Frauen können mit 50 in der Politik eine neue Karriere anfangen

Dr. Thomas Goppel: “Frauen können mit 50 in der Politik eine Karriere anfangen”

© HAMCHA art integration Heinz Michael Vilsmeier, 2012
Dr. Thomas Goppel (MdL)

HAMCHA: Wie sehen Sie die Möglichkeiten für Frauen, aus der familiären und beruflichen Situation heraus in die Politik zu gehen?

GOPPEL: An und für sich stellt sich das als Idealzustand dar. Die Frauen genehmigen sich, nehmen wir mal an, wenn alles ordentlich läuft, mit 25 bis 30 Jahren ihre Kinder- und Familienpause. Die sind nach spätestens 15 Jahren, nach 17/18 Jahren, wenn alles ein bisschen holpert, passé. Dann sind die Frauen (die „Familienpartner, es kann und soll ja auch der Mann sein, der sich um Kindert kümmert) im Höchstfall 50 Jahre alt. Mitten im Leben also. Frauen könnten dann z.B. jederzeit und oft besser als die „Herren der Schöpfung“ in der Politik eine neue Karriere anfangen. Beispiele gibt es jetzt schon genug.

Die Frauenquote ist ein Quatsch. … Ich habe für die Frauenquote gestimmt.

HAMCHA: Es gab ja eine Diskussion in der Süddeutschen, und in verschiedenen anderen Blättern, über die Chancen von Frauen, innerhalb der CSU Politik zu machen. Auch Frau Aigner hat sich da geäußert. Es heißt, da wurde ganz heftig Kritik geübt. Es wurde auch über die Frauenquote diskutiert. Herr Seehofer hat sich dagegen ausgesprochen. Wie sehen Sie diese Diskussion?

GOPPEL: Die Frauenquote ist ein Quatsch. Tüchtigkeit ist entscheidend dafür, ob jemand in der Politik vorankommt. Trotzdem habe ich mitgestimmt, letztes Jahr. Damit wir uns recht verstehen: Weil ich nicht wollte, dass die amtierende Staatsführung um Seehofer auf diese Weise eine besondere Ohrfeige kriegt. Man muss ja immer abwägen…

HAMCHA: … was meinen Sie mit „mitgestimmt“?

GOPPEL: Ich habe für die Frauenquote gestimmt. In den dafür angedachten Parteigremien. Das Quotenrezept halte ich trotzdem für falsch! Für mich ist es keine Gewissensfrage, ob wir Frauen den Zugang zur Politik eröffnen oder nicht. Das ist für mich selbstverständlich. Mein/unser Menschenbild ist da unmissverständlich: „Jede(r) ist gleich viel wert.“ Von da aus ist die Gleichstellungsdebatte überholt (in der Praxis allerdings wohl noch nicht). Darum müssen wir es hinnehmen, wenn Einzelne an diese Gleichberechtigung nur glauben, wenn den Frauen ein Vorrecht eingeräumt wird. Den Versuch zu wagen heißt nicht, auch an den Erfolg zu glauben. Lassen Sie mich das ganz nüchtern vorrechnen: In meinem Kreisverband, den habe ich fast 30 Jahre lang geführt als Kreisvorsitzender der CSU, 29,5 Jahre, jedenfalls gefühlt elendig lang. In meinem Kreisverband habe ich bei allem Mühen und Sorgen, auch mit Kopfständen nicht mehr wie 6 bis 7 Kandidatinnen für den Kreistag, bei sechzig möglichen Anwärter/innen auf der Liste gefunden. Dass der Verzicht eines Mannes auf ein Mandat zusätzliche Begehrlichkeiten geweckt haben könnte, kann ich nicht ausschließen. Aber die Selbstaufgabe eines Etablierten ist nicht die erste Pflicht, um Anderen – einer der Damen – zu helfen. Dazu müsste zwingend der Verzicht auf bewährte Leistungsfähigkeit eingeführt werden. Geht nicht, oder?

HAMCHA: Ja gut, dass ist ja nun nicht bei allen Parteien so. Es gibt ja Parteien, die durchaus eine höhere Quote aktiver Frauen in der Politik haben, als die CSU. Was ist bei der CSU anders?

