Prinz Chaos II.

Prinz Chaos II. – Thüringen ist ein gutes Land für Paradiesvögel

HAMCHA: „Wölfe im Mai“ – was fällt Dir dazu ein?

Prinz Chaos II.: Das ist praktisch der Titelsong zu meiner aktuellen Situation. – Interessant ist für mich, dass ich dieses Lied von Degenhardt schon eine ganze Zeit kannte und es eine ganze Zeit schon selber gespielt habe, bis ich irgendwann einmal rausgefunden habe, oder irgendwo gelesen habe, dass die NPD in den 60er Jahren so einen Aufschwung hatte, dass sie in sieben westdeutsche Landtage eingezogen ist. – Da ist mir zum ersten Mal klar geworden, dass dieses Lied von Nazis handelt. Es ist ja eine große Qualität an Degenhardt, dass seine Lyrik in sich völlig funktioniert. Wenn man den politischen-, bzw. Zeitbezug versteht, dann tritt der von mir so benannte Degenhardt-Effekt ein, das Lied detoniert ein zweites Mal, das ist etwas, was bei Degenhardt ganz oft passiert. Für meine aktuelle Situation hat dieser Satz deswegen eine besondere Bedeutung, weil sich dieses Schlossprojekt in einer militärischen Auseinandersetzung mit Nazistrukturen befindet. Wir hatten im Oktober 2008 einen Naziübergriff und wir haben vor 14 Tagen einen Brandanschlag auf das Auto eines befreundeten Musikers hier erlebt …

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Ankündigung eines Übergriffs Mai 2012

HAMCHA: … hier auf dem Gelände des Schlosses … ?

Prinz Chaos II.: … auf dem Gelände! – Es gibt einen Einfluss von Nazis auf die Dorfjugend und die hat auf facebook effektiv aufgerufen, mit mehreren Bezügen zu Schusswaffen, unser Festival, das Paradiesvogelfest, zu stürmen. Das heißt, das waren effektiv Mordaufrufe. Wir haben da schon sehr damit zu tun. – Das Lied vom Degenhardt rät ja: „Lauft rasch, holt die Sensen, solange es noch geht, schlagt sie tot, bevor der Hahn dreimal kräht!“ – Direkt totschlagen muss man sie nicht und würde ich jetzt nicht unbedingt, aber ich bin dafür, auf jeden Fall voll dagegen zu schlagen und diese Struktur auseinander zu nehmen und so zu zerlegen, dass sie nicht mehr handlungsfähig ist.

HAMCHA: Du bist in ein Bundesland gezogen, aus dem heraus, wie wir jetzt wissen, über 10 Jahre Morde an türkischen Mitbürgern verübt wurden, und aus dem heraus auch ein Mord an einer deutschen Polizistin verübt wurde. Offensichtlich sind diese neo-nationalsozialistischen Strukturen hier sehr virulent. Du scheinst diesen Menschen mit Deinem Schlossprojekt nicht willkommen zu sein – bekämpfen sie Dich?

HAMCHA art integration, Heinz Michael Vilsmeier
Besucher, Paradiesvogelfest, Weitersroda, 2012

Prinz Chaos II.: Na gut, den Nazis wäre ich nirgends willkommen. Nichtsdestotrotz, mir war klar, dass ich diesen Konflikt austragen müssen würde. – Das war mir klar, und ich stelle mich diesem Konflikt auch. Ich weiß schon, welche Gefährlichkeit damit einhergeht, weil man ist eben, das sagst Du richtig, in einer Situation, in der nicht nur irgendwelche Jugendlichen auf facebook schreiben und offensichtlich zumindest davon träumen, mich zu erschießen, sondern, wo bereits Übergriffe passiert sind. – Ich hab die letzten Jahre, rund um die Antinaziblockaden in Dresden, meinen Kopf sehr weit rausgestreckt, zusammen mit Konstantin. Eigentlich waren wir die einzigen Künstler, die nicht nur Aufrufe unterschrieben haben, sondern die eben auch vor Ort waren, die bei den Blockaden waren und dort gesungen und blockiert haben. Insofern bin ich mir der Gefahr auf alle Fälle bewusst. Aber das …

http://www.youtube.com/watch?v=Z44V5BW93eY

HAMCHA: Erzeugt die Bedrohungslage bei Dir Angst?

Prinz Chaos II.: Nein! – Also schon, in dem Sinne, dass es eine enorme Wachsamkeit erzeugt und es erzeugt einen großen Aktivismus und eine Tätigkeit, die durch den Adrenalinkick natürlich auch stark befeuert wird. – 2008, im Oktober, da war eine Situation, in der hier in diesem Schloss noch sehr wenige Leute gewohnt haben. Ich war praktisch alleine und hatte dann diesen Naziübergriff. In den Tagen danach hatte ich schon Situationen, wo ich mich wirklich betend und bibbernd in ein Zimmer zurückgezogen habe, und möglichst viele abschließbare Türen zwischen mich und den Eingang gebracht habe.

HAMCHA: Was war geschehen, Sie hatten Dir ein Fensterscheibe eingeworfen?

Prinz Chaos II.: Nein, das … der Naziübergriff war schon etwas drastischer als das …

HAMCHA: Wie ging das vor sich?

