Peter Mühlen

Peter Mühlen schreibt: Ich hab’ alles, aber auch alles mitgemacht…

 

HAMCHA art integration, Heinz Michael Vilsmeier
Peter Mühlen, 1.8.2012

Peter Mühlen schreibt: Weit davor schon, das möchte ich ergänzen, habe ich 1955 in meinen ersten Fernsehfilm mitgewirkt, mit dem weltberühmten Douglas Fairbanks jr., den ich als Partisanen erschoss; er war aber nicht tot, sonst wäre die Serie ja zu Ende gewesen. Im Fernsehen war das zugleich meine erste Sprechrolle, also keine Komparserie. Aber, oh graus, in Englisch! – Ich habe das Endprodukt bis heute nicht gesehen und nehme stark an, dass ich synchronisiert wurde, denn es muss schauderhaft gewesen sein.

Einmal sprechen und das in der Aufregung …!

HAMCHA: Peter Mühlen, Filme wie „Beichte einer Liebestollen“, „Gefährlicher Sex frühreifer Mädchen“, „Die Autonummer 6 auf Rädern“, „Die Klosterschülerin“, „Die liebestolle Apothekertochter“ haben ja aus heutiger Sicht, eine gewisse Komik. In den 70er Jahren sprengte die darin vorkommenden Darstellungen von Sex und Nacktheit die Grenze des Zulässigen, heute kommen solche Szenen in jedem zweiten Film vor. Was war das Motiv, solche Filme, die damals als skandalös betrachtet wurden und heftige Reaktionen auslösten, zu produzieren und was hat Sie veranlasst, darin mitzuspielen?

Peter Mühlen schreibt: Erstens, das haben damals alle gemacht, auch so verehrte Herrschaften wie Christiane Hörbiger, Konstantin Wecker und, und, und. Alle werden die gleiche Antwort geben. Es war wegen des Geldes und es war ja keine Pornographie. Wir haben nie wirklich Sex gemacht! Einmal habe ich mit geschlossener Hose eine „vernascht“.

HAMCHA: Hat es Ihnen Spaß gemacht zu provozieren und die Reaktionen des Bürgertums herauszufordern?

Peter Mühlen schreibt: Ja, es war Spaß, zugleich war es etwas peinlich. In dem abendfüllenden Film „Gefährlicher Sex frühreifer Mädchen“ spielte ich die Hauptrolle. Der Film fängt damit an, dass ich als Angeklagter vor Gericht sitze, weil ich in den Sommerferien die zurück gebliebenen Mädchen alle gebumst habe. Am Ende des Films, die Story ist sozusagen eine Rückblende, bekomme ich drei Jahre Haft. In Wirklichkeit haben mich dann Bekannte angesprochen: „Ich dachte du sitzt noch im Gefängnis!“

HAMCHA: Glauben Sie, dass diese Filme etwas verändert haben, dass sie die Prüderie in der Gesellschaft der 60er und 70er Jahre aufgebrochen haben?

Peter Mühlen schreibt: Den Anfang machten die Beatles, dann kamen die Rolling Stones. Eigentlich haben John Lennon und Paul McCartney, mittlerweile der erfolgreichste Komponist aller Zeiten, angefangen, die Welt zu verändern. Dann erst kamen solche Filme, Sexläden und Miniröcke. Die 68er wären nie passiert, das war eine Spätfolge.

HAMCHA: Kulturell hat sich seither viel verändert, wie beurteilen Sie diese Entwicklung?

Peter Mühlen schreibt: Damals war ich jung, da fand ich das Ende des Spießertums sensationell. Heute finde ich, dass es zu weit geht. Das Fernsehen wurde immer primitiver, brutaler, geschmackloser, kurz: die Welt hat sich sehr negativ verwandelt.

HAMCHA: Sind Sie eher ein konservativer Mensch oder mehr auf Veränderung ausgerichtet?

