Prinz Chaos II. “Leute, wenn ihr Papst sein wollt, dann seid es!”

HAMCHA: Prinz Chaos der II. oder reicht Prinz Chaos?

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Prinz Chaos II., Shiva-Tor, Weitersroda, 2012

Prinz Chaos II.: Es reicht grundsätzlich auch ‘Prinz’. Da san ma ned so. Oder ‘Euer Durchgeknalltheit’ würde ich also auch anbieten – oder ‘Euer Provokanz’, das wäre alles möglich.

HAMCHA: Es gibt noch ein paar Titel, die Du mit Dir herumführst.

Prinz Chaos II.:  Ja – das sind allerdings weniger Titel, sondern Bezeichnungen für andere Identitäten, mit denen ich zugange bin. Das ist einmal Donna San Floriante, einerseits eine journalistische Identität von mir und zweitens eigentlich meine Tuntenidentität. Also Donna San ist eben auch eine weibliche Identität von mir.

Dann gibt es noch Commander Shree Stardust, meine militärische Abteilung, sozusagen. Also das ist, … der arbeitet …, der hat praktisch eine Agentur für Bürgerkriegs Consulting und schreibt strategische und taktische Demonstrationsanalysen, z. B. für Anti-Nazi-Demos rund um Dresden.

Ja und dann ist da eben auch noch der Prinz. Das ist mir alles so passiert, Ende der 90er, so um das Jahr 2000 herum, als es mich in eine ziemlich üble persönliche Krise hineingehauen hat und ich das Gefühl hatte, so ein verdammtes Arschloch geworden zu sein, dass ich echt das Gefühl hatte, mit meinem bürgerlichen Namen gar nicht mehr unter die Leute gehen zu können. Gleichzeitig ist da mein, bis dahin unterdrückter, Künstler zum Ausbruch gekommen und hat, wirklich vergleichbar mit Energieexplosionen, diese Figuren ausgesprengt. – Da gab’s auch noch mehr, die aber nix geworden sind und ein paar, die haben sich dann eben arrangiert. – Ich bin jetzt nicht so schizophren oder multiphren in dem Sinne, dass ich  in diese Identitäten umklappen würdeund selber gar nichts merken würde. Für mich ist das schon eher so wie bei Tucholsky, der mit sehr viel Energie gearbeitet hat. Aber diese Figuren sind schon sehr getrennt und sehr unterschiedlich.

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Prinz Chaos II., Shiva-Tor, Weitersroda, 2012

HAMCHA: Im Internet leben heutzutage sehr viele Menschen unterschiedliche Identitäten, die sie an sich selbst entdecken, es ist geradezu wie geschaffen dafür. – Welche Rolle spielt es für Dich dabei, diese Identitäten zu realisieren?

Prinz Chaos II.: Grundsätzlich spielen die Welten des Internet dabei natürlich eine große Rolle, weil Du dort diese Figuren schon auch zum Leben erwecken kannst, indem sie eine Geschichte entwickeln, indem sie eine Sprache entwickeln und einen Charakter ausformen. Ich denke eigentlich, dass das Internet genau darin ein großes Befreiungspotential besitzt, dass es erlaubt sich selber auszuprobieren, mit sich zu experimentieren.


Ich habe, unter anderem, japanische Kultur studiert. In Asien ist das anders geregelt, dort ist die Vorstellung von Subjektivität nicht so, dass man immer der sein muss, der man eigentlich ist. – Das ist so eine klassische Formulierung, ‚der sein, der man eigentlich ist’, als Inbegriff von ‚man selber sein’. In Wirklichkeit ist das ein vollkommener Schmarren, denn wir sind nicht immer dieselben, sondern eben in jeder Situation, in jeder Lebensphase, ganz viele verschiedene. Da gibt es eben die Möglichkeit, sich sehr zwanghaft an eine Form zu halten, was ich vielleicht wollen würde, wenn ich’s könnte, bloß ich komme aus einer Schauspielerfamilie. Insofern ist mir das Experimentieren mit verschiedenen Rollen schon immer sehr nahe gewesen. Insofern, das muss ich sagen, ist das von mir auch keine reine Internetstrategie. Viele führen ein stinknormales Leben und lassen im Internet, wo’s keiner mitkriegt, die Sau raus. Bei mir ist das so, dass ich diese Figuren dann auch werde, im Leben, also offline.

