Applaus

Dissonanz ist Harmonie

Giora Feidman: Die Dissonanz ist Harmonie!

Sie wissen, ich bin ein Jude – der Arzt konnte keinen Unterschied hören!

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Giora Feidman, 2012

FEIDMAN: Sie können nicht? – Okay. Ich habe einen Arzt gefragt. Ich bin zu ihm gegangen und habe gefragt, ob er hören kann, wie das Herz eines Christen schlägt. Ich habe ihm gesagt, ‚Hören Sie, Sie wissen, ich bin ein Jude’. – Er konnte keinen Unterschied hören! Der Puls einer Person sagt noch nicht einmal, ob jemand intelligent ist oder nicht. Es ist nur ein Pulsschlag … tak … tak … ! – Mit der Liebe ist es genau das Gleiche!

Sagen Sie mir, warum brauche ich Religion? Wenn es so ist, wie ich gesagt habe, sind wir nur eine Familie. Das ist der Punkt! Was man heute in der Religion sieht, ist keine Religion! Es ist nur eine kommerzielle Einrichtung! Da gibt es eine andere Sache. Manchmal kritisieren wir die Religion, weil wir die religiösen Menschen sehen. Die Religionsmenschen sind nicht die Religion. Die Religionsmenschen sind nicht die Religion! Der Vatikan repräsentiert nicht und im Judentum haben wir das Problem, dass wir keine Führer haben. Wir haben keine Moschee, wir haben keinen Abraham, wir haben keinen Jacob, wir haben nichts! Das ist das Problem des Judentums. Und der Papst ist nicht Jesus. – Er ist weit weg davon! Die Katastrophe ist im Charakter, das ist aber nicht die Religion. Doch wir brauchen Religion! Wenn wir keine Religion hätten, würden die Christen Jesus eines Tages aus dem Gras holen! Weil sie nicht sein könnten. Sie könnten nicht sein, ohne den bewunderten Kadaver! – Man braucht das nicht! Jesus war ein Prophet, vielleicht einer der Propheten! – Nicht weil wir die besseren Juden gewesen wären und gewusst hätten was wir taten. Sie [deutet nach oben, die Red.] haben ihn mit einer Botschaft geschickt! ‚God sent this guy for a message!’ Sie machen all die Sachen mit den Heiligen, mit der Jungfrau Maria! Vergib mir bitte, ‘sie haben Jesus geschickt, um eine Botschaft zu bringen!’

Wie kann es sein, dass Mozart gestorben ist? Oder wo ist die Seele von Mozart, wo ist sie? – Arbeitet sie in einer Pizzeria!? Ich weiß es nicht. Oder High Tech oder Computer!? Die Seele, wo war sie? Die Propheten, wir haben Jesus, wir haben Moses, man hat all diese Propheten. Sie waren da, warum kommen sie nicht zurück? Manchmal möchte ich sagen, der Grund ist, weil sie nicht dort sind!

Ein Lied ist ein Gebet

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Konstantin Wecker und Dominik Plangger, 2012

HAMCHA: Giora Feidman, was ist ein Lied?

FEIDMAN: „Soll man erlauben, die Musik für das Politische zu nutzen?“ Es ist ein Gebet! … Also, teile ein Lied in zwei oder drei Teile. Einer ist die Musik, einer sind die Wörter. – Schauen Sie, dieser Typ gestern, wer ist es …? – Wecker, nicht wahr? …

 

Ich verstehe die Wörter nicht. Meine Freunde sagen, seine Worte sprechen über das Politische. – Sie sprechen über das Politische! Soll man erlauben, die Musik für das Politische zu nutzen? – Ich glaube nicht! Sie hören diese Musik, ich verstehe die Sprache nicht, deswegen kann ich das Lied nicht verstehen. Zwei oder drei Lieder habe ich gehört und mir scheint, sie waren alle gleich. Darum habe ich Frau Springer gefragt [Giora Feidmans Begleiterin, die Red.]. Ich weiß, dass diese Menschen Einfluss haben können in der Gesellschaft. Ich sage nein, sie werden keinen Einfluss haben in der deutschen Gesellschaft, überhaupt keinen, Sie nicht! Sie werden weder die Regierung stürzen noch werden sie etwas in Bewegung bringen. Noch einmal, warum spricht er von Werten? Es ist richtig, vielleicht ist es richtig, dass diese Gruppe in der Gesellschaft nicht fair ist, dass dieses nicht fair ist oder jenes nicht. Vielleicht ist das richtig. Aber bewegen sie etwas? So bewegt man gar nichts! Die Frage ist, was das ist! Kunst? – Ich bin objektiv, ich verstehe die Sprache nicht. Ich möchte die Musik aufnehmen! – Aber ich kann nicht! … Etwas Großes haben dieser Typ und sein Kollege.

