Matthias Brodowy: Ich wäre Lehrer geworden … dann kam Hanns Dieter Hüsch dazwischen.

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Matthias Brodowy führt durch die Konzerte bei “Songs an einem Sommerabend” in Kloster Banz

Matthias Brodowy: Wenn ich das wüsste! Es gibt Kollegen, die sagen ich sei bescheuert, weil das doch das Schönste sei. Dann sag ich immer: ‚Nein, das Schönste ist, wenn ich mein Solo spiele`. Die zwei Stunden, in denen ich die Leute auf eine Berg- und Talbahn schicke, weil mein Kabarettsolo durchaus auch ernste und poetische Momente hat, und wenn ich sie danach wieder befreit lachen sehe. Wenn ich sehe, dass meine Dramaturgie aufgeht, wenn ich das hautnah am Publikum erleben kann, dann ist das das, wofür ich das mache. Der Schlussapplaus ist ein notwendiges Übel. Wenn ich könnte, dann würde ich sagen, ‚So, das war’s, ich geh jetzt.’ [lacht] – Aber das macht man halt nicht, das darf man nicht. Letzten Endes, wenn man sich verbeugt, ist es eine Geste gegenüber dem Publikum. Es ist nicht Eitelkeit, sondern ein Dankeschön dem Publikum gegenüber, die Ehrerbietung. Die gehört natürlich dazu.

HAMCHA: Kann es sein, dass Du mit Lob nicht so gut umgehen kannst?

Matthias Brodowy: Das kann sein. [lacht] Ja, ja, ich hab eine ganze Kabarettgruppe gesprengt, weil ich immer nur gekuckt hab, was falsch und was schlecht war.

HAMCHA: Galt Deine Kritik Deinen Kollegen?


Matthias Brodowy: Nein, nicht nur den Kollegen, auch mir. Ich versuche während einer Vorstellung immer zu kucken, was gut und was schlecht läuft. Vielleicht bin ich heute schon besser geworden im Akzeptieren von guten Dingen, aber früher war es so, dass ich oft nur das Schlechte gesehen hab. Ich habe zehn Jahre im Ensemble gespielt. Meine Kollegen waren manchmal euphorisch und ich hab gesagt, ‚Es gibt keinen Grund zur Euphorie. Das und das und das und das ist falsch gelaufen, hier haben wir eine ganze Szene ausgelassen, das, und das und das und das!’ Und dann war die Stimmung erst mal auf dem Nullpunkt. Ich bin jetzt ein bisschen besser geworden, damit ich mir meine Kollegen nicht vergrätze und weil ich mit diesem Puppenspieler zusammen, der auch eher ein bisschen zum Positiven neigt, dieses sehr schöne Programm mache, bin ich manchmal ein bisschen zurückhaltend. – Es wird auch immer besser, von mal zu mal gibt es immer weniger zu kritisieren. Na ja, ich finde schon wichtig, dass man ein bisschen Perfektionismus an das Ganze anlegt.

HAMCHA: Hat es etwas mit Deinen christlichen Wurzeln zu tun?

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Am Ende eines sehr langen Moderationstages beim ökumenischen Kongresss “Kirche hoch zwei” liest Brodowy Hüsch

Matthias Brodowy: Eigentlich gar nicht, denn da wäre man ja viel gnädiger. Eigentlich müsste ich sagen, ‚Mensch, dass ist doch alles nicht so wichtig, es geht doch im Leben um was ganz anderes. Also häng dich doch nicht an der einen versauten Pointe auf oder an dem Moment, an dem du dich vertülpelt hast im Text.’ Also eigentlich müsste ich gerade wegen meines Glaubens viel gnädiger mit mir und den anderen umgehen, als ich es tue.

HAMCHA: Fällt Dir Kritik leichter?

Matthias Brodowy: Ja! – Also neulich im GOP, nach der Premiere, hat mich der Regisseur angesprochen und gesagt, er sei sehr von meinen Fähigkeiten als Rampensau und Unterhalter und Entertainer überzeugt, das sei alles ganz toll gewesen, aber, ich hätte die Struktur seiner Regiearbeit noch nicht begriffen. Dann hat er mir zwanzig Minuten lang erklärt, was ich falsch gemacht habe. Am Schluss hat er dann gesagt, „War das jetzt schlimm, durfte ich Dir das sagen?“ – Ich antwortete: ‚Du musst es mir doch sagen! Ich will doch, dass die Show perfekt wird und nicht, dass es die Show „Brodowy und Gäste“ ist.’ Die Show heißt „Hannover Royal“ und soll seine Regiearbeit sein. Wenn ich die Arbeit nicht erfüllt habe, dann muss er mir das gnadenlos sagen, so wie’s war. Dann war er ganz überrascht, dass ich überhaupt nicht sauer war. Zwei Tage später hat er wieder zugekuckt und war vollständig zufrieden, weil ich seine Kritik voll aufgegriffen habe.

