Jutta Schubert: Ich habe immer Geschichten erzählen wollen.

HAMCHA art integration, Heinz Michael Vilsmeier
Jutta Schubert, Eine Autorin, die inszeniert

HAMCHA: Erleben Sie diese ganz persönlich empfundene Diskrepanz als leidvoll?

Jutta Schubert: Manchmal ja, jetzt weniger als früher. Ich mache das jetzt schon so lange, ich schlage mich schon so lange freiberuflich durch, irgendwo zwischen dem Schreiben und dem Theater, irgendwie hat das immer funktioniert, so dass ich heute praktisch keine Existenzängste mehr habe, es gibt immer Höhen und Tiefen. Das Leiden ist, je älter ich werde, immer stärker in den Hintergrund getreten, zugunsten des Engagements für bestimmte Stoffe, für bestimmte Themen, für bestimmte Zusammenhänge, Texte und Stücke. Ich mache diese Arbeit eigentlich sehr gerne, deswegen leide ich nicht mehr so wie früher. [lacht]

HAMCHA: Ist das Theater, das Regie führen, das Inszenieren, für Sie das Leben?

Jutta Schubert: Nein, das kann ich nicht sagen, dass ist schon mein Beruf. Der finanziert mich auch und hin und wieder habe ich das Glück, dass ich mich dabei mit Stoffen beschäftigen kann, die mich wirklich interessieren. Aber wenn man sich für das Theater entscheidet, dann lebt man eben phasenweise wirklich im Theater. Das fängt eben morgens an und das geht bis nachts. Wenn man in einer Inszenierung ist, dann ist man in den sechs bis acht Wochen Probenzeit absolut ausgeschaltet von der übrigen Welt. Da kann man mit Müh und Not noch die eine oder andere Banküberweisung machen und ansonsten steckt man eben in diesen Probenzusammenhängen drin. Man muss sich immer einklinken in so eine Produktion und am Ende wieder ausklinken, weil das Theater mehr ist als eine Arbeit, es ist eigentlich eine Lebensform, ein Stück zur Premiere zu bringen.

HAMCHA: Okay, Theater ist für Sie eine Lebensform, es ist, ganz konkret für Sie, ein großer Teil des Lebens. Die Literatur bedeutet Einsamkeit, bedeutet sich an den Schreibtisch zurückzuziehen, bedeutet sich in Archive zurückzuziehen, in die Ruhe, um Gedanken zu Ende zu denken. Was ist für Sie Kunst?


Jutta Schubert: Im Grunde genommen suche ich wohl nach einem Ausdruck für die Welt, die ich erlebe, für das, was mich berührt, was ich weitergeben und thematisieren möchte. Es ist die Suche nach einem Ausdruck, der so wahrhaftig wie möglich sein soll. Das ist für mich der Umgang mit der Sprache, immer schon.

HAMCHA: Ist dieses Weitergeben die Aufgabe des Künstlers?

Jutta Schubert: Ja, der Künstler gibt der Welt eine Farbe, in der er seine Haltungen, möglicherweise auch seine Kritik formuliert. – Ich denke, ja, so ist es, dass ist auf jeden Fall eine Aufgabe von Kunst.

HAMCHA: Das ist insofern interessant, als Sie damit an einer Aussage Giora Feidmans, mit dem ich mich erst kürzlich unterhielt, anknüpfen. Er bezog seine Aussage konkret auf die Musik, für ihn habe Kunst die Aufgabe, der Gesellschaft zu dienen. „Serve society“, formulierte er. Können Sie diese Sicht teilen?

Jutta Schubert: Ja, bis zu einem gewissen Grad, wenn die Gesellschaft einen das tun lässt. Da hat es die Musik manchmal ein bisschen einfacher. Ich bin eine große Bewunderin von Giora Feidman, ich habe schon einige seiner Konzerte erlebt …

HAMCHA: … dann sollten Sie unbedingt das Interview auf HAMCHA lesen!

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„SETER“ KHC 2000 Wannsee

Jutta Schubert: Das werde ich tun. – Also, wenn die Gesellschaft einen lässt, dann natürlich. Sich unbedingt in den Dienst einer Sache stellen, das kann ich schon unterschreiben. Aber es ist eben die Frage, ob die Gesellschaft einen lässt. Es gibt ganz, ganz viele Menschen aller Gesellschaftsschichten, aller Altersschichten, aller Bildungsschichten, die sehr gut ohne die Kunst auskommen, die ohne Literatur auskommen, die nie ein Buch lesen, die nie in ein Konzert gehen, die nie in eine Ausstellung gehen, ins Theater schon gar nicht. Mit Musik erreicht man die Menschen auf einem anderen Weg, da ist man näher dran an den Emotion.

