Reinald Noisten

Reinald Noisten: Die Leute fangen an zu weinen, sie sind total berührt.

HAMCHA art integration, Heinz Michael Vilsmeier
Ensemble Noisten und Nina Hoger

HAMCHA: Klezmer ist Folklore mit einer unverwechselbaren offenen Charakteristik …

Reinald Noisten: … so gesagt ja, die Offenheit war immer da, das ist zwangsläufig so. – Wenn Sie in ein anderes Land fahren würden, Sie waren in Mittelamerika, und würden dort für einen langen Zeitraum bleiben, würden Ihre Nachkommen eine andere Sprache entwickeln, sie würden sicherlich auch anders Musik machen, sie würden sicherlich auch ihre Mentalität ein bisschen verändern. Aber die Wurzel wäre immer noch die alte.

HAMCHA: Würden Sie sagen, dass Klezmer den ganzen kulturellen Reichtum des Judentums quasi musikarchäologisch widerspiegelt?

Reinald Noisten: Ja und nein. Ich glaube eher, dass Klezmer sehr wandelbar ist. Wenn sie nach Amerika gehen, wenn also Juden aus dem Zweiten Weltkrieg oder vorher aus dem Ersten Weltkrieg, da sind viele Juden, als der Kommunismus in Russland gesiegt hatte, aus Russland … „vertrieben worden“, sage ich nicht, aber sie mussten gehen, weil Religion zu Beginn des Kommunismus in Russland, glaube ich, nicht mehr so erlaubt war. Wenn heute russische Juden nach Deutschland kommen, früher sind sie nach Amerika gegangen, wissen sie nicht mehr sehr viel von ihrem Glauben, die müssen das neu lernen.

HAMCHA: Giora Feidmans Familie, beispielsweise, ist nach Buenos Aires ausgewandert …

Reinald Noisten: … genau, da hatten sie die Möglichkeit zu bleiben. Sie waren dann in Amerika und lernten den Swing kennen oder eben in Buenos Aires den Tango. Zwangsläufig nahmen sie das mit und veränderten es wieder. – Dadurch ist natürlich der Klassiker „Bay mir bistu sheyn“ entstanden. Das macht die Musik eben auch sehr reichhaltig und spannend und gibt einem selbst die Möglichkeit, mit diesen Mittel zu spielen. Wenn Sie heute auf Festivals gehen oder Bands hören, würden Sie nie eine gleiche, und das finde ich auch gut so, Interpretation finden. Sie werden immer wissen, das ist eine andere Form der Interpretation dieser Musik. Die eine Band spielt es so und die andere Band so und dann kommt wieder eine, die das Alte spielt, bzw. wie man meint, dass es früher gespielt wurde. Das gibt es ja auch und das ist vollkommen okay. Und dann gibt es wieder eine andere Band, die damit experimentiert. Heute haben wir ganz unterschiedliche, farbenreiche Ausrichtungen dieser Art von Musik. Wichtig ist, dass jemand sagt, wir haben Punkklezmer, z. B. der Daniel Kahn & The painted bird, wir haben einen Jazz-Musiker im Klezmer, David Brody zum Beispiel, und wir spielen es wieder anders. Trotzdem weiß man, das ist Klezmer.

HAMCHA: Um das bisher Gesagte zusammenzufassen: Sie hatten Ihre erste Begegnung mit Klezmer über …

Reinald Noisten: … Feidman.

HAMCHA: Das fand Ende der 90er Jahre statt. Dann haben Sie sich mit den Hintergründen dieser Musik befasst und daraus entstand die Idee, ein Projekt zu starten, nämlich über die Musik eine Verbindung zwischen Judentum, Christentum und Islam zu finden …


Reinald Noisten: … genau. Das ist etwas, was wirklich mit meiner persönlichen Geschichte zu tun hat. – Ich wollte ja früher Pfarrer werden und komme aus einem sehr christlich geprägten Elternhaus. Ich bin dann zwar nicht Pfarrer geworden, habe aber das Christliche mitgenommen. Nach dem Studium habe ich dann über die Musik das Jüdische kennengelernt, habe mich ein wenig, ich sage bewusst ein wenig, mit der Kabbala beschäftigt und habe dabei gemerkt, dass uns das Jüdische näher ist, als wir ahnen können. Ich habe dann gedacht, es muss doch an der Zeit sein, aus dieser Enge des einen Glaubens hinaus zu gehen. Ich habe mich immer auch mit Spiritualität beschäftigt, was zwangsläufig ist, wenn Sie sich mit Glaubensfragen auseinandersetzen, mit Dingen der Energie usw., wenn Sie meditieren, das habe ich auch gemacht. Das war so „mein Ding“. Wobei am Ende, das hat mich sehr gedrängt, ist doch alles eins. Dadurch entstand der Gedanke, bzw. die Frage, wie es wäre, den Islam da miteinzubeziehen, gerade in der heutigen Zeit. Ich habe auch von Anderen immer wieder gehört, dass der Koran am Ende den gleichen Kern hat wie die Bibel und wie der Talmud, dass also die Religionen am Ende den gleichen Kern haben, nämlich die Liebe zu Gott. So fühlte es sich auch für mich immer an. Ich habe darüber nicht weiter nachgedacht aber irgendetwas hat mich den Derwisch treffen lassen und auch die Ney-Flötisten. Ich sage das bewusst so! Die waren total offen. Ich habe nicht darüber nachgedacht, es mit so vielen Musikern zu machen. Ich habe mich auch nicht vorher hingesetzt und darüber gelesen oder wissenschaftlich darüber gearbeitet. Das Bild war einfach stimmig, als ich diese beiden Menschen getroffen habe. Sie waren, weil sie natürlich weltoffen waren, total begeistert von der Idee. So hat sich das Projekt entwickelt.

