Judentum

Reinald Noisten: „Ihr dürft so viele Fehler machen wie ihr wollt!“

 

HAMCHA art integration, Heinz Michael Vilsmeier
Giora Feidman und die Musiker Gitanes Blondes 2012

HAMCHA: Herr Noisten, in einem Gespräch mit Giora Feidman, der einer Ihrer Lehrer war, erwähnte er, er unterrichte sehr ungerne. Der Grund sei, dass ihn die „jungen Leute“ nicht verstünden. Würden Sie es als Glücksfall bezeichnen, dass er bei Ihnen eine Ausnahme gemacht hat? – Wie ist es dazu gekommen?

Reinald Noisten: Ich muss dazu sagen, es war einer der Workshops, die er gemacht hat. Dieser Workshop hat schon vor fünfzehn Jahren stattgefunden, es war 1997. Ich hatte gerade eine Prüfung gemacht und die Hochschule abgeschlossen. Ich bin dann von der Prüfung direkt in den Workshop gekommen. Da war das wohl für mich genau das Richtige. Ich hab schon gemerkt, dass seine Art des Umgangs mit Musik etwas war, was für mich persönlich die Tür zu etwas Neuem aufgestoßen hat. Danach hatte ich in der Klassik immer gesucht aber nie gefunden. Die Klassik, das Studium der Klassik, folgte aus meiner Sicht einem sehr starken analytischen, sehr verkopften Ansatz.

HAMCHA art integration, Heinz Michael Vilsmeier
Ensemble Noisten, v.L.n.R.: Reinald Noisten, Claus Schmidt, Shan-Dewaguruparan, Andreas Kneip

Als Feidman plötzlich über Energie und Liebe in der Musik gesprochen hat, über den Ton, der in die Welt hinauszutragen sei, über das Öffnen der Seele, über die Bedeutung dieser Öffnung für die Musik, darüber, wie man den Zuhörer aktiv anspielt, haben all diese Sachen bei mir eingeschlagen. Ich glaube gar nicht, dass das dem Herrn Feidman in seiner Arbeit so bewusst gewesen ist, sondern eher, dass ich das mitgenommen habe. Wir waren damals ein großer Kurs von zwanzig Leuten, jeder ist da einmal drangekommen. Für mich war es damals ein bewegendes Erlebnis, ihn einfach spielen zu hören, weil es so anders klang. Ich könnte Ihnen jetzt nicht einmal sagen, was es war, was da so anders klang, es war nur für mich eindeutig so, dass es anders klang…!

HAMCHA: … anders als was?

Reinald Noisten: Anders als die Klassiker, die ich vorher gehört hatte. Es gibt sicherlich klassische Musiker, die in ihrem Metier ähnlich spielen können, die ich aber bisher in meinem Fach, in der Klarinette, ich bin ja Klarinettist, nicht gehört hatte. Für mich war es einfach spannend zu erleben, wie jemand einfachste Melodien so spielen konnte, dass sie einfach immer bewegend echt waren. Die meisten von Feidmans Stücken sind ja nicht so virtuos. Damals in diesem Workshop waren sie das jedenfalls nicht. Wenn Sie Klezmermusik, wenn Sie diese Melodien hören, werden Sie merken, dass sie zunächst einmal vom technischen Spielen her nicht so schwierig sind. Das Herausfordernde ist ja gerade, diese Melodien in eine so spannende Musik zu verwandeln, dass sie trotzdem in die Seele eindringen.

HAMCHA: Herr Noisten, wie muss man sich diesen Workshop bei Giora Feidman vorstellen?

