Goethe-Institut

Jutta Schubert: Ich finde es schwierig, das Leben und die Kunst in Einklang zu bringen.

HAMCHA: Jutta Schubert, wir sind heute zum Interview verabredet. Ich freue mich sehr darüber, dass die Vermittlung von Leander Sukov so wunderbar geklappt hat. Vor vierzehn Tagen, als wir dieses Gespräch verabredet haben, waren Sie gerade auf dem Sprung nach Havanna. Wie war Ihr Aufenthalt dort?

HAMCHA art integration, Heinz Michael Vilsmeier
Jutta Schubert

Jutta Schubert: Sehr interessant, natürlich. Großartige, aber auch schreckliche Eindrücke. Kuba ist ja ein sehr armes Land und aufgrund der politischen Situation auch ein sehr verrücktes und schwieriges Land. Die Lebenssituation der Menschen, von der wir, weil wir privat gewohnt haben, sehr viel mit bekommen haben, ist schon sehr, sehr schwierig. Das beschäftigt einen natürlich. Auf der anderen Seite ist Havanna eine großartige Stadt, nahe am Verfall allerdings. Das geht einem alles noch einige Tage nach, ich bin noch nicht fertig mit diesen Eindrücken.

HAMCHA: War es Ihre erste Reise nach Havanna?

Jutta Schubert: Oh ja, ich war zum allerersten Mal in einem lateinamerikanischen Land.

HAMCHA: Was war der Anlass Ihrer Reise?

Jutta Schubert: Der Anlass war, dass ich auf Einladung des Goethe-Instituts in der Universität von Havanna eine Lesung aus meinem Roman hatte. Die haben dort einen Fachbereich, in dem Deutsch studiert werden kann, also deutsche Sprache, deutsche Literatur und deutsche Geschichte. Die Studenten dieses Fachbereichs, die jetzt schon vier Jahre lang Deutsch lernen, also die etwas höheren Semester, haben alljährlich das Glück, dass ein Autor oder eine Autorin aus Deutschland eingeladen wird, der für die Studenten aus einem neuen Prosawerk liest. Im letzten Jahr war der Eugen Ruge dort, der den Deutschen Buchpreis bekommen hat. Eigentlich lädt das Goethe-Institut in Havanna immer sehr bekannte Autoren ein. Man muss im Grunde genommen einen Preis gewonnen haben, damit man überhaupt eingeladen wird, was ich sehr schade finde, weil man könnte ja auch jungen Kollegen mal eine Chance geben, oder auch einmal nach Themen aussortieren, nicht nur nach Preisen. Das ist eben so dort die Maßgabe. Ich hatte Glück, denn mein Buch ist ja gerade erst erschienen und ich habe damit bisher noch keinen größeren Preis bekommen. Aber ich habe einen guten Freund und Kollegen, den Opernregisseur Andreas Baesler, der schon seit acht Jahren in Havanna arbeitet. Er inszenierte dort im Februar gerade Henzes Oper „El Cimarron“ und er hat gute Kontakte, auch zur deutschen Botschaft und zu den Leuten vom Goethe-Institut. Der brachte meinen Roman quasi druckfrisch mit, als er zu den Proben nach Havanna anreiste. Auf dieser Grundlage ist die Einladung entstanden. Die Leute vom Goethe-Institut haben das sehr interessant gefunden und sich relativ spontan entschlossen, mich einzuladen.

HAMCHA: Jutta Schubert, bevor ich Sie jetzt zu Ihrem neu erschienen Roman weiter befrage, wie waren die Reaktionen der kubanischen Studenten auf Ihre Lesung?

