Hilde Rehm

Sissy Engl über Peter Mühlen: „Jedes Kind leidet im Kinderheim, er war in mehreren.“

Sissy Engl über Peter Mühlen

„Jedes Kind leidet im Kinderheim,
er war in mehreren.“

HAMCHA: Sissy Engl, ich bin heute zu Euch gekommen, um das vereinbarte Interview mit Deinem Mann zu führen. Du hast mir soeben einen handschriftlich verfassten Brief von Peter Mühlen gegeben, der Brief ist auf den, 31.7.2012 datiert, also auf gestern. Peter Mühlen lebt, aber er ist gegenwärtig nicht in der Lage, ein Interview zu geben…

HAMCHA art integration, Heinz Michael Vilsmeier
Peter Mühlen, Brief vom 31.07.2012

Sissy Engl über Peter Mühlen: … nein, er kann nicht, er schläft!

HAMCHA: Er hat sich zurückgezogen und wir …

Sissy Engl über Peter Mühlen: …er wäre schon bereit. Aber er kann nicht. Er schläft, er kann nicht aufstehen. – Also er fällt um.

HAMCHA: Also sein Zustand ist einfach so, dass er jetzt kein Interview geben kann…

Sissy Engl über Peter Mühlen: Er sagte, dass er jetzt nicht kann.

HAMCHA: Dann hoffen wir, dass es ihm bald wieder besser gehen wird. – Du hast vorgeschlagen, dass wir die von ihm bereitgelegten Unterlagen gemeinsam durchgehen, ich meine Fragen an Dich, Sissy Engl, richte und Du stellvertretend für Peter Mühlen antworten.

Sissy Engl für Peter Mühlen: Ja, was soll ich jetzt für Antworten geben oder sollen wir das Album erst durchgehen oder …?

HAMCHA art Integration, Heinz Michael Vilsmeier
Sissy Engl, im Gespräch für Peter Mühlen, 01.08.2012

HAMCHA:  Ich bin bei meinen Recherchen auf biografische Angaben zu Peter Mühlen gestoßen. Es hieß, er sei 1939 geboren, …

Sissy Engl für Peter Mühlen: 33!

HAMCHA: 1933?

Sissy Engl für Peter Mühlen: Künstler dürfen legal 5 Jahre, oder mehr Jahre [lacht]… die Martha Graham hat sich 17 Jahre jünger gemacht, ein ganzes Leben lang, sogar bei der Heiratsurkunde. Und die war ja weltberühmt, die Martha Graham. Sie war im Weißen Haus, bei allen Präsidenten. Gregory Peck, alle großen Leute waren bei ihr. Bei ihrer Heirat hat ihr Ehemann damals geschaut, welches Datum sie denn nun für die Heiratsurkunde angibt, weil sie sich immer schon 17 Jahre jünger gemacht hat, ihr ganzes Leben lang. Es ist legal, dass Künstler sich jünger machen und Peter Mühlen hat also … über sein Alter durfte man eigentlich nie sprechen! Er hat halt aus der 3 einen 9er gemacht. Also ich wusste es schon, aber ich hab nie in meinem Leben meinen Mund aufgemacht, wenn mich jemand gefragt hat, dann hab ich gesagt: „Frag ihn selbst, ich weiß es nicht.“ – Jetzt ist es so, dass er es plötzlich sagen will. Warum, weiß ich eigentlich auch nicht. Jetzt will er plötzlich alt spielen.

HAMCHA: Wann im Jahre 1933 wurde Peter Mühlen geboren?

Sissy Engl für Peter Mühlen: Am 4. Oktober, er ist Waage.

HAMCHA: Wo wurde er geboren?

Sissy Engl für Peter Mühlen: In München. Er ist der Sohn von einem Asam, einem Nachkommen der berühmten Gebrüder Asam. Ja, das ist sein berühmter Vater.

HAMCHA: Wie kam der Name Mühlen zu ihm?

Sissy Engl für Peter Mühlen: Das kam so: Seine Mutter hatte ja mehrere Kinder [lacht], einer ist gestorben, im Krieg gefallen, ein sehr begabter. Eine andere, die Hilde Rehm, war eine sehr bekannte Opernsängerin. Ein Kind hat sie zur Adoption freigegeben, das ist auch ein älterer Bruder, der ist bei anderen Menschen am Bodensee aufgewachsen. Der Peter war das jüngste Kind. Die Mutter, Tilly Huber, war eine sehr bekannte Volksschauspielerin. Ich weiß gar nicht, wie sie geheißen hat – Tilly Huber oder Rehm, ich weiß es gar nicht genau, glaube aber Tilly Huber. Die hat auch einmal mit dem Valentin gespielt. Ich hab ein Foto von ihr, sie schaut wirklich aus wie die Liesl Karlstadt. Aber das war nicht eine Imitation, sondern da war mit der Karlstadt mal wieder was, wo sie krank war oder wieder mal Ärger gehabt hat. Da haben sie halt eine gebraucht und haben sie eingesetzt. Die Tilly Huber hing ja auch sehr viele Jahre, das hab ich selber gesehen, als ich den Mühlen kennengelernt hab, im Valentinmuseum. Da hing ein ganz großes Bild von ihr. Jetzt hängt es, glaub ich, nicht mehr drin. Sie war eine sehr bekannte Volksschauspielerin und hat, glaube ich… so seh ich das… damals war das ja alles anders, mit Kindern und mit Liebe und Verhütung. Ledige Kinder waren immer schwierig oder eine Schande. Sie war ja auch verheiratet, Jahre, oder so …

