Florian Söllner

Heinz Michael Vilsmeier: Über die Gründe für das Veröffentlichen von Gesprächen

Es gibt Gespräche, die sich durch ihre Schönheit in einen Gesang transformieren und zum Kunstwerk werden. – Woraus beziehen sie ihre Ästhetik?

Bisher sind es vier Gespräche, die ich auf HAMCHA Menschen im Gespräch veröffentlichen konnte. – Im ersten war Thomas Goppel, ein bayerischer Politiker, mein Gesprächspartner. Goppel ist ein Mensch, dessen politischen Positionen ich nicht teile, die mir teilweise sogar zuwider sind und die ich politisch bekämpfe. Trotzdem war es ein schönes Gespräch, das ich mit ihm führen durfte und somit wert, auf HAMCHA veröffentlicht zu werden. – Warum?

Es ist die darin sichtbar werdende Authentizität Goppels, die dem Politprofi in einer Situation der Unaufmerksamkeit quasi widerfahren ist. Er war, soviel darf ich verraten, richtig sauer, als er später las, was er gesagt hatte – zu Frauen, zu Schwulen, zu „Fremdarbeitern“…. Umso mehr zolle ich ihm Respekt dafür, dass er nach mehreren Wochen des Korrekturlesens lediglich vier oder fünf Formulierungsänderungen vorschlug, deren Annahme er mir anheim stellte. – Eine Geste, die ihm merklich schwer fiel, wohl weil er wusste, dass er für seine Statements auch innerhalb seiner eigenen Partei ans Kreuz genagelt werden könnte. Immerhin läuft in Bayern gerade der Wahlkampf an und Goppel bezeichnete es in dem Gespräch als seinen größten politischen Erfolg, Horst Seehofer von der Richtigkeit der Einführung von Studiengebühren überzeugt zu haben. (Aktuell will dieser nichts mehr davon wissen, wohl weil ihm sein politischer Instinkt sagt, dass die Einführung der Studiengebühren eine jener politischen Entscheidung ist, die die CSU die Regierungsfähigkeit kosten könnten.)

Das zweite Gespräch mit den jungen Liedermachern Florian Söllner und Robert Rausch bezieht seine Ästhetik vor allem daraus, dass es Schlaglichter auf zwei äußerst unterschiedliche Menschen wirft, die sich in ihrer Agonie mit den Dingen zusammentun. Es ist aber nicht das Sichtbarwerden der Agonie, was die Schönheit des Gespräches ausmacht, sondern die greifbar werdende Kreativität, die daraus entspringt. Das Gespräch wirkt auf mich wie eine sporadische Aneinanderreihung von Videoclips, deren Kontext erst an dessen Ende erkennbar wird. Einige der Szenen bewirken eine hilflose Betroffenheit, die aber nicht zurückbleibt, wohl deswegen, weil die Aufbruchstimmung der Beiden sie wegwischt.

Die Begegnung mit Giora Feidman entfaltet eine ganz eigene ästhetische Dynamik, die ausschließlich von meinem Gesprächspartner ausgeht. Vorgesehen war ein 10-minütiges Interview, für dessen Zustandekommen ich die Zusage Giora Feidmans schon als Glücksfall empfand. Es sollte gegen 15 Uhr in einem Hotel in Staffelstein stattfinden, demselben Hotel, in dem Konstantin Wecker zur gleichen Zeit wohnte. Mit ihm war ich für 11 Uhr zu einem kurzen Interview verabredet. Wir trafen uns zum Frühstück, andere waren anwesend. Anschließend zogen wir uns auf die Terrasse des Hotels zurück, das „kurze Interview“ endete nach zweieinhalb Stunden. Ich sagte, ich müsse jetzt Schluss machen, weil ich mit Giora Feidman verabredet sei. Konstantin war’s recht so, er wollte mit Freunden noch einen Ausflug unternehmen, sie warteten schon. Als wir uns verabschiedeten, wies er mich darauf hin, dass Giora am Nachbartisch Platz genommen hatte. – Zu erwähnen wäre noch, dass er, wie ich später erfuhr, während der anschließenden Autofahrt geäußert habe, er habe über einige der im Interview angesprochenen Aspekte noch nie in der Weise nachgedacht.

Eigentlich war das „Gespräch“ mit Giora Feidman eine platonische Angelegenheit. Ich fühlte mich wie Elenchos im Dialog mit Sokrates. Der Vergleich hinkt, da Feidman mich nicht instrumentalisierte, provozierte Statements abzugeben, die er leicht hätte widerlegen können, um so seine Überlegenheit zu beweisen. Nach wenigen Minuten beschloss er Gedanken zu äußern, die zu erfragen mir nicht in den Sinn gekommen wäre. Ich ließ ihn gewähren, was sicherlich klug war. Ich kannte Giora Feidman nicht persönlich, lediglich einmal hatte ich ihn life erlebt, Anfang der 80er Jahre, in einem Konzert in der Berliner Philharmonie.