Reinald Noisten: Man geht da hin, kriegt Noten vorgesetzt … – nein, stimmt gar nicht, man bekommt eben keine Noten vorgesetzt. Ich überlege gerade, weil das ja auch schon fünfzehn Jahre her ist. Der spielt Dir erst mal die Musik vor – wir haben erst mal gar nicht mit Noten gespielt, sondern einfach über das Gehör gearbeitet. Dann hat er uns, was mich damals sehr bewegt hat, ein Kontrabass auf den Bauch gelegt und über das Streichen der Saiten des Kontrabasses die Musik fühlbar gemacht. Das war für mich etwas, was ich vorher nicht gemacht hatte. Das heißt auch, den Körper für die Energie der Musik zu öffnen. Dann haben wir uns diese Melodien innerhalb des Workshops gegenseitig vorgespielt und Improvisationen dazu gemacht. Auf diese Weise haben wir uns immer mehr, jedes Mal ein kleines Stück weit mehr geöffnet. Am Ende hat man dann Ensembles gegründet und die Musik mit den entsprechenden Rhythmiken, Akkordiken und Melodiken entsprechend arrangiert und aufgeführt. – Für mich waren zwei Sätze total spannend und einfach wohltuend, gerade weil ich so ein Musikstudium, was sehr mit Druck behaftet war, absolviert hatte. Es gibt eine ganze Menge Leute, die bei Feidman, nachdem sie das Musikstudium absolviert haben, in dem sie den Druck, die Aberziehung von Kreativität erfahren haben, ähnlich erlebt haben. Bei Feidman hörten sie dann den Satz: „Ihr dürft so viele Fehler machen, wie ihr wollt, wir machen daraus ein neues Stück!“ – Das war ein Ausspruch von Feidman, der mir bis jetzt, auch nach fünfzehn Jahren noch, im Gedächtnis geblieben ist. – Das war für mich super. „Ja, macht so, wie ihr wollt, ihr dürft, macht Fehler! Ich geh dann mit dem Hut rum und sammle die Fehler ein.“ – Das war einfach Klasse! Und plötzlich fangen Sie an, wieder anders zu spielen. Das ist sicherlich für jemand, der sich nicht so intensiv mit Musik beschäftigt hat, wieder anders. Aber für uns war das einfach sehr befreiend. Es war sehr befreiend!


HAMCHA: Klarinette ist das Instrument, das Sie ursprünglich studiert haben…

Reinald Noisten: … Richtig.

HAMCHA: Worin sehen Sie den grundlegenden Unterschied in der Spielweise zwischen der klassischen Klarinette und der Klezmerklarinette?

Reinald Noisten: Den Unterschied zwischen einem klezmerartigen Spiel und dem klassikartigen Spiel der Klarinette würde ich so beschreiben: Der klassische Klarinettist hat den geraden Ton. Wenn der Ansatz nicht stimmt, dann gibt’s ein Problem. Der Klarinettist muss sehr darauf bedacht sein, dass der Ton fixiert bleibt. Wenn Sie im Orchester spielen, dürfen Sie nicht quieken, nicht quäken, dann dürfen Sie auch nicht daneben spielen. Wenn das passiert, haben Sie ein Problem. Bei der Klezmermusik ist es eher so, dass man zu lernen hat, sich freizumachen, sich zu öffnen, einfach der Seele, dem emotionalen Ausdruck, mehr Raum zu geben. Dem direkten Ausdruck! Das heißt ja nicht, dass Klassik spröde wäre. Klassik ist ja auch Ausdruck, trotzdem aber ist sie immer sehr gerade. Das ist der Eindruck, der zurückbleibt. In der Klezmermusik darf der Ansatz einfach mal flexibler gehalten werden, was man mit dem Krächzen dann schon mal macht. Sie haben da bestimmt auch Techniken, die Fünfteltöne nicht zu machen, usw., usf. Das gibt es normalerweise höchstens in der neuen Musik, nicht aber in unserer klassisch-romantischen Musik, die ja doch meistens gespielt wird. – Ich würde sagen, das ist der Unterschied.
http://youtu.be/2z1etF2bwgg
HAMCHA: Würden Sie sagen, dass dieses sich Freimachen ein zentrales Motiv innerhalb der Klezmermusik überhaupt ist?

Reinald Noisten: Ich denke, es gibt Stilistiken in der Klezmermusik. Ich glaube, selbst wenn Sie diese Stilistiken, die Triller, bestimmte Rhythmiken in der Melodie oder Tonschritte, die für die meisten Leute, die sich nicht mit Klezmermusik oder in der Musik überhaupt auskennen, orientalisch klingen, weglassen, dann bleibt noch immer etwas Spezielles, das ist das frei Spielen. Deswegen kommen die Leute in die Klezmerkonzerte, nicht weil es diese anderen Stilistiken gibt, sondern ich denke wirklich, weil sie in irgendeiner Weise berührt werden.

HAMCHA: Möglicherweise hat es etwas damit zu tun, dass Klezmer Musik ist, die in einem nicht jüdischen Kontext entstand. Klezmermusiker lebten fast immer in einem christliche Kontext. Hat die Freiheit in der Musik etwas damit zu tun, dass sie sich in einem überwiegend christlichen Umfeld positionieren mussten?