HAMCHA: Es gibt Kabarettisten, die ohne Regisseur auftreten. Sie machen ihr Programm, so wie sie es sich vorstellen und Kritik kommt in der Reaktion des Publikums daher, entweder in Form von Applaus oder im Weggehen. Die Aufgabe des Regisseurs ist es, die Inszenierung des Stückes bis ins Detail festzulegen. – Wo bleibst Du dabei?

Matthias Brodowy: Ich kann Regiearbeit zum Beispiel nur bei solchen Varietèproduktionen akzeptieren. Bei meinem Soloprogramm würde es auch nicht gehen, denn dann würde ich tatsächlich verschwinden. Ich habe zweimal mit Regisseuren zusammengearbeitet, das war einmal ein Theaterdirektor in Hannover, der bei einigen Kollegen Regie gemacht hat und der zweite wollte gar nicht Regisseur genannt werden, sondern lieber Coach, das war Horst Schroth, der Kabarettist. Beide haben mir unglaublich viel helfen können und mich sehr weiter gebracht. Aber ich hab in der Entwicklung eines Programms eines ganzen Soloabends gemerkt, dass ich selber Regisseur sein muss. Da kann ich keinen anderen haben, der mir genau sagt so und so und so. Das würde nicht mehr funktionieren. Das funktioniert bei so einer Regiearbeit wie jetzt, oder wenn ich zwischendurch Theater spielen würde, oder bei Fernsehen, wenn der Regisseur mir sagt, ‚So, du kuckst bitte die ganze Zeit in die Kamera oder in jene …’. Das kann ich alles akzeptieren. Aber bei einem Soloprogramm muss ich das selber machen, weil ich da sehr viel Seele reinlege. Mir geht es bei meinem Kabarettsolo auch immer darum, die Leute nicht nur zum Lachen zu bringen, sondern auch darum, wie ich vorhin schon einmal gesagt habe, ruhige und poetische Momente zu haben. Damit das authentisch ist, muss ich das selbst inszenieren.

HAMCHA: Warum nennst Du das Varietèprogramm „Hannover Royal“?

 

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“Offenbarung” Der Weltuntergang nahte – bei Matthias Brodowy brach der Theologe durch.

Matthias Brodowy: Bei der Varietèshow ist das vom Haus vorgegeben. „Hannover Royal“ haben die sich ausgedacht, weil da nur Hannoveraner Künstler dabei sind. Mein aktuelles Solo heißt „Offenbarung“. Darauf bin ich gekommen, weil es mein siebtes Soloprogramm ist und, jetzt kommt der Theologe durch, bei der Zahl Sieben denke ich an das Buch mit sieben Siegeln, an die Offenbarung des Johannes. Dazu kommt noch, dass ich die Premiere 2010 gemacht, das heißt die Weltuntergangsprophezeiung der Maya im Dezember 2012 stand immer mal wieder in der Presse. So dachte ich, ‚Wunderbar, ich mach mal so ein Endzeitprogramm „Offenbarung“. So bin ich zu dem Titel gekommen. Mein neues Programm, das im April nächsten Jahres Premiere haben wird, heißt „Kopfsalat“.

 

HAMCHA: Das klingt ja deutlich weniger spirituell als „Offenbarung“. – Bist Du ein spiritueller Mensch?

Matthias Brodowy: Bin ich, ja.

HAMCHA: Was bedeutet Spiritualität für Dich?

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Matthias Brodowy – Schirmherr des ambulanten
Hospizdienstes der Malteser

Matthias Brodowy: Ich versuche schon sehr viel aus meinem Glauben heraus zu machen, was das Leben angeht, so was wie soziales Engagement. Das hängt unmittelbar mit dem zusammen, wie ich Evangelium oder wie ich Kirche verstehe. Ich habe Kirche noch nie als einen Ort verstanden, wo man sonntags hingeht, eine Stunde lang ein guter Mensch ist und dann wieder zurückgeht. Kirche, Nachfolge Jesu heißt für mich tatsächlich, diesen Satz, „Was ihr dem geringsten meiner Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.“, so zu verstehen, dass man die Augen aufmacht und schaut, wo nun dieser Geringste sitzt. Das kann ein Obdachloser sein, das kann ein Asylbewerber sein, das kann eine alleinerziehende Mutter sein. Da die Augen aufzumachen und zu kucken, wo ich helfen kann, empfinde ich als Pflicht. Das empfinde ich nicht als schmückendes Beiwerk, sondern als Pflicht. Ich mache seit drei Jahren nebenbei noch eine Ausbildung zum Diakon. Nächstes Jahr ist die Ausbildung abgeschlossen. Der Diakon ist derjenige, der immer bei denen ist, die am Rande der Gesellschaft stehen. In der Krankenhausseelsorge, in der Altenheimseelsorge, in den Hospizen bei Sterbenden, in den Suppenküchen bei den Obdachlosen, in den Flüchtlingsheimen, bei den Drogenkranken. Das sind die Orte, für die, die gar nicht wissen, was ein Diakon eigentlich ist. Eigentlich ist er ein spiritueller Streetworker. Für mich ist ein Diakon einer, der nicht fragt „Bist du katholisch oder bist du’s nicht?“, das ist völlig egal. Was zählt, ist der Mensch, dem ich helfen muss, ob der nun katholisch ist, oder Moslem oder gar nichts. Das finde ich insofern spannend, weil ich denke, dass Kabarett immer sehr viel von der Gesellschaft und von der Politik fordert, zum Beispiel, dass es eine bessere Welt werden möge. Da hab ich für mich irgendwann die Entscheidung gefällt, ich will an der besseren Welt aktiv mitarbeiten. Das geht halt nur im ganz Kleinen. Dieses ganz Kleine ist eben für mich die Tätigkeit als Diakon.

