Sissy Engl über Peter Mühlen: Ihr seid besser als „Die ehrbare Dirne“

Sissy Engl über Peter Mühlen

Ihr seid besser als „Die ehrbare Dirne!“

HAMCHA:  … Weil sie welchen Charakterzug an ihm beschreibt, sein ausgeprägtes Ego, gebeten werden wollen, umworben werden wollen?

HAMCHA Menschen im Gespräch, Heinz Michael Vilsmeier
Album Peter Mühlen, wie er sich am liebsten sah

SISSY ENGL FÜR PETER MÜHLEN: Ja! Die Liebe, die er vielleicht als Kind nicht gehabt hat, die sucht er überall. Es ist wohl auch die Anerkennung. Es ist natürlich so und das ist bei Künstlern sehr gefährlich. – Es gibt immer Zeiten, in denen man oben ist, in denen alle von einem sprechen – und dann ist es einmal wieder ganz anders. Eigentlich ist das ja nichts Besonderes.


Was ich einmal mit ihm erlebt habe und was fast eine lustige Geschichte ist, war in Zusammenhang mit der Produktion der „ehrbaren Dirne“. Ich hatte Charlie Müller, das war der Theaterdirektor vom Künstlerhaus, unabhängig von Peter Mühlen kennen gelernt, er hatte mich dem Schmucker für die Produktion des Fernsehgerichts vorgestellt. Peter Mühlen hatte Jahre bevor er mich kennen lernte, bei Charlie Müller und Maria Reiter gespielt. Später sind wir dann beide zusammen dorthin gekommen. Als ich mit Oliver schwanger war, hab ich dort die Kasse gemacht, hab Manuskripte gelesen und beurteilt, einige auch wieder zurückgeschickt und ich hab die Dramaturgie gemacht. Den Job hatte mir der Mühlen besorgt. Als dann der Oliver auf der Welt war, lief „Die ehrbare Dirne“ immer noch in ganz unterschiedlichen Besetzungen, manchmal mit guten und manchmal mit schlechten Leuten. Dann sollte das Stück neu aufgenommen werden und ich sollte die „ehrbare Dirne“ spielen. Ich sollte mit einem gewissen S. spielen. Den mochte ich nicht, weil ich ihn nicht für einen guten Schauspieler hielt und auch sein Wesen nicht mochte. Ich bin normalerweise nicht so, dass ich mir jemanden aussuche oder gegen jemand bin – aber der war halt ziemlich ekelhaft. Ich hab mit ihm geprobt und hab ein schlechtes Gefühl bei ihm gehabt. Der Charlie Müller hat sich das angeschaut und sagte: „Sie können sich aussuchen, wen Sie wollen! Bringen Sie den Partner, den Sie wollen, Sie müssen nicht mit dem S. spielen!“ Ich sagte: „Ja, ich will den Peter Mühlen.“ Charlie Müller war natürlich einverstanden, weil Peter Mühlen ja früher sein Star gewesen ist. Auf diese Weise kam Peter Mühlen in das Stück. Charlie Müller hatte zwar die Regie, aber so wie er die gemacht hat, war das nichts. Er hat sich unten hingesetzt und hat vielleicht mal „Scheiße“ gesagt oder er hat nur gelacht und ist wieder weg gegangen. Die Regie sollte dann der Peter Mühlen machen, der aber nicht wollte. Er schlug den Mohamed Zrouki vor, der dann auch kam und die Regie bei uns machte. – Und da haben wir auf der Bühne gestritten, einen Tag vor der Generalprobe, so gestritten, dass er zu mir gesagt hat, ich sei eine Bauernschauspielern und würde den armen Theaterdirektor jetzt arbeitslos machen, weil ich so schlecht spielen würde. „Morgen“, schrie er, „ist es in allen Zeitungen! Das Theater wird geschlossen werden, weil du so schlecht bist! Was bildest du dir überhaupt ein, wer du bist …“, und lauter solche Sachen warf er mir an den Kopf. Der Streit war furchtbar. Und ich sagte, dass ich gehe und dass es mir egal sei, auch wenn ich Konventionalstrafe bezahlen müsste und wenn ich es 50-Mark-weise zahlen müsste … und dass die Maria Reiter spielen solle, sie könne ja einspringen. – Ich drohte, ich würde die Dirne nicht spielen. Und der Mohamed Zrouki sagte nur: „Das ist besser als Elisabeth Taylor und Richard Burton! Ihr seid die deutschen Taylor / Burton und was ihr auf der Bühne aufführt, ist besser als „Die ehrbare Dirne“. Das müsste man eigentlich bringen. Wenn ich nur die Kamera hätte und das filmen könnte. – Macht weiter, macht weiter, bravo so!“ Das war die Generalprobe und Charlie Müller saß da und hat „Scheiße“ geschrien, weil irgendetwas war, ich weiß nicht was, und der böse S. saß auch da und hat sich gefreut. Das war ein Hickhack, ganz toll! Schließlich packte der Mohamed Zrouki uns beide am Arm und sagte: „Wir gehen jetzt da rüber zum Roten Hahn und trinken einen Kaffee.“ Und dann sind wir da rüber gegangen. Morgen nicht? – Heute nicht! Am Abend sollten wir spielen, nicht am nächsten Tag, so war es! Mit dem Peter Mühlen hat er irgendetwas geredet, was gar nichts mit der Situation zu tun hatte und zu mir sagte er: „Du weißt ganz genau, dass du gut bist und du weißt ganz genau, dass der das gar nicht so meint. Das weißt du ganz genau, jetzt komm schon, beruhige dich!“ – Ich hab kein Wort gesprochen, ich war immer die Leidende. Die haben sich unterhalten, haben einen Kaffee getrunken und einen Cognac dazu und irgendwie war das dann so, dass er, Peter Mühlen, friedlich war und ich mich beruhigt hatte. Der Zrouki sagte dann: „Du spielst! Ihr werdet sehen, das wird ein Erfolg und das machen wir heute.“ – Wir haben dann gespielt, es war ausverkauft und es war ein sehr großer Erfolg. Dann ist der Peter Mühlen zu mir hergekommen, hat den Arm um mich gelegt und gesagt: „Bist keine Bauernschauspielerin, du bist die beste Schauspielerin überhaupt. Das weißt du ganz genau. Ich hab das nicht so gemeint, vorher. Aber ich hab irgendwas tun müssen, dass du was tust.“