Jutta Schubert: Zum einen herrschte große Neugierde, der starke Andrang zeigte das große Interesse. Sie waren sehr aufmerksam dabei und haben tatsächlich auch sprachlich alles verstanden. Es gab im Anschluss eine kleine Diskussion, die konnte auch auf Deutsch geführt werden. Der Leiter des Fachbereichs war ebenfalls sehr begeistert, dass es möglich war, dass ich dort gelesen habe. Die Studenten wussten sehr viel über die Zusammenhänge der „Weißen Rose“, weil sie sich mit dem Widerstand gegen den Nationalsozialismus in Deutschland befasst hatten. Die haben sogar den Sophie Scholl-Film von Fred Breinersdorfer und Marc Rothermund gesehen und konnten thematisch gut mitreden. Ich fand es ein bisschen schade, weil sie einem das Gefühl gaben, dass sie eigentlich schon alles über diese Geschichte wissen. Denn mein Roman zeigt das Geschehen ja von einer besonderen, so noch nie thematisierten Warte. Trotzdem waren sie sehr aufmerksam und neugierig. Ich habe ganz bewusst ein Kapitel gelesen, in dem es um die Freiheit geht, worin Hans Scholl Alexander Schmorell seinen Standpunkt klar macht, was er unter der persönlichen Freiheit versteht, auch auf der politischen Ebene. Die Studenten um die „Weiße Rose“ hatten ja, kurz vor ihrer Verhaftung, mit Teerfarbe meterhohe Graffiti an die Wand der Münchener Universität gemalt. Das stand dann lange da, in großen Buchstaben, das Wort Freiheit. Darum geht es in dem besagten Kapitel in meinem Roman. Das habe ich ausgesucht, weil es vor Jahren in Kuba einen Fall gegeben hat, wo Studenten sich ein Boot gebaut hatten und nach Miami übersetzen wollten. Sie wollten fliehen aus Fidel Castros Land und sind aufgegriffen worden. Einige dieser Studenten sind zum Tode verurteilt und hingerichtet worden. Ich dachte mir, die Sache mit der Freiheit ist in Kuba schon eine zwiespältige. Einerseits hat die Revolution sie von der Diktatur befreit – aber was ist jetzt aus diesem Sozialismus geworden, wie ist das einzuschätzen? Man kann jetzt nicht unbedingt ein kritisches Bewusstsein erwarten, aber ich hatte schon das Gefühl während meiner Lesung, dass die kubanischen Studenten – alles Leute zwischen Anfang und Mitte Zwanzig – natürlich sehr, sehr einverstanden mit dem Tun der „Weißen Rose“ waren und das auch sehr bewunderten, aber eben für sich entschieden haben, sie hätten in ihrem Land die Freiheit vollständig erreicht, alles sei in Ordnung. Das fand ich sehr schade, dass es gar keine Bereitschaft gab, über das, was Hans Scholl da zu Recht formuliert, noch einmal in anderer Weise nachzudenken und es auf sich und ihre eigene Situation zu beziehen. Da habe ich vielleicht zu viel erwartet…

HAMCHA: …hatten Sie eine konkrete Erwartung an die Studenten?

Jutta Schubert: Nein, eigentlich nicht, aber ich hätte mir gewünscht, ganz persönlich, dass sie ein bisschen nachdenklich werden, darüber, was Freiheit eben sein kann, was es heißt, in einem freien Land zu leben und sich Gedanken zu machen, ob bei ihnen eben auch alles so ist, wie sie es sich vielleicht wünschen oder ob es vielleicht Mängel gibt in diesem System. Nicht unbedingt, dass sie das thematisieren würden, aber man kann es ja an den Gesichtern ablesen, ob die Menschen eher nachdenklich sind oder ob sie eher sehr zustimmend sind. Ich hatte das Gefühl, die waren völlig begeistert von den in Anführungsstrichen „Helden“ der Weißen Rose, aber das hat so gar nichts mit ihnen zu tun. Und das fand ich eben sehr schade.

HAMCHA: Könnte es sein, dass die eben fehlende Freiheit sie an spontanen Äußerungen, vielleicht auch am Herstellen systemkritischer Bezüge gehindert hat?

Jutta Schubert: Ja, ich denke schon, dass das auch ein Grund sein könnte, auf alle Fälle. Aber ich bin sehr froh, dass ich diese Veranstaltung dort machen konnte, es war insgesamt eine große Bereicherung für mich und ich denke auch für die Studenten dort. Simone Barrientos, die Verlegerin vom Kulturmaschinen-Verlag und ich haben einige Exemplare des Buches dort gelassen, für die Bibliothek. Man kann es sich jetzt dort ausleihen und man kann es lesen und ich hoffe und wünsche mir, dass einige der Studenten das auch tun werden und dass ihnen die Lektüre die Situation auch auf eine andere Weise nahe bringt.

HAMCHA: In diesem Buch „Zu blau der Himmel im Februar“ geht es um die Rolle Alexander Schmorells innerhalb der Widerstandsgruppe „Weiße Rose“. Alexander Schmorell wurde nach seiner vergeblichen Flucht in München verhaftet, vor den „Volksgerichtshof“ gestellt und zum Tod durch das Fallbeil verurteilt. Das liegt jetzt ziemlich genau 70 Jahre zurück, seine Hinrichtung war am 13. Juli 1943. – Sie haben bereits ein Stück über die „Weiße Rose“ geschrieben, das unter der Regie von Michael Stacheder in München uraufgeführt wurde. Welchen Bezug haben Sie zu den Aktionen der Widerstandsgruppe „Weiße Rose“?