HAMCHA: Sie war also mit einem Mühlen verheiratet?

Sissy Engl für Peter Mühlen: Mit einem Rehm und auch mit einem Mühlbauer, oder so ähnlich. Aus Mühlbauer ist der Künstlername Mühlen entstanden, der aber polizeilich vor 50 Jahren eingetragen wurde. Also der Mühlen heißt auch amtlich Peter Mühlen.

HAMCHA: Das heißt also, seine Mutter war eine Mühlbauer …

Sissy Engl für Peter Mühlen: … kann sein!

HAMCHA: … oder eine Rehm …


Sissy Engl für Peter Mühlen: … oder Huber, oder sonst was. – Sie hatte halt mehrere Kinder von mehreren Männern, war aber, glaube ich, zweimal oder dreimal verheiratet, ich weiß nicht genau, wie oft sie verheiratet war. Zweimal mit Sicherheit. Mit Peter Asam war sie nicht verheiratet. Der Peter Asam hat den Mühlen zwar `mal am Arm getragen, aber das war’s auch, dann war die Liebe vorbei und er hat `ne andere geheiratet. Peter Mühlen hat später `mal seinen Vater gesucht, aber nicht mehr gefunden.

HAMCHA: Und dieser Peter Asam war …

Sissy Engl für Peter Mühlen: … das sind Nachkommen von den Gebrüdern Asam, denen, die die Kirchen gebaut haben…

HAMCHA: … war Peter Mühlens Vater?

Sissy Engl für Peter Mühlen: Ja.

HAMCHA: Der Name Mühlen wurde vom Namen eines anderen Mannes der Mutter abgeleitet…

Sissy Engl für Peter Mühlen: … und ist sozusagen als Künstlername entstanden.

HAMCHA: Wo hat Peter Mühlen seine Kindheit verbracht, lebte er bei der Mutter?

Sissy Engl für Peter Mühlen: Bei der Mutter und in Heimen! Also die Mutter ist ständig auf Tourneen gewesen, hat immer Theater gespielt, musste sie ja wohl, denn es war ja ihr Beruf. Und wenn sie den Sohn nicht brauchen konnte, dann hat sie ihn in irgendein Kinderheim gesteckt. Ich glaube, dass er sehr darunter gelitten hat und sehr unglücklich war. Seine Mutter war, glaube ich, nach seinen Erzählungen eine resolute Frau, musste sie vielleicht auch sein, so wie sich ihr Leben eben abgespielt hat. Ich glaube, er hat nicht die Liebe von ihr bekommen, die er vielleicht gebraucht oder gewollt hätte. Wie Kinder eben so sind. Ich kann mir das sehr gut vorstellen, dass man in einem Kinderheim nicht glücklich ist. Ich glaube, dass kein Kind in einem Kinderheim glücklich ist. Da gibt es keine Mutter und da gibt es keine Liebe. Da gibt’s ein paar Lehrer und ein paar Verbote und ein paar Erlaubnisse und was weiß ich was. Und das Einzige, was man hat, ist, dass man ein paar Freunde hat. Sonst hat man da eigentlich nichts. Also so kann ich mir das sehr gut vorstellen. Ich glaube, dass jedes Kind leidet, das im Kinderheim ist. Er war in mehreren Kinderheimen …

HAMCHA: Ist Peter Mühlen aus den Heimen herausgekommen, wenn seine Mutter Zeit für ihn hatte?

Sissy Engl für Peter Mühlen: Ja, die war einmal wieder zuhause, dann war er bei ihr, wenn sie ihn nicht losgeworden ist – oder wenn ihn gerade kein Heim aufgenommen hat. Es war dann ja auch in der Kriegszeit, irgendwann war dann ja auch Krieg. Das muss eine schwere Zeit gewesen sein, für alle Menschen, die praktisch den Krieg erlebt haben. Da war das vielleicht auch nicht so einfach, ich weiß es nicht. – Einmal ist er bei der Mutter zuhause gewesen, da waren noch die beiden Schwestern. Die eine Schwester ist ja bei ihrem Vater groß geworden, das war ein Dirigent oder Musikdirektor glaube ich – oder irgend so was. Der Vater hatte eine andere geheiratet, das war die Stiefmutter. Das war die ältere Schwester, die war auch musisch begabt und hat, glaube ich, auch gelitten in der Kindheit. Die andere Schwester, die Hilde, Hilde Rehm, die Opernsängerin, die und er sind eigentlich bei der Mutter aufgewachsen. Aber die ältere Schwester, Miezi hat die geheißen, Maria, die ist auch immer wieder gekommen, dann haben sie auch zusammen gewohnt. Also so … ich weiß ‚ne Geschichte …

HAMCHA: … entschuldige bitte, leben die Geschwister noch?

