Ökumene

Giora Feidman – Das ist Deutschland – der Heilungsprozess ist abgeschlossen!

FEIDMAN: Ich denke wir sollten jetzt aufhören. Ich werde Ihnen eine letzte Sache sagen, damit Sie verstehen. Sie werden mehr fühlen. – Ein Freund von mir, ich kenne ihn seit vielen Jahren. Er ist sehr katholisch. Er ist Priester, nein, er war Priester. Er übt sein Priesteramt nicht mehr aus. ‘Wo bist Du am 10. Juni?’, fragte mich mein Freund. Ich sagte, ‚ich weiß nicht wo ich an dem Tag sein werde!’ Und er, mein Freund Heiner, antwortete: ‘Ich werde auf Dich warten!’ Ich sagte so was wie: ‚Was willst Du, irgendetwas mit Chomenie, irgendetwas mit Nambo?’ Und dabei fühlte ich etwas hier! [Giora Feidman deutet auf seinen Magen]

HAMCHA: … in Ihrem Magen?

Giora Feidman: Ja! Er sagte: ‘Du musst kommen. Wirklich, Du musst unbedingt kommen!’ Ich fühlte wieder etwas. Er sagte: ‚Wenn Du es tust, wirst Du schon merken, worum es geht, aber mach was Du willst!’ Ich denke, ich fühlte wieder etwas in mir und ich rief den Burschen, meinen Manager, ein super Typ, ein großartiger Bursche.

Worum ging es? – Neunzehn ‚Kerches’ in Hamburg. 19 Kerches, Churches, zusammen. Different. Evangelisten, dies und das und Katholiken! Sie hatten eine Kongregation gegründet! Sie hatten ein wunderbares Haus mit Appartements für die Kongregation gebaut, für all diese unterschiedlichen Christen mit unterschiedlichen Bekenntnissen. Einfach um zusammen zu leben und um das Neue Testament zusammen zu studieren. Zusammen, jetzt leben sie die ganze Zeit zusammen! Sie baten Giora zu spielen. Es war einer der großartigsten Momente in meinem Leben! Sie haben eine Kapelle ohne Kreuz. Ich fragte was geschehen sei. Die Antwort war: ‘Schau mal, die Leute kommen von überall her, darum ist es besser so!’ Übrigens, vor zwei Tagen spielte ich an einem anderen Ort der Christen. Auch in einer Kapelle. Diese Kapelle ist so wie die andere. Und Jesus, das Kreuz hing an der Wand. Übrigens ein sehr schönes Kreuz. Aber es hing nicht vorne, sondern an der Seite. Es war sehr seltsam. Ich bat den Verantwortlichen es mir zu erklären. Er sagte: ‘Hören Sie, wir kommen von allen Richtungen, auch katholische Bischöfe. Dies ist ein Kompromiss, weil sie es nicht gewohnt sind ohne Kreuz. Sie wünschen sich, dass wir das Kreuz benutzen.’ Es war so schön! Diese Kapelle in Hamburg hat kein Kreuz. Jetzt kommen die Bischöfe von Hamburg und die Big Bosses der Evangelisten – und der Jude, der für sie spielt! Es war wunderschön! – Dies ist Deutschland. Das ist Deutschland! – Alle Achtung! – So, jetzt machen wir Schluss!

Das ist Deutschland! Zeigen sie mir eine andere Gesellschaft, die in einer ähnlichen Krise war, wie die, die es in diesem Land gegeben hat. – Weder Jugoslawien noch Irland, weder Palästina noch Israel! Nicht in Afrika und nicht in Syrien. Nur in Deutschland kommen die Juden auf diesen ‚level of family’, der Heilungsprozess ist abgeschlossen! – Wieso? Der Heilungsprozess ist deswegen abgeschlossen, weil die Leute, die involviert waren nicht mehr da sind. Es gab einen Heilungsprozess vom ersten Tag an, nachdem sie am Ende waren.

„Keines dieser Völker möchte, dass Bomben geschickt werden.“

Wir müssen, wir müssen … aber schauen Sie, wo wir jetzt angekommen sind. Schauen Sie sich an, was da ist, schade, dass es nicht überall so ist! Man mag sagen, dass es leicht ist – aber das ist es nicht. Trotzdem sollte es überall so sein. Doch die Palästinenser und die Israeli … jetzt sitzen wir zusammen. Die Palästinenser kommen zur Arbeit nach Israel, dem einzigen Land, wo sie noch arbeiten können. Ägypten lässt sie nicht einreisen. Jordanien ebenfalls nicht. Irak, Saddam Hussein, wie Sie wissen, gab ihnen noch nicht einmal eine Fahrerlaubnis. Nichts! Und übrigens, das muss man wissen, hat Palästina eine Gesellschaft von Intellektuellen, überall sind Rechtsanwälte und Ärzte. In den israelischen Krankenhäusern sind palästinensische Ärzte, es ist nicht wie man denkt. Sicherlich gibt es Hass, aber nicht unter den Massen! Es sind dreieinhalb Millionen Palästinenser und acht Millionen Israeli. Wir wollen das nicht, niemand will das. Keines dieser Völker möchte, dass Bomben geschickt werden. Aber es fallen Bomben, heute waren es 150! Wer weiß, wie Israel antworten wird. Sie wissen, Israel ist sehr stark. – Schade! Aber wenn ich sage, dass das leicht ist, was sollte dann nicht leicht sein? Dieser Baum ist nicht im Krieg mit anderen Bäumen, sie atmen die gleiche Luft. So ist es! Ich sage es den Deutschen fast jeden Tag. Das was hier, in diesem Land, geschehen ist, ist ein Ausdruck von Stärke. Dies ist die eigentliche Kraft der Schöpfung. Denken Sie daran. Denken Sie darüber nach! Es war ein Unglück hier. Nicht nur für die Juden, für die ganze Welt und für die Deutschen. Sie wollten das ganze Land zerstören, sie haben das ganze Land zerstört!


