Aufbruch jetzt!

Thomas Bauer: Kulturwald, Konzerthaus

“Ideen müssen sich manifestieren”

Thomas Bauer, Bariton, Erfinder Kulturwald / Festspiele Bayerischer Wald
Prof. Thomas Bauer (Pressefoto)

Professor Thomas Bauer ist ein international renommierter Bariton, Festspielleiter und künftig wohl auch Intendant eines visionär konzipierten Konzerthauses in einer kleinen Gemeinde im Oberpfälzer Landkreis Cham. Gemeinsam mit seiner Frau, der Pianistin Uta Hielscher, erfand Professor Bauer vor wenigen Jahren die Festspiele Bayerischer Wald. “Der Kulturwald ist”, so Bauer, “in kurzer Zeit zu einer der bekanntesten Marken des Bayerischen Waldes geworden.“

Kultur ist für Professor Bauer auch Standortfaktor. In der strukturschwachen Region zwischen Donau und Moldau ist dieser Gedanke  man-chem unverständlich. Doch gerade hier, wo die Wunden

der Vergangenheit noch immer nicht ganz geheilt wurden, könnte Kultur noch mehr sein, als “nur” Standortfaktor. Erinnert sei an die Rede des Ministerpräsidenten der Tschechischen Republik, Petr Nečas, vor dem Bayerischen Landtag im Februar 2013. Seine Gedanken treffen sich in vielerlei Hinsicht mit den Ausführungen Professor Bauers, der Musik eine besondere Rolle beim Zusammenwachsen der Menschen in der Region zumisst. Sie habe  die Eigenschaft, sagt er, die Gefühle der Menschen anzusprechen und so Grenzen und sprachliche Barrieren zu überwinden.


Thomas Bauer: Die Menschen werden heillos unterschätzt.

HAMCHA: „Kulturwald“ steht für die „Festspiele Bayerischer Wald“. Was hat Sie, Prof. Bauer, dazu veranlasst, dieses einzigartige Kulturprojekt ins Leben zu rufen?

THOMAS BAUER: Ich bin Hiesiger, in Metten geboren und im Perlbachtal bei Deggendorf aufgewachsen. Es ist Glück und ein Privileg, wenn man sich in der Welt der großen Musik, der alten Sprachen und Dichtung, in die ich hineingeraten bin, bewegen darf. Das ist u.a. meinem beharrlichen Grundschullehrer in Edenstetten, der gleichzeitig Organist war, zu verdanken. Seine Empfehlung war, mich bei Domkapellmeister Georg Ratzinger, dem Bruder des jetzigen Papstes, vorzustellen. So wurde ich unversehens Mitglied beim Regensburger Domchor. Ein einschneidendes Erlebnis für einen gerade mal Zehnjährigen.

HAMCHA: Was bedeutet es für Sie, Mitglied der Regensburger Domspatzen gewesen zu sein?

http://youtu.be/fbnpXFyckGI

THOMAS BAUER: Für mich war das eine prägende und wichtige Zeit. In jenen Tagen war der strukturierte Internatsbetrieb für einen Buben aus dem Dorf sicher gewöhnungsbedürftig. Rückblickend kann ich aber sagen, dass mir die Erziehung auf Basis eines christlichen und humanen Weltbilds später oft weitergeholfen hat. Als Gesangssolist benötigen Sie eine enorme Portion Selbstvertrauen, man muss praktisch zu einer „Rampensau“ werden. Ich habe dabei nie vergessen, dass jede Einzelleistung immer auf der Arbeit einer Gemeinschaft beruht. Demut vor den Dingen, gerade auch in der Musik, ist eine wichtige Charaktereigenschaft, auf die bei unserer Erziehung Wert gelegt worden ist. Für mich war diese Zeit die Basis für meinen späteren künstlerischen Werdegang. Die Begeisterung bei meinen Angehörigen hielt sich allerdings in Grenzen, als ich mich nach dem Abitur in Regensburg, einem Schnupperstudium der Rechtswissenschaften und dem Zivildienst im Altenheim für eine Musikerlaufbahn entschied. 1994 war ich mit meinen Sängerkollegen der Gruppe „Singer Pur“ immerhin beim damals amtierenden Bundespräsidenten Roman Herzog zum Konzert nach Berlin eingeladen. Beim Bärwurz im zu dieser Zeit noch recht renovierungsbedürftigen Schloss Bellevue dämmerte es meiner niederbayerischen Gefolgschaft bereits, dass doch noch was werden könnte aus dem „Buam“.

