Leander Sukov: Schreiben als Befreiung vom Kunstwerk

Leander Sukov

Schreiben als Befreiung

vom Kunstwerk

HAMCHA: Ich habe einen kurzen Text von Dir gefunden, den Du mit der Frage beginnst, wie die Sache überhaupt möglich sei, wie sie im Rahmen der Naturgesetze erklärt werden könne. Du schreibst, wenn Dir diese Frage gestellt werden würde, wärst Du ratlos. Dann erzählst Du von Marie, die sich in Deinem Raum materialisiert. Du berichtest, dass sie tut, was sie tun müsse. Sie hat eine Browning, also eine Pistole. Sie ist entschlossen, diese Browning einzusetzen….

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Leander Sukov: Der Blick durch die Einstellungsbrille


 

Leander Sukov: … Das ist, sozusagen, ein Spin-off. Es gibt ja den Roman „Warten auf Ahab“, wo Marie die Hauptdarstellerin ist. Ich schreibe an einer Fortsetzung, die wird heißen, also der Titel steht, der ändert sich auch nicht mehr: „Das Mädchen mit den goldenen Haaren“. Dazu gibt es eine Geschichte, die erzähle ich jetzt aber nicht. Es materialisiert sich, sozusagen, in meinem Zimmer, Marie. Marie ist völlig an den Verhältnissen verzweifelt – vollständig. Die materialisierte Marie sagt: sie geht jetzt los und legt Leute um. Das ist die Grundlage dieses Textes, dem Spin-off. Ich weiß gar nicht, wo ich den unterbringen werde, ob überhaupt in dem Buch. Möglicherweise tatsächlich als Spin-off, ganz klein gesetzt, irgendwo am Anfang… Das illustriert die innere Verzweiflung meiner Figur. Ich habe lange überlegt, ob ich tatsächlich aus meiner Figur eine Terroristin mache. Das Problem ist, das würde sich… Das spielt ja jetzt, zwei Jahre zurück, das würde sich nicht decken mit der Wirklichkeit. Es gibt keine Terroristen in Deutschland, von der Linken jedenfalls nicht, wie damals die “RAF” oder die “Bewegung 2. Juni “, die losgehen und dummes Zeug machen. Die gibt es nicht, es gibt so ein paar Zündler. Die meisten Zündler haben ein psychisches Problem und gar keine politische Motivation dahinter. Deswegen habe ich das sein gelassen. Der Spin-off ist daraus entstanden, dass ich mich dann umentschieden hab und gesagt habe, es gibt doch keine terroristische Aktion in meinem Buch, weil das nicht in die Realität passt.

HAMCHA: Dieser Text beschreibt eine Frau, die nur gekommen ist, Dir zu sagen, sie könne nicht anders. Sie sagt: „Die Zeiten sind danach.“ Sie ist verzweifelt, dass hast du soeben auch gesagt. Ist das nicht die Ausgangslage für Menschen, die zur Gewalt greifen?

Leander Sukov: Ja – ja. Diese individuelle Gewalt, die dahinter steckt, die hat etwas mit Verzweiflung zu tun. Das hat auch etwas damit zu tun, dass man sich einmal ein politisches Konstrukt aufbaut, wie die RAF oder die Bewegung 2. Juni. Das waren zwar andere Voraussetzungen, man muss sich da Deutschland vorstellen, zu dieser Zeit, als die jung waren, 14,15, in was für Umständen die lebten, in West Deutschland. Aber diese Gewalt, die jetzt täglich passiert, dass Leute im Jobcenter ein Messer ziehen oder andere Leute auf der Straße zusammenschlagen, das hat immer auch etwas damit zu tun, dass die Umstände so sind, dass sie vollständig marginalisiert und verzweifelt sind. Sie haben gar keinen inneren Lebenskern mehr. Sie müssen versuchen, sich selbst zu verteidigen, das tun sie dann mit überzogenen Formen wie Messerattacken in Jobcentern. Sie verteidigen da ihre Würde auf eine Art und Weise die ihnen richtig erscheint, die aber falsch ist. Oder sie ziehen andere Jugendliche ab, auf der Straße, oder schlagen sie tot. Ich glaube, dass dahinter einfach nur ist, sich selbst als Mensch erkennen zu können.