HAMCHA: Ich verstehe Dich so, dass Du die unterschiedlichen Identitäten nicht nur auf der Bühne lebst, sondern auch im wirklichen Leben, dass es für Dich keine Trennung zwischen den Identitäten gibt, die Du sowohl auf der Bühne, wie im eigentlichen Leben verkörperst.

Prinz Chaos II.: Na, ich verkörpere die nicht nur, sondern ich bin die. – Also, ich mag zum Beispiel gar nicht, was ja von Journalisten oft kommt, die Frage, ‚sollen wir da oder dürfen wir da Deinen klaren Namen verwenden?’, weil diese Formulierungen, ‚Klarname’ oder ‚Pseudonym’, nicht wirklich treffen, was bei mir Phase ist. Es ist eben keine reine Spielerei oder …

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Prinz Chaos II., Shiva-Tor, Weitersroda, 2012

Unterbrechung, eine Frau aus dem Dorf bringt selbst gebackenen Kuchen …

Prinz Chaos II.:  Das ist nett, das ist sehr lieb…

Frau: Ja, das ist ein Mandarinenkuchen und das ist ein Streuselkuchen. Da wünsch ich einen schönen Appetit und…

Prinz Chaos II.:  Das muss man vielleicht dazu sagen. – Nur hören und nicht sehen, da hat gerade eine Dame hier aus der Gegend ein Kuchenblech vorbeigebracht, als kleine Solidaritätsgabe.

 

 

 

HAMCHA: Gehen wir noch mal zurück.

Prinz Chaos II.:  Ja. Das ist es, was ich Dir eigentlich sagen wollte, dass es für mich nicht nur eine Inszenierungsstrategie ist, wobei ich natürlich PR-Sau genug bin, dass es das sicherlich auch ist. – Schau mal, zum Beispiel der Florian Söllner, der gerade gekommen ist, der hat sich hier die Position des Hofnarren geschnappt. – Ich rufe alle auf, nicht nur mich in diesen

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H.M. Vilsmeier, Prinz Chaos II., Florian Söllner als Hofnarr

Aussprengungen von unterschiedlichen Wesen ernst zu nehmen, sondern das auch selber zu machen. Ich sage eben, ‚Leute, wenn ihr Papst sein wollt, dann seid es!’ Ich meine, hätte ich ja auch machen können, hätte ja auch Papst werden können, das hab ich halt nicht gemacht, weil mich dieser lateinische Text, trotz Latinum, das ich selbstverständlich habe, halt abgeschreckt hat. Natürlich, die Kostüme sind sehr schön, die die haben. … Ich sage eben grundsätzlich, jeder hat die Möglichkeit sich zu gestalten, hat die Möglichkeit, das was er gerne sein möchte, wovon er träumt, auch ins Leben zu bringen. Das einzige, was uns normalerweise zurückhält, ist die Angst, wie man da angeschaut wird. Da halten sie einen für verrückt, Pipapo… Du siehst es ja an Fasching, da machen sie es dann plötzlich! – Bei mir ist Fasching so ziemlich der einzige Termin, wo ich das nicht mache, weil ich es nicht brauche. Ich mache es die anderen 361 Tage im Jahr.

HAMCHA: Prinz Chaos, Du sagtest vorhin, Du hättest etwa Ende der 90er Jahre entdeckt, dass Du ein Arschloch geworden seiest …

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Prinz Chaos II., 2012

Prinz Chaos II.: Mhm!

HAMCHA: … und das nicht mehr sein wolltest. War das eine Erkenntnis, die Dich dazu brachte, Dich zu verändern?

Prinz Chaos II.: Ja!

HAMCHA: Kannst Du das näher beschreiben?

Prinz Chaos II.:  Ja. Ich komme aus einer sozialdemokratischen, antifaschistischen und sehr friedensbewegten Familie, das ist die Vaterseite. Mein Urgroßvater ist Arbeiterrat für die USPD in der Münchener Räterepublik gewesen und mein Opa war ein wirklich mutiger Widerständler im Dritten Reich, da waren vier, fünf Generationen SPD-Mitgliedschaft. Ich war schon immer sehr politisiert und hab mich dann, Anfang der 90er, über den ersten Golfkrieg der Amerikaner weiter politisiert, als George Bush Senior da zum ersten mal rein ist. Damals ging es ja um Kuwait. Da gab’s dann eine Schülerbewegung, ich war in München am Luisengymnasium, und es ging unwahrscheinlich zur Sache. Da war eine große, aufgewühlte, emotionale Schülerbewegung mit Schülerdemos mit 10, 15, 20tausend Leuten, da war richtig was los … Im Zuge dessen, ich nenne das immer ‚my own private sixtyeight’, hab ich mein privates 68 erlebt. Innerhalb weniger Wochen habe ich in München einen komplett neuen Freundeskreis gefunden, der weitaus mehr links von dem stand, was ich vorher kannte. Ich absolvierte mein Coming-out, also mein schwules Coming-out, hab’s s’Kiffen angefangen und war eben durchaus sehr verändert. Ich bin dann voll auf diesen Aktivistenfilm eingeschwenkt und war jahrelang Aktivist für eine trotzkistische, sprich traditionell schon kommunistische aber den Ostblock ablehnende Gruppierung …