HAMCHA: Wie kam es zu diesen Begegnungen?

Reinald Noisten: Wir haben uns nach einem Konzert in Essen getroffen und wir kamen ins Gespräch, genauso wie wir uns hier jetzt getroffen haben übers Internet. … Wir kamen ins Gespräch und plötzlich erwähnte ich, ich würde gerne etwas erzählen und schlug dieses Projekt vor. Dann waren wir uns einig, dass wir es mal probieren würden. Wir fingen an daran zu arbeiten, was nicht einfach war. Wir haben versucht, die Stücke herauszuhören, die Sufi-Stücke zu verstehen und etwas über diese Musik, die uns ja auch sehr fremd war, zu lernen und die wir, übrigens mit Hilfe des Ney-Flötisten, auf unsere Spielweise übertragen haben. Wir haben dann die ersten Auftritte klar gemacht und dabei gemerkt, was für eine Innigkeit, was für ein Kraft darin steckt, wenn man die Idee am Ende des Konzertes hat. Wir haben folgendes Konzept, wir stellen jüdische Musik vor, also Klezmer, stellvertretend für „das Jüdische“, dann Sufi-Musik, stellvertretend für „den Islam“. Da tanzt der Derwisch natürlich auch.

HAMCHA art integration, Heinz Michael Vilsmeier
Ensemble Noisten und tanzender Derwisch

Dann wieder Klezmer und am Ende tanzt der Derwisch auf ein jüdisches Stück. Da spielt dann auch der Ney-Flötist mit. Zu diesem jüdischen Stück, Zemer Atik, alter Gesang, gibt es eine Legende, die ich total schön finde: Sie besagt, dass ein jüdischer Kaufmann bei einem Beduinen Gastfreundschaft erfahren habe, sie hätten zusammen gegessen und Musik gemacht und dabei hätten sie diese Melodie gespielt, bzw., der Beduine habe ihm Teile dieser Melodie mit auf den Weg gegeben. So wie wir bei Feidman, bei diesem Workshop, Teile dieser Musik mit auf den Weg bekommen haben. Das Interessante ist die Rolle dieser Melodie heute in der jüdischen Kultur, ich sage jetzt bewusst nicht im Jiddischen, sondern in der gesamten jüdischen Kultur. Dort ist sie ein Klassiker. Ich finde, das ist ein wunderbares Bild, weil es zeigt, wie man über die Musik die ganzen Barrieren, die sonst da sind, einfach ablegen kann. Das erleben wir auch, wenn wir das auf den Konzerten machen. Die Leute sind einfach vollkommen weg!

http://www.youtube.com/watch?v=vdzxGif9pbQ

HAMCHA: Welche Erfahrungen machen Sie, wenn sie Musik aus drei Religionen in einem Projekt auf die Bühne bringen?

Reinald Noisten: Bis jetzt geht es musikalisch meist um zwei Religionen. Mit der dritten Religion haben wird das gemacht, indem wir Texte von Meister Eckhart lesen lassen, so haben wir dann das Christentum mit einbezogen. – Wie das wirkt? Das wirkt wie ein inniges Fest! Die Leute fangen an zu weinen, sie sind total berührt. Sie können einem erst mal gar nicht sagen, was sie da berührt. Ich kann nur sagen, sie sind wirklich bewegt! Wir kriegen immer zu hören… Bei diesen Veranstaltungen gibt es schon mal jemanden der fragt: „Haben Sie schon mal Drohbriefe gekriegt?“ – Nein, habe ich noch nie! Das gibt es nicht, bzw. ganz selten. Es gibt im Vorfeld schon mal Leute, die diese Veranstaltung eher absagen, weil sie Angst haben, da könnten irgendwelche Dinge passieren. Ansonsten erlebten wir immer wieder nur Freude, inneres Bewegtsein. Am Ende gibt es ein Friedenslied, Shalom Aleichem, das kennen Sie ja auch, das koppeln wir mit einem Sufi-Friedenslied. Das ist dann die Zugabe und danach können wir alle nicht mehr spielen, weil das ist wirklich dann der Höhepunkt. Danach ist, wie eigentlich auch bei Feidman, erst mal Stille. Die Leute sagen mir auch nach einem Jahr noch, wenn ich sie sehe, dass sie sich an diese Veranstaltung erinnern können. Das heißt, sie haben etwas tief im Innern mitgenommen.

