Prinz Chaos II.

Prinz Chaos II. – Ich mache keine Kunst um einer billigen Wirkung willen

HAMCHA: Ich habe noch ein, zwei Fragen zu Deiner Familie. – Was bedeutet es für Dich, einen Urgroßvater Theodor Prosel zu haben? – An der Vorderseite des Schlosses hängt ein Schild mit der Aufschrift Simplicissimus, das war der Name der Kleinkunstbühne in München, die Dein Urgroßvater gegründet hatte und die für die Nazis ein rotes Tuch war.

HAMCHA art integration, Heinz Michael Vilsmeier
Kulturkneipe Simplicissimus, Weitersroda, 2012

Prinz Chaos II.: Jein! – Ich glaube, dass mein Urgroßvater es mit viel Geschick und einer ganz guten Mischung aus Opportunismus und Widerstandsgeist geschafft hat, eine Oase über die braune Zeit zu retten, die sicherlich etwas sehr besonderes war, weil sie Kunstbegeisterte zusammengebracht hat. Man wusste damals genau, dass das eine Art Freiraum ist, der irgendwo zeitwidrig ist. – Was mein Urgroßvater für mich bedeutet? Der war in unserer eigenen Familie fast verschüttet. Es war schon klar, dass der irgendwie wichtig war aber erst meine Schwester und ich haben angefangen, ihn wieder auszugraben.

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Familiengrabstein Theo Prosel, Weitersroda, 2012

Wir haben alte Simpelprogramme gefunden, haben das ganze Material zusammengetragen und haben eine Homepage über ihn gemacht. Mein Opa allerdings, der Walter Diehl, hat ein Simpelbuch geschrieben, das haben wir jetzt wieder herausgegeben, mit einem Vorwort von Konstantin Wecker übrigens. Mir bedeutet der Urgroßvater deswegen viel, weil er in Vergessenheit geraten war. Nicht zuletzt, weil er Schulden hatte als er gestorben ist, da sind die ganzen Akten mit den Simpelprogrammen und mit seinen Texten zum Rechtsanwalt gekommen und dort irgendwie verschütt’ gegangen. Dann ist es so, dass ich diese Art von Kabarett, die er verkörpert hat, sehr gerne mag. Ich mag, ehrlich gesagt, dieses politisch agitatorische Kabarett, wie es im Moment rauf und runter praktiziert wird, nicht so gerne – ich war ja selbst einmal Agitator! Ich finde, dass es eine vollkommen sinnvolle Position ist, Agitator zu sein – aber das sollen eben Agitatoren machen! Wir bräuchten jetzt Leute, die gegen die Macht der Banken richtig gute Agitatoren sind. – Kabarettisten übernehmen jetzt diese Rolle und das zeigt auch die Schwäche der politischen Bewegung, zeigt, dass sie keine gescheiten Agitatoren hervorbringt. Aber das macht das Kabarett nicht unbedingt besser und ich wünsche mir eben ein literarisches Kabarett, das die Leute, genauso wie es sie auch mal zum Lachen bringt, auch zum Weinen bringt! …

HAMCHA: Verstehst Du Dich in Deiner Eigenschaft als Liedermacher auch als politischer Agitator? – Ich denke jetzt an Dein Lied über Breivik!

Prinz Chaos II.: Also, um den Begriff Agitation erst mal kurz zu definieren, der Vater des russischen Marxismus, Plechanow, hat geschrieben: „Agitation heißt, mit wenigen Worten zu vielen zu sprechen und Propaganda heißt, mit vielen Worten zu wenigen zu sprechen.“ Deswegen ist, was ich mache, keine Agitation und auch keine Propaganda, ich vereinfache meine Sprache nicht. Ich mache keine Kunst um einer billigen Wirkung, um einer Agitation willen. Ich putsche auch nicht auf. – Dieses Lied über Breivik, über diese schrecklichen Anschläge in Norwegen, stellt ja ausschließlich Fragen. Natürlich hat es auch sehr, sehr viele, sehr harte Aussagen. Aber es ist auch ein Lied, das wirklich zur Nachdenklichkeit anregt und vor allem, es ist unglaublich traurig. Es ist, glaub ich, das traurigste Lied, was ich überhaupt je geschrieben hab. Und weißt Du, es ist auch eines der Lieder, die ich am hartnäckigsten und mit den größten Schwierigkeiten durchsetze. – Es gibt andere, lustige Lieder von mir, die würden die Leute immer viel lieber hören. Die haben viel mehr


