Ask bezirgani

Reinald Noisten: Curry auf Oliven

HAMCHA art integration, Heinz Michael Vilsmeier
Ensemble Noisten “Klezmer trifft Derwisch” Talip El Masulu

HAMCHA: Andere Mitglieder Ihres Ensembles sind Claus Schmidt, der wie Sie an der Musikhochschule in Köln studierte …

Reinald Noisten: … genau, Gitarre…

HAMCHA: … und Andreas Kneip am Kontrabass …

Reinald Noisten: … genau. Und jetzt kommt der Shan-Dewaguruparan an den Tablas.

HAMCHA: Kann man sagen, dass es das Ensemble Noisten ohne die Klezmer-Musik nicht gäbe oder haben sie einander ohnehin im Rahmen des Studiums in Köln gefunden?


Reinald Noisten: Den Tabla-Spieler kannte ich nicht im Studium, den kannte ich eher deswegen, weil ich ihn Mitte der 80er bei einem Ausländerfest einmal trommeln gehört habe und weil das für mich sehr spannend war. Ich habe dann angefangen, da war ich 18, mit ihm Musik zu machen. Wir haben das gemacht und seither haben wir immer wieder einmal auf Ausländerfesten gespielt. 2000 ist er dann zur Band gekommen. Das ist also schon eine sehr lang anhaltende Freundschaft. Die Anderen habe ich im Studium kennen gelernt aber zusammen richtig Musik gemacht haben wir erst über Klezmer.
http://youtu.be/SkQpKL9Rzq0
HAMCHA: Andreas Kneip und Claus Schmidt spielen auch in anderen Ensembles?

Reinald Noisten: Richtig, wobei ich sagen muss, was wir miteinander machen, ist das Meiste.

HAMCHA: Kann man das auch für Shan-Dewaguruparan so sagen?

Reinald Noisten: Ja, genau so, wobei er auch noch in srilankisch-tamilischen Ensembles engagiert ist – aber die Hauptarbeit liegt bei uns.

HAMCHA: Entwickeln Sie auch neue Musik? Als sie von Giora Feidmans Workshop erzählten, erwähnten Sie, dass er die Teilnehmer mit dem Argument: „Wir machen etwas Neues daraus…“, geradezu ermutigte Fehler zu begehen. – Sind Sie dieser Vorgehensweise treu geblieben?

Reinald Noisten: Wir komponieren unsere Stücke teilweise selbst. Das macht momentan sehr viel der Bassist Andreas Kneip. Ich mache das zeitweise auch. Wir arbeiten gerade an einer neuen CD, sie heißt „Curry auf Oliven“. Das Mastertape liegt bereits vor, im Moment entwickeln wir Cover und Booklet. Auf der CD wird man neue eigene Stücke finden, darunter auch sehr spannende musikalische Experimente. Eines davon ist beispielsweise ein tamilisches Stück, das wir mit Klezmer würzen, es heißt „Vanakkam_Klezmer“. Dieses Stück hat Shan Devakuruparan für uns geschrieben. Insofern ist da wieder eine Öffnung zu etwas ganz Neuem. Anfang September 2013 soll die CD Produktion abgeschlossen sein.

HAMCHA: Das klingt interessant – welche kulturellen Einflüsse gelangen über Shan Devakuruparan in die Arbeit des Ensembles Noisten?

Reinald Noisten: Er kommt aus der tamilischen Tradition, seine Religion ist der Hinduismus.

HAMCHA: Was erwartet einen auf Ihrer neuen CD?

Reinald Noisten: Eine Vielzahl von Klezmermischungen, tamilische Musik auf Klezmer, Blues auf Klezmer –  eben Curry auf Oliven!

HAMCHA: Insofern hat das aber nichts mit islamischer Sufi-Musik zu tun… ?

Reinald Noisten: Nein.

HAMCHA: Denken Sie hin und wieder noch an klassische europäische Musik?

Reinald Noisten: Ich übe sie manchmal, indem ich Bach, der mir sehr nahe ist, spiele. Ich habe aber seitdem öffentlich kein klassisches Konzert mehr gegeben. Was ich eher gemacht habe, ist freie Improvisation.

