Hans Söllner

Vogelmayer auf der Buehne vogelwuid

Da Vogelmayer ist

auf der Bühne vogelwuid

Liada wie Axthiebe – Gespräch mit dem bayerischen Liedermacher Thomas Vogelmayer (Teil 3)

HAMCHA: Auf der Bühne bist Du vogelwild, so beschreibst Du Dich auf Deiner Website …

Vogelmayer: … auf der Bühne bin ich das auf jeden Fall! [lacht]

HAMCHA art integration Heinz Michael Vilsmeier
Da Vogelmayer is vogelwuid !

HAMCHA: Bist Du denn auf der Bühne immer, also durch-gängig, vogelwuid?

Vogelmayer: Von den Liedtexten her?

HAMCHA: Eher in dem Sinne, dass es zu Deinem selbst gewählten Image unbedingt dazu gehört?

Vogelmayer: Ich glaube schon, ja. Ich denke schon. Zu dem Image, das man sich da geben will, gehört es auf jeden Fall dazu. Es ist sehr schwierig zu sagen, weil man natürlich als Figur, die man sich als Bühnendarsteller natürlich irgendwie kreiert, auch immer ein bisschen im Fluss und im Wandel ist. Das ist ganz klar. Ich habe schon verschiedene Bühnenoutfits ausprobiert, die natürlich auch immer ein bisschen unterstreichen, wie man ist oder wie man sich gibt oder wie man auftritt. Ich finde, dass das Vogelwilde einfach schon dazugehört, weil es diese niederbayerische I-hau-iatz-voll-aufn-Disch-Mentalität a bissl unterstreicht.

HAMCHA: Gibt es bei Dir die sanften Töne auch?

Vogelmayer: Ja, es kommt darauf an. Wenn ich einen kurzen Auftritt spiele, ich sage jetzt mal eine dreiviertel Stunde, dann fast nicht, weil ich dann keine Zeit habe, weil ich meine Intention auf den Punkt bringen muss, weil ich ein bisschen was Lustiges machen muss um de Leid zu unterhalten und einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen. Und weil ich einfach, wie gesagt, richtig krasse politische Hämmer raus hauen muss, von den Liedtexten her, brutal gesellschaftskritische Lieder, damit ich einfach da, wie gesagt, einen Eindruck hinterlasse. Wenn ich aber länger als eine dreiviertel Stunde spiele, dann spiele ich auch ernsthafte, nachdenklich Lieder, einmal eines dazwischen. Man muss aber, wie gesagt …, es gibt ja so eine Kurve, wie man einen Auftritt macht, bei einer dreiviertel Stunde ist das zu kurz, so einen Berg machen, damit man die Leute für sich gewinnt. Und wenn es dann in den Keller obe geh dad und dann wieder auffe, dafür is a dreiviertel Stunde zu kurz. I sag amoi, die Kurve is bei a dreiviertel Stund so, dass es rauf geht und vielleicht dann noch einmal ein Stück weiter rauf. Und wenn es dann länger dauert, dann spielt man halt nach einer dreiviertel Stund einmal etwas Ruhiges, womit man den Leuten ein bisschen Zeit gibt, einmal a weng zu entspannen. Und dann geht’s am Schluss noch mal richtig auf. Aber einer Stunde mag ich das auch, da habe ich zwei oder drei Lieder die erprobt sind. – Das ist vielleicht zwischendurch ganz interessant, ich habe ungefähr 90 Lieder geschrieben, bis jetzt, von denen ich fünfzig auf CD veröffentlicht habe und von denen ich ungefähr, naja, fast jedes schon einmal auf der Bühne gespielt habe. Aber durchgesetzt haben sich vielleicht 50 Lieder, die sich auf der Bühne immer wieder bewähren.

HAMCHA: Was sind das für Menschen, die Deine CDs kaufen?

