Paradiesvögel im Land der Drahtzieher


Editorial zu unserem Gespräch mit dem Liedermacher Prinz Chaos II.

HAMCHA art integration, Heinz Michael Vilsmeier
Konstantin Wecker, 2012

Es war der Liedermacher Konstantin Wecker, der im Mai letzten Jahres zur Teilnahme an einem Paradiesvogelfest im Südthüringischen Weitersroda aufrief. – Für die, die es nicht wissen, es handelt sich dabei um ein Liedermacherfestival, bei dem sich „die besten der jüngeren Liedermachergeneration“ (Wecker) versammeln. Den Liebhabern deutschsprachiger Liedermacherei gilt es als Geheimtipp. Seit 2008 findet das Paradiesvogelfest alljährlich statt und erfreut sich wachsender Beliebtheit  – leider nicht bei allen. – Was aber ist bemerkenswert an der Einladung eines Liedermachers zu einem Liedermachertreffen?

Einige Monate davor, im November 2011, war bekannt geworden, was zahlreiche, für den Schutz unserer Verfassung zuständige Behörden schon lange Zeit gewusst hatten, bzw. hätten wissen müssen, dass die Drahtzieher zahlreicher nationalsozialistisch motivierter Morde in einer Region zwischen Sachsen und Thüringen, unweit des Ortes Weitersroda, ihre Basen unterhalten. – Im Laufe der Monate, die dem Bekanntwerden dieser Erkenntnisse folgten, erfuhr die Öffentlichkeit, dass die für den Schutz unserer Verfassung zuständigen Institutionen nicht gewusst haben wollen, was sie längst wussten. Was gegen wissentliches Nichtwissenwollen spricht, ist die Tatsache, dass ihre Erkenntnisse in geheimen Akten dokumentiert waren. Was aber fangen Verfassungsschützer mit Erkenntnissen an, die sie gar nicht haben wollen? – Richtig, sie schreddern sie, eiligst! Auch das hat die staunende Öffentlichkeit inzwischen gelernt. Ein Fall von institutionalisierter Verdrängung? – In welchem Kontext nicht gewusste Kenntnisse zum Verfassungsschutz berufener Organe erklärbar sein mögen, beschäftigte nicht nur parlamentarische Ausschüsse. Man kann nur hoffen, mit Erfolg.


Wie dem auch sei, Sie werden sich möglicherweise fragen, was denn nicht gewusst werden wollende Kenntnis nationalsozialistisch motivierter Umtriebe mit dem erwähnten Aufruf des Liedermachers Wecker zu tun haben könnten. – Der Aufruf war nicht nur auf dessen Blog erschienen, sondern auch auf seiner Facebook-Seite und damit in etwa dort, wo Rechtsradikale des schönen neuen Bundeslandes Thüringen von Kopfschüssen (“headshots”) auf Paradiesvögel gefaselt hatten. Und nicht nur das, sie waren, wie Wecker schrieb, bereits vom Faseln zum Tun übergegangen und hatten das Auto eines Liedermachers in Brand gesteckt, das auf dem Hof des Schlosses, des mir bis dahin nicht bekannten Prinz Chaos II. abgestellt gewesen war. (Das Gespräch mit dem Liedermacher Robert Rausch , dem Besitzer eben jenes Fahrzeuges, finden Sie hier.)

Im November 2011 hatten mich Freunde in Spanien, die über die “Zwickauer Terrorzelle” in El Pais gelesen hatten, gefragt, was denn in Deutschland los sei, ob denn dort Nazis schon wieder ungehindert Menschen ermorden. Ich hatte schamvoll geantwortet, schamvoll deswegen, weil ich Deutschland als mein Heimatland betrachte, es seien lediglich Kriminelle, die da ihr Unwesen treiben, nicht mehr und nicht weniger. Verquast politisch motiviert zwar, aber doch nur Kriminelle und ohne Rückhalt in unserer Gesellschaft.

HAMCHA art integration, Heinz Michael Vilsmeier
Liedermacher Prinz Chaos II., 2012

Die aufgeregten Zeilen Konstantin Weckers ließen mich noch einmal nachdenken. – Ich wollte mehr wissen, wollte wissen, ob wir tatsächlich schon wieder in einem Land leben, in dem selbst Liedermacher und Menschen, die deren Musik hören wollen, sich nicht mehr versammeln können, ohne bedroht und attackiert zu werden. – Ich wollte diesen, mir bis dahin unbekannten „Prinzen“ kennen lernen, den Wecker als seinen Freund bezeichnet hatte. Ich griff zum Telefon und wir verabredeten ein Treffen im 300 km entfernten Weitersroda, nahe der Stadt Hildburghausen. – Gleich am nächsten Tag führten wir ein langes Gespräch… Lesen Sie in den folgenden Tagen das in mehreren Teilen erscheinende, dreißig Seiten lange Gespräch mit Prinz Chaos II. (weiterlesen)

Heinz Michael Vilsmeier, am 06.02.2013


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