HAMCHA: Dieser Sprung ist für mich noch nicht verständlich, wieso soll das das zentrale Motiv sein?

Leander Sukov: Na, weil da nichts mehr anderes ist. Da ist nur noch, zum einen Makergehabe, also dieses Machoding, dass man der Stärkere sein muss, zum anderen ist es zum teil aber auch einfach Armut, und der dritte Teil ist Erhalt von Würde. Die wissen einfach nicht, was sie tun sollen, die explodieren dann. Es fehlen doch in dem Moment, wo das passiert, diese individuelle Gewalt, da fehlen doch auch die Steuerungsmechanismen. Also die sind auch gar nicht mehr in der Lage, sich zu steuern. Das sind doch keine Mafia Killer, denen man sagt, jetzt nimm mal einen Baseballschläger und schlag den tot und die gehen dann los und schlagen den tot. Der tut das rational und geht hinterher einen Espresso trinken, weiß, was er da getan hast, weiß genau, wo er hinschlagen muss. Die drehen einfach durch, die Steuerung ist weg, denen wird schwarz, sie schlagen den Anderen tot. Das sind aber gar nicht tatsächlich die, sondern das ist etwas in ihnen, was dort schlägt. Ich glaube schon, dass die meisten dieser Berichte so stimmen, die sind fehlgeleitet.

HAMCHA: Diese Menschen, die Du beschreibst, können schlicht unter einer Persönlichkeitsstörung leiden…

Leander Sukov: … ja …

HAMCHA: … Marie, von der Du schreibst, ist keine, die eine Persönlichkeitsstörung hat. Sie ist verzweifelt an den Verhältnissen!

Leander Sukov: Ja. – Ja, die hat ein anderes Motiv, oder hätte, wenn ich das weiter schreiben würde. Da ist das Motiv, dass sie überhaupt nicht weiß, wie sie sich noch politisch wehren soll. Nun ist sie zusammengeschlagen worden, in diesem Ahab, von der Polizei usw. Sie weiß überhaupt nicht mehr was sie machen soll. Sie befindet sich in der Situation, in der sich die RAF-Leute befunden haben, als das los ging, also nach dem Tode von Benno Ohnesorg. Staatliche Gewaltverhältnisse, die man offenbar nur mit Gewalt beantworten kann und die sozusagen… Da lauert der Faschismus überall! Das ist der Grundgedanke, der da in diesem kurzen Spin-off steckt. Das ist aber auch etwas anderes, als die individuelle Gewalt auf der Straße.

HAMCHA: … Und es ist etwas anderes als eine psychopathische Verhaltensweise, beispielsweise bei einer schizoiden Persönlichkeit, obwohl auch bei der die Selbststeuerungsfähigkeit natürlich aussetzt.

Leander Sukov: Jaja, das darf einem eben nicht passieren, wenn man Terrorist ist, da darf gerade das nicht passieren, dann muss die Steuerung ja erhalten bleiben, denn man will ja rein in eine Situation, sie so beenden, wie man das gerne haben will, und wieder raus…

HAMCHA: … Wenn ich Dich recht verstehe, dann bist du noch nicht sicher, ob Du das in dem Spin-off beschriebene Motiv in Deinem neuen Text weiterentwickeln wirst…

Leander Sukov: Nein, das wird nicht so sein. Das passt überhaupt nicht zu den Verhältnissen, da wird es mir… Also das ist ja alles fiktional, weil es ja ein Roman ist. Aber da wird es mir zu fiktional. Ich glaube Marie wird sterben, sie hat sich in das Mädchen verliebt, in Lena, sie wird aber aus anderen Gründen sterben. Ich weiß noch nicht genau, aus welchen und wie, aber sie wird nicht erschossen, weil sie Terroristin ist, oder so. Also die Idee habe ich ad acta gelegt.