Vogelmayer: Das ist sehr, sehr unterschiedlich, mich wundert es selber oft. Also das sind junge Leute genauso wie ältere Leute, es lässt sich da gar kein Klientel herausstellen. Das ist sehr, sehr merkwürdig. Es ist auch komisch, weil es jedem gefällt, bei so Liveauftritten, was ich auch gar nicht ganz verstehen kann. Das Einzige was ich sagen kann, ist, dass meine Lieder bei Leuten zwischen 15 und 20 vielleicht nicht so gut ankommen und die kaufen eigentlich auch keine CDs, weil das ein Alter ist, in dem man sich nicht, zumindest erscheint es mir so, bei einem Liveauftritt hinsetzt und sich das anhört. Das kommt mir zumindest so vor. Diese sehr, sehr jungen Erwachsenen kann ich einfach nicht erreichen, ich weiß es auch nicht warum, aber es ist so. Ich habe schon oft die Erfahrung gemacht… Ich kann 70jährige Männer erreichen, wo ich mir denke, ‚mein Gott, denen müssen ja die Ohren abfallen!’, wegen dem einen oder anderen Wort. Die sagen aber: „Das ist toll, das ist gut, das gefällt ihnen, das ist super gut, dass jemand so etwas macht!“ Aber dann sitzt da ein Sechzehnjähriger da, wo ich mir denke, ‚mein Gott, den muss ich doch erreichen, weil es ist doch auch seine Welt, für die ich singe!’ – Den interessiert das dann gar nicht. Ich weiß nicht, warum.

HAMCHA: Wie reagieren Frauen auf Deine Texte, auf Deine Lieder?

Vogelmayer: Eigentlich nicht unterschiedlich zu den Männern, außer dass sie vielleicht ein paar nachdenkliche oder ein paar Liebeslieder gut finden. Da höre ich von den Frauen Begeisterung, von den Männer höre ich da gar nichts.

[Lachen]


HAMCHA: Wenn Du an Dein erstes Lied denkst, das Du damals zum Irakkrieg geschrieben hast und das vergleichst mit Deinen aktuellen Liedern, erkennst Du dabei eine Entwicklung?

Vogelmayer: Ich sage mal so: Vom Aufbau der Lieder her gibt es mit Sicherheit eine Entwicklung, weil die ersten Lieder auf zwei Akkorden basierten und die jetzigen Lieder auf ein paar mehr Akkorden, wobei ich, das muss ich vielleicht einmal dazwischenwerfen, mich nicht als den tollen Musiker bezeichnen will, vielleicht auch nicht als den tollen Sänger. Bei mir geht es primär um dass was ich sagen möchte. Es geht um die Aussage. Deswegen, nicht etwa, weil ich so toll Gitarre spielen könnte, das langt grad so und ich tret auch nicht auf, weil i des Publikum klatsch hörn möchte oder weil ich mir denken würde ich wäre cool, weil ich in der Zeitung steh. Sondern i tret deswegen auf, weil i was zu sagn hab und weil des koa andana sogt. Weil wen es zehn Leid gebn dad, de des sogn, dann dad i dahoam bleibn. Aber weil go koana sogt, deswegn tret i auf. Natürlich habn se de texte und de Liada entwickelt, weil i heid nimma hergeh und sog i schreib schnell  amoi a Liad aufn Zettl und dann schreib i no was dazua, damits drei Minuten dauert und dann is fertig. I entwirf scho irgendwie an plan, i bau des a bissl auf, i mach a kloane dialektische Erörterung zu am Thema und dann bring es des no in a Singform und dann schreib i des. Des is de oane Seitn. Natürlich entsteht a Liad dadurch, das i auf da Couch sitz und spui, dann entsteht a Text zu na Melodie. Aber dann, de weitere Ausarbeitung is, wia i grod gsogt hob, a kloane Erörterung, die i dann schreib, so entsteht dann a Liad. Früa hod ma a Liad aufgrschriebn und dann wars fertig. Heid macht ma se scho a bissl mehr Gedanken dazua, wie kon i so am Liad mehr Tiefe verleihen und wia kon i da wirklich was gscheits macha.

http://youtu.be/XeWhifWcEoM

HAMCHA: Würdest Du die Lieder aus der Anfangszeit noch immer im gleichen Stil schreiben?

Vogelmayer: Wenes no ned häd, wahrscheinlich scho, ja. Oiso des is so a Liad, des ma ziemlich guad gfoid.

HAMCHA: Wie geht das?

