Moses Wolff: Eine wohlige Ueberforderung

Moses Wolff

Eine wohlige

Überforderung

HAMCHA: Moses Wolff, ist es eine große Herausforderung, dieses Instrument, ich glaube, es ist eine Gusla, zu beherrschen?

HAMCHA art integration, Heinz Michael Vilsmeier
Moses Wolff

Moses Wolff: Ich dachte, man nennt das Instrument „Tumba“? Jedenfalls hat es meine Mutter  vor vielen Jahren auf dem Tollwood Festival gekauft, also das erste von diesen Instrumenten, das ich übrigens noch hab, und das stand bei uns immer auf dem Klavier, bei meinen Eltern. Dadurch habe ich halt eines Tages angefangen, damit herumzuexperimentieren. Irgendwann hat sie es mir geschenkt und ich hab es eigentlich nur benutzt, um eine lustige Ansage auf meinem damaligen Anrufbeantworter zu machen, wo ich gesagt habe, dass ich ein asiatischer Imbiss bin. Dazu hab ich dann auf dem Instrument ein bisschen rumgespielt. Irgendwann ist mir eingefallen, dass ich mal bei einem Pakistani gearbeitet habe, während der Schauspielschule. Der Pakistani hieß Herr Khawaya und war total lustig, der hat so Schmuck verkauft und den hab ich immer gern imitiert. Ich hab ja schon immer auf Bühnen irgendetwas gemacht und später, viel später, habe ich mit dem Philipp Sonntag eine Show entworfen, die hieß Sonntags Club. Da hab ich dann gedacht, da könnte ich mal das Instrument ausprobieren und hin und wieder was lustiges auf der Bühne damit fabrizieren. Das gute Stück hat ja nur eine Saite und ich wollte ausprobieren, was man damit machen kann. Also in Indien und den Regionen dort spielen glaub ich immer gleichzeitig zehn Leute auf diesen Instrumenten. Ich hab dann relativ rasch eine ganz eigene Art entwickelt, diesem Instrument surreale Töne zu entlocken.

HAMCHA: Die Karikatur eines „Vollweisen“ aus, woher auch immer …

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Moses Wolff: … aus dem Morgenland. Das ist ein Vollweiser mit e i. Die hat Philip Sonntag übrigens erfunden, die Bezeichnung „Vollweiser aus dem Morgenland“, weil der Moses Shanti ja im Prinzip weise ist. Das ist nicht in dem Sinne eine Karikatur, sondern das ist halt so. … Ich hab gemerkt, dass die Leute fasziniert sind von dieser Figur, weil der so irr ist, der Shanti, dass die gebannt zuhören. Da ist immer Ruhe im Saal, wenn der redet. Der ist ja von allem beeindruckt, was wir machen, hier, zum Beispiel von der Federkernmatratze. Dadurch kann ich die Leute so ein bisschen – einlullen, dass es dann so ein bisschen – wahnsinnig wird. weil diese Figur so an die Grenzen geht und damit glaub ich für manche Menschen recht komisch sein kann. Als Moses Shanti sag ich manchmal, um es auf die Spitze zu treiben: „Ich bin vielleicht auch nur ein Produkt Ihrer Fantasie.“

HAMCHA: Ich hab diese Figur eben als Karikatur bezeichnet. – Bedienst Du dabei gezielt irgendwelche Stereotypen? …

Moses Wolff: … Glaub ich nicht …

HAMCHA: … Könnte es sein, dass Deine Figur „Moses Shânti“ als „Vollweise aus dem Morgenland“ der political correctness widerspricht?

http://youtu.be/Q9Sqqz7tKY8

Moses Wolff: Nee, ganz und gar nicht. Das ist eher so, dass es halt … Es ist so, die Figur ist so verrückt, dass die Leute sie teilweise körperlich nicht aushalten. Diese Verrücktheit und dieses Lustige … Man sieht Leute im Publikum, die sich so winden, die das nicht aushalten. Das sieht man oft beim Inder, dass die sich so drehen und winden, weil es für sie eine wohlige Überforderung ist. – Der Michi Wüst, das ist ein Journalist aus München, der hat die Figur des Inders Moses Shânti einmal so beschrieben: fremdartig, skurril, angenehm irritierend.

HAMCHA: Moses Shânti ist eine ziemlich groteske Figur. Du hast noch andere Figuren erschaffen, die etwas grotesk Absurdes haben, beispielsweise den Wildbach Toni …

Moses Wolff: … genau! Also den Wildbach Toni hab ich gemeinsam mit meinem alten Freund Richard Westermaier in der Form, wie er in den Filmchen zu sehen ist, erfunden.

HAMCHA: Haben die Figuren etwas gemeinsam?