HAMCHA: Wie entsteht bei Dir so eine Fiktion? Hast Du bereits eine Vorstellung, wenn Du beginnst an einem Roman zu arbeiten oder entwickelt sich die Fiktion während des Schreibprozesses?

Leander Sukov: Also das ist schon so, dass ich so einen Grundplot habe, vom Anfang bis zum Ende, der ist nicht überall ganz stimmig, also durchgängig, aber das ist schon sozusagen da. Und den verfeinere ich dann, das erleichtert einfach den Schreibprozess. Das ist aber Handwerk. Je mehr man in einen Plot rein schreibt, desto mehr hat man Halteseile, an denen man sich festhalten kann, dass man sagt, jetzt muss das kommen oder es muss jenes kommen oder das lassen wir jetzt mal weg, das gefällt mir nicht mehr. Aber man arbeitet sich halt an seinem Plot entlang, das macht es einfacher. Aber der Plot ist da! Bei dieser Geschichte, also bei dieser Fortsetzung, ganz anders als beim ursprünglichen Roman. Beim ersten Roman, “Warten auf Ahab”, stand im Prinzip alles, bis auf kleine Szenen, wo ich nicht wusste, wo das hin läuft. Aber im Prinzip war der sozusagen komplett in meinem Kopf fertig. Das ist bei dem „Mädchen mit den goldenen Haaren“ nicht so. Das liegt aber auch daran, dass ich gar nicht so anfangen wollte, wie ich dann angefangen habe. Und jetzt erzähle ich sie doch, man muss das ja nicht alles abtippen nachher,…

HAMCHA: … Würde ich aber sicherlich gerne machen…

Leander Sukov: … Wir saßen am Gardasee, Simone und ich, bei einem netten Ding, das hieß  “Verrückte Kuh”, aber auf Italienisch, fällt mir jetzt nicht ein, was das auf Italienisch heißt, aber jedenfalls hieß es „Verrückte Kuh“, tranken Wein und es war Abend, da kam ein Mädchen und dieses Mädchen hatte goldene Haare, nicht blond, sondern golden, wie wir später erfuhren, auch ungefärbt. Und diese Haarfarbe habe ich wirklich vorher noch nie gesehen gehabt. Da habe ich gesagt, jetzt weiß ich wie der Roman, die Fortsetzung, anfängt, nämlich mit den Worten „Nennt mich Lena, ich bin das Mädchen mit den goldenen Haaren.“ So wie das andere, das hatte angefangen mit „Nennt mich Marie.“ Das ist natürlich eine Übernahme aus Moby Dick. – So. Damit hatte ich den Anfang. Von diesem Anfang aus habe ich praktisch alles was ich mir ausgedacht hatte weggeworfen und erst einmal nur den Anfang geschrieben, die ersten 20 oder 30 Seiten, und erst danach habe ich begonnen, den Plot zu entwickeln. Das habe ich nie so gemacht, also auch bei längeren Kurzgeschichten habe ich das nie so gemacht, sondern immer erst den Plot gehabt und dann die Geschichte. Dieses Mal war es sozusagen andersrum.

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Leander Sukov Der rote Stuhl

HAMCHA: Ich denke gerade an mein Gespräch mit Jutta Schubert über Ihr Werk „Zu blau der Himmel im Februar“ und erinnere mich, dass sie davon sprach, akribisch die Fakten zu recherchieren, sie in ihre Texte einfließen zu lassen, dann aber mit Hilfe der Imagination und Empathie eine Fiktion zu erschaffen, die den Text letztlich zum Roman werden lässt. Leander Sukov, wie verläuft bei Dir die, ich weiß nicht, ob ich es Grenzlinie nennen kann, lass es mich einfach Linie nennen, zwischen Realität und Fiktion in Deinen Romanen?