HAMCHA art integration, Heinz Michael Vilsmeier
Prinz Chaos II., 2012

Unterbrechung, das Handy klingelt … (ständig)

Prinz Chaos II.:  Das mach ma jetzt moi aus … und … [es vibriert … geht ran] … Jaaa?! … [lange Pause] … Du, heute nicht, morgen schon! … Sagst ihm so! … [Es geht um die Getränkelieferung für das Paradiesvogelfest!] … Ich bin gerade in einem Interview, deswegen ist es schlecht jetzt!

Prinz Chaos II.:  … Ich bin also auf diesen Aktivistentrip eingeschwenkt und dann waren ja Anfang der 90er, das hat jetzt mit der Situation heute durchaus auch viel zu tun,  diese schrecklichen Naziübergriffe, die Pogrome in Hoyerswerda und Rostock, die Mordanschläge in Mölln,
Solingen und Hünxe und was es da alles gegeben hat. In der Zeit ist ein größerer Teil dieser Schüleraktivisten aus der Golfkriegsbewegung praktisch sofort in die nächste Massenbewegung hinein gestürmt. Das hat mich extrem geprägt und eben auch radikalisiert. Ich war dann praktisch zehn Jahre lang Berufsrevolutionär und hab für diese trotzkistische Kleinpartei gearbeitet, das waren erst so circa 200 Leute. Irgendwann ist dieses Parteiprojekt voll in die Krise gegangen. – Tony Cliff, eigentlich Igor Ill Gluckstein, ein jüdischer Revolutionär, in London wohnend, hatte sich mich und eine andere Person, sozusagen als seine deutschen Zöglinge … gefischt. Den hatte ich dann einige Jahre, jeden zweiten Tag, am Telefon. Ich bin nach Hamburg gezogen und er hat uns gecoached, wie man praktisch Parteiaufbau macht. Wir haben eine bundesweite Zentrale aufgebaut und eine Organisation, die hieß Linksruck, mit der wir die Jusos unterwanderten, das ist eine komplizierte längere Geschichte. Irgendwann hatte das Ding dann 1200 Mitglieder und war extrem hierarchisch und zentralistisch aufgebaut. Ich war halt oben gestanden und war Chefredakteur der Zeitung. – Verstehst Du, ich war 22 und hatte natürlich die absolute Wahrheit mit Löffeln, mit Suppen-, mit Schöpflöffeln gefressen. – Ich hab ja alles gewusst und alle anderen waren Vollidioten. Ich hab ein sehr hartes Regime angeführt, bis ich irgendwann einmal merkte, dass ich mit dieser Rolle, immer den großen Führer machen, immer nach vorne … immer `ne Antwort haben, überhaupt nicht mehr zurechtkam. – Dabei sind in mir auch viele Fragen aufgekommen, ob nicht die Welt vielleicht ein bisschen komplizierter ist, als das Weltbild, das wir uns da zusammengeschnitzt hatten. – Dann gab es, wie es eben so ist, wenn so eine Organisation, gerade mit sehr jungen Leuten, rauf schießt wie `ne Rakete, irgendwann den Umkehrpunkt. Es sind viele Konflikte aufgetreten und du sackst runter wie ein Stein. Ich war auf diesem Machttrip. – Weißt  Du, wenn du Diktator bist, ist es nicht
wichtig, ob du Diktator von einem Land mit 20 oder 200 Millionen Leuten bist oder von 1200. – Dieses Gefühl der Macht macht etwas mit dir und es macht einen halt in aller Regel zum Arschloch. – Und ich hab dann irgendwann einmal bemerkt, dass ich Leute in einer Form behandelt hab, die einfach überhaupt nicht geht. – Und …

HAMCHA: Haben die Leute sich gewehrt?

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