GOPPEL: Wir haben lange Jahre in der Diskussion in der Öffentlichkeit immer wieder verteidigt, dass Frauen auch die Aufgaben der Familienwahrung, der Familiensicherung haben. Das war als isolierter Blick auf die Welt der Frauen sicher zu eng. Heutzutage zumal. Aus dem Blickwinkel der Kinder und ihrer Erziehung aber auch nicht falsch.

Einige unserer Frauen sehen es als Rechtsanspruch mit Vorrang erwartet zu sein

HAMCHA: Ich hatte letzte Woche ein Gespräch mit Frau Josefa Schmid, der Bürgermeisterin von Kollnburg. Ich weiß nicht, ob Sie den Namen kennen…?

GOPPEL: Ich habe schon von ihr gehört.

HAMCHA: Josefa Schmid, die in Kollnburg als Bürgermeisterin kandidierte und gewählt wurde. Nachdem der Landrat des Landkreises Regen, Herr Wölfl gestorben war, kandidierte sie als Landratskandidatin, wobei sie aber die Unterstützung ihres Bezirksverbandes nicht bekommen hatte. Sie trat gegen Michael Adam von der SPD an. Von ihrer eigenen Partei hat sie überhaupt keine Unterstützung bekommen. Momentan ist sie in einer völlig isolierten Situation.

GOPPEL:  Ist sie in der CSU? – Ich kenne die Ist-Lage nicht.

HAMCHA: Ja, sie ist bei der CSU. [aktuell kandidiert Frau Schmid für die FDP, die Redaktion]

GOPPEL: Den Namen kenne ich, aber sonst nichts. Die erste Frage in der Politik ist immer, ob man für eigene Positionen Kombattanten in den eigenen Reihen findet und sucht. Das gilt für Jede(n) von uns. Das hat mit Frau und Mann nichts zu tun. Heute nicht mehr! Das mag vor 10 oder 20 Jahren, als ich angefangen habe, vor 30 Jahren, eine Rolle gespielt haben. Das ist schon möglich. Aber heute gibt es ein paar unter unseren Frauen, die es als Rechtsanspruch ansehen, unabhängig von möglichem Wettbewerb mit Vorrang auf jeder Position erwartet zu sein. Solche Anwärterinnen kriegen genauso ihre Quittung, wie Männer in gleichgelagerten Fällen auch. Das ist kein Frauensyndrom. Das ist ein Syndrom für einen Typus Mensch, der in einer Partei wie der meinen unter Umständen weniger ankommt, denn bei der SPD oder den Grünen. Dabei komme ich nicht auf den Gedanken, dort völlig andere Frauen zu vermuten. Trotzdem lohnt ein Blick auf die besagte Klientel. Vom Obst her wissen wir, dass der Vergleich mit Äpfeln und Birnen hinkt. Hier ist es ebenso.

HAMCHA: Wenn ich an Frau Pauli denke oder jetzt auch an Josefa Schmid, habe ich den Eindruck, dass sich bei denen im Prinzip ein Vorgang wiederholt: Eine Frau exponiert sich innerhalb der CSU, ist Funktionsträgerin und wird daraufhin abgestraft. Frau Schmid ist innerhalb der CSU, auch in ihrem Ortsverband, momentan völlig ohne Unterstützung. – Ist das nicht einfach fatal für die CSU?

Das Desaster wäre mir nicht passiert.  – „Frau Pauli, jetzt lassen Sie uns mal reden.“

GOPPEL: Also bei Frau Pauli kann ich es gut nachvollziehen. Ich war damals ziemlich intensiv und nahe dran am Fall. Ich war nicht mehr Generalsekretär, das war Herr Söder schon lange. Das Desaster an besagtem Sitzungstag wäre mir nicht passiert. Das kann ich guten Gewissens sagen! Da wäre unser Vorsitzender gleich hinter der beleidigten Dame her gewesen und hätte gesagt, „Frau Pauli, jetzt lassen Sie uns mal reden.“ Jenseits davon, was dann alles an Folgen sich hätte ergeben können. Zu Söderschen Konditionen sind sie eben anders eingetreten. Wenn ich das jetzt bei Frau Schmid in Regen höre, dann liegen die Karten ähnlich auf dem Tisch. Ergo: Da hätte jemand aus der Führung rechtzeitig für Kommunikation sorgen müssen. In der Bilanz ist das allerdings die eine Seite der Medaille, die „CSU und Kandidatenauswahl“ heißt. Das Kapitel J. Schmid obliegt ihr selbst. Sie bricht die Zelte ab, scheint mir.

