Prinz Chaos II. – Degenhardt ist für mich das ‚Großfränzchen’

 

Prinz Chaos II.
Prinz Chaos II.

HAMCHA: Prinz Chaos, hast Du Kollegen, die Du als Vorbilder betrachtest?

Prinz Chaos II.: „Vorbilder“ ist ein Begriff, mit dem ich nichts anfangen kann, weil, wenn man die Leute persönlich kennt, lernt man sie ja eben als Menschen kennen und dann gibt es da viel vorbildhaftes und viel nicht so vorbildhaftes. – Aber als Lehrer, so kann ich das sagen, haben mich als erstes Gerhard Polt und der Fredl Fesl mit ihren Platten geprägt. Das waren Platten in meiner frühen Kindheit, da haben die voll eingeschlagen. Die sind in jedem

 

bayerischen Haushalt rauf und runter gelaufen, da kann ich mich sehr gut daran erinnern. Unmittelbar als Liedermacher habe ich dann irgendwann den Degenhardt entdeckt. – Ich hab eigentlich auch mein Handwerk gelernt, indem ich Degenhardt-Lieder gespielt und mir die Akkorde selber rausgesucht hab. Ich glaub, dass man mir das sehr anmerkt, denn erstens ist es so, dass die Harmonien beim Degenhardt ja nicht so ganz ohne sind, das ist nicht so leicht gewesen, die herauszufinden. Und wenn ich jetzt das Degenhard-Liederbuch zur Hand nehme und sehe, dass ich die richtigen Harmonien herausgefischt habe, bin ich schon auch stolz darauf. Man kann halt bei ihm auch lernen, wie man gute Lieder schreibt, wie man Geschichten erzählt, wie man Figuren baut. Er ist ja, genau wie ich, ein großer Karl-May-Fan. Degenhardt ist auch ein großer, großer Lyriker, der mich sehr geprägt hat. – Ich hab ihn persönlich auch kennen gelernt, aber da wollte er mich nicht so ganz in seine Welt hineinlassen. Trotzdem haben wir schon ein sehr freundschaftliches Verhältnis gehabt, auch bis zu seinem Tod. Irgendwann einmal, 2004, nein 2003, hab ich den Konstantin Wecker kennengelernt, über einen Schulfreund, der das Irak-Filmmaterial von Konstantin geschnitten und bearbeitet hat. Das war, als Konstantin 2003, vor dem Irakkrieg, diese Friedensreise gemacht hat.


Dieser Freund hat uns zusammengeführt und es hat eigentlich sofort einen Schlag getan und wir waren voneinander begeistert. Wir haben sofort eineinhalb Stunden geredet und waren hinterher völlig fertig. Später hat er mir bestätigt, dass es bei ihm ähnlich war. Da hat so viel gepasst, das Münchener sein, eine Art von Humor, eine Art von Durchgeknallt sein, eine Art Musiker zu sein, eine Art die Welt zu sehen und das Liedermachertum. Einfach auch die Verankerung in gewissen kulturellen Traditionen, die durchaus auch mit München und Bayern zu tun haben. – Oskar Maria Graf, Feuchtwanger, Pipapo und so weiter. Ich würde sagen, die zwei sind schon ausreichend … Vielleicht muss ich noch Hans Söllner einschieben, den hab ich sehr, sehr viel gehört und der war mir auch sehr wichtig. Den hab ich auch sehr früh schon, als Zwölfjähriger, live gehört. Meine Mutter und mein Stiefvater sind sehr viel zu Kleinkunstveranstaltungen hin, das heißt, ich hab Ringsgwandl, Fredl Fesl, Söllner und Zeug, die hab ich alle live gesehen, in meiner Kindheit.

HAMCHA: … Willy Michl auch?

Prinz Chaos II.: Willy Michl, den kenn ich halt in letzter Zeit persönlich und dadurch auch künstlerisch mehr, der hat mich nicht so erreicht, als ich Kind war. – Meine Stiefmutter, die Frau meines Vaters, die fand den ganz toll. Da hab ich den so auf den Schirm bekommen.

HAMCHA art integration, Heinz Michael Vilsmeier
Donna San Floriante

HAMCHA: War diese Freundschaft zu Franz Josef Degenhardt mehr geistiger Natur oder war sie auch persönlich vorhanden?

Prinz Chaos II.: Nein, das war sie nicht.