„Es gibt eine Menge Deutscher, die nicht wissen, aus welchem Land die Namen stammen.“

HAMCHA: Ja, es war ein Desaster, auch für die Seelen der Deutschen.

FEIDMAN: Wissen Sie, was eine Seele ist, die Seele ist ewig. Alle Zeit, von hier bis dort! Wenn man das Leben verkürzt, mordet man die Gegenwart der Seele. Sie muss zurück kommen. – Dies ist das Problem mit den Tieren. Das Problem mit den Tieren ist, dass man Tiere produziert, die Seelen mitbringen, die nicht hier sein sollten, Trillionen! Was ist ein Tier? Es ist eine Seele! Man zwingt die Seele hierher zu kommen, dann töten sie das Tier um es zu verkaufen. Seine Seele ist ein Desaster. Es ist wirklich ein Desaster, ein großes Unglück! Weil sie wiederkommen, sagen die Religionen der Juden und der Christen, im Neuen – und im Alten Testament, „Es ist dir nicht erlaubt, das Leben eines Tieres zu verkürzen!“ Und da kommen all diese Leute, die einem sagen ‘Ja, aber das wird ein Unglück geben!’ – Es wird kein Unglück geben! Es gibt ein Gleichgewicht! Dieses Tier wird jenes Tier fressen. Ein anderes Tier wird ein anderes Tier fressen. Das gehört zum Überleben der Tiere, denn es gibt Tiere, die Fleisch fressen müssen. Und sie sind sehr stark.

Hier ist einer der Gründe, warum die Deutschen, bewusst oder unbewusst, ich glaube sie tun es nicht bewusst, hebräische Namen für ihre Kinder verwenden. Es gibt eine Menge Deutscher, die nicht wissen, aus welchem Land die Namen stammen. Hebräische Namen für die Kinder! Was ist das denn? Es sind Seelen, die zurück kamen! Warum verwenden die Deutschen nicht Wolfgang? Warum verwenden sie Johannes, oder so etwas Ähnliches? Aber sie müssen diese Namen geben! Woher kommt das? Was ist die Ursache? Sie haben die Leben verkürzt! Und es gibt noch einen anderen Aspekt. … Es gibt einen Unterschied zwischen den Deutschen und den Nazis. Die Katastrophe ist von den Nazis herbei geführt worden, nicht von den Deutschen!

„Ich hasse Auschwitz, ich gehe nicht an diesen Ort!“

FEIDMAN: Man kann nicht nach Auschwitz gehen. Ich hasse Auschwitz, ich gehe nicht an diesen Ort! Er muss ausgenommen sein. Die Deutschen ermordeten dort 600.000, 400.000. – Aber es waren nicht die Deutschen …!

HAMCHA: Es gab sehr viele Deutsche, die Nazis waren.

FEIDMAN: Ich möchte Ihnen eines sagen. Der Vater dieser Dame [Giora Feidmans Begleiterin], genau so wie vielleicht Ihr Vater, musste zur Armee. Dieser Mann verlor seinen Arm. Die Regierung gab ihm 300 DM monatlich, obwohl sie das Geld nicht brauchten, weil sie sehr reiche Leute sind. Aber das spielt keine Rolle, sie bekamen 300 Deutsche Mark von der Regierung, weil er gezwungen war, mit einer Hand auszukommen. Ist er ein Nazi gewesen, weil er zur Armee musste? Ja oder nein! Hat das etwas mit Nazi sein zu tun? Wir müssen vorsichtig sein. Es stimmt, es gab zwei Millionen Deutsche, die den Nazis verrieten, wo die Juden sind. Doch es gab achtzig Millionen Menschen in Deutschland. Und da waren Nazis darunter und da sind Nazis! Ja, wirklich, ich weiß das. Aber es ist ein demokratisches Land. – Ja oder Nein!?

HAMCHA: Ich hoffe es!

FEIDMAN: Ja, ja! Objektiv!

HAMCHA: Ich denke ja.

FEIDMAN: Ja, ja, komplett objektiv! Komplett objektiv! Ich denke nicht, dass es in diesem Land auch nur eine politische Person gibt, die aus politischen Gründen im Gefängnis ist.

Don’t performe, serve society! – Nur kein Performer sein!