HAMCHA: Sie haben vorhin beschrieben, dass die Menschen in Havanna in großer Armut leben. Wenn ich Sie richtig verstanden habe, meinten Sie materielle Armut. Mir fällt auf, wenn Sie diese Menschen in Ihrer Nachbarschaft beschreiben, die von der Kunst nicht erreicht werden, dass Sie hier eine kulturelle Armut beschreiben.

Jutta Schubert: Ja, da haben Sie auf jeden Fall Recht. Unbedingt. Ich wage nicht, mir anzumaßen, nach acht Tagen Havanna etwas über den kulturellen Hintergrund der Bevölkerung sagen zu können, aber materiell ist es eben sehr gravierend, dagegen sind wir im totalen Schlaraffenland – aber das wissen wir ja eigentlich. Gut, Lateinamerika hat natürlich großartige Musik hervorgebracht, großartige Literatur und inwieweit die Kunst dort die Menschen erreicht, dass kann ich nicht beurteilen. Aber in unserem Land, in dem ich schon so lange schreibe und Theater mache, sehe ich sehr genau, wen ich nicht erreiche. Ich erreiche ja nicht einmal meine eigenen Eltern.

HAMCHA: Wenn ich dazu anmerken darf, wie ich es empfinde, ich empfinde es so, dass in unserer Gesellschaft mit dem zunehmendem materiellen Reichtum eine zunehmende kulturelle Armut einher geht. Wobei ich das nicht pauschalisieren möchte, denn es gibt viele Menschen in dieser Gesellschaft, die durchaus nicht reich sind und gleichzeitig auch noch kulturell arm.

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Jutta Schubert, Alles Capriolen – Ein Jahrhundert im Musiktheater Biographie

Jutta Schubert: Generalisieren kann man es sicher nicht. Ich habe jetzt zum Beispiel noch in dieser Woche, der Gedenkwoche 70 Jahre Tod von Hans und Sophie Scholl, eine Lesung an der Geschwister-Scholl-Schule in Bensheim an der Bergstraße vor Oberschülern, die unglaublich interessiert sind an politischen und gesellschaftlichen Zusammenhängen. Ich freue mich sehr auf diese Lesung vor den jungen Menschen. Ich glaube durchaus, dass man mit den Mitteln der Kunst vielen Menschen etwas mitgeben kann. Aber prinzipiell ist es wohl so, dass man sich, je besser man materiell abgesichert ist, desto weniger Gedanken darüber hinaus macht. Andererseits, wenn man materiell gar nicht abgesichert ist und immer ums Überleben kämpfen muss, dann ist es auch schwierig, noch den Kopf frei zu haben für die Kultur. Vielleicht erreicht man die Leute auch hier am ehesten durch Musik, eher jedenfalls als damit, sie für ein Buch zu interessieren, wenn sie nicht wissen, wovon sie morgen ihre Miete zahlen sollen oder woher sie die nächste Mahlzeit nehmen.

HAMCHA: Ich meine, wenn ich das so sage wie gerade eben, dass sich der materielle Reichtum vor allem in der Möglichkeit zu konsumieren manifestiert. Daher glaube ich, dass in dem Maße, wie die Gewohnheit des Konsumierens als Ausdruck materiellen Reichtums Platz greift, die Kultur verschwindet. Es gibt selbstverständlich auch Menschen, die im Wohlstand leben, deren Privileg es geradezu ist, Kultur zu genießen und sich kulturellen Dingen zu widmen. Materieller Reichtum bedeutet keineswegs zwangsläufig, kulturfern zu sein.

Jutta Schubert: Ja, ganz klar. Wir merken natürlich auch hier in unserem Land, was der Buchmarkt macht, dass es immer schwieriger wird, anspruchsvolle Literatur, die eine ausgefeilte Sprache hat, die nicht nur in so einer Alltagssprache verfasst ist und nicht nur den Alltag behandelt, in einem Verlag unterzubringen. Wenn wir uns das Fernsehprogramm anschauen, sehen wir auch diese Verflachung, die wird ja bewusst hergestellt. Ich erlebe es jetzt auch in Zusammenhang mit dem Buch. Wenn Journalisten für eine Zeitung oder für den Rundfunk ein Gespräch mit mir führen wollen, dann sagen die gleich, „ich habe ja nur so und soviele Zeilen, da muss ich sehen, dass ich alles unterkriege, sonst wird es überhaupt nicht gedruckt oder es wird zusammengestrichen“, oder „wir haben ja nur eine Sendezeit von drei Minuten. Vor Jahren war das noch viel besser, da hatten wir noch ganze Sendungen von einer Stunde, jetzt haben wir eben nur noch drei Minuten.“ So findet eine starke inhaltliche Verflachung statt, ganz schleichend, solange, bis sie die Kulturberichterstattung ganz abgeschafft haben. Das ist eine sehr üble Entwicklung und niemand wehrt sich dagegen.

