Bayerischer Rundfunk

Peter Mühlen schreibt: Aus reiner Eitelkeit habe ich mich ‘verjüngt’!

HAMCHA art integration, Heinz Michael Vilsmeier
Album Peter Mühlen – das erste Interview im letzten

Peter Mühlen schreibt: Ich kenne Sissy seit genau 1974. Bei Theaterproben zu zwei Einaktern von Ludwig Thoma haben wir uns kennengelernt. Fotos dazu sind in diesem Album. Das kann sie ja nicht alles wissen. – Können Sie meine Schrift lesen? Wenn Sie wollen und mich nicht fix und fertig machen, stellen Sie x-beliebige Fragen und ich bemühe mich, sie zu beantworten. – Meine Frage an Sie ist, was soll das werden?

HAMCHA:  Peter Mühlen, ich bin heute zu Ihnen gekommen, weil wir verabredet hatten, ein Gespräch über Ihr Leben und Wirken zu führen. Als ich hier eintraf, waren Sie nicht in der Verfassung, das zu tun. Es geht Ihnen momentan sehr schlecht, ich glaube, Sie sind sehr verzweifelt. Wenn ich Ihr Werk betrachte, assoziiere ich die Charakterisierung „Meister der Stimme, Meister des Wortes“. Sehen Sie sich damit zutreffend beschrieben?


Peter Mühlen schreibt: Ich habe als Autor und Sprecher im Bayerischen Rundfunk schon für alle Abteilungen Manuskripte geschrieben und größtenteils selbst gesprochen: Komponistenbiografien, Sängerportraits und Kurzgeschichten (zeige ich Ihnen gleich) für alle Abteilungen außer Politik und Sport. Sogar für den Kirchenfunk „Besuch am Krankenbett“. Vieles habe ich noch auf Tonbändern und Cassetten. Einen Moment bitte, Sie finden unter den fotografierten Seiten einen Artikel der Münchner AZ mit dem Titel „Krankhaft ehrlich“. Klingt vielleicht übertrieben, ist aber nicht gelogen! Moment bitte.

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Album Peter Mühlen – Moderator, Musik- und Filmkritiker beim BR

HAMCHA: Ich sammle Porträts exzellenter Persönlichkeiten und habe festgestellt, dass dieses Vorhaben Strukturierung erfordert, eine Unterscheidung nach Musikern, Kabarettisten und Schauspielern, Unternehmern, Politikern und vor allem Persönlichkeiten ist erforderlich. Wenn man Menschen gerne zuhört, muss man sich ihnen fragend nähern, ihr Vertrauen gewinnen und erleben, wie sie sich öffnen. Es soll kein Who-is-who werden, das aus PR-Texten besteht. Ich glaube, das ist in den vorangegangenen Gesprächen mit Sissy Engl ganz gut gelungen. Durch Sissy bin ich auf Sie aufmerksam geworden. – Sie hatten eine sehr schwierige Kindheit, warum war ihr Kindheit so schwer?

Peter Mühlen schreibt: Meine Mutter war allein erziehend und überfordert. Ich war der Jüngste von sieben Kindern von drei unterschiedlichen Vätern. Es war eine „Weiberwirtschaft“, alle hackten auf dem „Kleinsten“ herum, bis zu deren Tod. Manchmal hat sie mich als zehnjährigen aus nichtigen Gründen, zum Beispiel einem Riss in der Hose, mit einem „spanischen Rohr“ so geschlagen, dass ich Wochen nicht sitzen konnte. Genug. Als Kind des 2. Weltkriegs war ich zwei Mal total ausgebombt, zwei Halbbrüder sind 1943 und 1944 in Russland gefallen. Ich könnte jetzt weiter davon erzählen aber wenn Sie John Steinbecks „Jenseits von Eden“ kennen, im Film mit James Dean und Raymond Mass, dann ist das nicht notwendig.

HAMCHA: Sie sagen, Ihre Mutter war überfordert. Sie war Schauspielerin und Sie konnten in Ihrer Kindheit nicht bei ihr sein.

Peter Mühlen schreibt: Meine Mutter war Volksschauspielerin, damals sagte man Volkssänger oder Komiker. Sie hat mich insgesamt drei mal in ein „Heim“ gesteckt. Einmal in München, einmal in Grunertshofen bei Augsburg und einmal ins Gut Karlshof bei Ismaning. …

HAMCHA: … waren es kirchliche Heime, in denen Sie untergebracht wurden?

Peter Mühlen schreibt: Ein kirchliches, Grunertshofen, das war katholisch.

HAMCHA: Sie haben sehr darunter gelitten, dass Sie immer wieder in Heime abgeschoben wurden. Wie haben sie diese traumatischen Erfahrungen so verkraften können, dass Sie Ihre Talente entwickeln konnten?

Peter Mühlen schreibt: Trotz allem wäre ich lieber zu Hause gewesen, denn anhänglich war ich ja. Liebebedürftig! Wie in dem Film „Jenseits von Eden“ war mein Antrieb Liebe zu finden und Anerkennung. Und weil alle künstlerisch tätig waren, Mutter hat kurzzeitig einmal mit Valentin gespielt, angeblich weil Karlstadt krank war.