Leander Sukov: Also bei mir ist das schon so, dass ich nicht zur phantastischen Literatur neige. Das liegt mir einfach nicht. Sondern meine Fiktion ist, wenn man so will, real. Wenn ich etwas beschreibe, ist das auch wirklich da. Man kann alle Strecken, die jemand läuft, nachlaufen und das wird immer so sein, außer es gibt Straßenbaumaßnahmen, zwischendurch. Es ist in der Realität angesiedelt, auch wenn es eine ausgedachte Geschichte ist. Das ist schon… Jemand hat einmal da nicht widersprochen, eine Art von Neoexistenzialismus, wenn man so will, und hat auch viel zu tun mit Sachen von Döblin und Fallada und wenig mit der Postmoderne, auch wenn sich das manchmal so anfühlt. Das liegt aber daran, dass Menschen träumen und Gedanken haben und sich Sachen ausspinnisieren. Das machen dann auch meine Figuren. Nicht wahr, die träumen, sitzen irgendwo und haben dann ihre Phantasien, weil sie etwas sehen und das dann ausschmücken. Das ist aber dann der Gedanke der Figur und nicht das Fortlaufen der Geschichte. Das Fortlaufen der Geschichte ist immer ein ganz reales und darin agieren die Figuren wie Menschen, inklusive ihrer Phantasien. Das Phantastische ist immer nur Teil der Figur und nicht Teil der Geschichte. Das ist schwierig auszudrücken, weil die Figur ja auch Teil der Geschichte ist.

HAMCHA: Wie groß ist Dein Aufwand, den Du in die Recherche fließen lässt, um die Realität einzufangen, die Du in Deine Romane einfließen lässt? Mir ist noch nicht klar, welche Art von Schriftsteller Du bist? Bist Du jemand, der sehr intensiv, jahrelang, in Bibliotheken und Archiven forscht, Orte aufsucht, mit Personen, Zeitzeugen spricht… – Wie fängst Du die Realität ein?

Leander Sukov: In der Regel kenne ich das, worüber ich schreibe, also Hamburg, Berlin, Bonn oder Gardasee, da war ich, ich weiß, wie es da aussieht, ich weiß, wo was ist. Und das, was Menschen… nun gibt es natürlich auch immer so historische Momente. Im Ahab gibt’s ne Szene, da träumt Marie, dass sie Zenobia wäre, also die Cesarin, sie hat sich ja Cesarin genannt, oder Kaiserin, von Palmyra. Da muss man dann recherchieren, was da wirklich gewesen ist, das wusste ich aber vorher auch schon. In der Regel neige ich da zu einer großen Faulheit, also ich verwende nur das, was ich kenne und lies das dann schon mal nach, damit ich da keine Fehler mache, aber ich würde mich jetzt nicht von hier aus auf eine Geschichte einlassen, die auf den Kleinen Antillen spielt und würde dann versuchen von hier aus rauszufinden, wie das Leben auf den Kleinen Antillen ist, was die Leute sich so unterhalten. Was die Leute sprechen, das kriege ich mit, indem ich ihnen einfach zuhöre. Ich sitze gerne irgendwo rum, in Cafés, trinke einen Kaffee und höre allen Tischen, soweit ich das noch mitkriegen kann, zu, bei den Gesprächen, die die Leute so führen. Und das verwende ich dann auch.

HAMCHA: Das heißt, Du bringst… – Dann ist ja an und für sich die Realität, oder der Realitätsanteil in Deinen Romanen auch schon eine Fiktion, eine Komposition unterschiedlichster Realitätsfragmente…

Leander Sukov: … das ist eine wunderbare Erklärung, genau das ist es. Ja, das ist es. Aber sie sind alle real…

HAMCHA: … Okay. – Aber die Realität, die lässt Du neu erstehen, es ist keine kohärente Realität, die in der von Dir beschriebenen Weise existiert, eher besteht sie aus vielen Mosaiksteinen, die Du zu einem neuen Bild zusammenfügst, zu einer neuen Realität.