Jemand sagte der Seele, sie solle eine Botschaft überbringen.

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Giora Feidman, 2012

HAMCHA: Wenn die Klarinette das Mikrophon ist und die Stimme die Kommunikation zwischen Ihrer Seele und Ihrem Körper, kann man dann sagen, dass uns die Klarinette hilft, Ihrer Seele zuzuhören?

FEIDMAN: Es ist sehr einfach. Fragen Sie sich selbst, welche Botschaft die Seele hat. Jemand sagte der Seele, sie solle eine Botschaft überbringen. – Das ist ein Zug. Der erste Wagen, der zweite Wagen und weiter hier ist die Zugmaschine. Sie ist jemand und einer schiebt den anderen. Wer gibt die Botschaft an die Seele? Warum will die Seele singen? Das ist Sprache. Warum wurde die Seele hierher geschickt? – Um die Seele zu reparieren. Denn wenn man zurückkehrt und die Seele nicht repariert hat, wird man wieder kommen. Doch wenn du deine Seele reparierst, wirst du nicht wieder hierher kommen. Dort ist es besser! … Schöpfung. … Schöpfung!

HAMCHA: Was wird geschehen, wenn wir sterben?

FEIDMAN: Ich weiß es! Man wird ankommen, es ist schön. Es ist schön! Die Frage ist, aus welchem Leben ich ankomme, wenn ich sterbe. Die Aufgabe der Seele ist die Reparatur der Seele. – Doch was muss ich reparieren? – I think, we are finishing!

Was sagt die Musik, was sagt die Farbe, was der Tänzer? – “I love you!”

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Giora Feidman und die Musiker Gitanes Blondes, 2012

Warum leiden wir so viel? Weil Gott zu Adam gesagt hat ‘Fass das nicht an, berühre diesen Baum nicht!’ Und er berührte den Baum und jetzt müssen wir das in Ordnung bringen. – Klingt dumm, dieses Thema. Ich übernehme die Verantwortung, ich weiß. – Ich möchte Dich nicht überzeugen! Wir reparieren die Sünde von Adam. In der Schöpfung wurde Adam befohlen, etwas nicht zu berühren. Das galt nicht für die Schlange. Warum beliebte es Gott, die Schlange auf dem Boden kriechen zu lassen? Sie hat Adam überzeugt – be’achawA. Wenn er es nicht getan hätte, wären wir nicht hier und dieses wäre eine andere Gesellschaft. Hier ist das erste mal, dass das Verlangen des Körpers auftrat, etwas zu bekommen. Dieser Körper wollte nur das Eine, nämlich bekommen! Die Seele ist teilen! Jede Religion lehrt, den Anderen zu lieben wie sich selbst. Jede Religion sagt das! Liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Es ist ein geschlossener Kreis. Und was sagt die Musik, was sagt die Farbe was der Tänzer? – “I love you!”

Hitlers Seele ist zurück gekommen – opernhaft!



HAMCHA: Was wird geschehen, wenn wir sterben? – Was wird mit unseren Seelen geschehen?

FEIDMAN: Wir gehen da hin. [deutet zum Himmel] Wir gehen jede Nacht dort hin! Was geschieht, wenn wir schlafen? 90% der Seele geht heraus. 90 % geht heraus!

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Giora Feidman, 2012

HAMCHA: Werden unsere Seelen zurück kommen?

FEIDMAN: Wenn wir die Reparatur fortsetzen müssen, Ja! – Ich bin sicher, dass die Seele von Hitler zurück gekommen ist  – opernhaft, wie er es gerne hatte. … Ja, Ja – Tacheles, oder nicht!?