Moses Wolff: Nee! – Also der Wildbach Toni ist ja eher so ein Alpen-James-Bond, der von sich selbst glaubt, dass er alles weiß. Er hat ja auch zu allem eine Meinung. Es stimmt zwar auch meistens, was der sagt, oder zumindest stimmt es oft. …

HAMCHA: … in seinen Augen …

Moses Wolff: … in seinen Augen und auch sonst. Ich versuche schon immer, da meine Philosophie rein zu bringen. Es gibt ja zwei verschiedene Wildbach Tonis. Das Eine ist die Serie, die ich mit dem Richard zusammen mache. Da ist der Wildbach Toni … quasi, da gibt er halt immer so Ratschläge.

http://youtu.be/vPQk7vL6Rio

Das Andere ist die Romanfigur, da ist er etwas philosophischer. Aber er ist auch in der Serie philosophisch. Da bleiben die Folgen meistens zusammen, dadurch wird die halt … Quasi kommt da unser beider Philosophie vor, sowohl die vom Richard, wie auch die von mir, wir schreiben die Folgen ja auch in der Regel gemeinsam. In den Romanen, die ich ja alleine schreibe, da kommt nur meine eigene Philosophie vor.

HAMCHA: Wie würdest Du diese beiden Figuren charakterisieren?

Moses Wolff: Der Wildbach Toni, das ist schon eher eine Karikatur, weil es da reale Vorbilder gibt, während beim Shânti, das ist halt eine Erfindung von mir, der ist sehr kindlich, der mit blauen großen Augen durch die Welt rennende Inder oder Orientale, mit seinem Instrument, der quasi immer selbstverständlich alles kommentiert oder irgendwelche weisen Sprüche sagt, die total an den Haaren herbeigezogen sind. Und der Wildbach Toni, das war so: Ich war bei einer Fernsehsendung dabei, mit Lothar Matthäus, das war eine Fußballsendung, die hieß Borussia Banana.

http://youtu.be/PytRgzXkWD8

Da hab ich mich damals mit einigen Leuten angefreundet, in dieser Mannschaft, unter anderem mit dem Michi Haker. Der Michi sieht aus wie so ein gerupftes Huhn, der hat so blonde Haare, die immer in alle Richtungen stehen, irgendwie, ist spindeldürr, extrem lustig und humorbegabt. Mit dem Michi gemeinsam hab ich quasi …, wir waren in den Bergen mit dieser Mannschaft und haben da so Bergtouren gemacht. Da wurde jemand abgeseilt, der totale Angst hatte, der noch nie in den Bergen war und total Angst hatte, sich da abseilen zu lassen. Der hat zu dem Bergführer gesagt, … er hat nichts gesagt, … der Bergführer hat ihm geraten, dass er nicht nach unten schaut, weil es ging da 50 Meter runter, an einer Steilwand. Der Bergführer hat gesagt „schau nicht nach unten!“ und in dem Moment hat der natürlich nach unten geschaut, hat dann wieder den Bergführer angeschaut und hat dann angefangen zu zittern. Der hatte so eine Art Angstschock. Wenn man im Berg drin steht, man steht ja so wagrecht im Berg drin und muss halt einfach sich so abseilen, ja? In dieser Situation, wenn man nach unten schaut, kommen einem 150 Meter vor wie 500. Der hat Panik bekommen. Daraufhin hat der Bergführer zu ihm gesagt: „Was is’n los mit dir? Hast Angst vom Tod?“ – In dem Moment haben der Michi und ich nur noch so geredet. Wir haben tagelang die Mannschaft genervt, weil wir das tirolerisch imitiert und geübt haben. Uns sind laufend lustige Sachen eingefallen und dieser Bergführer, einer von diesen Bergführern, der war halt auch Wahnsinn … Also der war so ein harter Typ, wie ein Cowboy war der. Der hat nicht nur so geredet, sondern der war auch so. Der hat eine Literflasche Obstler gehabt und gesagt: „Woit’s an Schluck ham? – Moment, i ziag amoi o…“ Dann hat der angezogen und die halbe Flasche Obstler ausgetrunken. Und dann hat er uns den Rest gegeben: „Da, kennts aussaufa!“ – So war der wirklich. Das war quasi der Ursprung, aus dem ich diese Figur für die Bühne gemacht hab. Dann hat der Richard Westermaier mich angesprochen, ob wir das nicht mal als Kurzfilm machen wollen. Dann haben wir erst mal einen Kurzfilm gemacht und haben dabei gemerkt, dass da Potenzial drinnen ist. So haben wir quasi den Wildbach Toni erfunden. Vorher gab es nur „Den Bergmenschen“. Was von Anfang an gestanden hat, beim Wildbach Toni, war quasi die Struktur, dass ich das Publikum begrüße mit: „Griass eich!“ und dass ich irgendwelche Weisheiten von mir gebe.

http://youtu.be/7Z2aRXp2zfw

Den „Schlemmerwirt“, den „Traubeckbauern”, auch, dass ich am Schluss immer den gleichen Satz sag „Nur wenn man sich an die Regeln hält, ist der Berg Euer Freund“, das gab es schon immer. Die anderen Sachen, die ganzen Feinheiten und Details, die hab ich mit dem Richard Westermaier entwickelt.