Ich habe es meinen Leuten nie übel genommen, dass der Sängerberuf aus ihrer Sicht als nicht tauglich für den Broterwerb eingeschätzt wurde. Noch heute werde ich hinter vorgehaltener Hand zuweilen gefragt, ob ich von meiner Tätigkeit denn überhaupt leben könne. Trotzdem war mir die Meinung meiner Angehörigen und anderer musikalischer „Laien“ wichtig, weil sie sehr oft einen unverbildeten und emotionalen Zugang zur klassischen Musik entwickeln, wenn es einmal gelungen ist, erste Schwellenängste aus dem Weg zu räumen.

HAMCHA: Welchen Schluss ziehen Sie aus der Erkenntnis, dass Zuhörer einen emotionalen Zugang zur klassischen Musik finden können?

THOMAS BAUER: Es macht einfach Sinn, auch in unserer Region hochwertige Veranstaltungen der sog. „klassischen“ Musik anzubieten. Die Menschen werden heillos unterschätzt. Wenn man die infrastrukturelle und wirtschaftliche Entwicklung im Bayerischen Wald in den letzten 30 Jahren betrachtet, dann werden Sie feststellen, dass man in anderen Sektoren sehr wohl ein Bekenntnis zu Hochwertigkeit herausgebildet hat. Diesen Schub hat man kulturpolitisch aus meiner Sicht nicht genutzt. Mein Kontakt ins Deggendorfer Land ist in der Zeit, in der ich in verschiedenen Metropolen gelebt habe, nie abgerissen. Als mir schließlich die notwendigen internationalen Netzwerke zur Verfügung standen, habe ich mich in der Verantwortung gesehen, für die Heimat ehrenamtlich etwas auf die Beine zu stellen. Ausgangspunkt war 2008 ein verlängertes Konzert-Wochenende mit erstaunlicher Resonanz auf dem Bauernhof eines Klassenkameraden der Grundschulzeit.

http://youtu.be/SPUD5JfSN_w

Menschen, die für verschiedene Etappen stehen

HAMCHA: Wie ging nach Schnupperstudium und Zivildienst Ihre musikalische Entwicklung weiter?

THOMAS BAUER: Da sind immer Menschen, die für verschiedene Etappen stehen, solche, die einen noch begleiten, andere, die andere Wege eingeschlagen haben. An manches habe ich gar keine Erinnerung mehr. Ich versuche einmal, wichtige Etappen von unwichtigeren zu unterscheiden: da sind meine Ex-Kollegen des fabelhaften und dreifach mit dem Echo-Klassik ausgezeichneten Vokalsextetts „Singer Pur“, dem ich in den 90ern angehört habe. Der legendäre Gesangspädagoge Hanno Blaschke hat mir dann den Zugang zum solistischen Singen nach bestandener Aufnahmeprüfung in München eröffnet. Siegfried Mauser, Pianist und Musikwissenschaftler aus Straubing und Präsident der Hochschule für Musik und Theater München, vermittelte mir wichtige künstlerische Impulse und ist inzwischen mein engster Weggefährte und väterlicher Freund. Im Prinzregententheater durfte ich meine Gehversuche als Sängerdarsteller unter der Aufsicht von August Everding unternehmen und dann ist da natürlich meine Gattin Uta, die eine wunderbare Pianistin ist …

HAMCHA: … und ebenfalls an der Hochschule für Musik und Theater in München studierte?

THOMAS BAUER: So ist es. Wir sind uns dort aber kaum begegnet. Es ist eine etwas kuriose Geschichte: wir hatten 1998 unabhängig voneinander und erfolgreich am Deutschen Musikwettbewerb in Berlin teilgenommen und wurden dann für die Preisträgerkonzerte des Deutschen Musikrats zusammengewürfelt. … Das war dann gleichbedeutend mit dem Beginn meiner privaten wie beruflichen Glückssträhne. Es folgten CD-Aufnahmen, Debüts bei den namhaften Musikfestivals, Management etc.

Qualität ist das Erfolgsgeheimnis

HAMCHA: Was Sie „Glückssträhne“ nennen, war sicherlich harte und beharrliche Arbeit, neben der sie ein europa- und weltweites Netz von Musikern knüpften!
http://youtu.be/6k4jIgDJmBQ