HAMCHA: Erklären Sie mir bitte, was daran Tacheles ist.

FEIDMAN: Okay, ich werde es Dir erzählen. Ich hab das in meiner Familie. Da sind ein paar Jugendliche in Israel, eigentlich Kinder. Sieben Jahre alt, zwölf Jahre alt. Sie lernen Piano, darin sind sie besser. Ein Körper, ein Gehirn, das sieben, zehn oder zwölf Jahre alt ist, kann das gar nicht erreichen. Es ist dann eine Seele, die im Körper eines Pianisten war. Und mit dieser Information kam sie zurück, er kam zurück, jetzt! Ich verstehe wirklich überhaupt nichts von Genetik. Ich kenne nur das Wort Genetik, aber ich verstehe es nicht.–

 

Die Leute sagen, ich bin in der vierten Generation einer Klezmer Familie. Leute, mein Vater natürlich und Leute die meinen Großvater kannten, sagen, dass ich genau so wie meine Vorahnen spiele. Wenn mein Vater ein Konzert gab, erreichte er eine unglaubliche Perfektion. Das ist nicht physisch gemeint. Es hat nichts mit Genetik zu tun.

Ich habe das gleiche Problem mit den Augen wie mein Großvater. Hat Gott mich also bestraft? – Nein, Gott bestraft nicht! Gott, das ist meine Interpretation, Gott sagt ‘Ich sende dich zu einem bestimmten Zweck.’

Sag mir, warum in einer Familie vier Generationen das Gleiche tun? Ich habe nicht angefangen, ich habe weiter gemacht! Jetzt gibt es eine Generation, meine Kinder, die es nicht machen. Aber meine Enkel machen weiter! – Fabelhafte Musiker! Ich habe eine Enkelin, sie ist 21 und spielt unglaubliche Stücke. Es ist so, als ob Gott zu mir sagt, dass ist wieder meine Interpretation, ‚ich möchte, dass du deine Augen schließt und nach innen blickst!’ Aber er hat mir keine Strafe gegeben. Warum nicht? Sollte ich vielleicht etwas schlecht gemacht haben? – Kann sein. Wenn dies der Fall ist, zahle ich den Preis – Karma, Karma! Aber höre, ich weiß nicht, ob ich das sagen darf, …

Du bist verantwortlich für die geistige Nahrung!

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Giora Feidman, 2012

Ich weiß nicht warum, aber vielleicht weißt du es. Ich möchte daran erinnern. Die Gesellschaft betrachtet mich als einen der größten Klarinettisten in diesem Universum. Es ist mir egal. Ich weiß nicht, warum habe ich die Aufgabe, der Gesellschaft zu dienen!? In einem anderen Leben sprechen wir nicht über die Seele, den Zweck des Geborenseins. Tacheles! Auf der Erde sprechen wir zu einem Universum, das ohne Religion und ohne irgendetwas ist. Das ist die Institution, der Gesellschaft zu dienen. Schauen Sie sich Ihre Rolle in der Gesellschaft an. Jedes menschliche Wesen ist geboren, um der Gesellschaft zu dienen. Da ist das ‚diene mir, ich diene dir’, wenn man das Leben sehr einfach sieht, nicht zu kompliziert. Das ist genau so schwer, wie es nicht schwer ist. Dieser Typ, mein Vater, er hatte uns, ich habe einen Bruder in Israel, einen überragenden Musiker, eingebläut, dass wir Diener der Gesellschaft seien! – ‚Ihr seid Diener der Gesellschaft!’ Der Grund war, dass es da Gefahr gab.

Jedes menschliche Wesen muss ein Musikinstrument spielen!