HAMCHA: Empfinden Sie die Hinwendung zur Klezmermusik und Ihre musikalischen Versuche Brücken zwischen den Kulturen zu bauen, als Befreiung von der klassischen Musik?

Reinald Noisten: Ja, am Anfang habe ich das so empfunden. Für mich war es ein „Näher-bei-mir-selbst-sein“. – Im Musikstudium ist es so, dass es sehr intensiv sehr nahe geht, es ist ein sehr sensibles Studium. Heute würde ich sagen, ich habe dadurch, dass ich mein Studium auch verarbeitet habe, einen sehr viel freieren Zugang zur klassischen Musik und kann sie noch einmal ganz anders genießen. Ich merke aber beim Spielen, dass sie mir, außer dass ich sie übe, auch um meine Fingerfertigkeit zu erhalten, doch erst einmal fern ist. … Ich möchte eines noch anmerken: Feidman war für mich eine Station, er hat für mich die Basis geschaffen. Ich habe ihn dann auch zweimal gehört. Beim dritten mal hatte ich erst einmal genug von der Mystik in seinem Spiel. Dann habe ich angefangen Brave Old World zu hören und war da auf einem Workshop. Brave Old World ist eine amerikanische Gruppe, die versucht Klezmer sehr bodenständig zu vermitteln, z. B. den Tanz: wie macht man die Klezmermusik tanzbar? Oder: wie klingt Klezmer authentisch, wie klingt sie so, wie man sie früher gespielt hätte? In den 20er Jahren gab es Dave Tarras und Naftule Brandwein in den USA, die namhafte Klezmerklarinettisten waren. Das hat mich sehr gereizt und das hat mir sehr viele neue Impulse gegeben, weil es eine Bodenständigkeit gebracht hat. … Der Akkordeonist von Brave Old World, Alan Bern, ist noch in Berlin tätig und macht in Weimar immer wieder Klezmer-Workshops. Das war, wie soll ich es sagen, noch einmal so ein … – ja, bei Feidman waren es Herz und der Geist und bei Brave Old World die Füße und der Bauch. Es war für mich wichtig zu sehen, wie eine rumänische Volkstanzgruppe grooved. Wie macht das die Klezmer-Band, die da abgeht? Feidman ist ja nicht jemand, der so abgeht, er ist ja eher jemand, bei dem man die Größe und Weite seiner Musik aufnimmt – so hab ich das jedenfalls erlebt. Bei den Anderen habe ich eher erlebt, warum die Leute anfangen zu tanzen, wenn sie Klezmermusik hören. Dazu habe ich damals erst einmal ein bisschen Tanz mitgemacht und habe natürlich dann auch die Stücke mit Brave Old World zusammen gespielt, hab auch bestimmte klarinettistische Trillerkombinationen gemacht und einfach Dinge geübt, die stilistisch typisch sind für jiddisches Klezmerspiel.

HAMCHA: Würden Sie sagen, dass man bei Feidman eine spirituelle Erfahrung macht …

Reinald Noisten: … für mich war das so! …
http://youtu.be/E2IVbHH1n5o
HAMCHA: …und bei Brave Old World eher eine physische Erfahrung?

Reinald Noisten: Ja, das kann man so sagen. Das ist mir auch wichtig, denn vereinzelt komme ich jetzt immer wieder auf Feidman zurück. Ihr Interview mit ihm hat mir noch einmal deutlich gemacht, was ich schon vergessen hatte, wie offen und wie frei Feidman denkt. Das zu lesen hat mir übrigens sehr gut getan.

HAMCHA: Danke für das Kompliment. Das freut mich, dass das Interview auf Sie so stark gewirkt hat.

Reinald Noisten: Ja, ja, ja, das hat mir gut getan. Einfach mal so nach dem Motto „Wundern Sie sich nicht, dass ich Ihnen das schicke.“ – Ich fand das total nett und war tatsächlich überrascht, etwas über Feidman zu lesen. – Ich hab es dann eine Weile liegen lassen und mich irgendwann entschlossen, es zu lesen. Was er auf seine Art da geäußert hat, hat mir auch gezeigt, dass ich das in Ansätzen nachfühlen kann…

HAMCHA: … es kommt noch ein dritter Teil.