Hitpotential und ich spiel auf jedem Konzert dieses „Utøya“, dieses Lied über diese Anschläge, weil es mir wichtig ist und weil ich genau merke, dass ich da gegen einen Verdrängungsapparat ankämpfe oder angehe, der verständlich ist, aber den ich nicht gestatten möchte. Agitation würde heißen, dass du sozusagen mit den Bugwellen der Verdrängung arbeitest und da herum schwimmst. Und das tue ich gerade nicht! Sondern ich stell mich gegen diese Wellen und sage: Leute schaut noch mal hin, schaut es euch noch mal genauer an, werdet noch mal nachdenklich, schaut euch an, was da eigentlich wirklich passiert ist! Haben wir eigentlich wirklich eine verständliche Antwort präsentiert bekommen, auf die Frage, was bei diesen Anschlägen passiert ist? – Ich denke nein, ich glaube da sind viele Zweifel an der offiziellen Version angebracht, auch was die Verantwortung von bösen Hetzern und wirklich bösen Agitatoren angeht, die durch ihren üblen Rassismus dieser Stimmung Vorschub geleistet haben. Ich glaube, man muss sich auch noch einmal etwas klarer damit auseinandersetzen. Aber deswegen ist es eigentlich für mich gerade das Gegenteil von Agitation. – Ich sag das als jemand, der mit dem Begriff Agitation jetzt kein größeres Problem hätte!

HAMCHA: Es gibt eine Partei, die ihren Erfolg massiv über die sozialen Netzwerke puscht. Du bist ebenfalls sehr stark auf Facebook und Twitter aktiv.  – Wie stehst Du zu den Piraten?

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Prinz Chaos Herzberg Festival

Prinz Chaos II.: Ich bin eingetreten, um dann sofort meinen ersten Mitgliedsbeitrag nicht zu bezahlen. Das ist eine Methode, die ich schon des öfteren angewendet habe. – Ich bin auch bei der Linkspartei eingetreten, hab dann einen Beitrag gezahlt und dann nie wieder. – Ich bin auch bei ATTAC Mitglied geworden und hab danach nie wieder gezahlt. – Das ist einfach so meine Methode, mich mit Sachen, die ich grundsätzlich unterstütze, irgendwie zu verbinden. Aber ich stell halt dann immer wieder fest, das war jetzt bei der Linken so, das war jetzt bei den Piraten so, wenn man sie über die Dauer beobachtet, überzeugt es mich halt doch wieder nicht so richtig!

HAMCHA: Was stört Dich an den Piraten?

Prinz Chaos II.: Mich stört an den Piraten eine Unernsthaftigkeit, die einfach der Situation unserer Spezies auf diesem Planeten nicht angemessen ist. Dieses Spielerische finde ich grundsätzlich sehr, sehr gut und ich glaube, sie sind auch schon sehr ernsthaft in ihrem Ehrgeiz, Lösungen zu finden. Es gefällt mir total gut bei ihnen, dass sie Lösungen suchen. – Für mich war echt ein Aha-Erlebnis, als ich mit einem führenden Piraten hier in Thüringen über die Frage des Urheberrechts diskutiert habe.