Ich bin auf der Bühne, seit ich 14 Jahre alt war. Ich war 19, als ich im Theater von Rom war, einem der besten Opernhäuser der Welt. Ich war 21, als ich in einem der besten Symphonie-

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Giora Feidman, 2012

orchester auf der Welt spielte, der israelischen Philharmonie. Sie können sich vorstellen, dass man in diesem Alter Mädchen nachstellen möchte. Doch mit 20 hörte ich von meinem Vater: “Du bist ein Diener der Gesellschaft, du musst dienen! Du bist verantwortlich für die geistige Nahrung! Der Andere ist verantwortlich für deine Physis. Und die Dame, die den Konzertsaal reinigt, hat die gleiche Rolle, die du hast, bringt das Programmheft, macht das Licht an oder was auch immer. Oder jemand bringt dir ein Glas Wasser aufs Zimmer oder in die Hotelhalle … Das Konzert ist geschrieben, du bis berühmt“. Mein Vater sagte: „Du bist berühmt, du bist der Name eines Teams! Du bist ein Feidman, das ist nicht nur der Name einer Person!“ – Wir hatten Erfolg, ich habe Geld.

Mein Vater war ein großartiger Lehrer. Er hatte innere Größe. Er war der Meinung, dass jedes menschliche Wesen ein Musikinstrument spielen muss. In dem Bezirk in Buenos Aires, in dem wir lebten, forderte er alle Mütter auf, ihren Kindern ein Instrument zu geben. Er glaubte fest daran, dass das richtig sei.

In meiner Position in der Gesellschaft … In meiner Position in der Gesellschaft … – Ich habe einen Vertrag mit Echo. Sie sagten ‚Wir lassen dich in Ruhe, du lässt uns in Ruhe und wir bringen dich rund um die Welt!’ Ich sagte ‚kommt, wir sind Freunde, aber lasst mich in Ruhe. Sprecht nicht, schreit nicht, sonst geht es nicht!’

Was tat ich gestern? Was habe ich gestern gemacht!? Ich habe diese 2000 Menschen dazu gebracht, miteinander zu singen. Wie Sie gesehen haben, war es wie eine Flasche Champagner. Champagner, der so, ‘schscht’, heraus zischt! Bringe menschliche Wesen dazu, zusammen zu singen und du hörst, dass Männer und Frauen feminin klingen. – Geben Sie acht, heute Abend!

Wenn ich jüdische Musik spiele, mache ich das Auditorium jüdisch.

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Giora Feidman, 2012

HAMCHA: Wenn Sie heute Abend Klezmer spielen, was wird uns diese Musik erzählen?

FEIDMAN: Es ist keine Musik, Klezmer ist ‚das beste Lied’! Musik ist eine Sprache. Nehmen Sie Mozart, nehmen Sie Piazzola, nehmen Sie all diese Namen, nehmen Sie Tango, Klassik, Jazz – Sie werden immer Musik haben. Aber Klezmer ist keine gewöhnliche Musik. Es ist Musik unter dem Einfluss von Religion. Wenn ich jüdische Musik spiele, mache ich das Auditorium jüdisch. Und ich bin ein Jude, mir ist nicht erlaubt, das Ave Maria zu spielen, eine der größten Melodien dieser Erde. Wenn ich für jemanden das Ave Maria spielen soll, um ihn daran zu erinnern, dass er ein Christ ist, dann ist er kein Christ! Wenn ich für einen Juden Kol Nidrej spielen soll, Kol Nidrej ist das erste Gebet an Jom Kippur, es ist ein sehr wichtiges Gebet, dann ist er kein Jude.

Die einzigen Sprachen, die Gott akzeptiert, sind singen und tanzen!

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Giora Feidman, 2012

Musik hat keine Religion. Bedeutet das, dass man Religion nicht benutzen darf? – Übrigens, Religion ohne Musik ist keine Religion, sie könnte nicht überleben. Eben so wenig kann Musik ohne Religion überleben! Warum kann Religion ohne Musik nicht überleben? Warum kann sie nicht überleben!? Denken Sie darüber nach! Im Judentum kann man übrigens nur beten, wenn man das Gebet singt. – Warum? Weil das, was im Buch der Gebete geschrieben ist, noch immer dein eigenes Gebet ist. Gott wird dein Freund sein und nicht dein Gegner. Wenn ich ihn brauche, dann singe ich zu ihm! Die einzigen Sprachen, die Gott akzeptiert, sind singen und tanzen! Als Jude kann niemand für mich beten, ich muss selbst beten! Gehen Sie in eine Synagoge, diese Konzeption performed das. Man kann die Musik nicht aus der Synagoge herausnehmen, weil diese Dissonanz so fantastisch ist. Die Dissonanz ist Harmonie!


