Reinhold Alsheimer: Es ist mir wichtig, dass ich bei IRXN spiele

HAMCHA art integration, Heinz Michael Vilsmeier
Reinhold Alsheimer, IRXN, Auftritt im Giesinger Bahnhof

HAMCHA: Dies ist eine gute Überleitung für meine nächste Frage. In Eurer Musik spielt der Dialekt eine große Rolle…

Reinhold Alsheimer: … Ja.

HAMCHA: Geht es auch ohne Dialekt?

 

 

Reinhold Alsheimer: Doch, ja, wir haben auch einige Stücke, die in Standarddeutsch gesungen sind, zum Beispiel  „Wolfspfad“. Der Dialekt hat die Eigenart, dass er die Sprache ist in der man lebt, in der man streitet, in der man liebt und in der man träumt – wenn man im Dialekt aufgewachsen ist. Wenn man unmittelbar und ehrlich Musik macht, dann greift man auf die Sprache zurück, die man am besten kann, und das ist die, in der man träumt, in der man liebt und in der man streitet. Und deswegen ist der Dialekt ein Bayerischer, alldieweil unser Sänger halt ein Münchner ist, einer der wenigen echten. Ich hab ein bisschen Schwierigkeiten mit dem Schreiben von Stücken, deswegen, aber ich gleich das dann ab mit Bernie. Auf der letzten Platte ist ein Text von mir drauf, ich leb jetzt lang genug in der Holledau, um des Oberbayrischen ein bisschen mächtig zu sein, aber ich gleich das dann ab. Wenns gar ned anders geht, dann schreib ich Standarddeutsch. Fränkisch kann Bernie nicht singen, das ist sehr schad, ich kann leider nicht so singen, dass es banddienlich wär, und von daher ist es dann einfach besser, wenn der Bernie das übernimmt. Wir setzen uns dann halt zusammen und feilen an einem Text herum. An dem letzten, Dunkle Wolke, das war jetzt eigentlich nicht der Akt, das habe ich ganz gut erwischt, dass er es schön bayrisch singen kann, und das war mir wichtig, dass es bayrisch gesungen ist. Ich hatte eine Version auf Standarddeutsch aber das war nicht so das, was mich begeistert hat.

HAMCHA: Wo findet Ihr Euer Publikum, in erster Linie?

Reinhold Alsheimer: Das ist komplett gemischt. Wir haben gute Erfahrungen mit Kleinkunstbühnen, bis hin zu Rockfestivals. Von der Altersstruktur her sind wir relat¬iv, relativ gut durchgemischt.

HAMCHA: Es gibt ja immer mehr Mittelalterfeste, gehören deren Besucher zu Eurem Zielpublikum?

Reinhold Alsheimer: Damit haben wir jetzt erst angefangen. Wir haben jetzt vor kurzem in Waging am See beim Marktfest gespielt, … weil, weil, weil bei diesen Mittelalter… in dieser Mittelalterszene, die eine sehr puristische ist, und sehr reglementiert, oft, da hat man nicht genügend Material um ein ganzes Konzert zu spielen, um dieses wirklich reine Mittelalterambiente zu bedienen.

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Reinhold Alsheimer, Waging am See, Marktfest, 22.06.13

HAMCHA: Das finde ich ein bisschen überraschend, weil Ihr ja intensiv daran arbeitet, mit Mittelalter- und Renaissancemusik kreativ zu sein und in Eure Kompositionen und Stücke zu integrieren. Insofern wären doch Berührungspunkte gegeben, oder sehe ich das falsch?

Reinhold Alsheimer: Ja, es ist ein Berührungspunkt da, aber es ist oftmals in den Stücken nicht so offensichtlich, sage ich jetzt mal so. Es ist ein Einfluss da, der eine oder andere Tune, die eine oder andere Phrasierung, aber nicht ein reines Stück, was in ein Mittelalterambiente passt.

HAMCHA: Kann man es so sagen, dass Ihr den mittelalterlichen Musikfundus wie einen Steinbruch nutzt, aus dem Ihr Euch mit dem einen oder anderen Bruchstück bedient?