Jutta Schubert: Ich beschäftige mich insgesamt auch in meiner Theaterarbeit, ich bin ja auch Theaterregisseurin, genauso wie in meiner Literatur immer wieder auch mit dem Faschismus, mit dem Nationalsozialismus, mit der Judenverfolgung, mit all den Themen, die das umkreisen und umreißen. Ich weiß nicht, wieso ich auf die „Weiße Rose“ gekommen bin. Ich habe natürlich auch diese Münchener Studenten immer sehr bewundert, hab darüber ehedem in der Schule ein bisschen was gehört und das dann, wie alle anderen auch, vergessen. Mitte der 90er Jahre bin ich, plötzlich eigentlich, aus eigenem Antrieb darauf gekommen, dass ich diesen ganzen Fall recherchieren wollte. Ich habe dann insgesamt über zwei Jahre recherchiert, bin viel in München gewesen, habe alle Augenzeugen und Zeitzeugen, die noch am Leben waren, aufgesucht und befragt. Ich habe mit vielen, vielen Menschen gesprochen, die noch aus dem engeren Umfeld der „Weißen Rose“ kamen oder eben Verwandten und Freunden. Ich bin auch in Berlin gewesen, habe dort die Prozessunterlagen studiert, saß da tagelang im Archiv und habe alles akribisch gelesen. Das war in den 90ern noch gar nicht so einfach wie heute. Gerade kürzlich wurden die Prozessakten in Buchform veröffentlicht und so nun der Öffentlichkeit leicht zugänglich gemacht. Ich durfte mir damals mit Müh und Not ein paar Kopien von einigen Seiten machen und habe ansonsten handschriftliche Notizen gemacht. Ich musste mich mit dem besonderen Grund, dass ich ein Theaterstück schreiben wollte, für die Einsicht der Akten anmelden. Vor mir hatten sich nur einige Familienmitglieder in das Anwesenheitsbuch eingetragen, außerdem Historiker und Michael Verhoeven etwa, der in den 80er Jahren den berühmten ersten deutschen Film über die Widerstandsgruppe gemacht hat. Die Prozessakten waren ehedem bei der Stasi unter Verschluss und nach dem Mauerfall überhaupt erst wieder aufgefunden worden. Ich habe diesen ganzen Fall recherchiert, mit vielen, vielen persönlichen Gesprächen und danach hatte ich ein riesiges Wissen über den ganzen Fall und habe darüber ein Theaterstück geschrieben, über die gesamte Gruppe, vor allem die sechs Personen, die hingerichtet worden sind und über die Entstehung der Gruppe, über die Freundschaften in der Gruppe, über die Menschen eben. Es ist mir hauptsächlich um die Menschen gegangen, warum sie das gemacht haben, aber auch um das Wie. Wie es sein kann, dass junge Menschen, Anfang Zwanzig, sich aufmachen, ganz privat gegen diesen Staat, gegen dieses System aufzubegehren und zu versuchen, etwas zu tun. Das hat mich immer begeistert und daraus ist das Stück entstanden. Das ist auf einigen öffentlichen Lesungen vorgestellt worden, auch beim Heidelberger Stückemarkt. Es war, bzw. ist noch immer in München im Theaterstückverlag Korn-Wimmer verlegt, wo es der junge Münchner Regisseur Michael Stacheder Anfang des neuen Jahrtausends auffand und sich entschloss, es in München zu inszenieren. Er hat es dann 2004 in München in der Reithalle mit seinem Jungen Schauspiel Ensemble München herausgebracht. Die Besetzung bestand aus jungen Schauspielern, die im Alter der Menschen der „Weißen Rose“ waren. Stacheder hat es bis heute im Repertoire, er spielt es noch immer, auch vor Schulklassen. Ich bin aufgrund der Recherche für dieses Stück auf die Geschichte von Alexander Schmorell gestoßen, die mich nicht mehr los gelassen hat. Auch die Tatsache, dass er nach der Verhaftung von Hans und Sophie Scholl auf die Flucht gegangen ist und eigentlich der Einzige war, der es hätte schaffen können, der hätte herauskommen können aus dem Land. Er hätte eine Chance gehabt, das Ganze zu überleben, hat es aber dann, aufgrund von vielen, vielen Umständen, nicht geschafft. Das hat mich sehr bewegt und ich hatte über das Stück hinaus das Bedürfnis, darüber etwas zu schreiben. So ist dann im Laufe von Jahren der Roman entstanden.