HAMCHA: Die Dissonanz ist Harmonie?

FEIDMAN: Ja, weil es ein Tempel ist! Dissonanz ist Harmonie – gehen Sie in eine Synagoge! Es ist keine Kirche. – Sie haben eine Messe, sie haben das Requiem, sie haben einen Choral, der für Sie betet und sie sagen „Amen“ dort. Okay? Ich kann das nicht, niemand kann für mich beten! Wenn ich beten muss, dann muss ich selbst beten, drei mal am Tag, und dasselbe sagen. – Warum dasselbe? Die Araber sagen, der Muslim ist ein Kämpfer. Der Grund ist, dass die Position ihres Planeten eine andere ist. Die eintretende Energie ist eine andere. Die Muslime sind Kämpfer, sie sagen auch dasselbe. Aber warum muss man dasselbe sagen? Weil es unterschiedlich ist! – Ich hab das mit meinen Jungs diskutiert! 90 % der Konzerte findet um acht Uhr am Abend statt. Manchmal gebe ich ein Konzert um elf oder zwölf Uhr, z. B. am Sonntag, im Zirkus. Dann sage ich zu ihnen, sie sollen mit dem Rhythmus vorsichtig umgehen! Seid vorsichtig mit dem Ausdruck der Musik, weil das jetzt nichts mit einem Konzert um acht Uhr abends zu tun hat! Wenn man diese Information nicht hat, hat man überhaupt keine Information. Wenn man diese Information nicht hat, wird man ein Desaster produzieren. Musik kann vergiftet sein. Und wenn man Lust hat, das Gift zu spüren, sollte man einen Hilfsdienst rufen. Wenn jemand sagt ‘hey, wait a minute!’, weil sie irgendetwas mit der Elektronik oder dem Aufzug machen müssen, dann kann das vergiftend wirken.

Applaus ist Gift, ich flüchte davor!

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Giora Feidman, 2012

HAMCHA: Haben Sie dieses Gift erfahren?

FEIDMAN: Oh ja. – Ja, man kann das nicht vermeiden. Ich kann dem Gift den Zutritt nicht verschließen. Geben sie acht heute Abend! Ich bin nicht gegen elektronische Instrumente, weil ich überhaupt gegen nichts bin. Sie können die Musik hören. Zwei fabelhafte Tage! Viele Stücke schwellen zu einem Crescendo an um Applaus hervorzurufen. Applaus ist Gift! Applaus ist Gift, ich flüchte davor! Kennen Sie Matthias Eisenberg den Organisten? Dieser Mann ist einer der größten Engel. Im Spanischen sagen wir‚ er spazierte auf einer Wolke und kam herunter!’ Dieser Typ ist unglaublich! Wir spielten 75 Minuten ein Programm, das Auditorium war Mucks Mäuschen still, wir spielten so, dass wir nicht gesehen wurden. 75 Minuten! Ohne Klatschen! – Erst am Schluss gaben sie ihr Klatschen.

Das sind die Höheren Mächte der Menschheit!

HAMCHA: Das erste Mal hörte ich Sie in der Berliner Philharmonie, Anfang der 80er Jahre …

FEIDMAN: … kann sein. Ich kam damals jedes Jahr dort hin.

HAMCHA: Es war faszinierend, denn die gesamte Philharmonie war abgedunkelt, nicht ganz dunkel, sondern nur gedämpft und Sie begannen zu spielen. Dann betraten Sie, spielend, den Konzertsaal durch einen Nebeneingang…

FEIDMAN: Immer. Immer! Immer!

Ruhe war der Stoff im Fruchtwasser, das ist es, was wir unser ganzes Leben lang suchen.

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Giora Feidman, 2012

HAMCHA: … der gesamte Raum war erfüllt mit dem Klang Ihrer Klarinette. Das Publikum war absolut still, niemand gab einen Laut von sich!