Meine Mutter war kein Star, also nicht berühmt, obwohl eine Postkarte mit ihrem Bild im Valentinmuseum hängt. Mein Vater wäre wohlhabend gewesen, ein Nachkomme der Asam Brüder. Aber den habe ich nur einmal im Leben gesehen, da war ich etwa zwei Jahre alt.

HAMCHA: Haben Sie Ihren Vater als Kind sehr vermisst?

Peter Mühlen schreibt: Ja.

HAMCHA: In dem Buch „Persönlichkeiten in München“ gibt es folgenden Eintrag, Zitat:

Mühlen, Peter: Schauspieler, Musikredakteur und Moderator, geb. 4.10.1939 in München.

Ist das Geburtsdatum 4.10.1939 korrekt?

Peter Mühlen schreibt: Mein Geburtsdatum ist der 4.10.33, das war bis heute ein Geheimnis. Aber in meinem jetzigen Zustand ist es mir Wurst!

HAMCHA: Warum haben Sie Ihr Geburtsdatum geändert?

Peter Mühlen schreibt: Warum geändert? – Ich sah immer jünger aus. Aus reiner Eitelkeit habe ich mich „verjüngt“!

HAMCHA: Haben Sie Ihrer Mutter Vorwürfe gemacht, dass sie ihrem Beruf als Schauspielerin Ihnen gegenüber immer wieder den Vorzug gab und ihren Beziehungen nachgegangen ist?

Peter Mühlen schreibt: Im Gegenteil. Weil sie nicht so erfolgreich war, wollte sie, dass ich etwas Gescheites lerne. Ich fing als Kaufmann an, vier Wochen, als Konditor oder Koch war keine Lehrstelle frei. Aus Verlegenheit wurde ich dann Kellnerlehrling im Fränkischen Weinhaus zur Torggelstube, einem der drei führenden Speiselokale in München, wo ich viele wirklich große Stars kennen lernte. Obwohl mich der Beruf nie interessierte, bekam ich als bester Schüler des Hauses nach drei Jahren Lehrzeit von Dr. Anton Fingerle, jahrzehntelang eine Münchner Berühmtheit, eine Auszeichnung überreicht!

HAMCHA: Wie haben Sie den Schritt zur Schauspielerei vollzogen?

Peter Mühlen schreibt: Mit zwölf Jahren habe ich schon angefangen, nebenbei Klavier zu lernen. Mit etwa 18 wurde ich dann in die Falkenberg-Schule aufgenommen. Aber tagsüber als Piccolo zu rennen wie ein Blöder und abends Schauspielschule, Entschuldigung, genau umgekehrt, das ging nicht. Als ich etwa 20 war, hatte ich auch Gesangsunterricht.

HAMCHA: Wie konnten Sie den Schauspielunterricht finanzieren?

Peter Mühlen schreibt: Ich habe alles aus eigener Tasche bezahlt und musste zu Hause noch etwas abgeben. Darum konnte ich nur einmal die Woche Schauspielunterricht nehmen. Es kostete 5 DM, so billig war das! Meine Gesangslehrerin hielt mich für so talentiert, dass sie mir den Unterricht nach kurzer Zeit umsonst gab. Dafür musste ich anderen Schülern in ihrer Wohnung „Anstand- und Benehmensunterricht“ geben. Später ging ich dann zur Deutschen Schlafwagengesellschaft, DSG oder auch MITROPA, da hatte ich dann immer mehrere Tage frei und auch mehr Geld.

HAMCHA: Wann hatten Sie Ihr erstes großes Engagement?

Peter Mühlen schreibt: Mit „groß“ fing es bestimmt nicht an! Anfangs waren da nur Schüleraufführungen, Statisterie im Residenztheater, noch unter Fritz Kortner, und Komparsenrollen, beziehungsweise Röllchen, beim Film.

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Album Peter Mühlen, Der Jäger von Fall

HAMCHA: In einer Filmographie bei IMDB ist der Heimatfilm „Der Jäger von Fall“ von 1956 unter der Regie des Filmveteranen Gustav Ucicky erwähnt, in dem Sie den Wilderer Göri spielten. War das Ihre erste Filmrolle?

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Album Peter Mühlen in “Der Bettelstudent”

Peter Mühlen schreibt: Nein, die hatte ich im selben Jahr in der „Der Bettelstudent“, einem Operettenfilm.

HAMCHA: 1964, also nach einer langen Pause, folgte dann „Der Bürgermeister“. Was war das für ein Film?

Peter Mühlen schreibt: Das war ein Fernsehstück mit Beppo Brem, Enzi Fuchs und Karl Peukert, in dem ich den Bürgermeister Hermann Moosammer spielte. Aber die Namen kennen Sie wahrscheinlich nicht, denn so alt sind Sie noch nicht. Alt ist natürlich relativ.

HAMCHA: Das stimmt, Alter ist relativ. Die Namen kenne ich aus meiner Kindheit, in der ich einige dieser Filme gesehen habe. Aber dann kam eine sehr, ich sage einmal, interessante Phase, die gegen Ende der 60er Jahre begann. Da wurden plötzlich viele Sexfilme gedreht. Wie erlebten Sie diese Zeit als Schauspieler?

(lesen Sie bitte den letzten Teil des Gesprächs)

Das Gespräch führte Heinz Michael Vilsmeier

 

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