THOMAS BAUER: In den letzten 10 Jahren habe ich gut 1000 Konzerte mitgestaltet und dabei auch eine Affinität für die organisatorischen Prozesse im Musikbetrieb entwickelt. Ein Kondensat daraus war das „Zeitklänge“-Festival in unserer Münchner Zeit. Mir waren die notwendigen Komponenten für den Kulturwald im Vergleich zu einer urbanen Serie von Anbeginn einigermaßen klar: erstrangige Qualität, moderate Preispolitik und zwanglose Atmosphäre sollten mit niederbayerischer Lebensart kombiniert werden. Obwohl die musikalischen Stile unverblümt und vorbehaltlos bedient werden, halte ich von Crossover und Klassik „light“ nicht allzu viel. Das Konzept ging – entgegen aller Unkenrufe – nicht nur für das jährlich wachsende Publikum, sondern auch für die Künstler aus aller Welt, die hautnah mit den Menschen in Berührung kommen, auf. Inzwischen strömen 8000 Leute zu unseren Veranstaltungen mit einer altersmäßigen Durchmischung, wie sie in der Klassikszene einzigartig ist.

HAMCHA: Ist Ihr hoher Qualitätsanspruch das Erfolgsgeheimnis des Kulturwaldes?

THOMAS BAUER: Definitiv. Ich möchte diesen Weg weiter sehr stringent verfolgen. Die umliegenden Veranstalter versuchen sich neuerdings an ähnlichen Strategien und es freut mich, dass der Kulturwald die regionalen Akteure inspiriert. Persönlich möchte ich die Lust auf das Ambivalente verstärken und in diesem Kontext noch purer und konzentrierter werden.

Kultur ist ein Standortfaktor

HAMCHA: Sie streben eine überregionale Ausstrahlung für die Festspiele Bayerischer Wald an. Kann diese Zielvorgabe von allen Organisatoren des Kulturwaldes erfüllt werden?

THOMAS BAUER: Unser Engagement – zumal im Ehrenamt – erfordert ein gerüttelt Maß an Einsatzbereitschaft und visionärer Kraft. Nicht alle Menschen sind hierzu in der Lage. Da liegt es an einem selbst, ob man so ein Projekt eigenverantwortlich mittragen kann. Jeder Unternehmer wird wissen, wovon ich spreche. Konflikte können im Übrigen auch befreiende Wirkung haben.

HAMCHA: Befreiende Wirkung auch für die musikalische Ausrichtung des Kulturwaldes?

THOMAS BAUER: Es ist nach fünf Jahren wieder die Unbefangenheit eingekehrt, die uns eigentlich auszeichnet. Wir leben mitten in einer der schönsten und ältesten Kulturlandschaften Europas, wo sich Tradition und Innovation aufs Schönste ergänzen. Niederbayern ist Wissenschaftsstandort geworden und hat die Entwicklung einer munteren und weitsichtigen Unternehmenskultur begünstigt. Außerdem werden infrastrukturelle Modelle wie die Donau-Moldau-Region angelegt. Auf kultureller Ebene, die doch eigentlich die Basis und das Herz sein sollte, fehlt den Bestrebungen aber oft die Substanz. Ich sehe hierin ein enormes Potenzial für den Kulturwald.

HAMCHA: Bürgermeister und Landräte beklagen den Weggang hochqualifizierter Menschen aus der Region. Kulturelle Defizite mögen dazu beitragen, das gilt insbesondere für junge Menschen mit ihren Familien. Unter den Folgen der demographischen Entwicklung leiden sowohl die Kommunen, wie auch die Unternehmen der Region. Kann Kultur dem entgegenwirken und junge Menschen in die Region zurück locken?

http://youtu.be/_3JKHH-Fhyg

THOMAS BAUER: Das wurde doch bereits vielfach untersucht und bewiesen! Wenn man Kultur ernstlich als Standortfaktor begreift, dann braucht es mehr als Lippenbekenntnisse. Es besteht ja ganz offenkundig ein historisches Missverhältnis in der staatlichen Kulturförderung für unseren Bezirk. Ich würde mir wünschen, dass die institutionellen Akteure das Thema aufgreifen. Die „Aufbruch jetzt!“-Agenda Niederbayerns wäre so eine Möglichkeit gewesen. Da reicht die soziologische Argumentation, d.h. die Rolle der Kultur als Zutat im Selbstverständnis einer Gesellschaft, aber nicht aus. Man sollte hier auch volkswirtschaftlich agieren.

Ein Konzerthaus revitalisiert eine Gemeinde.

HAMCHA: Sie planen ein Konzerthaus in der Gemeinde Blaibach. Welche Situation haben Sie dort vorgefunden?