HAMCHA: Also eher eine geistige Freundschaft, die aber immerhin so stark war, dass Du mit Konstantin Wecker Degenhardts Geburtstagsfeier zum 80sten Geburtstag am Berliner Ensemble mit vorbereitet hast, die ja dann zu einer Veranstaltung in memoriam wurde, da er kurz vorher verstarb …

Prinz Chaos II.: Der „Karratsch“, wie er ja genannt wird in Kollegenkreisen, Franz Josef Degenhardt, ist ein großer Verweigerer gewesen. Er hat sich sowohl dem Medienrummel verweigert, als auch einer vernünftigen Verwaltung seines eigenen Werks. Also habe ich, der es als große Ungerechtigkeit empfunden hat, dass sein Werk so niedergemacht und totgeschwiegen wird, eben sehr früh, noch bevor ich mein Coming-out als Liedermacher hatte, angefangen, sein Werk in einer jüngeren Generation zu verankern, was mir auch, denke ich, gelungen ist. Das fand er, auf jeden Fall, natürlich gut. Ich hab mich insgesamt sieben-, zehn- oder zwölf Mal mit ihm getroffen. Ich kenne auch die beiden Degenhardt-Söhne, wir sind gut befreundet und das ist sehr nett und freundlich und alles. – Aber ich wollte etwas von ihm, was er nicht mehr geben konnte und wollte. – Ich wollte diesen 70er Jahre Degenhardt, der voll eingreift, auf den Tisch haut. Aber das wollte der nicht mehr. Das war eine Rolle, die für ihn abgelebt, vorbei war. Vielleicht hat er sich auch ein bisschen von mir und von meiner ungestümen Begeisterung bedrängt gefühlt und hat insofern dann eine gewisse Distanz gehalten. Ich hab das angenommen. Er hat mich letztlich auf sein Werk verwiesen. Das hat er auch mit Pressemenschen gemacht, er hat gesagt, hört euch meine 30 Platten an, wenn ihr was über mich wissen wollt. Das hat er auch in seiner Familie gesagt, das muss man sich mal vorstellen. Der hat zu seinen Söhnen gesagt, wenn ihr mich kennen lernen wollt, hört euch meine Schallplatten an. – Das ist der Wahnsinn. Und … genau, ich hab zu seinem 75igsten Geburtstag in der Jungen Welt vier Seiten organisiert. Auf zwei Seiten waren nur Gratulationen, von Oskar Lafontaine, von dem damaligen IG Metall Chef, von Wader, Wecker, Klaus Hoffmann, halt der ganzen Riege, bis hin zu Wenzel, Gisela May und Barbara Thalheim. Eine Doppelseite mit Gratulationen, während, und das war wirklich bitter, keine einzige Zeitung gescheit dazu geschrieben hat, bis auf Neues Deutschland und Freitag. – Und da kriegst halt ne Postkarte von ihm zurück, wo er sich dafür bedankt. Weiß Du, dass ist es dann halt. Zu seinem 80sten Geburtstag hab ich dann dieses Tribute-Konzert im Berliner Ensemble angeleiert, das dann ja auch gelaufen ist. Konstantin hatte die Idee sofort unterstützt und dann haben wir gesagt, gut, wir moderieren das gemeinsam. Dadurch bekamen wir dann auch den Hannes Wader und viele andere. – Na dann ist er halt 3 Wochen vorher gestorben! Dadurch wurde dieses, an sich große Jubiläumskonzert im Berliner Ensemble zu seiner Totenfeier.

HAMCHA: Hat Franz Josef Degenhardt Dich durch sein Werk beeinflusst?

Prinz Chaos II.: Hauptsächlich durch sein Werk!

HAMCHA: … Das ist insofern interessant, als Konstantin Wecker auch sehr stark durch Degenhardts Werk beeinflusst worden ist. – Zwischen den Beiden liegt ein ziemlich großer Zeitraum, ähnlich wie zwischen Dir und Konstantin Wecker…

HAMCHA art integration, Heinz Michael Vilsmeier
Prinz Chaos II.

Prinz Chaos II.: …Konstantin und ich haben einen gemeinsamen Nachruf geschrieben, auf den Karratsch, der mit dem Satz beginnt, dass wir ohne Franz Josef Degenhard wahrscheinlich nie angefangen hätten, selber Lieder zu schreiben. Das trifft auf uns Beide zu und zeigt natürlich auch die Wirkungskraft von diesem Werk.

HAMCHA: Ist er für Dich „Väterchen Franz“?

Prinz Chaos II.: Nein, für mich ist er das „Großfränzchen“, weil er schon eine Generation drüber ist. Für mich war er halt schon ein Großväterchen. (weiterlesen)


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