HAMCHA: Das ist eine Entwicklung die ich auch erfahren muss, wenn ich Interviews mit sehr, sehr interessanten Menschen führe und diese Interviews Redaktionen anbiete. Mir wird gesagt, ich müsse das journalistisch bearbeiten, womit die Kürzung auf, beispielsweise, zwei Seiten gemeint ist. Man möchte möglichst mit der Veröffentlichung Werbung verbinden und dafür braucht man den bedruckbaren Platz. Der Raum, ein Gespräch, dessen Atmosphäre, dessen Entwicklung wiederzugeben, ist überhaupt nicht vorgesehen. Der Journalist soll es auf einige knackige Aussagen zusammenkürzen, dass wird dann journalistische Bearbeitung genannt.

Jutta Schubert: Ja, das ist so eine Event-Kultur geworden. Ich habe da im Moment Glück, und der Kulturmaschinen Verlag auch, dass es diesen siebzigsten Gedenktag gibt, so dass doch bei einigen ein offeneres Ohr für das Thema „Weiße Rose“ vorhanden ist. Wenn es nicht gerade so einen Gedenktag für ein Thema gibt oder sonst ein Jubiläum, dann ist es sehr, sehr schwierig, überhaupt Aufmerksamkeit zu erregen in diesem Land.


HAMCHA: Sie haben Ihr erstes Theaterstück 1990 veröffentlicht, es hieß, glaube ich, „Himmel und Hölle“. Hat sich seit dieser Zeit, das war ja kurz nach der Wende, in der Rezeption Ihrer Theaterstücke etwas verändert in unserem Land?

Jutta Schubert: Es ist eindeutig so, dass ich feststellen konnte, dass meine Texte, meine ganze Theaterarbeit, oft stärker im Osten wahrgenommen wird, in den Gebieten der ehemaligen DDR, als im Westen. Das finde ich ganz erstaunlich. Es herrscht dort oftmals eine größere Neugier, eine größere Bereitschaft, sich mit Themen auseinanderzusetzen, als hier im Westen. Das ist auf jeden Fall eine Erfahrung, die ich seit der Wende gemacht habe.

HAMCHA: Wie sind Sie überhaupt Schriftstellerin geworden?

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Jutta Schubert, Inszenierung Rostige Rosen, Stuttgart

Jutta Schubert: [lacht] Ich würde sagen, das war ich eigentlich schon immer. Schreiben wollte ich immer schon, schon als ich noch gar nicht lesen und schreiben konnte. Ich habe schon schreiben können, bevor ich in die Schule kam. Und ich habe immer erzählen wollen, Geschichten erzählen, Geschichten aufschreiben. Meine ersten Texte habe ich so mit elf oder zwölf geschrieben. – Ich habe mich immer schon als Schreibende begriffen.

HAMCHA: Wer waren Ihre ersten Leser?

 

Jutta Schubert: Freunde. Schulfreunde, Klassenkameraden, im Freundeskreis sind die Texte kursiert.

HAMCHA: Sie haben dann Literaturwissenschaften studiert…?

Jutta Schubert: Ja, ich habe Neuere deutsche Literaturgeschichte studiert und dazu im Nebenfach Theaterwissenschaften, das hat mich dann dem Theater näher gebracht.

HAMCHA: Gab es für Sie irgendwann einen Entschluss, aus der Neigung zu schreiben, Ihren Beruf zu machen?

Jutta Schubert: Ich konnte mir niemals etwas anderes vorstellen. Es gab eine Krise für mich nach dem Abitur, da wollte ich direkt Literaturgeschichte studieren und meine Eltern haben mich sehr bekniet, ich solle doch einen normalen, „anständigen“ Beruf – wie sie das nannten – lernen, mit dem man dann im Leben auch etwas anstellen und Geld verdienen könnte. Das war wirklich eine schwere Krise für mich, weil ich eigentlich niemals etwas anderes wollte, als mich mit Literatur zu beschäftigen und mit dem Schreiben.

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Das Gespräch führte Heinz Michael Vilsmeier

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