Vogelmayer: Des hoast “Nie wieder”. I glaub der Refrain is irgendwie so:

He Leid, lasst’s nie wieder oan ausse in den Griag,

weil koana was gwinnd, weil nur jeda verliert.

So in etwa. Des geht hoid dann a bissl so dahie und des beschreibt Kriegsszenen und so Gschichtn. – Ja i dat’s heid nimma schreiben, weil hoid einfach ned funktioniern dad, erstns amoi ned auf einer CD und a ned Live, aso wia i’s gschriebn hob. I kannts jetzt scho aufwerten, den Kern des Liads nehma und a bo andere Strophen drumrum schreibn, von da Melodie a bissl aufwerten, dann kand ma’s scho spuin. Aber de Frage is hoid, reißts de Leid wirklich vom Hocker oder dats auf einer CD oans vo den Top-Liada werdn. – Des dat’s wahrscheinlich ned und deswegen lasst ma’s hoid bleibn.

HAMCHA: Der Umgang mit der Sprache, wenn Du so ein Lied schreibst, ist ja eine Art Dichtung.

Vogelmayer: Eigentlich scho. I schreib ja komischer Weise keine Gedichte. Vor einiger Zeit ist mir der Gedanke amoi kema, da hob i was gseng über an Dichter, do hob i mia dacht, warum schreib i eigentlich ned amoi a Gedicht. Hob i scho amoi gmacht, für an Auftritt, aber eigentlich ist das im weitesten Sinne eigentlich Dichtung, wo man hoid dazua singt und a bissl auf na Gitarre dazua rumzupft. Aber i woit des iatz ned so nach irgendwelchen Reimschemata machen, des kimd eigentlich imma von aloa. Oiso i wui jetzt do koan tieferen Plan oder mach da an dreisilbigen Jambus. I kon ma vorstellen, dass des bei andare Künstler so lauft, die des so entwickeln. Aber bei mia lauft des eigentlich vui aus da Sprache raus.

HAMCHA: Du sagtest, damals hast Du zwei Akkorde gespielt, von daher war die Musik wahrscheinlich relativ simpel. Jetzt hast Du Dich musiktechnisch weiter entwickelt…

Vogelmayer: … ja, des scho…

HAMCHA: … und du entwickelst wahrscheinlich komplexere Melodien und Rythmen, setzt mehr Akkorde ein, und so werden Deine Lieder musikalisch anspruchsvoller.

Vogelmayer: Anspruchsvoller?

HAMCHA: Ja, musikalisch gesehen. –

Vogelmayer: – Ja, für den Laien wahrscheinlich scho. Aber mir ist scho klar, dass jemand der professionell Gitarre spuid natürlich da nur lacha kon. – Das ist ja ganz klar, weil jemand, der beispielsweise eine klassische Konzertgitarrenausbildung hat, für den is des trivial was ich da spui. Das ist ganz klar. Aber i sag moi, für des was i da mach langt’s. Es sand, wie Du scho sogst, eingängige Melodien die rythmisch gespielt sand, damit d’Leid einfach a mitgengan. I erleb des öfters, dass mitklatscht wird unter de Liada. Des funktioniert eigentlich für des was ich mach guad, muas i sogn.

HAMCHA: Hast Du Vorbilder unter den Liedermachern?

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Vogelmayer

Vogelmayer: I hob Vorbilder bei de Liedermacher, ganz klar. Konstantin Wecker is natürlich scho irgendwo a Vorbild, weil der des a ziemlich guad aufn Punkt bringt, oftmals. Was ned so guad lauft, des is des was mi stört, natürlich a bissl mit zu wenig Nachdruck, dad i jetzt moi sogn. Oiso der kand a bissl mehr aufn Tisch haun. Dann natürlich Künstler wie der Hannes Wader oder Reinhard Mey. Soichane Künstler de gfoin ma eigentlich guad, vo de Melodien her, wias spuin, wias singan. Wobei des iatz ned meine Vorbilder im klassischen Sinn san, weil i mia koa Liedermacha als Vorbilder nimm.

HAMCHA: Die Du jetzt genannt hast sind extrem unterschiedlich. Hannes Wader beispielsweise macht seit 35 Jahren dasselbe, während Konstantin Wecker doch sehr vielschichtig ist, in seinem Schaffen.