Leander Sukov: Das stimmt. Ja. Ich würde mich ganz schlecht dazu eignen, zum Beispiel einen historischen Roman über die Zwanziger Jahre zu schreiben, der sich an einer real existierenden Figur entlang hangelt. Ein Roman über Clara Zetkin oder über Rosa Luxemburg, wäre ja ein Gedanke…

HAMCHA: … oder über Ulrike Meinhof …

Leander Sukov: … würde ich mich nicht dazu eignen. Denn was sofort passieren würde ist, dass diese wirkliche Fiktion, die man dann hat, die auf Realität basiert, die würde bei mir sofort auf eine andere Realitätsebene gehoben werden und sich verfuseln. Da bin ich nicht der Richtige dafür. – Das  die da vorkommt, das ist denkbar. Das irgendeine meiner Figuren träumt, sie säße mit Ulrike Meinhof in einem Café und sie unterhalten sich über irgendetwas und sie trinken ein Bier, dass ist denkbar. [lacht] Aber anders nicht.

HAMCHA: Das heißt, die Realität, die Du erschaffst, die aus vielen Fragmenten der existierenden Realität besteht, ist eine Transformation, auf die Du eine Fiktion aufsetzt, die aus den fiktionalen Gedanken Deiner Helden besteht…

Leander Sukov: … Genau.

HAMCHA: Okay, gut. – Das betrifft Deine Prosa. – Aber Du bist auch Lyriker.

Leander Sukov: Ja, bin ich auch. Mit ganz unterschiedlichen Arten von Gedichten. Einmal, abgesehen davon, dass es natürliche politische Gedichte und Liebesgedichte gibt, und erotische. Ich haben schon eine bestimmte Form, die man, glaube ich, wiedererkennen kann und die lustigerweise bei mir nicht davon abhängt, ob sich bei mir etwas reimt oder nicht. Also das scheint völlig Schnuppe zu sein, man erkennt trotzdem, dass ich das geschrieben hab, sagen mir Viele. Das hat vielleicht etwas damit zu tun, dass ich ganz oft nicht gereimte Gedichte habe, dass sind dann Blankverse, die haben also eine Metrik, sind also nicht einfach nur gebrochene Prosa, oder sie haben so Umläufe, wo man ein Wort auf zwei Zeilen doppelt lesen muss, weil das den nächsten Satz einleitet…

HAMCHA: … Du verwendest also kein festes Versmaß, keine Jamben zum Beispiel …

Leander Sukov: … nee, in der Regel nicht. – In der Regel nicht. Es gibt auch einige wenige Gedichte mit Jamben, wo man sagen kann, dass ist völlig klar ein festes Versmaß, aber das ist nicht die Regel.

HAMCHA: Mhm. – Warum ist das so, bei Dir?

Leander Sukov: Naja, dieses Dichten in Jamben, dann muss es sich auch noch hinten reimen, dass passt nur für wenige Zwecke, weil es sehr schnell sehr getragen wirkt, während so ein durchlöcherter Blankvers, der vielleicht auch nicht immer durchgehalten werden muss, der macht das auch weniger theatralisch, oft. Manchmal ist aber auch das Gegenteil der Fall, dann wird es erst recht theatralisch, wenn man es betont liest und stellt fest, das klingt alles irgendwie nicht hymnisch oder so. … Aber das hat wirklich auch etwas damit zu tun, dass ich gerne experimentiere und dazu eignet sich der Reim nicht so gut. Also dann ist es besser, man macht diese Brüche – das liegt, glaube ich, eher am Experiment.

HAMCHA: Wie bist Du Schriftsteller geworden?

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Leander Sukov: Autor seit der Pubertät

Leander Sukov: Ich weiß gar nicht, ich hab, glaube ich, das erste mal etwas veröffentlicht in einer Zeitung, die, glaube ich, nach meiner Erinnerung „Der Tod“ hieß und in der Tradition von George stand. Da habe ich, ich glaube mit 14 oder 15, das erste mal ein Gedicht veröffentlicht. Dann habe ich immer mehr gemacht, schon immer diese Miniaturen, ganz kurze Kurzgeschichten, die dann hier und da abgedruckt worden sind. Damals gab es ganz, ganz viele Literaturzeitungen.