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IRXN plugged technical rider

Reinhold Alsheimer: Mmm… auch. Wir haben zum Beispiel das Palästinalied, mit einem neuen Text versehen, aufgenommen. Das ist eine ganz eindeutige Walther von der Vogelweide – Mittelalternummer, Punkt. Wir machen das schon, wie gesagt, wenns uns erwischt, dann machen wir das auch. Wir haben auch die Allemande, ein Renaissancestück, relativ puristisch mittelalter-metalmäßig aufgenommen. Das ist einfach natürlich und härter, mit Ska drin und dem kompletten Programm, aber da gibt es natürlich auch ganz, ganz viele Bands, die das bedienen, mittlerweile, vor allem aber in der Reinheit sehr viel mehr bedienen, als wir. Für uns war das ein Experiment in Waging, a) mal einen kompletten Tag zu spielen, eben nur mit Mittelaltermaterial, oder Material, was man auf einem Mittelaltermarkt erwarten kann. Wir haben mal ein, zwei, drei Stücke versucht, wie die ankommen – war ganz lustig, ging ganz gut auch mit anderem Material, aber da war das Eis recht dünn. Das Ganze haben wir b) komplett unplugged und ohne Strom gemacht, also tatsächlich voll pur. Und das ist sehr gut angekommen. Das ist jetzt vom Ergebnis her so, dass wir uns jetzt doch auch verstärkt um diese Mittelaltergeschichten bemühen, weil das sehr spannend ist und auch sehr lustig ist, da zu sein. Wir haben sehr, sehr, sehr viele nette Leute kennengelernt und auch Angebote gekriegt für Folgeauftritte und so. Das ist jetzt eine Geschichte, die als Experiment gestartet ist, die war sehr spannend, sehr anstrengend, aber sie war sehr erfolgreich.

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IRXN unplugged technical rider

HAMCHA: Ist das nicht eine Szene, bei der man sich auf brüchigem Eis bewegt? Das sind ja häufig Leute, die gesellschaftlich, politisch weniger kritisch sind. Ich denke dabei an das Palästinalied, einem Lied der Kreuzritter, die Hymne der Kreuzzüge, die den Kampf gegen Juden und Muslime glorifizierte. Wenn man das einfach unreflektiert aufgreift, stellt man sich damit in eine bestimmte Tradition.

http://youtu.be/cAYrS29bOKo

Reinhold Alsheimer: Ist klar! – Ist klar, Komma ‚aber’, wir haben die Tunes genommen und Bernie hat ‘nen neuen Text dazu geschrieben…

HAMCHA: … Okay …

Reinhold Alsheimer: … einen sehr, sehr, sehr aktuellen Text. Da geht’s eben um die Zerrissenheit des Landes Palästina, mit drei Religionen und den Herrschenden, in ihre Religionen Versunkenen, die versuchen, ihre Leute dazu zu kriegen, die jeweils anderen Religionen, das jeweils andere Volk, an die Wand zu fahren und diese… diese, … dieses wunderschöne Land an den Rand des Abgrunds zu bringen und soviel Blut und Leid zu produzieren. Und um genau das geht’s in diesem Stück.

HAMCHA: Das ist natürlich auch wieder sehr gewagt, sozusagen die Hymne der Kreuzritter genau für diesen Zweck zu verwenden.

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Reinhold Alsheimer: Äh – ja, aber nur so geht’s. Ich möchte das schon so haben und das ist mir persönlich auch sehr wichtig, dass ich bei IRXN spiel, weil wir uns da einig sind. Wir sind eigentlich eine Band, die über das Leben singt. Und über das Leben zu singen ist, was ich vorhin schon einmal gesagt habe, von vorne bis hinten politisch. Wenn Du Leben beschreibst, dann bist Du ein politischer Mensch, und das ist mir ein ganz, ganz wichtiges Moment. Ich möchte mit der Musik auch Politik betreiben.

HAMCHA: Mhm, mhm. – Bist Du da auf der gleichen Linie, wie Deine Mitmusiker?

Reinhold Alsheimer: Ja… ja! Sonst würd’s ned funktionieren. Ja!

HAMCHA: Okay. –

Reinhold Alsheimer: Und natürlich gibt’s in dem einen oder anderen Punkt unterschiedliche Meinungen, das ist überhaupt kein Thema. Und, wie gesagt, manchmal wird’s auch gehörig laut im Übungsraum, aber das lieben wir auch.

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Das Gespräch führte Heinz Michael Vilsmeier

©HAMCHA art integration Heinz Michael Vilsmeier, Impressum

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