HAMCHA: Okay. Haben diese Figuren, die Du da, teilweise mit anderen gemeinsam, erschaffen hast, irgendetwas mit Dir zu tun, in dem Sinne, dass Du Dich darin selbst erfindest?

Moses Wolff: Unter anderem schon …, bei Shânti, da tobe ich meine Absurdität aus und beim Wildbach Toni, der ist schon recht ähnlich wie ich. Der ist dann auch so, … da kommen ja auch so Sachen vor, dass der dann …, der immer so sagt: ja, er ist der, der Bergtouren macht! – oder dass er nur rohes Fleisch ist, direkt vom Tier und so, dass er sagt: „muss ma vom lebendigen Viech a Stück abbeißen“ – Das sagt der und der Zuschauer glaubt, dass er sich nur von Quellwasser, Wurzeln und rohem Fleisch ernährt, aber in der nächsten Szene sieht man ihn, wie er im Restaurant was ißt und dann auch noch bestochen wird, vom Kellner. Da haben der Richard und ich schon viel dran gearbeitet, dass der sich so entwickelt. Anfangs hat ja der Martin Sonneborn vom Titanic Magazin ein bißchen mitentwickelt und der Leo Fischer fand es super und hat uns Folgen für ein Jahr abgenommen. Beim Toni ist es vielleicht so, dass ich mich quasi ein bisschen selber karikiere, indem ich zeige, dass ich halt manchmal nach außen so wirken will, als wär ich ein knallharter Typ – und dann, auf der anderen Seite, lieg ich halt auch manchmal nur daheim rum und schlaf oder geh in die Badewanne, wenn ich grad keine Rollen lernen oder was schreiben muß… Ich arbeite zwar schon wahnsinnig viel, aber ich mach mich da sicherlich auch über mich selber lustig, als Wildbach Toni.

HAMCHA: Moses, wo lebst Du?

Moses Wolff: Ich wohn in der Innenstadt. Ich wohn ziemlich in der Nähe vom Gärtnerplatz, fünf Minuten vom Viktualienmarkt.

HAMCHA: Super, tolle Gegend!

Moses Wolff: Schon.

HAMCHA: Du wurdest 1969 in München geboren…

Moses Wolff: … im Rotkreuzkrankenhaus, in München.

HAMCHA: Also geboren in München, in München aufgewachsen und hast dort die Schauspielschule besucht?

Moses Wolff: Ja, genau. Aber nicht bis zuletzt. Ich hab dann ein Engagement gehabt beim Prinzregententheater und hab dann das quasi selber gemacht. Ich hab gemerkt, also ich glaube, dass man an der Schauspielschule schon auch Sachen lernt, die sinnvoll sind, aber für manche Leute, zum Beispiel für mich, ist es besser, gleich in den freien Markt einzutreten, weil man in der Praxis sehr viel mehr lernen kann als auf der Schule, wo schon sehr viel Theorie gelehrt wird und man auch viele Dinge beigebracht bekommt, die falsch sind. Die Schule, wo ich war, die war sehr theaterbezogen und ich hab später gemerkt, dass es bei mir eigentlich mehr in die Filmrichtung geht. Beim Film darf man nicht so große Gesten machen und nicht so laut sein wie man es beim Theater muss. Ich habe auch schon Leuten geraten, dass sie nicht an die Schauspielschule gehen, die haben es dann meistens trotzdem gemacht und … Ja, eine Freundin von mir, die hat dadurch jetzt zwei Jahre verloren, wo sie als Schauspielerin hätte arbeiten können. Die hat sie verloren, weil die war schon ganz gut drin und die spielt gut. Die muss halt jetzt schauen, wie sie im Markt wieder Fuß fassen kann. Damals hatte sie nämlich in einer Kinderserie mitgespielt. Mit 18, 19, hat sie sich überlegt, dass sie in die Schauspielschule gehen will. Die hätte meinen Rat besser befolgen sollen, weil die konnte schon alles. Die hat die Schule gar nicht gebraucht. Und grad als Frau sollte man möglichst früh einsteigen. Für männliche Schauspieler gilt das nicht unbedingt, die können auch später ihre Karriere beginnen.

