John Lee Hooker

Heinz Rudolf Kunze: Ich bin naturstoned.

 

HAMCHA art integration, Heinz Michael Vilsmeier
Heinz Rudolf Kunze, 2012

HAMCHA: Liegen Dir die leisen Töne?

Heinz Rudolf Kunze: Genau so wie die lauten. Ich finde John Lennon kann man auch nicht reduzieren auf Imagine, sondern John Lennon ist genauso der Yer Blues vom Weißen Album, extrem laut, extrem hart – oder Cold Turkey.

HAMCHA: Was hältst Du von Freddy Mercury?

Heinz Rudolf Kunze: Ein hoch begabter Sänger. Für mich war aber Queen im Vergleich zu Led Zeppelin nicht das Authentische, Echte, sondern so eine Art parfümiertes Varieté.

HAMCHA: Was meinst Du mit „parfümiertes Varieté“?

Heinz Rudolf Kunze: Schwul, pompös, maskiert, hoch virtuos, gar keine Frage. Ich meine „Bohemian Rhapsody“ muss erst mal einer hinkriegen – aber nicht geerdet, sondern total abgehoben und auf eine, manchmal begeisternde, manchmal grandiose Weise unehrlich.

HAMCHA: Welche Rolle spielt Ehrlichkeit für Dich?

Heinz Rudolf Kunze: Eine große. Ich möchte schon immer authentische Musik machen. Deswegen würde ich einen Neil Young immer viel höher einstufen als einen Mercury, dem ich Respekt zolle, den ich wegen seiner Gesangskultur bewundere, die er hatte. Aber ehrlich gesagt, jeder falsch gespielte Ton bei Neil Young ist mir lieber.


HAMCHA: Weil er für Dich authentisch ist.

Heinz Rudolf Kunze: Ja.

HAMCHA: Könntest Du zustimmen, „parfümiertes Varieté“ einfach als Show zu definieren?

Heinz Rudolf Kunze: Es ist hohl, es hat keine Brillanz.

HAMCHA: Worin besteht dann Brillanz, wenn das hohl ist?

Heinz Rudolf Kunze: In dem ungeheuren Können, was diese Band natürlich drauf hat.

HAMCHA: Siehst Du das ungeheuere Können von Queen im Musikalischen oder in der Fähigkeit, das Publikum mitzunehmen?

Heinz Rudolf Kunze: Das liegt ja auf der Hand. Mein Lieblingsstück von Queen, trotz „Bohemian Rhapsody“, ist „Another One Bites the Dust“, wo sie mal richtig Funk spielen und wo sie James Brown imitieren. Da kommen sie für mich fast ans Original ran.

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Heinz Rudolf Kunze, 2012

HAMCHA: Inwiefern ans Original, was hatte John Deacon mit James Brown zu tun?

Heinz Rudolf Kunze: James Brown gibt’s nun mal als Hausnummer. Das ist auf jeden Fall für mich authentische Musik, die selbst völlig kongruent ist. Bei James Brown ist zwar auch ein riesiges Showelement drin, wenn nicht bei ihm, bei wem sonst, er ist ein Master der Show gewesen. Trotzdem kam es von ganz tief drinnen.

HAMCHA: Lässt Du Dich von musikalischen Elementen anderer Kulturen inspirieren?

Heinz Rudolf Kunze: Nein, ich glaube nicht. Ich bin total angloamerikanisch geprägt, dass ist natürlich eine andere Kultur, wenn Du so willst, aber es ist ja eigentlich unsere, mit der wir hier aufgewachsen sind. Da sind meine musikalischen Möglichkeiten dann doch beschränkt, mit afrikanischer oder asiatischer Musik habe ich mich nie näher beschäftigt. Mit südamerikanischer Musik sowieso nicht, weil ich da regelrecht eine Antipathie habe. Von allen Weltmusiken kann ich mit Tango, mit Latin, mit Samba am wenigsten anfangen, das erreicht überhaupt nicht mein rhythmisches Empfinden. Ich weiß, dass es kompliziert ist, dass man es gut spielen muss, ich habe auch Achtung davor, aber das ist eine Musik, die ich überhaupt nicht mag. Ich liebe Jazz, habe auch eine große Jazzsammlung.

HAMCHA: Jazz hat afroamerikanische Wurzeln in den Südstaaten der USA.

Heinz Rudolf Kunze: Ich bin auch ein leidenschaftlicher Bluessammler.

HAMCHA: Da sind die afrikanischen Einflüsse wieder.

Heinz Rudolf Kunze: Ja. Aber das hat mich ja dann gefiltert erreicht, über die Yardbirds, über die Animals, über die Stones, über alle diese Bluesbands der weißen Kultur, die das für mich gangbar gemacht haben. Ich habe dann rückgeschlossen und inzwischen, von Muddy Waters, Howlin’ Wolf und von John Lee Hooker bis Memphis Slim, eine große Bluessammlung. Das höre ich sehr gerne, das ist Musik die mich anrührt, die mich authentisch anrührt.