Prinz Chaos II.: Es gab eine Geburtstagsparty von Dorfjugendlichen, da sind zwei Nazis aufgetaucht und haben zu schlägern angefangen. Daraufhin hat die Dorfjugend die zwei Nazis zusammenfallen lassen. Die haben Verstärkung angefordert und dann kamen da eben drei PKWs und ein Großraumtaxi und es ging so richtig zur Sache. – Ich bin dann auch runter, nicht wie die Presse geschrieben hat, mit einem Baseballschläger, sondern mit einem Boken, also einem japanischen Übungsschwert aus Bambusholz. Ich hab dann da unten mit vier Nazis vor dem Schloss gekämpft. Hinterher hatte ich eine gebrochene Nase. Danach haben wir eine ziemlich gute Kampagne gemacht, mit Schülerdemo und Pipapo und haben die Nazistrukturen hier im Landkreis ziemlich weit zurückgedrängt. – Jetzt haben wir ein lokales Wiederaufflackern dessen in unserem Dorf! Das ist natürlich sehr unangenehm aber ich denke, letztlich auch beherrschbar. Im Moment gibt es eine gigantische Auseinandersetzung, die schon ans Eingemachte geht. Ich muss allerdings sagen, dass die Polizei, nicht zuletzt aufgrund der Erfahrungen ihres eigenen Versagens und der Rezeption dessen, rund um das Thema NSU, schon sehr gut damit umgeht, es sehr ernst nimmt und uns auch sehr fair behandelt. Nachdem eben diese Leute die Morddrohungen allen Ernstes unter ihrem eigenen Namen auf facebook fabriziert haben, gehe ich davon aus, dass sie mit meinem Anwalt wenig Freude haben werden.

HAMCHA: Vor allem sollten sie auch mit dem Staatsanwalt keine Freude haben …

Prinz Chaos II.: Ja, mit dem werden sie wahrscheinlich auch wenig Freude haben, weil das eben schon sehr ernst genommen wird.

HAMCHA: Ihr seid gerade dabei euer Paradiesvögel-Festival vorzubereiten, nächstes Wochenende soll es stattfinden. Wer wird daran teilnehmen?

Prinz Chaos II.: Da kommen, aber das ist jetzt nicht, weil ich vorhin Werbung machen wollte, bringt ja auch gar nichts, der Dominik Plangger, Cynthia Nickschas, Rüdiger Bierhorst, Simon und Jan und noch viele andere. Aus meiner Sicht haben wir eigentlich die Besten der jüngeren Generation der Liedermacher da. Wir haben auch eine Reggaeband da, wir haben die Drea Liksenburg, eine junge Kabarettistin aus Berlin – nein, aus München! Wir haben Kalter Kaffee, ein Liedermacherduo aus der Gegend, die das mitorganisieren und die wirklich auch sehr gut sind.

HAMCHA art integration, Heinz Michael Vilsmeier
Spaß- und Liedermacher Kalter Kaffee, Paradiesvogelfest, Weitersroda, 2012

Ich mag sie sehr gerne. Und wir haben ein marokkanisches Teezelt, eine Feuershow, Gaukler und Kinderschminken und, und, und. Aber im Kern ist es schon ein Liedermacherfestival, und mit den Paradiesvögeln ist der Bezug zur Burg Waldeck hergestellt. Es ist so gedacht, dass wir die Tradition der Burg Waldeck, wie soll ich sagen, ein bisschen unter Konkurrenzdruck setzen. – Die Generation Degenhardt, Mey, Wader, Wecker und Hoffmann ist ja auf der Burg Waldeck, auf den Chansonfestivals der 60er Jahre groß geworden. Die Waldecke gehörte und gehört ja dem „Wandervogel e. V.“ und ich muss schon sagen, dass ich es in der Tat für eine unglaubliche Frechheit halte, das ist jetzt nicht ironisch gemeint, dass weder ich, noch irgendeiner von den genannten Liedermachern der neueren Generation jemals auf diese Waldeck eingeladen wurden. – Die fahren da ihren alten Stiefel und ignorieren uns völlig. Ich finde, das geht einfach nicht, weil wir mit der Vorgängergeneration, im Gegensatz dazu, einen absolut würdigen, fairen und freundschaftlichen Umgang pflegen. Außerdem natürlich Paradiesvogel, statt Wandervogel, weil wir natürlich schon eine andere Generation sind und weil wir noch mal ein Stück schon bunter und auch in den Ausdrucksformen noch mal freier weiter agieren, als die damals. – Das ist der Bezug mit diesen Paradiesvögeln. Das Paradiesvogelfest findet einmal im Jahr statt, immer am letzten Maiwochenende. Inzwischen ist es eigentlich schon, das kann man sagen, eine legendäre Veranstaltung. Wir können uns jetzt, nein wir müssen jetzt schon praktisch doppelt so vielen Leuten absagen, wie wir auf die Bühne bringen können, weil es schon sehr begehrt ist, hier zu spielen. Thüringen ist auch ein gutes Land für ein Paradiesvogelfest, weil hier die Tradition des Singens, auch des gemeinsamen Singens, sehr intakt ist.

HAMCHA art integration, Heinz Michael Vilsmeier
Besucher, Paradiesvogelfest, Weitersroda, 2012

HAMCHA: Mit wie vielen Besuchern rechnet ihr?

Prinz Chaos II.: Kann ich Dir gar nicht sagen. – Letztes Jahr hatten wir 500. Aber nachdem wir jetzt diesen Brandanschlag hatten und sehr viel Presse dadurch gekommen ist, kann das einerseits dazu führen, dass Leute abgeschreckt werden, Angst haben und nicht kommen. Andererseits kann es dazu führen, dass es einen Solidarisierungseffekt gibt, der Bekanntheitsgrad größer wird und die Leute uns die Bude einrennen. – Letztlich, ich kann es wirklich nicht sagen. Ich weiß es nicht.

HAMCHA art integration, Heinz Michael Vilsmeier
Besucher, Paradiesvogelfest, Weitersroda, 2012

HAMCHA: Okay. – Ich habe noch ein, zwei Fragen zu Deiner Familie. … (weiterlesen)



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