HAMCHA art integration, Heinz Michael Vilsmeier
Album Peter Mühlen, Inszenierung „Der Killer“ mit Mohamed Zrouki

HAMCHA: Peter Mühlen scheint mit Dir immer sehr rabiat umgegangen zu sein.

SISSY ENGL FÜR PETER MÜHLEN: Das hat nichts mit meiner Person zu tun. Das hat mir einmal eine Schauspielerin erklärt, die Christa Dyckerhoff. Die sagte „Schütze? – Ach Du lieber Gott, einem Schützen kann man doch nicht böse sein. Ein Schütze schreit und in fünf Minuten tut es ihm leid. Der hat es nie so gemeint. – Das darfst Du nie ernst nehmen, was der sagt. Ich bin auch Schütze, ich kenne das!“ – Das habe ich mir dann gemerkt. Er ist Aszendent Schütze. Er ist eine Waage. Ich sag immer Männer sind Waage-Krampfhennen. Ich bin selber eine Waage – aber Männer-Waagen sind grauenvoll, kapriziös, schwierig …

HAMCHA: Was hinterließ das bei Dir an Kränkungen?


SISSY ENGL FÜR PETER MÜHLEN: Ich bin halt auch sehr sensibel. Ich bin schon schnell unten, aber ich bin auch schnell wieder oben. Ich bin im Aszendent Jungfrau. Jungfrau und Schütze, das passt eigentlich gar nicht. – Waage und Waage würde ja passen. Jungfrau will immer alles perfekt machen, die weiß immer alles besser und der Schütze ist halt aufbrausend. – Ich bin halt auch ein bisschen, vielleicht nicht spießig, aber auf jeden Fall konservativ und streng erzogen worden. Ich bin nicht so frei gewesen wie der Peter Mühlen es war. Wir sind zwei grundverschiedene Charaktere. Was er als normal oder als richtig oder als gut betitelt, das habe ich als furchtbar betitelt, wo ich Hemmungen habe, hat er vielleicht keine … Das sind so viele Dinge, die bei uns überhaupt nicht passen. Was aber trotzdem bei uns passt, das ist die Waage, das Künstlerische. Vielleicht auch einmal einen trinken oder gemütlich etwas essen gehen oder es sich gut gehen lassen und feiern. Das ist alles, was mit Kunst, Genuss oder mit Schönheit zu tun hat, was uns verbindet. Aber alles andere ist eben anders. Ich glaube schon, dass Peter Mühlen in gewisser Hinsicht ein schwieriger Mensch ist, vielleicht bedingt durch seine Jugend, vielleicht bedingt durch alles, was er erlebt hat und durch die Erfahrungen, die er mit Menschen gemacht hat.

HAMCHA: Trotzdem würde ich gerne noch einmal zu meiner Frage, was das bei Dir an Kränkungen hinterlassen hat, zurückkehren.

SISSY ENGL FÜR PETER MÜHLEN: Wenn er mich vor anderen Leuten, zum Beispiel wenn er Regie geführt hat, oder auch unabhängig davon, niedergemacht hat …

HAMCHA: Du sprichst Situationen an, in denen er dich öffentlich gedemütigt hat?