HAMCHA: Giora Feidman, noch eine Frage!

FEIDMAN: Ja.

HAMCHA: Können Sie etwas an die Adresse der Liedermacher und Musiker in Deutschland richten? – Haben Sie eine Botschaft?

FEIDMAN: An die Musiker? Oh, warum nur an die in Deutschland? An die in der ganzen Welt! Führt nicht auf, dient der Gesellschaft! Don’t performe, serve society! Wenn ihr aufführt, zeigt ihr! Serve society! – Vielleicht verstehst Du jetzt Giora besser!? Diene der Gesellschaft, du bist, wie ich schon sagte, verantwortlich für die geistige Nahrung, sie ist das Wichtigste! Ohne sie kannst du nicht leben! Ohne tanzen, malen, Kultur, Schauspiel, ohne Kunst kann man nicht leben. Kunst! Unter der Voraussetzung, dass jemand Künstler ist, was sicherlich eine Privilegierung bedeutet, soll er keine Show anbieten. Weißt Du, etwa in der Art, ‚ich kann Klarinette spielen. Du kannst nicht spielen? – Dann musst du eben bei TicketCity bezahlen!’ – Nur bitte nicht! Nein, nein! Nur kein Performer sein! Nicht beim Jobben und nicht um nur ein Echo zu erzeugen!

„Wenn Gott anonym bleiben möchte!“

Können Sie mir eine Sache erklären? – Danach müssen wir Schluss machen! – Warum hat es gestern, während der Vorstellung nicht geregnet? – Nach der Vorstellung hat es geregnet! Vor der Vorstellung hat es geregnet, es war ganz schwarz, warum? Hatten wir zufällig Glück? – Wissen Sie, was der Zufall ist? – Wenn Gott anonym bleiben möchte! Heute wird es eine Performance geben und es wird regnen! Warum, weil wir keine Performer sein sollten, oder mit anderen Worten, weil wir die Zuhörer nicht gut behandelt haben. – Ich möchte gar nicht darüber sprechen!

HAMCHA: Sie denken, die Zuhörer wurden schlecht behandelt?

FEIDMAN: Hören Sie, ich weiß es nicht. Ich kam um Acht und ich ging um zwei Uhr morgens. Es gibt einen Vertrag, der festlegt, wie viel ein jeder spielen muss. Wenn mein Vertrag 20 Minuten sagt – tack! Aber der eine Typ sagte, dass Mädel aus Amerika muss noch drei Lieder singen. – Sie sang alles, was in der Bibel steht. – Warum? Die Frage ist warum!? Und der andere Typ auch. Und der dritte auch und der vierte auch. Und die Leute fingen an nachzudenken. Sie machten sich ihre Gedanken und werden weiter darüber nachdenken!

„Ich unterrichte nicht, weil man das nicht unterrichten kann.“

Ich habe jetzt so viel gesprochen, weil da eine Energie ist. Ich spreche normalerweise nicht so viel, weil die Leute …– Wissen Sie, warum ich nicht lehre? Weil sie nicht verstehen, was ich sage. Da heißt es ‚Oh, Sie sind berühmt!’ Wenn ich Jesus wäre, wäre ich berühmt. ‚Was ist los, warum tun Sie uns nicht den Gefallen!?’ Ich unterrichte nicht, weil ich meine Zeit verschwenden würde! Die jungen Leute verstehen mich nicht, wenn ich sage, dass sie etwas tragen müssen. ‚Aber Sie müssen …!’ Ich sage: Du musst es selbst machen, mein Junge! ‚Und wenn ich eine internationale Karriere machen möchte?’ Ich sage: ‚Ich weiß nicht mein Lieber, was willst du von mir? Was ist international, tue dein Gesicht in das facebook und schon bist du international. Heutzutage ist das doch kein Problem!

Ich sitze ständig im Flugzeug. Sie schicken mich hierhin, sie schicken mich da hin, sie schicken mich dorthin. Ich war in Tokyo, wo ich mich nicht so auskenne wie in Deutschland. Ich brauche Freunde dort, die mich durch die Straßen begleiten und übersetzen. Aber wenn ich auf die Bühne gehe, übersetzt niemand was ich tue. Überall auf der Welt, in Rio de Janeiro, in Tokio, in Tel Aviv und in Buenos gehe ich einfach so auf die Bühne und jeder fühlt es. Ich unterrichte nicht, weil ich das nicht unterrichten kann. Die Leute verstehen nicht, was ich sage. Als man mir sagte, ‚Sie werden Karriere machen’, antwortete ich‚ ‚ich bin doch nicht die Formel Eins, ich möchte keine Karriere machen! – Gott gab mir einen Job! Und ich versuche alles was ich kann, um die Kraft zu verstehen. Nicht mehr und nicht weniger, als das! Es ist mir nie darum gegangen zu lernen wie man spielt!

Lass mich gehen!

HAMCHA: Danke, Giora.

FEIDMAN: Bis dann!

HAMCHA: Du hast mir sehr wertvolle Informationen gegeben!

FEIDMAN: No, no! If it is good to keep, keep it, if not, throw it away! Bleib gesund, see you later!


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