Sissy Engl für Peter Mühlen: Nein, nein, die waren ja älter! Die eine war 20 Jahre älter und die andere sieben Jahre älter als er. Die Hilde Rehm ist leider mit 70 gestorben – Blutgerinnsel, ist in den Darm gegangen. Die haben sie verpfuscht, also hundertprozentig. Sie wurde operiert, wir sind reingegangen und der Arzt sagte zu mir: „Ja wir haben heut gleich noch mal operiert, weil wir nachschauen mussten, ob alles stimmt.“ Das war in Harlaching draußen. Ich hab das am Anfang gar nicht wahrgenommen. Dann haben sie sie in eine Reha geschickt, da ging’s ihr aber sehr schlecht, weil sie sehr schwach war. Sie ist dann zurück und hat mich angerufen. Ich hab sie ins Naturheilweisen gebracht, zu dem Dr. Ostermeier, das ist der beste Arzt den es gibt. Weil ich in den Urlaub fahren wollte, hab ich sie dann dort angerufen und sie sagte: „24 Stunden werde ich versorgt, das ist das beste Krankenhaus, das es gibt! Mir geht es hervorragend. Fahr du in den Urlaub, mir geht es wunderbar.“ Ich bin nur acht Tage irgendwo hin gefahren, der Peter Mühlen hatte auch so eine Darmgeschichte, der konnte sich nicht so kümmern. Das war erst jetzt … wann ist die denn gestorben!? – `98, 1998 ist sie gestorben – oder war es nicht 2008? – Nein, das kann gar nicht sein, `98 ist sie gestorben! – Ich bin jetzt irgendwie ganz durcheinander. Schließlich konnten die im Naturheilweisen nichts mehr für sie tun. Sie haben gesagt, sie müsste eigentlich noch `mal operiert werden, wo sie denn hin wolle? Sie wollte wieder nach Harlaching, da kam sie dann hin. Vorher hatte sie mir noch einen orientalischen Trommler vermittelt, vom Bett aus. Sie hat immer dirigiert und gemacht. Als sie dann operiert worden war, ist sie aus dem Koma nicht mehr aufgewacht. Nach 14 Tagen war sie tot.

HAMCHA: Ich hatte Dich vorhin unterbrochen, als Du sagtest, es sei Dir eine Geschichte eingefallen…

HAMCHA art integration, Heinz Michael Vilsmeier
Peter Mühlen als Kind

Sissy Engl für Peter Mühlen: Er hat mir mal erzählt, es war Weihnachten, Heiliger Abend und er musste …, man hat ihn einfach ins Bett geschickt. Er hat bitterlich geweint. Es waren seine beiden Schwestern da und die Mutter. Ich glaube, auch noch der Freund von der einen Schwester. Die haben halt Heilig Abend gefeiert und der kleine Bub, er war halt der Jüngste, der musste ins Bett. Da hat er bitterlich geweint. Und um 12 Uhr Mitternacht, nachdem er endlich eingeschlafen war, weinend, haben sie ihn aufgeweckt und gesagt:

 

„Jetzt steh auf, jetzt gehen wir in die Mette!“ – Das sind so seine Erinnerungen, die er halt hat, unter denen er sehr gelitten hat.

Einmal hat er gehört, als die ältere Schwester gekommen war, dass sie gesagt hat: „Das Heim nimmt ihn nicht, die haben keinen Platz!“. Und dann haben sie zu ihm gesagt [lacht]: „Diesmal darfst Du noch hierbleiben, aber das nächste Mal kommst Du wieder in ein Heim!“ – Er hatte aber gehört, dass die gesagt hatten, dass sie ihn gar nicht los werden! – Also, das sind so Geschichten gewesen…

Er hat mit fünf Jahren angefangen, Schallplatten zu sammeln, hat jeden Pfennig gesammelt, dass er ins Kino gehen darf. Er hat seine sechs Jahre ältere Schwester angebettelt, dass sie ihm fünf Pfennige gibt, dann ist er ins Kino gerannt. Er hat die ganzen Hefte gesammelt, die Programme, die es früher gegeben hat. Mit fünf Jahren hat er angefangen, sich nur noch mit Film und Musik zu beschäftigen. (Zur Übersicht / weiterlesen)

Das Gespräch führte Heinz Michael Vilsmeier



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