Vogelmayer: Konstantin Wecker, der kann schon was, das ist schon klar.

HAMCHA: Das ist jemand, der sich auch politisch engagiert und Stellung bezieht, der beispielsweise nach Dresden fährt und dort gegen Naziaufmärsche demonstriert.

Vogelmayer: Bei solchen Veranstaltungen spiele ich eigentlich auch. Ich hab schon mal in München bei sowas gspuid und auch schon in Straubing.

HAMCHA: Das bedeutet, dass Du Dich auch für Entwicklungen interessierst, die sich in Deutschland ereignen.

Vogelmayer: Ja, natürlich. Nicht falsch verstehen, ich schau schon auch, was bei uns passiert. Aber die wirklich schlimmen Dinge, die passieren in der Gegenwart nicht bei uns, sondern woanders. Das ist meine Meinung.

HAMCHA: Okay, da hast Du sicherlich nicht ganz Unrecht.

Vogelmayer: Naja, so einen Völkermord wie in Syrien, den muss man eigentlich schon thematisieren und das gehört auch auf der Bühne thematisiert, weil das vom Gefühl her für ich etwas anderes ist, als wenn die Leute irgendwo im Fernsehen etwas hören, bei irgendeiner Talkshow, wo sie gleich wieder wegschalten oder bei den Nachrichten. Dann ist das etwas anderes, als wenn die irgendwo sitzen und auf einmal tritt ein Künstler auf die Bühne und der redet dann davon. Da merkt man direkt, dass die Leid stutzen, dass sie sagen „Hey, was ist den jetzt los?!“ Das schafft ein ganz anderes Bewusstsein.

HAMCHA: Du meinst, die kommen da hin, erwarten Unterhaltung und werden mit Wirklichkeit konfrontiert.


Vogelmayer: Ganz genau! Sagen wir mal so, dramatische Wirklichkeit ganz fein in Unterhaltung verpackt. Das ist halt der Trick dabei. Man darf natürlich das Maß dabei nicht übervoll nehmen. Ich möchte natürlich extrem viel vermitteln und möchte den Leuten extrem viel sagen. Ich habe auch schon dabei erlebt, dass ich Konzerte gegeben habe, wo ich Angst gehabt habe, dass sich d’Leid an Strick nehman und aufhengan in da Nacht, weil’s einfach total fertig warn von der Informationsdichte und vom Informationsfluss. Du wirst es ja selber gehört haben, meine Liada san extrem schnell, die Informationsdichte in de Liada ist sehr, sehr hoch. Wenn i mia jetzt andere Künstler anschau, da nehm i moi an Haindling, der schreibt a Liad und bringt hoid dann a auf dreißg Sekunden zwanzg Wörter aussa und in den nächsten 30 Sekunden wiederholt er die zwanzg Wörter und dann spuid er d’Musik und dann wiederholt er die zwanzg Wörter nomoi. Des is natürlich a gewisser Stil und da geht’s ja gar ned um Inhalt, sondern da geht’s ja um Musik. Aber bei mia geht’s um Inhalt. Deswegen wirst du bei mia nur sehr, sehr selten erleben, dass se bei mir a Text in am Liad wiederhoid. Weil am Vogelmayer seine Liada de gengan stringent voroh und da is nur Information, Information, Information. Deswegen soiad ma sich des eigentlich a … Bei de  Liveauftritte is des imma schwierig, wenn de Leid des des allererste moi hern, dass sie des alles aufnehma kennan, in der Geschwindigkeit und in der Intensität. Da ist es dann scho bessa, sie kaufan se a CD [lacht] und hern se de dahoam o. Oiso des is wirklich so, des hob i schon öfters ghört und man muas hoid da sehr vorsichtig sei, wenn ma so a Liad ausse haud, des wirklich extrem is von der Information und vom Informationsgehalt. Damit i danach a bissl lockeres Kabarett auch mach, einfach so a bissl niederbayerische, lustige Gschicht erzähl, was mia grod so eifoid oder was i grod so erlebt hob, was i beim letzten Auftritt erlebt hob, a, dass ma do einfach a bissl auflockert. Des muas ma macha.

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Das Gespräch führte Heinz Michael Vilsmeier

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