HAMCHA: Aus welchem Grund ist Alexander Schmorell auf seiner Flucht nach München zurückgekehrt?

Jutta Schubert: Er musste, er hatte keine andere Wahl. Er war in der Straßenbahn unterwegs, auf dem Weg zur Universität, an diesem 18. Februar, genau vor 70 Jahren, als Hans und Sophie Scholl verhaftet wurden. Er erfuhr davon in der Bahn von einem Kommilitonen, und begab sich unmittelbar auf die Flucht, es blieb ihm gar nichts anderes übrig. Seine Flucht dauerte etwa acht Tage. Es gab einige private Freunde, die nicht zur „Weißen Rose“ gehörten, die ihn versteckt haben, die versucht haben, ihm zu helfen. Er ist weg gefahren aus München. Er hat versucht, über die Berge in die Schweiz zu entkommen, aber es lag zu viel Schnee. Dann wollte er sich nach Österreich durchschlagen, um dort eventuell in einem Lager russischer Kriegsgefangener unterzutauchen, bis zum Kriegsende. Er hatte verschiedene Pläne, die sind aber alle gescheitert. Im Endeffekt stand er nach einigen Tagen völlig mittellos, ohne Geld, ohne jegliche Perspektive wieder am Bahnsteig. Er hatte keine Wahl, er musste nach München zurück. Es gab niemand, den er kannte, der ihn woanders hätte verstecken können. Alle Grenzen waren geschlossen, sein Steckbrief hing ja überall, nach der Verhaftung von Hans Scholl. So kam er eben nach München zurück und sah seinen Steckbrief überall hängen. Er hat sich dann noch eine Nacht durchschlagen können, am nächsten Tag war dann Luftalarm und in einem Luftschutzkeller hat ihn eine Bekannte erkannt und sofort denunziert.


HAMCHA: Die Geschwister Scholl waren ja Menschen, die eine christlich-bürgerliche Sozialisation und Identität hatten, aus der heraus sie ihren Widerstand gegen Hitler organisierten, bzw. aus der heraus sie die Kraft dafür schöpften. – Inwiefern war Alexander Schmorell anders?

Jutta Schubert: Alexander Schmorell hat eine russische Mutter gehabt. Bei der ist er nicht aufgewachsen, die ist jung gestorben. Er ist bei seinem Vater in München aufgewachsen, der Vater war Arzt. Schmorell war Deutscher aber die Mutter war Russin, er sprach perfekt Russisch und hat sich immer zwischen den Kulturen gefühlt. Er hat immer gesagt: „Ich bin eigentlich kein Deutscher, ich bin ein Russe, meine Seele ist russisch und ich habe mit den Deutschen eigentlich nichts zu tun und so ist das nationalsozialistische System auch nicht mein System, das ist auch nicht mein Staat und ich kann und will für diesen Staat nicht kämpfen.“ Das war so ein Rückzugsmoment, diese halbrussische Identität. Es blieb ihm allerdings nicht anderes übrig, als in die Studentenkompagnie eingezogen zu werden und auch den Fahneneid leisten zu müssen. Er wollte den Fahneneid verweigern, das ging natürlich nicht, aber er hat tatsächlich versucht, dies zu tun, mit der Begründung, dass er ja eigentlich kein Deutscher sei. Natürlich haben sie ihn dazu gezwungen. Im Grunde seines Herzens war Alexander Schmorell absoluter Pazifist. Er hat nicht geschossen, hat niemals einen einzigen Schuss abgegeben. Er hat sich geweigert zu schießen, er wollte nicht schießen, obwohl er Soldat war. Er hat keinen Sinn darin gesehen. Er hat zum Beispiel gesagt, „Ich habe keinen Feind und ich lass mir auch keinen einreden!“ Sein Kampf gegen den Nationalsozialismus kommt nicht aus diesem bürgerlichen, christlichen Lager, wie Sie zu Recht sagen, sondern kommt aus seinem pazifistischen Gedanken, aus einer sehr starken Identität. Er wollte eigentlich Künstler werden, er hat sehr schön gemalt und gezeichnet, wurde aber von seiner Familie gedrängt, Medizin zu studieren, um auch Arzt zu werden. Er hat versucht, sich eine individuelle Freiheit zu bewahren. Pazifismus war sein Hauptmotivationsgrund. Er hat sich sehr stark mit Literatur beschäftigt, mit der deutschen und mit der russischen Literatur. Darin hat er seine Schwerpunkte gesehen. Da nach der Bücherverbrennung ganz viel Literatur in Deutschland verboten war, waren das alles schon Gründe genug für ihn, gegen das System anzugehen.