HAMCHA: Kann die Begegnung mit neuer Musik bei Dir noch Türen zu unbekannten Räumen öffnen? Ich meine damit etwas, was man landläufig als Schlüsselerlebnis bezeichnet?

Heinz Rudolf Kunze: Schon lange nicht mehr, das letzte liegt schon lange zurück. Du meinst, dass ich wirklich überrascht war? Das war wahrscheinlich Nirvana, dass der Kurt Cobain es ernst gemeint hat. He meant something, he meant business. Das heißt ja eigentlich nur, er ging zur Sache.

HAMCHA: Du denkst dabei nicht an seinen Suizid …

Heinz Rudolf Kunze: Nein, ich meinte damit die Ernsthaftigkeit seiner Musik. Persönlich war es eine Tragödie, die ich sehr bedauert habe. Ich glaube, wenn er die Kraft gehabt hätte zu leben, hätten wir noch viel von ihm zu erwarten gehabt.

HAMCHA: Rockmusik und Drogen stehen in einer engen Beziehung zu einander, Drogen haben dem Rock erstaunliche Inspirationen beschert. Ist das für Dich ein Thema?

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Heinz Rudolf Kunze, 2012

Heinz Rudolf Kunze: Nein, war es nie. Ich trinke gerne Alkohol und rauche Zigarillos. Aber ich habe nie Drogen genommen und freue mich immer diebisch, wenn irgendwelche verkifften Typen zu mir sagen, was muss der wohl für Drogen nehmen, dass der auf solche Worte kommt!?. Hahaha.

HAMCHA: Bist du auf natürliche Weise high?

Heinz Rudolf Kunze: Ich bin naturstoned.

HAMCHA: Und in den nächsten Jahren?

 

Heinz Rudolf Kunze: Ich finde, dass ich den schönsten Beruf der Welt hab und möchte das so lange weitermachen, wie es geht, sowohl mit einer lauten Band, als auch mit meinen leisen Programmen. So lange ich noch ältere Helden wie Lou Reed, Bob Dylan und Neil Young hab, die die E-Gitarre auch immer noch halten können, bei denen die Bandscheibe immer noch mitmacht, hab ich Hoffnung, dass ich noch was vor mir habe. Wenn die Bandscheibe es nicht mehr mitmacht, dann mache ich im Sitzen weiter.

HAMCHA: Hat Rockmusik etwas mit dem Alter zu tun?

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Heinz Rudolf Kunze, 2012

Heinz Rudolf Kunze: Quatsch, schon lange nicht mehr. Kuck Dir Leonard Cohen an, na gut, das ist vielleicht nicht Rockmusik, sondern eher Chanson. Aber der Mann ist 75 und ist immer noch voll da. Seit ein paar Jahren hat er ein wunderbares Comeback. Ich bin 20 Jahre jünger und das macht mir Mut.

HAMCHA: Rock war immer Rebellion. Wird Auflehnung unglaubwürdig, wenn man selbst etabliert ist?

Heinz Rudolf Kunze: Nein, das glaube ich nicht. Ich habe vor ein paar Monaten in Stuttgart Randy Newman wieder gesehen, auch schon sehr weißhaarig und sehr zerbrechlich. Wenn man die Gabe hat, gute Lieder zu schreiben, die die Menschen erreichen, kann man das sehr lange weiter machen. Was war denn das für ein Aufbegehren? Das war dieser eine schnoddrige Impuls der 50er, 60er Jahre, der ist natürlich gar nicht wiederholbar. Generationen von Künstlern vor mir haben schon bewiesen, dass man mit Rockmusik alt werden kann und dass man sie nicht an der Garderobe abgeben muss, wenn man 30 ist. Das freut mich, das war mein Lebensweg und dem will ich treu bleiben, solange es irgendwie geht.

HAMCHA: Was möchtest Du den Lesern dieses Interviews abschließend sagen?

Heinz Rudolf Kunze: Ich möchte, dass die Leser wissen, dass ich meinen Job mit Leidenschaft mache, dass ich immer versuche, mein Bestes zu geben, egal wie erfolgreich eine Platte oder eine andere ist. Ich empfinde mich als Medium, die Dinge zu protokollieren, die so in der Luft liegen. Wie jeder Künstler bin ich sehr abhängig von Zuspruch, von Beifall und nicht nur von Geld. Es bedeutet mir auch nach über 30 Jahren noch sehr, sehr viel, wenn ich glückliche Augen vor mir sehe, denn ich will die Leute nicht erziehen, ich will sie nicht mit Botschaften belästigen. Ich will sie zufrieden stellen und etwas Schönes bereiten. Das natürlich auf meine, manchmal etwas eigensinnige Art.

HAMCHA: Heinz Rudolf Kunze, ich danke Dir für das Gespräch.

Heinz Rudolf Kunze: Ich habe zu danken.


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Das Gespräch führte Heinz Michael Vilsmeier



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