THOMAS BAUER: Wir haben es im Bayerischen Wald mit zwei divergierenden Entwicklungen zu tun: einerseits gibt es geradezu einen Boom im Bereich der Wissenschaft und Spitzentechnologie. Die Angebote der umliegenden Städte lassen praktisch keine Wünsche in punkto Lebensqualität offen. Auf der anderen Seite haben manche Ortschaften massiv mit den symptomatischen Anzeichen des demografischen Faktors zu kämpfen: Überalterung, Wegzug, Leerstand … der malerische Ort Blaibach bei Bad Kötzting ist da nur ein Beispiel unter vielen. Von diesen Phänomenen sind ja sogar prosperierende Städte wie Deggendorf oder Cham in Teilen betroffen. Der Architekt Peter Haimerl hatte sich in den letzten Jahren eingehend mit dem Thema beschäftigt und für Blaibach ein städtebauliches Konzept entwickelt, das durch die Aufnahme in das Modellprojekt „Ort schafft Mitte“ des Bayerischen Innenministeriums gewürdigt wurde. Über dieses Vorhaben bin ich zunächst auf das Waldlerhaus aus der Barockzeit gestoßen, das ich vor dem Verfall retten will. Blaibach ist eine Gemeinde wie aus dem Bilderbuch, idyllisch am Regen gelegen, mit Schloss und Rokokokirche im Ortskern und einer langen Tradition als Fremdenverkehrsort.

http://youtu.be/eGhPYBJRLF4

Meine grundsätzliche Idee ist, den Beleg zu erbringen, dass es möglich ist, den ländlichen Raum auch über prominente Kulturprojekte zu revitalisieren. Konkret soll in Kooperation mit der Gemeinde ein visionäres Konzerthaus mit zeitgemäßer Architektur entstehen. Das Thema „Konzerthaus“ habe ich bewusst gewählt. Es ist ja emotional besetzt. Denken Sie an das Sehnsuchtsprojekt Isarphilharmonie, das Desaster um die Elbphilharmonie oder das grandios gescheiterte Konzerthaus in Passau.

HAMCHA: Was ist das Besondere an Ihrem Konzept für das Konzerthaus Blaibach?

THOMAS BAUER: Die Realisierung eines Konzerthauses ist nicht unbedingt das, was man von einem Dorf im Landkreis Cham erwartet. Angesichts der ärgerlichen Klischees, die immer noch über den Bayerischen Wald grassieren, ist das zunächst ein erstaunlicher Ausgangspunkt. Der Dirigent Nikolaus Harnoncourt, mit dem ich seit Jahren arbeite, äußerte einmal, dass in den Unmöglichkeiten die schönsten Möglichkeiten liegen. Genau das ist für Blaibach der Fall. Natürlich waren die Gemeinderäte zu Recht skeptisch, als ich meine Ideen erstmals vorgetragen hatte. Wir haben aber dann die verschiedenen Effekte mit Hilfe einer Wirtschaftskanzlei ganz konkret beleuchtet. Es führt zu weit, die Parameter an dieser Stelle aufzulisten, aber es hat sich herausgestellt, dass die Vorteile weit über den rein touristischen Nutzen hinausreichen. Das hat auch die Oberste Baubehörde überzeugt. Dass die Bürger auch hinsichtlich der Architektur zeitgemäße Pfade beschreiten, freut mich enorm. In der jüngsten Sitzung hat sich der Gemeinderat einstimmig für das Konzerthaus, das wir über eine gemeinnützige GmbH mit Leben erfüllen werden, ausgesprochen. Das Medienecho ist bereits vor Baubeginn gewaltig.

HAMCHA: Auf welche Weise wollen Sie dem Konzerthaus in einem kleinen Ort wie Blaibach Leben einhauchen?

THOMAS BAUER: Um den gewünschten Leuchtturmeffekt zu erzielen, braucht es die prominente Widmung und eine ambitionierte Ästhetik. Deswegen gründe ich eine Bach-Akademie und eine Schubertiade Bayerischer Wald, die ihren Sitz im Konzerthaus haben werden. Es wird umfangreiche Kooperationen mit der Bayerischen Akademie der Schönen Künste, der Hochschule für Musik und Theater und der Stiftung Europamusicale geben. Daneben steht das Konzerthaus allen Bürgern unbürokratisch und kostenlos offen. Die Vernetzung zu gewachsenen Strukturen in der regionalen Szene ist mir außerdem wichtig.

Ideen müssen sich manifestieren

HAMCHA: Könnte Blaibach ein Modellprojekt für den Bayerischen Wald insgesamt werden?