Reinald Noisten: Ja, das kann sein, aber ich kann diese Frage nicht mit Sicherheit beantworten. Die Klezmermusik ist ja in einem jiddischen Bereich entstanden, d. h. in Polen, in Osteuropa, gerade bei Chassiden, die aus einer Pogromsituation von Deutschland nach Polen ausgewandert sind. Was im Holocaust geschehen ist, war ja nicht das erste Mal, es ist auch davor schon mit Juden passiert. Sie sind nach Südpolen oder in die Ukraine ausgewandert und waren sehr arm. Und wenn Menschen arm sind, brauchen sie natürlich etwas, was sie am Leben erhält. Es kann sein, dass das auch ein Motiv ist, besonders lebendig Musik zu machen und sich diesen Raum zu erhalten. Der chassidische Glaube ist ja auch in dieser Zeit entstanden. Die eine Seite sagt: „Talmud lesen, den Glauben intellektuell durchdringen.“ – Ich sage das jetzt alles mit meinen Worten, ich bin kein jüdischer Religionswissenschaftler, das müssen Sie wissen. Ich sage das, wie ich es erlebt und miterfahren und aufgenommen habe. Das ist sehr wichtig! – Ich denke, dass der chassidische Glaube ein Gegenstück war zu dem intellektuellen Glauben, der auf dem Studium des Talmud basiert, darauf, die Schrift zu lesen und dann im Leben Bescheid zu wissen. Die Leute waren arm und meist auch nicht sehr gebildet, sodass Sie den Glauben eben einfach aus dem Herzen heraus gelebt haben, also auch einen anderen Zugang dazu finden wollten.

HAMCHA: Würden Sie den osteuropäischen Chassidismus eher nach innen gerichtet verstehen?

Reinald Noisten: Zumindest einmal eher aus dem Herzen heraus, mit einem emotionalen Zugang.

HAMCHA: Wie war das Verhältnis zu der anderen Kultur, mit der man zusammenzuleben hatte, war die Haltung eher offen?

Reinald Noisten: Es kann sein, dass es für die Leute die einzige Möglichkeit war, einen neuen, einen spirituellen Zugang zur Religion zu finden. Es kann sein, ich weiß es aber nicht sicher, ich habe nie darüber nachgedacht. Ich glaube, dass es eher die andere Art der Glaubensausrichtung war.

HAMCHA: Ich insistiere deswegen so, weil mir das Projekt, das Sie seit längerer Zeit verfolgen, nicht entgangen ist.

Reinald Noisten: Welches Projekt meinen Sie?

HAMCHA: Ihre Idee, die drei Religionen, Islam, Christentum und Judentum respektvoll gemeinsam auf die Bühne zu bringen. Damit greifen Sie ein Anliegen des Sufismus auf, insofern er an den Randbereichen des Islam stattfindet, eben dort, wo der Islam mit anderen Kulturen, mit anderen Religionen, zusammentrifft. Immer dort treten sufistische Strömungen auf, quasi als Synapsen, über welche der Islam mit anderen Religionen kommuniziert. Erfüllt Klezmer möglicherweise eine ähnliche Aufgabe, ist es eine Synapse, über die das Judentum mit anderen Kulturen und Religionen kommuniziert?

Reinald Noisten: Das kann man so sagen. Ich glaube aber, dass es bei mir eher der Fall war, dass ich sagte, ich fasse jetzt Klezmermusik, Religion und Kultur einfach zusammen. Die Juden waren ja immer auf der Wanderung. Immer wenn die Juden unterwegs waren, sind sie in neue kulturelle Sphären eingetreten. Fangen wir an bei Ägypten, von dort sind sie nach Israel, damals hieß es ja nicht so, später sind sie nach Spanien, haben dort mit Arabern zusammen gelebt, haben dort sicherlich musikalische Berührungspunkte gehabt. Man sagt, die sephardische Musik habe sich dadurch entwickelt. Dann sind sie nach Deutschland gekommen und haben auch dort kulturelle und musikalische Einflüsse aufgenommen. In Polen trafen sie auf die slawische, auch auf die ukrainische, die russische und die Balkankultur. Immer wenn sie mit anderen Kulturen zusammengekommen sind, das ist ja in einem Zeitraum von mehreren Hundert Jahren passiert, ist etwas eingeflossen in ihre eigene Kultur, in die Religion und in die Musik. Das hat sicherlich die Musik immer wieder aufs Neue verändert. Das Interessante ist, dass man trotzdem immer wieder erkennt, dass es jüdisch ist.


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Das Gespräch führte Heinz Michael Vilsmeier.

HAMCHA art integration Heinz Michael Vilsmeier
„YAHOO“ 2000 WANNSEE

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