 

– Also in meiner Lieblingsbuchhandlung gab es, glaube ich, monatlich mindestens dreißig verschiedene Literaturzeitungen, die voll waren mit Gedichten. Da hab ich das hingesendet und das ist abgedruckt worden. – So hat das angefangen. Glücklicherweise haben viele meiner Freunde auch Sachen aufgehoben, aber vieles ist verloren gegangen. Neulich hab ich was gesucht, dann schickte mir ein Freund aus Norwegen, der hatte das noch, der hat das eingescannt und mir geschickt.

HAMCHA: Welche Bedeutung hat das Schreiben für Dich?

 

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Leander Sukov: Kindheit bei seinem revolutionären Großvater

Leander Sukov: Das ist schon so, dass es manchmal ohne Schreiben gar nicht geht, weil der Kopf sozusagen schreibt und das muss dann irgendwie raus. Da entsteht eine Geschichte, die denkt mein Kopf sich in mir aus, wenn man so will, und die muss ich los werden, weil ich sie im Kopf immer weiter schreibe und das lenkt mich von sonstigen Tätigkeiten ab. Das ist in der Tat so, ich kann dann nicht schlafen. Das habe ich aber schon immer gehabt. Ich bin schon mit 14, 15, 16 nachts aufgestanden und hab Geschichten und Gedichte geschrieben, weil ich sonst nicht schlafen konnte, weil ich das halt im Kopf hatte. Das geht aber ganz Vielen so, habe ich inzwischen gelernt, viele, die ganz ähnlich arbeiten. Ansonsten bedeutet mir das auch etwas, ein bisschen Einfluss nehmen zu können, auf die Welt. Ich bin keiner der sagt, Kunst habe keinen Einfluss. Das stimmt schon an meinem eigenen Beispiel nicht. Ich bin in vielem was ich denke, auch politisch denke, beeinflusst worden durch Liedermacher, durch Phil Ochs und Bob Dylan, durch Donovan oder Hannes Wader, Dieter Süverkrüp, durch Hanns-Dieter Hüsch. Ich bin auch beeinflusst worden durch viele Schriftsteller, die ich gelesen habe, insbesondere durch Heinrich Heine und Wolfgang Borchert. Ich glaube, das geht auch anderen Leuten so. Ich glaube, das Kunst in der Tat auf Menschen wirkt, auch erzieherisch, wenn man so will, völlig unabhängig vom Alter, übrigens. Das wirkt nicht nur auf junge Leute so, sondern das bewirkt im Menschen etwas, und wenn es nur ein ganz klein bisschen ein anderer Blick auf die Welt ist. Und vielleicht ein ganz klein bisschen anderes Verhalten beim Brötchen holen. Aber es bewirkt etwas und deshalb glaube ich, dass Kunst wichtig ist. Das ist nun auch mein Beitrag, ganz sicherlich, zum politischen Arbeiten. Für mich ist das, was ich da tue, auch Politik.

HAMCHA: Das bedeutet, das Schreiben für Dich ein Akt des nach außen Wirkens ist?

Leander Sukov: Ja.

HAMCHA: Aber meine Frage war, was es für Dich für eine Bedeutung hat.

Leander Sukov: Naja, das ist ja wichtig für mich, dass ich von mir sagen kann, ich tu was. … So wollte ich das beantwortet wissen. Dass ich sagen kann, ich schreite durch das was ich da mache zur Aktion. Zugleich ist das aber auch eine Befreiung für mich, weil ich muss mich ja von diesen Phantasien, die ich habe, oder von diesen fertigen Stücken, wenn man so will, bei Gedichten ist es ganz häufig so, dass es fertige Stücke sind, muss ich mich befreien, weil sie sonst ständig in meinem Kopf herumgeistern. – Vielleicht geht’s Malern beim Malen ähnlich. – Aber es ist wichtig für mich. Es ist wichtig auf ganz unterschiedliche Arten. Zum einen ist Schreiben dieses Wirkprinzip, dass man nach außen wirkt, zum anderen aber auch, um sich zu befreien, und zwar ganz buchstäblich von dem Kunstwerk zu befreien.

(zur Übersicht / lesen Sie bitte weiter)

Das Gespräch führte Heinz Michael Vilsmeier.

©HAMCHA art integration Heinz Michael Vilsmeier, Impressum

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