FEIDMAN: Das sind die Höheren Mächte, die Höheren Mächte der Menschheit! Es ist wie im Mutterleib, mit der Ruhe im Fruchtwasser. Ruhe war der Stoff im Fruchtwasser, das ist es, was wir unser ganzes Leben lang suchen. Die Seele ist Ruhe! Jetzt müssen wir kämpfen. Wir müssen kämpfen mit dem Verlangen des Körpers. Der Körper will essen, schlafen, Sex haben und es bequem haben. Nur dies. Aber die Seele sagt ‘okay, wir machen eine Balance. Du bekommst ich gebe und lässt mir die Ruhe. Die Ruhe ist der Grund, warum ich vor dem Klatschen flüchte. Es ist nicht leicht, die Ruhe in einem Konzert zu finden. Man ist nicht daran gewöhnt! In dem Moment in dem man klatscht, flüchtet man. Ich möchte das nicht! Man flüchtet vor sich selbst. Wenn man 75 Minuten ohne Klatschen bleiben kann, ist man nicht mehr die gleiche Person, die man war, bevor man herein kam.

Man ist nicht mehr die gleiche Person, wenn man hinaus geht. Ich weiß das durch die Erfahrungen Anderer und ich kenne das aus meiner eigenen Erfahrung.

Ich akzeptiere nicht, dass man sagt, ich hätte zwei Persönlichkeiten

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Giora Feidman, 2012

HAMCHA: Giora Feidman, wenn Sie Klarinette spielen, finden Sie dann zurück zu sich selbst?

FEIDMAN: Ja, die ganze Zeit! Ich brauche keine Klarinette. Das ist es, was ich Ihnen vorhin sagen wollte. Meditation ist nichts für zehn Minuten oder eine Stunde. Ich lebe in diesem Zustand. Das macht nichts besonderes aus mir, weil das jeder tun kann. In diesem Moment spreche ich mit Ihnen. Dabei weiß ich so viel. Wenn ich Ihnen antworten muss, frage ich nach Antworten. Dort gibt es einen Ort, an dem man auf Ihre Antworten horcht. Er ist in der Ruhe. Auf eine Weise bin ich nicht bei Ihnen. Menschen die mich kennen, wissen, dass ich nicht akzeptiere, dass man sagt, ich hätte zwei Persönlichkeiten, eine hier, die andere weit weg. Ich denke jetzt, dass es keinen Unterschied macht, ob ich jetzt hier mit Ihnen spreche, hier esse oder lebe, es macht keinen Unterschied!

Jetzt suche ich, dann kommt die Antwort. – Heute ist es automatisch.

HAMCHA: Wenn Sie mit mir sprechen, hören Sie auf eine andere Instanz?


FEIDMAN: Ja, ich suche nach Antworten. Jetzt suche ich, dann kommt die Antwort. – Heute ist es automatisch. Ich denke nicht, dass ich das Gehirn benutze. Ich denke nicht! Frag mich nicht. Aber, ja, ich bin nicht hier. Ich bin nicht hier! Manchmal bin ich in meinen Reaktionen ich. Ich würde sagen in Zurückhaltung. Das ist möglich, ich weiß es nicht. Ich mache das Antworten nicht. Ich kenne das Programm nur manchmal, wissen Sie, die Zuhörer geben einem das Programm. Wie kann es gefüttert werden? Eines Tages war ich in einem Schloss. Das Fernsehen war da, ich hatte ein Konzert mit diesem Streicherquartett. [lacht] Und eine Dame dort schrie, ich verstand diese Leute nicht, ‘Hey, hey es stört!’, schrie sie, ‘dieses Licht in den Augen!’ – Ich sagte: ‚Entschuldigung, Madame, Entschuldigung. Es ist das Fernsehen, Entschuldigung! Ich bin sicher, Sie würden gerne zuhause sein, mit einem wunderbaren Glas Champagner vor Ihrem Fernsehgerät. Sie würden dann das Programm sehen und sagen ‚ich war dort! Ich war dabei!’ – Man verlässt die Bühne und denkt, die Leute können nicht sagen, dass das Programm vorbereitet war. Ich weiß nicht, was sie wollen! Und jeden Tag ist es das Gleiche! – Ich habe Antworten. – Woher… !?


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Das Gespräch führte Heinz Michael Vilsmeier.

Der dritte Teil des Gespräches erscheint am 07. Februar 2013

 

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