HAMCHA: Ich erinnere mich an eine wundervolle Veranstaltung vor einigen Jahren, ich glaube es war in den 90ern, im Haus der Kulturen in Berlin, bei der tanzende Derwische und Klezmermusiker auftraten. Das erinnert mich an Ihr Projekt.

Reinald Noisten: Das waren wir nicht – aber danke für den Hinweis. Wir arbeiten gerade auch daran Dinge zu unternehmen, die wir noch nicht gemacht haben. Wir haben ja auch die Lesung mit Nina Hoger der Schauspielerin, die Sie vielleicht schon gesehen haben und mit der wir sehr viele Literaturprojekte machen. Beispielsweise hat sie Texte der Schriftstellerinnen Else Lasker-Schüler oder Hilde Domin, aus dem jüdischen Bereich, zum Thema Beziehungen zusammengestellt wurden. … – Da gibt es das Hörbuch „Tief verbeugen sich die Sterne“ mit Lyrik und Prosa von Else Lasker-Schüler. Das kann man alles auf unserer Netzseite noch nachlesen. Wir sind jetzt mit Nina Hoger in Kontakt, dass sie auch die Texte von Meister Eckhart liest, das haben wir zwar noch nicht realisiert, wäre aber das Sahnehäubchen, sage ich mal.

HAMCHA: Woraus ergab sich für Sie der Anknüpfungspunkt für Else Lasker-Schülers Lyrik und Ihr Klezmer Projekt?

Reinald Noisten: Else Lasker-Schüler ist ja eine jüdische Autorin und sie ist auch eine deutsche Autorin. In Wuppertal gibt es die Else-Lasker-Schüler-Gesellschaft, die uns vor ganz langer Zeit, Anfang 2000, einmal angefragt hatte, ob wir bei einer bestimmten Aufführung mitspielen würden. Was dabei sehr spannend war: Weil diese Musik so lebendig ist, diese jüdische Musik, so wie wir sie gespielt haben, hat sie wundervoll die Seelen, die Farben und die Emotionalitäten der Lyrik von Else Lasker-Schüler weiter getragen. Da war sozusagen so ein literarischer-musikalischer Farbenspürer. Das hat uns, das hat mich auch total begeistert. Wir haben dann an einer anderen Stelle das Projekt mit Hannelore Hoger gemacht, die dann auch vollkommen begeistert war. – Das ist wirklich so gewesen, 2004 in Recklinghausen, danach haben wir dann angefangen, das Projekt mit Nina Hoger, der Tochter von Hannelore Hoger, zu machen. Das machen wir jetzt schon seit 2005, immer wieder gerne, denn die Veranstaltung erfreut sich doch relativ großer Beliebtheit.


HAMCHA: Auf Ihrer Website wird noch ein dritte Projektschiene vorgestellt, bei der es wohl in erster Linie um Konzerte geht.

Reinald Noisten: Ganz genau, da geht es nur um Konzerte. Wir machen jetzt gerade eine Projekt, das wir „… trifft Klezmer“ nennen, das haben wir erst mal gewählt, um zu sagen, wir treffen diese Musik und wir treffen sie auch immer wieder anders. Da sie auch immer wieder andere Farben hat, haben wir gesagt, wir spielen jetzt nicht einfach diese Musikstücke ab, sondern wir …, ja, wir geben jedem einzelnen Stück zusätzlich eine andere musikalische Komponente. Wir geben den Musikstücken Anteile von Reggae, Anteile von Flamenco und von anderen Spielarten, weil wir natürlich auch sagen, wir können sie so übersetzen, wie wir sind. Wir sind keine Juden, wir können sie nur mit aufnehmen, aus unserem Kontext heraus.

HAMCHA: Inwiefern erfährt die Klezmermusik, wie Sie sie spielen, eine Veränderung?

Reinald Noisten: Natürlich wird Musik, wenn sie von unterschiedlichen  Menschen gespielt wird, auch wenn sie in einem anderen Kontext gespielt wird, immer wieder anders, sicherlich klingt sie immer wieder neu. Das ist bei Kunst ja ganz normal. Beispiel in der Klassik ist Debussy. Ich glaube, er hat schon mit arabischen Tonleitern gespielt, weil er sie auf der Weltausstellung in Paris gehört hat, daraus sind ja dann die impressionistischen Ganztonleitern entstanden. Es ist immer so, dass das in einem Kontext von „ich nehme etwas auf“ passiert. Da ist die Kunst frei und schafft die Möglichkeit, etwas Neues zu entwickeln, sich selbst neu zu entwickeln.

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Das Gespräch führte Heinz Michael Vilsmeier.

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