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Prinz Chaos Herzberg Festival

Jetzt ist es so, ich bin natürlich GEMA-Mitglied, ich bin auch eben sehr wohl der Meinung, dass geistiges Arbeiten auch entlohnt werden muss und dass die Produkte geistiger und künstlerischer Arbeit nicht immer nur umsonst hergehen können. Wenn wir Veranstaltungen auf dem Schloss machen, bestehe ich darauf, dass wir immer Eintritt nehmen, weil ich sage, die Leute müssen einfach akzeptieren, dass Kultur auch Geld kostet. Für jeden anderen Dreck geben sie ihr Geld ja auch bereitwillig hin. Aber wenn du dann feststellst, dass die Piraten das Thema Urheberrecht so groß auf ihre Fahne schreiben, dann in einer Diskussion mit einem Künstler sagen: „Aha das ist ja interessant, das haben wir so noch gar nicht bedacht“, dann muss ich einfach sagen, da hätte ich mir mehr erwartet. Ich finde es trotzdem als Phänomen ganz hervorragend, auch als Teil eines Transformationsprozesses in der politischen Landschaft. – Also ich finde die Piraten auf jeden Fall sehr, sehr gut, aber ich hab natürlich … ja, das Piratische an sich, auch sehr gern. Die Idee ein Freibeuter zu sein und auch dieses Schloss, dieses Schlossprojekt, das hat auch sehr viel piratenhaftes an sich. – Aber die politische Partei ist mir vielleicht auch gerade deswegen nicht mehr ganz so nah, weil ich finde, dass sie so piratisch, wie sie sich nennen, dann halt auch wieder nicht sind.

HAMCHA: Eine letzte, vielleicht vorletzte Frage. – Auf Deiner Website habe ich diese „Botschaft einer königlich chaotischen Provokanz“ gelesen. Kurz gefasst sagst Du dort: es brennt, Übergriffe aus dem Dorf, auf das Festival seien möglich oder müssten befürchtet werden, die Reaktion der Medien sei recht gespalten, wobei Du sie überwiegend positiv bewertest. – Du legst dort ein Bekenntnis zur Gewaltlosigkeit ab …

Prinz Chaos II.: Nein. – Ich bin kein Pazifist!

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Prinz Chaos Herzberg Festival

HAMCHA: Ich habe es so verstanden, dass Du eine offensive Reaktion zwar für richtig hältst, dass Du aber hier keine Schusswaffen willst und keine physischen Auseinandersetzungen.

Prinz Chaos II.: Will ich auch nicht. – Ich möchte grundsätzlich sagen: Ich bin gegen Gewalt, aber ich bin kein Pazifist. Und das heißt eben, als 2008 das Schloss angegriffen wurde, bin ich mit einer Waffe, also mit einem Bambuskatana raus und hab gekämpft. Ich hab mich nicht hingestellt und „we shall overcome“ gesungen! – Ich persönlich halte diese Gewaltdiskussion immer für einen aufgeblasenen Popanz. Man muss sich konkret überlegen, in welcher Situation was sinnvoll ist! – Wenn mich jemand mit einer Waffe angreift, was soll ich machen? Da werde ich in manchen Fällen nicht drum herum kommen, mich vielleicht auch so zu verteidigen. Aber es geht jetzt hier um eine konkrete Situation …

HAMCHA: … ist es Dein Vater, der da durchkommt?

Prinz Chaos II.: Ja, das ist mein Vater. Das ist aber, ehrlich gesagt, auch eine schwule Identität, die immer in Frage gestellt wurde und eine Geschichte der Selbstbehauptung, die mich sicher sehr geprägt hat. Dafür zu kämpfen, so zu leben wie ich möchte und so zu sein wie ich bin, bin ich wirklich sehr gewohnt. Ich denke mir schon, in den meisten Fällen nicht unbedingt deswegen, weil ich da dringend drum kämpfen möchte, ich könnte auch auf diese ganzen Auseinandersetzungen wirklich sehr, sehr gut verzichten. Wenn wir dieses saudumme, brennende Auto nicht gehabt hätten, die Mobilisierung für dieses Festival ist sowieso saugut gelaufen, hätten wir ein wunderschönes Festival gehabt. Das hätte ein … ich brauch das wirklich nicht! Aber es geht jetzt darum, in dieser konkreten Situation zu verhindern, dass wir, weil uns Leute angreifen, anders werden als wir sein wollen. Das heißt, ich möchte nicht, dass wir unsere Leichtigkeit verlieren und ich möchte auch nicht, dass wir unsere Buntheit durch Militanz verdunkeln, indem wir anfangen, hier irgendwelche Waffenlager anzulegen.