THOMAS BAUER: Meine Auffassung ist, dass Ideen sich manifestieren müssen, um mehr als abstrakte Wirkung zu entfalten. Das wird mit der Errichtung des Konzerthauses gelingen. An anderer Stelle, auf dem Gelände des Klosters in Aldersbach, entsteht eine Bühne mit 1000 Sitzplätzen, auf der ich aktuell ein Opernfestival ins Leben rufe. Bereits im Sommer 2014 werden wir dort die Premiere von Richard Wagners „Rheingold“ feiern. Unsere Bemühungen ergänzen sich hier ideal mit den Zielen der Brauerei Aldersbach, die sich im Hinblick auf die Landesausstellung Bayern 2016 mit dem Kulturwald den geeigneten Partner ins Boot nimmt und ihren Produkten über das Feuilleton-Thema neue Verbreitungswege erschließt. Die klassische Win-Win Situation also, zumal der Kulturwald im Gegenzug von der Infrastruktur der Brauerei umfassend profitiert. In so gestrickten Partnerschaften liegt aus meiner Sicht noch ein enormes Potenzial für alle Beteiligten.

HAMCHA art integration Heinz Michael Vilsmeier
“AORS” USE 2000 Wannsee

Mir haben sich in den vergangenen fünf Jahren die Interessenslagen und Unwägbarkeiten der regionalen Kulturszene erschlossen. Mittelfristig müssten die sozialen und infrastrukturellen Impulse in den gesamtgesellschaftlichen Kontext eingebettet werden. Wir befinden uns mitten in einer regen Debatte darüber, welche zukunftsfähigen Konzepte im Angesicht von Globalisierung und Internationalisierung notwendig sind. Da könnten wir einen substanziellen Beitrag, auch im Hinblick auf die geplante Donau-Moldau-Region, leisten.

Perspektivwechsel braucht langen Atem

HAMCHA: Ihre kulturellen Aktivitäten sind äußerst ambitioniert, der Erfolg scheint Ihnen Recht zu geben. Seit Jahren wird diskutiert, wie die Anziehungskraft der Region gestärkt werden könnte. Welche konkreten Empfehlungen geben Sie der Politik?

THOMAS BAUER: Diese Frage geht über meine Kompetenz hinaus, da sie eine gesamtgesellschaftliche Analyse erfordert. Aus meiner Sicht wäre es wichtig, dass das Kulturthema überhaupt als relevant identifiziert wird. Man kann nicht ständig von regionaler Identität sprechen und faktisch kein Projekt für Niederbayern auf den Weg bringen. Es ist den Europäischen Wochen in Passau hoch anzurechnen, dass sie über Jahrzehnte eine kulturelle Grundversorgung in der Region gewährleistet und die europäische Wertedebatte immer wieder befeuert haben. Diesem Beispiel sollten auch andere Akteure folgen.

HAMCHA: Ist die kulturpolitische Nutzenargumentation bei den Entscheidungsträgern noch nicht ganz angekommen?

THOMAS BAUER: Der Ansatz, Kulturvorhaben wie in Blaibach als Mittel der infrastrukturellen Fortentwicklung unserer Gesellschaft zu betrachten, ist für meine meisten Gesprächspartner neu. Man tritt mir aber in der Regel aufgeschlossen gegenüber, weil ich persönlich in Vorleistung gehe. Das erhöht die Glaubwürdigkeit. Perspektivwechsel braucht einen langen Atem.

Symbiosen aus Kultur und Wirtschaft

HAMCHA: Welche Aspekte im Dialog zwischen Kultur und Wirtschaft wollen Sie besonders hervorheben?

THOMAS BAUER: Es gibt da zwei wesentliche Aspekte. Den bekenntnishaften, ideellen; hier kann man keine Kosten-Nutzen-Rechnung aufstellen. Da geht es mehr um Glaubwürdigkeit auf beiden Seiten und eine generelle Sensibilisierung für die Beziehungen zwischen Wirtschaft und Kultur. Die Berührungspunkte und Anforderungen wie Professionalität, internationale Vernetzung, Präzision usw. sind oft ähnlich. In einem weiterführenden Schritt lässt sich deswegen auch über echte Kooperationen und identifikatorische Symbiosen nachdenken; siehe Aldersbach.


HAMCHA: Bedeutet das in diesem Fall die Identifikation des Produktes Bier mit dem Thema Kultur?

THOMAS BAUER: Die subtile Verkettung der Themen Bier und Kultur hat sich innerhalb der mittelständischen Brauereiszene als Alleinstellungsmerkmal erwiesen. Deswegen sind wir auch Finalisten des Kulturpreises der Deutschen Wirtschaft, der im September in Berlin verliehen werden soll.

HAMCHA: Professor Bauer, ich danke Ihnen für das Gespräch!

THOMAS BAUER: Danke ebenfalls!

Das Gespräch führte Heinz Michael Vilsmeier

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