Leander Sukov

Leander Sukov

anlässlich seines Aufrufs

„Tear down this wall –
Schleift die Festung Europa!“

HAMCHA art integration, Heinz Michael Vilsmeier
Leander Sukov, Foto von Thomas Buschmann

Was sich an den „Außengrenzen“ der Europäischen Union ereignet, lässt sich schwerlich beschreiben. Trotzdem wissen wir, dass dort tausende von Flüchtlingen eine jämmerliches Sterben ereilt – sie ersticken, verhungern, verdursten, ertrinken. Sie werden ins Meer geworfen, ihre armseligen Boote kentern, sie verrecken in Containern, auf den Parkplätzen der Autobahnen. Die durchkommen, werden in Lager gesperrt, gedemütigt, zurückgeschickt. Das Grauen geschieht wöchentlich, täglich, jede Minute, und das seit Jahren. Es ereignet sich vor den Küsten, an denen wir unsere Urlaube verbringen, vor unseren Augen. Wir wissen es, doch wir fühlen nichts, wir tun nichts. Das gilt nicht nur für die Besatzungen der Fischkutter, die eilig den nächsten Hafen ansteuern – ohne Flüchtlinge an Bord zu nehmen. Es heißt, wer helfe, verletze Gesetze. – Was für Gesetze sind das? Papst Franziskus nennt es „Schande“. – Er hat recht.

Gesten der Betroffenheit sind alles, was wir noch zustande bringen. Doch auch diese werden schnell schwach und bleiben wirkungslos. Wir müssen uns fragen lassen, ob es uns an Empathie fehlt oder ob wir nicht in Wahrheit froh sind, dass die Wohlstandsgrenze steht, dass sie nach außen verschlossen bleibt. – Ist es nicht in unser aller Interesse, dass die Hungerleider draußen bleiben!? Wir reden uns ein, die politischen Führungen in Berlin, Rom, Paris, Madrid, Brüssel und anderen europäischen Hauptstädten werden schon das Richtige tun. – Das Richtige tun aber würde bedeuten, ein humanes europäisches Asyl- und Einwanderungsrecht zu schaffen. Sie tun es nicht! Entweder widerspricht es ihren gewissenlosen Überzeugungen oder sie sind feige. Stattdessen perfektionieren sie die Wohlstandsgrenze, machen die Lager noch trostloser, verbessern die Abschiebemöglichkeiten in Drittstaaten.

In einer dunklen, nicht allzu fernen  Zeit fuhren Züge durch Europa, die Menschen in Lager brachten oder zu Stätten der Vernichtung. Von dem Ort an dem ich lebe wurde „unwertes Leben“ zum nahe gelegenen Bahnhof gebracht und in Waggons geladen. In Berlin-Grunewald waren es Juden. Es gab viele solcher Züge, viele solcher Bahnhöfe. Es blieb nicht verborgen, alle wussten „es“, verhielten sich nicht anders, als wir heute. – Wir sind nicht besser! Ich werde den Gedanken nicht los, dass es wieder um „ethnische Reinheit“ geht, dass rassistische Motive der europäischen Asyl- und Einwanderungspolitik Pate stehen. – Doch diesen Bogen schlüssig zu spannen, ist ein schwieriges Unterfangen.

Klar ist jedoch, dass die Verantwortung für das, was Menschen an den Grenzen Europas zugefügt wird, bei uns liegt, ausschließlich bei uns! Wir dürfen die Verantwortung nicht abwälzen. Wir können nicht eines Tages sagen, wir hätten nichts gewusst oder nichts tun können.

HAMCHA art integration, Heinz Michael Vilsmeier
Leander Sukov, Foto Kuehne

Weil das so ist, danke ich dem Schriftsteller Leander Sukov, mich letzte Woche an ein, seit vielen Monaten geplantes Gespräch erinnert zu haben. Leander Sukov hatte gerade mit seinem Aufruf „Tear down this Wall – Schleift die Festung Europa!“ ein Zeichen gegen die europäische Flüchtlingspolitik gesetzt. Er fand, wenn nicht jetzt, wann dann sollten wir das Interview führen. Ich stimmte spontan zu und beschloss, dass Gespräch mit Leander Sukov am nächsten Tag zu führen, nicht ohne dabei zu hoffen, damit weitere Unterzeichner für seinen Aufruf gewinnen zu können.

An dieser Stelle möchte ich nochmals allen anderen Interviewpartnern für ihr Verständnis danken, da sich das Erscheinen der mit ihnen geführten Interviews wieder einmal verzögert. – Ich verspreche, dran zu bleiben!

Im ersten Teil des nachfolgenden Interviews geht es um Leander Sukovs Aufruf „Tear down this Wall – Schleift die Festung Europa!“, in den darauffolgenden Teilen um seine Person, seine politische Positionierung und seine schriftstellerische Arbeit. Im Gespräch wird ein Mensch sichtbar, der in kein Schema passt, dessen schillernde Facetten paradoxerweise so kohärent wie widersprüchlich sind. Was habe ich aus dem Gespräch gelernt? Man muss mit dem Schriftsteller Leander Sukov in keiner Weise d’accord gehen, doch eines darf man ihm nicht versagen, es ist der Respekt dafür, dass er einer der wenigen ist, die sagen, dass wir diese europäische Flüchtlingspolitik nicht hinnehmen dürfen.

Heinz Michael Vilsmeier

20.10.2013

Wir müssen unser Maul aufmachen,
wir dürfen das nicht hinnehmen!“

21.10.2013

Es gibt im Krieg keine Würde mehr, für niemanden!

22.10.2013

Schreiben als Befreiung vom Kunstwerk

24.10.2013

Ich schildere traurige Lebensumstände.

 http://youtu.be/CsvWWsn00P0

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