, da sind gerade meine beiden ältesten Freunde angekommen, die ich schon ewig erwartet habe. …

HAMCHA:  Robert scheint in Bezug auf Degenhardt wohl eine etwas andere Meinung vertreten als Du, Florian.

FLORIAN SÖLLNER:  Der Robert ist ein großer Degenhardt-Fan. Er hört ihn viel und gern. Ich glaube, dass ist mit unseren Gegensätzen wirklich so, dass wir ganz unterschiedliche Musikgeschmäcker haben. Das was ich anhöre, auch privat, verkraftet der Robert überhaupt nicht. Da sind wir oft grundverschieden wir zwei.

HAMCHA:  Wie ist da die musikalische Zusammenarbeit möglich?

FLORIAN SÖLLNER:  Wir treffen uns auf der Ebene Liedermacherei, wobei wir beide deutsch singen, Gitarre spielen und Geschichten aus dem Leben erzählen. Das hat uns sofort als wir uns kennenlernten, zusammengeschweißt. Normalerweise dauert es ein paar Jahre, bis ich jemand als guten Freund bezeichne, bei Robert war das innerhalb von ein paar Wochen oder Monaten der Fall. Wir saßen zusammen am Tisch und haben uns ohne Worte verstanden. Wir brauchen nicht viel reden, wir wissen was läuft, wenn der Andere so oder so schaut. Das hat gleich gepasst bei uns.

HAMCHA:  Für Prinz Chaos ist Schloss Weitersroda ein Gegenprojekt zum traditionsreichen Liedermachertreffen auf Schloss Waldeck.

FLORIAN SÖLLNER:  Ich würde es eher als ein, um ein paar Jahre verschobenes Schwesterprojekt bezeichnen. Die Burg Waldeck hat damals genau dieses Ding ausgelöst, sich mit deutschem Liedgut draußen in der Natur zu treffen. Dadurch hat sich damals auch die politische Liedermacherei gefunden, viele der größten Liedermacher haben sich dort kennen gelernt. Ich sehe Weitersroda nicht als Gegenprojekt, ich sehe, dass hier gerade etwas Ähnliches passiert. Wir haben die gute Lage, dass wir Platz bieten können, dass wir hier eine Bühne bieten können, dass uns viele Leute in der Szene kennen, auch gerne vorbeikommen und dass einfach immer wieder Musiker da sind. Alleine unsere Jamsession heute Nacht, die bis gegen vier Uhr morgens ging, war legendär, auf einem musikalischen Niveau, von dem man sagen kann „Hut ab!“. Dadurch entsteht langsam etwas.

ROBERT RAUSCH:  Ja, die Jamsession in der Kneipe war auf jeden Fall sehr schön.

HAMCHA:  Robert, darf ich noch einmal auf Degenhardt zurück kommen, Du hattest Floh an dem Punkt widersprochen.

ROBERT RAUSCH:  Mein Problem ist, das muss ich ehrlich zugeben, ich kann nicht jeden Degenhardttext verstehen, weil er sich sehr konkret auf politische Ereignisse in den 70er und 80er Jahren bezieht. Mit manchen Texten kann ich aufgrund meiner Generation und meiner Geschichtskenntnisse einfach nichts anfangen. Aber ich kenne verdammt viele Lieder von ihm, die ich extrem gut finde. Er ist eigentlich mein Lieblingsliedermacher. Das „Rumpelstilzchen Album“ oder auch nur die Best of, finde ich super. Was der gemacht hat, auf seine ganz eigene Art, der hat so einen Ausdruck, es gibt keinen zweiten, der das hat. Das ist es was ich meine, man kann sich unter diesem Menschen nie etwas vorstellen, er ist einfach ein Mensch, der Musik gemacht hat – und das saugut! Ich gebe zu, dass manche Texte wirklich sehr anstrengend sind, trotzdem höre ich sie einfach verdammt gerne. Dieses Gitarrenspiel und dieser Gesang passen verdammt gut zusammen. Selbst wenn ich es inhaltlich nicht ganz fasse, höre ich gerne zu. Mir gefällt einfach seine Musik.

Wir waren in der Kneipe, als der Prinz sagte, dass mein Auto brennt

HAMCHA:  Degenhardts Lied „Wölfe im Mai“ passt sehr gut auf die aktuelle Situation hier.

ROBERT RAUSCH:  Finde ich auch, ich habe es auch aus dem Bauwagen heraus gespielt.

FLORIAN SÖLLNER:  Man könnte Parallelen ziehen.

HAMCHA:  Es war jetzt gerade in diesem Mai, letzte Woche, als die Nazis Dein Auto angezündet haben. Wir sind hier im südthüringischen Weitersroda, aus der rechten Szene gab es massive Attacken gegen Euer „Paradiesvogelfest“, mit dem Ziel, es zu verhindern.

ROBERT RAUSCH:  Sie haben uns halt gedroht,

facebook Hetze gegen Liedermacher Mai 2012
facebook Hetze gegen Liedermacher Mai 2012

HAMCHA:  Dein Auto wurde angezündet, wenige Meter von hier entfernt. Was hat das bei Euch ausgelöst?