HAMCHA art integration, Heinz Michael Vilsmeier
Album Peter Mühlen -„Krankhaft Ehrlich“

SISSY ENGL FÜR PETER MÜHLEN: Ja. Er nennt sich, so stand es auch in der Zeitung, „krankhaft ehrlich“. Auf dieses Wort, dass man so über ihn schreibt, war er sehr stolz. Er lügt nie, er ist ehrlich, er hintergeht keinen Menschen, er nimmt kein Blatt vor den Mund, er sagt jedem alles ins Gesicht. Er hat überhaupt keine Hemmung, jemandem etwas ins Gesicht zu sagen, was den vielleicht kränkt oder wütend macht oder dass er selbst vielleicht einen Schaden davon haben könnte. Das interessiert ihn gar nicht. Er sagt, was er denkt und er sagt es direkt. Er betrachtet das nicht als Kränkung sondern als Ehrlichkeit. Da gehen unsere Meinungen auseinander. Ich habe gelernt, und von daher rührt vielleicht die Diskrepanz, jetzt wird mir das erst bewusst, es ist ein schlechter Vogel, der sein eigenes Nest beschmutzt! Ich habe gelernt, dass man nicht über andere Menschen spricht und schon gar nicht vor anderen Menschen über andere Menschen. Ich habe gelernt, dass man alles für sich behält. Ich bin jemand, der zwar nicht lügt, der aber vertuscht. Ich lüge nicht, ich vertusche! – Vertuschen ist etwas ganz anderes. Wenn wir jetzt den größten Krach gehabt hätten und Du kämst z. B. hier her, dann würde ich so tun, als wäre alles in Ordnung. Ich würde mir das nicht anmerken lassen, überhaupt nicht. Ich würde freundlich sein, einfach, weil es sich so gehört. Und er würde vielleicht, das kommt darauf an, was es für eine Situation ist, es sich anmerken lassen, dass bei uns ein Krach war. Da sind wir grundverschiedene Charaktere, wir haben halt verschiedene Erziehungen.

HAMCHA: Hast Du diese Demütigungen immer wieder gesucht?

SISSY ENGL FÜR PETER MÜHLEN: [denkt lange nach] … – ne … hm …

HAMCHA: Es ist ja schon erstaunlich, eine Beziehung, in der solche Demütigungen immer wieder vorkommen, über so einen langen Zeitraum aufrecht zu erhalten.

SISSY ENGL FÜR PETER MÜHLEN: Das ist, glaube ich … Ich wäre ein guter Rechtsanwalt geworden, sagt er immer wieder, da würde ich mehr verdienen. „Frau Bossi“ sagt er immer wieder zu mir. Ich habe schon vielen geholfen, die einen Ehekrach hatten oder wo der Mann weg gerannt ist. Ich bin halt der Meinung, wenn zwei streiten, dann sind sie böse, dann gibt es Demütigungen. Das sieht man doch bei Valentin, das sieht man in jedem Stück. Wenn wir das auf der Bühne spielen, dann sagen die Leute, dass sie sich auf der Bühne sehen. Sie sehen sich in ihrem Wohnzimmer auf der Bühne. Was wir uns dort an Beleidigungen an den Kopf werfen, wie böse wir sind. Ich geb dem glatt einen Renner, dass er auf den Boden hin fliegt. Und der kommt auf mich zu, dass ich Angst habe, dass er mir die Augen aussticht. – Beleidigungen noch und noch. Und doch lieben wir uns. Also der Valentin, da meine ich jetzt ihn und seine Ehefrau. Ich sag zum Beispiel auf der Bühne: „Also wenn du es mir zu bunt treibst, dann sammle ich alle meine sieben Zwetschgen zusammen und bleibe erst recht bei dir!“ – Das ist so ein typischer Spruch, ein Streit mit schönen Worten. – Herrlich ist dieses Stück! Sicherlich gibt es Ehepaare, die, bis sie 90 Jahre alt sind, Händchen halten, sich schätzen, sich ehren. Die sind auch so erzogen worden. Die haben vielleicht nie Schlimmes im Leben kennen gelernt. Vielleicht haben sie den Krieg kennen gelernt und haben trotzdem zusammen gehalten. Aber sie sind vielleicht nicht in Situationen geraten, in denen man aufeinander los geht. In jeder Beziehung gibt es Streit, da funkt es, das sind vielleicht auch Temperamentsgeschichten. Der eine sagt etwas und der andere ist gleich beleidigt, obwohl der eine es gar nicht so gemeint hat. Gerade Künstler, die so übersensibel sind, da nimmt man jede Kleinigkeit ja gleich ernst. – Das spielt eine Rolle!

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Das Gespräch führte Heinz Michael Vilsmeier

© HAMCHA art integration Heinz Michael Vilsmeier, Impressum

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