HAMCHA: Welche Rolle spielt dabei Gott für Dich?

Matthias Brodowy: Eigentlich müsste ich sagen, ‚Die alles entscheidende Rolle.’ – Nur wer ist Gott oder was ist Gott? Das ist so eine schwierige Frage. Die meisten Menschen haben einen alten Mann mit weißem Bart vor Augen, auch wenn sie es selbst leugnen. Das ist ein Kindheitsbild, das viele drin haben. Ich hab einen sehr philosophischen Gottesbegriff, der es mir sehr viel leichter macht, mit diesem Gott klar zu kommen. Im Anfang des Johannesevangeliums steht der Satz: „Im Anfang war der Logos.“ Von Luther und anderen Übersetzern ist das ins Deutsche mit „Im Anfang war das Wort.“ übersetzt worden. Aber Wort ist etwas anderes als Logos. Logos bedeutet mehr, da steckt das Wort Logik drin. Im Anfang war, sozusagen, eine Logik, irgendetwas, was sein sollte. Das ist für mich Gott. Das ist etwas ganz anderes als der alte Mann mit dem Rauschebart, das ist die Logik des Seins.


HAMCHA: Glaubst Du, dass es das ist, was uns Menschen auszeichnet?

Matthias Brodowy: Ja, natürlich, auch. Alles. Ich glaube, dass der Gottesbegriff sehr viel weiter gefasst werden muss. Bewusstsein, Erkenntnis über das eigene Sein und über das Sein der Anderen. Das ist etwas, was mit in diesen Gottesbegriff fällt. Ich habe mich während meines Theologiestudiums sehr intensiv mit dem jüdischen Theologen und Philosophen Emmanuel Levinas.

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Emmanuel Levinas by Bracha L. Ettinger [CC-BY-SA-2.5 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.5)], via Wikimedia Commons
Levinas hat im Studium das Prägendste überhaupt hinterlassen, nämlich, den Anderen in seiner Andersheit als Anderen zu akzeptieren. Das ist für mich auch christliches Leben. Eben den Anderen nicht zu vereinnahmen und zu sagen, ‚ich muss halt mal kucken und entdecke vielleicht einen Teil von mir im Anderen’, sondern im Heideggerschen Sinne zu sagen, ‚der Andere ist ganz anders und so anders wie er ist, akzeptiere ich ihn’. Levinas als Theologe sagt, ‚Gott ist ja der ganz Andere, der, den wir gar nicht mehr denken können’. Das ist natürlich sehr abstrakt, sehr weit weg von dem Fassbaren. Aber mir leuchtet das ein und macht mir das Leben leichter.

HAMCHA: Warum bis Du nicht in der Theologie geblieben?

Matthias Brodowy: Dann wäre ich Lehrer geworden, ich wollte ja nicht Priester werden. Ich habe Theologie, Germanistik und Geschichte studiert und wäre Gymnasiallehrer geworden. Aber dann kam Hanns Dieter Hüsch dazwischen. Ich habe 1999 bei einem Kabarettwettbewerb mitgemacht, bin wider Erwarten in die Endrunde gekommen und hab zu meiner eigenen Verblüffung den Ersten Preis gemacht. Hüsch hat mir den Weg in meinen Beruf geebnet. Das konnte ich damals nicht ausschlagen. Hüsch war mein großes Vorbild, ist es bis heute. Ich wusste wie krank er ist und mir war klar, dass das jetzt eine Chance ist, die ich nie wieder bekomme. Dann habe ich mich exmatrikuliert.

HAMCHA: In welcher Verbindung standest Du zu Hanns Dieter Hüsch?

http://www.youtube.com/watch?v=Xpf1KmhpbFg

Matthias Brodowy: Zu seinen Lebzeiten haben wir gemeinsam Auftritte gemacht, solange er noch konnte. Ich war bei seinem Bühnenabschied in Moers dabei. Er hat dann mehrere Schlaganfälle erlitten. Ich habe ihn noch mehrmals im Krankenhaus besucht und mit seiner Frau Kontakt gehalten. 2005 ist er dann gestorben. Seitdem schwebt er weiterhin über dem, was ich mache und ich versuche sein Andenken hoch zu halten, indem ich immer mal wieder etwas von Hüsch einfließen lasse. Eine große Verbindung zur Familie Hüsch gibt es nicht.

(zum Überblick / bitte weiterlesen)

Das Gespräch führte Heinz Michael Vilsmeier

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