ROBERT RAUSCH:  Gleich da, wo jetzt wieder ein Auto steht. – War schön!  Die Sache ist die …

HAMCHA:  Wie hast Du es gemerkt?

ROBERT RAUSCH:  Wir waren vorne in der Kneipe, als der Prinz kam und sagte, dass mein Auto brennt. Als ich hingerannt kam, waren schon einige Leute am löschen, die Nachbarn haben auch mitgeholfen. Hier ist gerade eine etwas schwierige Situation. Ich persönlich denke, so ähnlich hat der Prinz das auch gesagt, ich bin jetzt hier und ich bleib hier.

 

Ich verstehe auch nicht, warum sie nicht, wenn sie schon so hart drauf sind, dieses Ding hier, den Bauwagen, angezündet haben. Er stand zwei Meter weiter und hätte wesentlich mehr gebracht. Haben Sie aber nicht gemacht. Was ich positiv finde ist, dass wir diese Facebookpostings gefunden haben und dadurch klar ist, um wen es geht, weil wir die Namen aus dem Dorf haben. Zumindest haben wir eine grobe Ahnung, wie die so drauf sind. Ich persönlich fühle mich gar nicht so bedroht, weil ich denke, dass das Leben immer gefährlich ist. Es ist einfach so, manche Leute rutschen in der Dusche aus und sterben…

FLORIAN SÖLLNER:  … und der Herr Rausch wird eben von Faschos abgefackelt …!

ROBERT RAUSCH:  Ich werde hier nicht weggehen, nur weil es jemandem nicht passt, dass ich hier bin. Ich lasse mir auch nicht drohen, sehe ich überhaupt nicht ein.

HAMCHA:  Du bist eben ein Paradiesvogel, hast ja auch diese schöne Vogelmaske auf …

Foto: Heinz Michael Vilsmeier; Kontakt: hamcha at hamcha dot de
Robert Rausch, Hogel’s sehr mächtige Absinthbar

ROBERT RAUSCH:  Ja, das ist noch eine längere Geschichte. Die kommt eigentlich davon, dass ich auch „Hogels mächtige Absinthbar“ betreibe. Ich habe mir mal aus Spaß den Namen Hubert Hogel gegeben und Bilder von Vögeln mit großen Augen und langen Schnäbeln gemalt, deswegen habe ich diese Maske. Es ist ganz lustig, dass jetzt gerade Paradiesvogelfest ist, das hat alles ganz gut zusammengepasst.

Das Gespräch führte Heinz Michael Vilsmeier.

Teil 2: Auf der Jagd nach dem perfekten Song

es kommt auf die Art der Kritik an / seine Mutter hat ihn heute böse überrascht / man weiß, dass jemand einen so hasst, dass er einem das Auto abfackelt / sie haben sich vorher erkundigt, ob die Polizei auch nachts da ist / vierzehn Leute, das ist utopisch – einer hat Hunger, der Zweite muss aufs Klo, dem Dritten ist kalt / es gibt eigentlich gar keinen Robert Vogel mehr / ich bin Erzieher, aber das konnte ich nicht mehr ausüben, weil ich meine Kinder verloren habe / Ziel ist, immer bessere und schönere Lieder zu schreiben / eigentlich geht es in dem Lied um Verletzungen durch das Leben / jedes meiner Lieder hat ein anderes Ziel / jetzt mach doch noch fertig hier / was ich kann, geht allen am Arsch vorbei / ich bin Hanfaktivist, mir ist die Legalisierung von Cannabis sehr wichtig

ein Text ist ein Text und ein Lied ist ein Lied / der Prinz muss natürlich rein, weil der hier ein Mekka der Liedermacherei erschafft / Rüdiger Bierhorst, wir sind ihm sehr ähnlich / Daumen hoch an Vicki Vomit / es fehlt die Bereitschaft der Leute, Geld zu geben, das ist die vorherrschende Stimmung / YouTube verdient jedes Jahr Milliarden / ich würde gerne darüber sprechen, dass ich es absolut lächerlich finde, was in dieser Gesellschaft abgeht / kein Mensch geht heute noch mit den Kindern raus in den Wald oder macht was mit ihnen / der Prinz braucht einen Mann, der ihm ab und zu den Kopf wäscht (Weiterlesen)

Da die Gagen der Rauschzeichen nicht entfernt mit der Kreativität und Produktivität des Duos Schritt halten, gibt es zwar jede Menge Material für eine neue CD, leider aber nicht das erforderliche Geld für deren Produktion. Wer die Lust verspürt die Lieder von Rauschzeichen auf einer eigenen CD zu hören, kann sich ab sofort am „Crowdfounding DIY“ beteiligen. In einer Email von Rauschzeichen heißt es: „20 Rauschzeichen-Aktien“ stehen zu je 25€ zum Verkauf. Beim Kauf einer Rauschzeichen-Aktie gibt´s eine signierte CD nach Hause, eine Erwähnung im Cover und zwei Eintrittskarten für ein Rauschzeichenkonzert deiner Wahl!!! Also ran an die Dinger, es gibt nur 20 davon! Wer eine haben möchte, möge einfach eine Email an rauschzeichen@gmail.com schicken!“

 © HAMCHA art integration Heinz Michael Vilsmeier, 2012, Impressum