Seither war mir der Klang seiner Klarinette nicht mehr aus dem Kopf gegangen, wobei die Formulierung „aus dem Kopf gegangen“ es nicht trifft, weil dieser Klang einen ganz erfasst. Wer Giora Feidmans Klarinette einmal vernommen hat, ist geimpft, wird lebenslänglich immun gegen, wie Feidman es nennt, „performte“ Musik. So war es mir ergangen, dafür war ich ihm dankbar, seit jenem Konzert vor mehr als 30 Jahren. Nun saß er mir gegenüber und erklärte nicht nur den Ursprung jenes Klangs, sondern auch sich selbst. Die Schönheit dieses Gespräches liegt darin, dass es nicht nur die Quellen seiner Inspiration, sondern auch die Farben seiner Seele offen legt. Nach eineinhalb Stunden gingen wir auseinander und waren erschöpft. Beide. Die Wirkung des Gespräches, das ich umgehend transkribierte, war noch nach Wochen akut. Eine Begegnung dieser Intensität hatte ich vorher nur einmal erlebt, in den 70er Jahren, mit Willy Brandt.

Schließlich muss ich noch das vierte Gespräch erwähnen, das mit Florian Ernst Kirner, alias Prinz Chaos II, einem mir bis dahin völlig unbekannten jungen Liedermacher. – Es kam zur rechten Zeit, reanimierte es doch ersterbende Interessen, denen ich in einer früheren Phase meines Lebens, einer Epoche politischen und publizistischen Engagements, in extenso nachgegangen war. Irgendwann in den 80er Jahren hatte ich diese Interessen lebendig begraben. – In der Verbindung mit einer jungen Frau und einem kleinen Kind war gerade der Wunsch nach einem Neubeginn virulent geworden, ich hatte bereits daran gedacht, diese Interessen wieder aufleben zu lassen.

Die Begegnung mit Kirner hatte für mich insofern eine besondere Wirkung, vergleichbar der eines Defibrillators. Es war nicht nur die Offenheit meines Gesprächspartners, die den Anstoß gab, es war vor allem der Umstand, dass er mich an mein früheres Ego erinnert. Jahrelang hatte ich mich immer weiter davon entfernt. Allerdings hatte ich mir die Fähigkeiten des Hinsehen- und Hinhörenkönnens bewahrt. Ich hatte sie lediglich geschäftlichen Gesprächen genutzt. Die Erfahrung, dass Unternehmer und Geschäftspartner sich mir sehr persönlich anvertrauten, begleitete mich ständig. Warum also diese kommunikative Kompetenz nicht wieder publizistisch nutzen und schreiben? Ohnehin hatte ich letzteres jahrelang für die Schublade getan.

Mehrere Probleme ergeben sich da, abgesehen von den monetären Aspekten. – Es gibt keine Redaktion, die sich für ausführliche Gespräche interessiert. Das publizistische Format „Interview“ ist zielgerichtet, will eine bestimmte Information, dient der Recherche, folgt dem Diktat der Verwertbarkeit, der Aktualität und der Analyse von Zusammenhängen. Ein 30-Seiten-Interview mit einer relativ unbekannten Person ist da nicht zielführend, es hat nicht unbedingt Nachrichtenwert. – Andy Warhols Interviewmagazin der 70er Jahre war, soweit mir bekannt, das einzige publizistische Projekt, das jemals den Versuch unternahm, sich den Gesetzmäßigkeiten des Journalismus zu entziehen, sehr radikal übrigens.

Dass ich das Gespräch mit Giora Feidman aus einer Mischung aus Englisch, Spanisch, Deutsch, Jiddisch und Hebräisch in eine Fassung übertrug, die „lesbar“ ist, bedauere ich beinahe. Mein erster Gedanke war, es literal zu publizieren, getreu Andy Warhols Credo. Doch ein solches Vorgehen wäre möglicherweise (noch) unbekömmlich gewesen und hätte den Kreis möglicher Leser allzu sehr eingeengt. – Vielleicht kommt der geeignete Moment, in dem Leser ein buchstabengetreu präsentiertes Gespräch lesen wollen. – Mein Bedauern in Bezug auf das Gespräch mit Giora Feidman ist deswegen so groß, weil jede Form journalistischer und sprachlicher Bearbeitung Authentizität eliminiert. Wir benutzen eben Wiederholungen, abgebrochene Sätze und Partikel, das macht gesprochene Sprache aus. Einen Interviewtext publizierbar zu machen, bedeutet ihn zu glätten und grammatikalisch in die richtige Form zu bringen. Es bedeutet aber auch, dem Gesagten Ecken und Kanten abzuschleifen, durchscheinende Gedanken und Gefühle, eben das Unausgesprochene, zu löschen. Nicht nur die Atmosphäre einer Begegnung geht dadurch verloren, auch Inhalt. – Das ist es, was ich Ihnen bei HAMCHA Menschen im Gespräch ersparen möchte. Ich hoffe, Sie werden dieses publizistische Experiment lange begleiten, circa 50 spannende Gespräche stehen bereits zur Veröffentlichung bereit.

Heinz Michael Vilsmeier



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