HAMCHA: In vielen Ihrer Stücke und Romane beschäftigen Sie sich mit gesellschaftskritischen Themen. Auf Ihrer Website ist mir eine Aussage ins Auge gesprungen, die ich besonders bedenkenswert finde. Sie sprechen von einer Diskrepanz zwischen Kunst und Leben. Was meinen Sie damit?

Jutta Schubert: Ich befinde mich quasi persönlich in dieser Diskrepanz, das ist so ein Lebenskonflikt, den ich mir entweder ausgesucht habe, oder er hat sich mich ausgesucht. Ich finde es schwierig, das Leben und die Kunst in Einklang zu bringen. Ich bin sehr stark in Theaterarbeit eingebunden, die ein großer Zeitfresser ist, wo man sich immer wieder auf Menschen, auf Projekte, auf Themen, auf Texte einlassen muss. Auf der anderen Seite gibt es die Literatur, wo man eben am Schreibtisch sitzt, allein. Das braucht man auch, dieses Alleinsein, um Texte zu schreiben. Das ist eine sehr intensive Tätigkeit, eine sehr intensive Beschäftigung mit imaginären Welten. Auch wenn man sich mit gesellschaftlichen und historischen Themen beschäftigt, werden dann doch für ein Theaterstück, für eine Inszenierung, für einen Roman oder eine Erzählung fiktive Welten daraus. Da muss man sich hinein begeben, das nehme ich auch alles sehr ernst und es erfordert ein hohes Einfühlungsvermögen. Dann denke ich immer, man lebt größtenteils seine Kunst und auf der anderen Seite ist das Leben, da stehen der Alltag und die Dinge, die man selbst noch tun will oder muss. Dazwischen eine Balance zu finden, ist nicht immer einfach, finde ich.

HAMCHA: Wenn Sie von dieser Diskrepanz sprechen, meinen Sie damit eine, die Sie ganz persönlich betrifft, die nicht grundsätzlich jeder hat, sondern eine, die Sie erleben?

HAMCHA art integration Heinz Michael Vilsmeier
ESHOR-QB-2000-Wannsee

Jutta Schubert: Ja, das ist es, was ich ganz persönlich erlebe und empfinde, diesen Zwiespalt. Man kann natürlich dazu auch noch viele andere Dinge sagen, man kann fragen: „Was bewirkt denn Literatur oder was bewirkt denn Theater überhaupt in unserer Gesellschaft? Kann man damit überhaupt irgendetwas bewirken?“ Das wäre auch eine Frage der Diskrepanz. Ich lebe hier in Wiesbaden zum Beispiel in einer Siedlung, wo ich weiß, dass die allerwenigsten Menschen um mich herum in den Häusern in der unmittelbaren Nachbarschaft jemals ins Theater gehen oder viele Bücher lesen. Ob hier jemals jemand meinen Roman lesen wird, hier in der Siedlung, das halte ich für fragwürdig. Die Menschen haben so ihr Leben, sie kommen nach Hause, sie kochen sich was und sie setzen sich vors Fernsehen und sie sind vollkommen ausgefüllt von ihrem Leben und sie fühlen sich schon gestört, wenn sie schlimme Zusammenhänge im Fernsehen, in den Nachrichten ertragen müssen. Was kann hier die Kunst tun? Kann ich jemanden auf bestimmte Problemfelder aufmerksam machen, indem ich einen Roman schreibe oder ein Stück inszeniere? Da ist auch eine Diskrepanz zwischen Leben und Kunst, die mich umtreibt. – Wie viele Menschen erreicht man mit einem Theaterstück, mit einer Inszenierung? Letztes Jahr habe ich in Naumburg an der Saale ein Stück inszeniert, das war immer ausverkauft, das haben am Ende tausend Leute gesehen. Das ist natürlich ein Witz im Verhältnis dazu, wie viele man mit dem Fernsehen erreicht oder wie viele das Kino erreicht. – Wie viele Menschen lesen heute noch einen Roman? Noch dazu einen mit einem Thema, wo es nicht um eine Liebesgeschichte geht oder den man nicht einfach als reine Unterhaltung bezeichnen kann. Was passiert da überhaupt gerade in unserer Gesellschaft? Das ist auch eine Diskrepanz. (zur Übersicht / bitte weiterlesen)

Das Gespräch führte Heinz Michael Vilsmeier

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