HAMCHA: Hat sie bisher nicht getan!

GOPPEL: Wenn aber jemand mit dem Gedanken so spielt, erzeugt das auf der Gegenseite wenig Sympathie.

HAMCHA: … sie wird natürlich stark umworben, von anderen Seiten. Aber wenn Sie jetzt auf eines dieser Angebote eingehen würde, wäre sie eine weitere verlorene Frau der CSU, für die Politik der CSU.

GOPPEL: Sagen Sie mir den Grund, weshalb meine Freunde in Regen einseitig auf alle durch die Realität des Wahlkampfes angestauten Vorbehalte einseitig verzichten sollen, und den ganz sicher nicht einseitig entfachten Zwist einseitig ignorieren?

Frauen sind sturer – auch das hat seine bzw. ihre Vor- und Nachteile

HAMCHA: Eine Sympathieträgerin im Bayerischen Wald. Ja, sie hat ja innerhalb ihrer Gemeinde, und auch im Bayerischen Wald insgesamt, sehr hohe Zustimmungsraten.

GOPPEL: Das mag durchaus sein. Trotzdem muss auch die Dame zur örtlichen CSU passen, nicht umgekehrt. Das war zu alten Zeiten so. Die Mentalität der Person, ihre politische Einstellung zählt. Der Generalsekretär einer Partei kennt viele und weiß, dass das Thema eine Menge Fingerspitzengefühl braucht. Auf beiden Seiten. Wenn ich mir überlege, dass eine Pia Beckmann lange in Würzburg ungeheuer gut dran und drauf war, dann aber selbst die Entwicklungen verpasst hat, die sie im Sattel gehalten haben, wie mit diesem Streit um den großen Bahnhof? Da spielen wirklich Mentalitäten und Stimmungen plötzlich die ganz große Rolle. Da sind übrigens Männer die Beweglicheren, gelegentlich zu beweglich. Damit wir uns recht verstehen: Frauen sind dafür sturer, von einer Ansicht oft nicht mehr abzubringen. Auch das hat seine bzw. ihre Vor- und Nachteile.

Den Ortsoberen muss das zuerst gefallen.

HAMCHA: Würden Sie Frau Schmid die Hand reichen und ihr bei der Lösung dieses Konfliktes mit ihrem eigenen Ortsverband, mit ihrem Kreisverband, helfen?

GOPPEL: Das ist eine von den Fragen, die sich ohne Orts-, Personen- und Sachkunde nicht beantworten lassen. In solcher Funktion war ich zwar früher häufig unterwegs, heute kaum noch im Sachzusammenhang. Den Ortsoberen muss das zuerst gefallen. Im Prinzip bin ich überzeugt, dass mein Nachfolger, „Nach-nach-nach-nachfolger“, Alexander Dobrindt, Bundestagsabgeordneter, sehr wohl bereit ist, sich da etwas intensiver zu kümmern. – Wenn es notwendig ist, helfe ich aber gerne mit!

HAMCHA: Gerne, dann kann ich Frau Schmid das so vermitteln?

GOPPEL: Sie soll sich melden. – Bei mir war sie noch nicht. Und wie gesagt: Die Vorgehensweise leite ich aus unserem Menschenbild ab. Es gibt ihn, den Auftrag, jemanden ständig zu beobachten, ob es ihm oder ihr denn gut ergeht. Der “Heilige Martin“ hat der Legende nach Hilfe besorgt und den Verletzten dem Bürgermeister von Augsburg zur Pflege überlassen mit dem Auftrag: „Schauen wir mal gemeinsam zu, was aus ihm wird und wenn das Ergebnis sich sehen lassen kann, solltest Du das restliche Geld aus meiner – Martins – Finanzhilfe für ihn auch investieren. Martin sprach‘s und ging. Er hatte ja einen anderen Auftrag!“ – Schluss daraus für die CSU? – Wir sind nicht dazu da, jemanden bis zuletzt zu bemuttern. Das überlassen wir der SPD (und gelegentlich den Grünen). Anpacken, steuern helfen, aber durch Gewähren lassen, beschreibt unsere Politikmischung. (Weiterlesen)

Das Gespräch führte Heinz Michael Vilsmeier am 13.06.2012 im Bayerischen Landtag

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