HAMCHA: Das meinte ich mit Plädoyer für Gewaltlosigkeit.

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Prinz Chaos Herzberg Festival

Prinz Chaos II.: Ja – ja. Aber weißt Du, auch da muss man realistisch sagen, dieses Plädoyer für Gewaltlosigkeit geht nur, weil ich in diesem Fall, die Betonung liegt durchaus auf ‚in diesem Fall’, der Polizei hier vertraue, dass sie da nichts anbrennen lassen wird. – Aufgrund dessen, was die in den Medien im letzten Jahr erlebt haben, werden sie sich das sicherlich nicht leisten, dass hier irgendetwas anbrennt! Gleichzeitig ist es so, dadurch, dass wir das jetzt vorzeitig aufgedeckt haben, sind natürlich schon auch gewisse Wahrscheinlichkeiten stark reduziert, dass jetzt wirklich was passiert.

HAMCHA: Eine Frage noch. – Freddy Mercury, was fällt Dir zu ihm ein?

Prinz Chaos II.: Bei Freddy Mercury fällt mir erstens dieser unglaubliche Auftritt in Wembley bei dem Live Aid – Konzert ein, der, man kann sich das auf YouTube anschauen, deswegen für mich herausragend ist, weil er, wie alle anderen, nur seine zwei, drei Lieder, singen darf. – Und er geht auf die Bühne raus und ist ein Energiebündel! Er explodiert und legt wirklich eine unglaubliche Show hin. Innerhalb von 10 Minuten hat der wirklich, von der ersten bis zur letzten Minute, dieses gesamte Stadion. Das ist ein sensationeller Auftritt.

Das zweite ist, dass er eine schwule Ikone war und an Aids gestorben ist. Er war schon einer dieser schwulen und bisexuellen Popstars der 70er Jahre, das waren ja viele, auch Mick Jagger und David Bowie, die haben ja sehr damit kokettiert. Aber er war jemand, der, wie ich finde, schon sehr offensiv und künstlerisch sehr gelungen gelebt hat. – Es ist halt so, dass er eben auch an Aids gestorben ist und Aids hat halt für mich schon die Bedeutung! In der Zeit vor meinem Coming-out waren die ersten Schwulen, die ich gesehen habe, eben schwule Männer in Aids-Hysterie Talkshows. Du wusstest einfach, dass die jetzt bald sterben. – Insofern waren sie natürlich als erste Rollenvorbilder relativ schwierig. – Für mich hat Rosa von Praunheim mit seiner Outingkampagne sehr viel bewirkt, ich fand das super und ich verteidige ihn, bis heute. Als er Kerkeling und Biolek geouted hat, war er für mich, und ich denke für viele andere junge Schwule auch, zum ersten Mal jemand, wo du gesagt hast, der ist stark, der lässt sich nichts gefallen, der ist gut drauf. Das war eine starke, kämpferische, schwule Identität, damit konnte man gut umgehen! Anfangs, als ich so in die schwule Szene gekommen bin, war schon noch alles sehr geprägt von Aids. Du hast einfach sehr gemerkt, da fehlt einfach ein Haufen Leute. Das war praktisch das Fehlen einer Generation und die Traurigkeit war schon sehr vorhanden. – Und Freddy Mercury? … Ich hör die Musik gerne, ich mag ihn gerne – aber er hat jetzt für mich … Andererseits, es ist ja so, dass ich zu Leuten wie Oskar Wilde oder König Ludwig II, ein persönlicheres Verhältnis habe, weil ich über Mercury nicht so viel weiß.

HAMCHA: Prinz Chaos, ich danke Dir für das Gespräch.

Prinz Chaos II.: Ich danke Euch, es war schön! [lacht]

HAMCHA: … trotz technischer Pannen! (zur Inhaltsübersicht)


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