HAMCHA: Ist es für eine Karriere als Schauspieler wichtig, den richtigen Moment zu erwischen? Du sagtest, Du hattest damals das Engagement am Prinzregententheater, Du hast zugegriffen …

Moses Wolff: … ja, ja. Das ist immer so. Man muss dann halt einfach … Das war so, da hab ich irgendwo gelesen, ich weiß gar nicht, wie ich dazu gekommen bin, wahrscheinlich haben die eine Anzeige in der Zeitung geschaltet, in der Süddeutschen oder so, dass da Schauspieler gesucht werden. Wahrscheinlich hat mein Vater mir gesagt: „Du, die suchen da Schauspieler, für ein Stück von George Tabori!“ Es handelte sich um das Stück „Mein Kampf“ von Tabori, das hat damals der Schwiegersohn von Tabori inszeniert. Dann habe ich gesagt, natürlich, zu dem Casting gehe ich hin. Und dann haben die mich genommen. Ich hab da so einen sogenannten Tiroler Tölpel gespielt, das war eine Karikatur von einem Hitlerjungen. Das war mit Gerd Anthoff, der war sozusagen unser Vorgesetzter, der hat das so ein bisschen göbbelsmäßig angelegt, ein toller Schauspieler, der Gerd Anthoff! Somit hab ich halt die erste öffentliche Rolle gleich im Prinzregententheater gespielt, das war natürlich nur eine kleine Rolle, aber sie war gut. Ich bin dann auch eine Zeitlang am Residenztheater geblieben. Weil seinerzeit war das Residenztheater ausgelagert ins Prinzregententheater, weil die das Resi gerade renoviert haben, deswegen waren wir am Prinzregententheater. Aber ich hab später auch noch eine Zeitlang am Resi gespielt…

HAMCHA: … Hast Du noch immer ein Engagement am Residenztheater? …

Moses Wolff: … Das wollte ich gerade sagen. Ich hatte noch mehrere Engagements, ich hab dann auch noch bei „Moliere oder die Verschwörung der Heuchler“ mitgespielt und auch bei einem Stück namens „Singer“, mit Michael Mendl. Ich hatte dort ja nur Stückverträge und kleine Rollen, durfte aber mit ganz vielen tollen Leuten spielen. Ich habe sehr viele Leute kennengelernt, nicht nur in der Zusammenarbeit, auch in der Kantine bei der wundervollen alten Prinze-Kantinenwirtin Hermine, die für uns junge Schauspieler, die wir immer knapp bei Kasse waren, im Bedarfsfall einen Teller Suppe und ein Bier spendiert hat. Den Toni Berger hab ich da getroffen und Gustl Bayrhammer, den Karl Lieffen, mit dem ich später dann später noch im Fernsehen Sachen gemacht habe. – Was ich erzählen wollte, eine lustige Anekdote war, bei der Premiere von „Mein Kampf“, von Tabori, war auch der Tabori bei uns – ich hab dann nicht gewusst, wie ich mich verbeugen soll und hab über einen Bekannten, der gerade mit dem Brandauer gedreht hat, Klaus Maria Brandauer getroffen, den ich damals schon sehr bewundert habe. Ich hab dann den Brandauer gefragt, wie man sich verbeugt. Dann hat der Brandauer mir gesagt, ich soll einfach nur stehen bleiben, den Leuten freundlich zunicken, die Augen aufreißen, ausatmen und freundlich von links nach rechts schauen. Und ich soll mich nicht verbeugen, ich soll nur so schauen. [Lacht] Und dann war’s halt so. In der Applausordnung haben wir uns quasi verbeugt halt, bei der Premiere, und sind nach vorn gegangen. Und dann hab ich zu dem Typen, der den Vorhang gezogen hat, der wurde per Hand gezogen im Prinzregententheater, gesagt: „Pass mal auf, mach noch mal auf!“ Und dann war ich plötzlich ohne ersichtlichen Grund nochmal alleine auf der Bühne beim Applaus gestanden und hab mich so verbeugt, wie’s mir der Brandauer empfohlen hatte. Da waren auch meine Eltern und Freunde im Publikum, dass kam ganz lustig an, komplett verrückt, dass einer von diesen Tiroler Tölpeln, wir waren fünf oder sechs, plötzlich allein noch mal da steht.

HAMCHA: Du hast also den Tölpel noch mal extra gegeben?

Moses Wolff: Genau, sozusagen. Das hatte aber zur Folge, dass wir uns bei den künftigen Vorstellungen nicht mehr verbeugen durften. [lacht]

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Das Gespräch führte Heinz Michael Vilsmeier

©HAMCHA art integration Heinz Michael Vilsmeier, Impressum

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