Reinald Noisten: Mir fällt ein, wie er über Religion und über Auschwitz spricht und deutlich macht, dass er zu diesen Ort nicht hin will. Da habe ich gedacht, bzw. eine Stimme in mir sagt mir: Er gibt dir recht! Er sagt es auf seine Art und Weise, aber er gibt mir recht, dass am Ende die Wahrheit der Religion nicht die ist, die wir immer wieder in den Medien oder irgendwo sonst hören. Sondern die Wahrheit der Religionen ist Frieden und Liebe. Das in Ihrem Interview mit ihm zu lesen, hat mich bewegt, weil ich mich manchmal nicht traue, diese Dinge so deutlich zu sagen. Es ist nicht einfach, so etwas zu sagen. – Kann sein, wenn ich irgendwann 75 bin, dass es dann einfacher ist – jetzt ist es jedenfalls noch nicht so. In diesen Derwisch-Konzerten habe ich erlebt, dass Leute einfach geweint haben. … Auch ich habe auf der Bühne schon geweint, ich habe mich gefragt, gerade nach dem jüdischen- islamischen (Sufi-)Friedenslied Shalom alejchem / Ask bezirgani, was geht denn hier ab?
http://youtu.be/Q8XAjrCnuUM
HAMCHA: Ich habe davon gelesen, in dem Bericht über Ihren Auftritt in Cuxhaven …

Reinald Noisten: … genau, das war so. … Wir haben uns nachher umarmt. Die Zuschauer kamen zu mir und fragten, was denn da mit mir gewesen sei. – Wir haben dann alle noch ein bisschen zusammen gesessen und die Leute waren … es war eine Stille in dem Raum, eine Stimmung, da gab es nichts mehr, da gab es keine Frage mehr, da war alles vorbei. – Ich kann es nicht benennen, das ist mein Problem dabei. Ich kann nur sagen, dass es eine Bestätigung dafür war, dass da etwas war, was über das hinausgeht, was wir normalerweise erleben.

HAMCHA: Es ist offensichtlich eine Sache, die für Sie konkret nicht greifbar ist…

Reinald Noisten: … aber Sie verstehen, was ich meine?

HAMCHA: Ich glaube schon… – Vielleicht muss man sich damit abfinden, dass es Dinge gibt, die zu benennen man eben nicht oder zunächst einmal nicht, in der Lage ist. Was bleibt anderes, als sie ungesagt zu lassen?

Reinald Noisten: Ja. – Schön!


HAMCHA: Ich habe Giora Feidman Anfang der 80er Jahre in Berlin erlebt. Es war einer jener Auftritte, wie man sie von ihm kennt. Der Konzertsaal der Philharmonie war verdunkelt und in dieser Dunkelheit näherte sich, von einem entfernten Ort kommend, der leise Klang seiner Klarinette. Schließlich füllte er damit den gesamten Konzertsaal. Für mich war das nicht nur mental, sondern physisch erfahrbar und das in einer Intensität, die ich nie wieder vergessen werde.

HAMCHA art integration Heinz Michael Vilsmeier
“REMIS” KUS 2000 Wannsee

Reinald Noisten: Verstehe.

HAMCHA: Auch das Gespräch in Bad Staffelstein, am Rande der Konzerte Songs an einem Sommerabend, wird mir unvergesslich bleiben. Es hat mich gut zwei Wochen gedanklich nicht mehr los gelassen. Feidman hatte Dinge angesprochen, die mich sehr tief berührt haben. Vielleicht ist dieser Eindruck vergleichbar mit jenem Berührtsein, das Ihnen während Ihres Konzertes in Cuxhaven begegnet ist?

Reinald Noisten: Das ist so. Ich wünsche mir, dass Sie bei einem unserer nächsten Konzerte anwesend sein können.

HAMCHA: Ich hoffe, dies wird bald möglich sein, vielleicht sogar irgendwo in Süddeutschland. Das Publikum dafür ist sicherlich vorhanden. Herr Noisten, ich danke Ihnen für das Gespräch.

Reinald Noisten: Ich danke Ihnen auch.
(Zurück zur Übersicht)

Das Gespräch führte Heinz Michael Vilsmeier.

©HAMCHA art integration Heinz Michael Vilsmeier, Impressum