Peter Mühlen schreibt: Ich war mein Leben lang ein Optimist, der gerne Remmidemmi machte. Ich hab’ alles, aber auch alles mitgemacht, bis hin zum Probieren von LSD, Hasch etc. Heute, insbesondere seit dem 13. März 2012, an dem mein Rachentumor diagnostiziert wurde, habe ich mich sehr gewandelt. Alle lieben den früheren Peter Mühlen mehr, that’s life!

HAMCHA: Peter Mühlen, Sie haben viele Jahre Regie geführt, auch in Stücken mit Sissy Engl. Für Sissy Engl war das, so sagte sie es, sehr prägend. Sie sind sehr streng mit ihr umgegangen, härter, wie sie sagt, als mit anderen Schauspielern.

Peter Mühlen schreibt: Das hat sie so gefühlt, weil sie ja angeblich in mich verliebt war. Da empfindet man jedes Wort gleich zu hart. Aber sie wird Ihnen bestätigen, dass sie in den Premieren immer super gut war und ich sie auch dementsprechend gelobt habe!

HAMCHA: Das ist richtig, sie hat das bereits getan. Was verbindet Sie mit Sissy Engl?

Peter Mühlen schreibt: Das ist leider längst vorbei. Wir arbeiten noch zusammen und wir wohnen zusammen. Das Haus gehört uns nicht und es kostet viel zu viel Miete. Sissy und ich zahlen jeweils die Hälfte, also sind wir noch eine Wohngemeinschaft. Wir hatten immer schon Ärger miteinander, aber ich bin kein nachtragender Mensch. Sissy dagegen weiß heute noch, was ich vor 32 oder 33 Jahren Böses zu ihr gesagt habe, meine „Beleidigungen“. – Eigentlich kann ich die Frage: „Warum Engl/Mühlen?“, nicht beantworten. Es ist wohl die Macht der Gewohnheit, lieb hab ich sie trotzdem noch! Aber sie ist furchtbar empfindlich geworden und explosiv. … Mehr möchte ich bitte dazu nicht sagen.

HAMCHA: Sie waren im kulturellen Leben Münchens ein sehr bekannter Mann, ich erinnere nur an die Diskothekenshows in Solln.  Wie war ihr Verhältnis zu Frauen?

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Peter Mühlen in “Maria Magdalena” Regie: F. X. Kroetz

Peter Mühlen schreibt: Bekannt war ich durch viele große Theaterrollen und da waren meine großen Radiosendungen, durch die ich, namentlich vor allem, noch viel bekannter wurde. – Natürlich, da kannte ich Sissy noch gar nicht, ein „flottes“ Leben mit Mädchen hatte ich, auch als ich Sissy schon kannte. – Übrigens: optisch erinnern Sie mich an den großen Theo Lingen!

HAMCHA: Okay, danke! Dann müsste ich wohl die Haare noch mehr nach hinten kämmen. – Peter Mühlen, Sie haben nicht nur viele große Theaterrollen gespielt, Sie haben sehr oft auch Regie geführt. – Was ist die Aufgabe eines Regisseurs?

Peter Mühlen schreibt: Das Beste aus dem jeweiligen Stück und dem zur Verfügung Stehenden herauszuholen. Ich bin trotzdem eher noch ein bisschen konservativ. – Schauen Sie sich einmal eine TV-Show an. Es gibt kaum eine, in der nicht drei bis dreißig Mal das Wort „geil“ vorkommt. Gerhard Schröder, ich mochte ihn nicht, hatte mal gesagt, als man ihn darauf aufmerksam machte, dass dieses Wort unter seiner Regierung bekannt und populär geworden sei: „Für diese Geschmacklosigkeiten bin ich nicht verantwortlich.“ Das war Gerhard Schröders Antwort, „nicht verantwortlich für diese Geschmacklosigkeiten“! – Noch ein Wort zum Theater: Das hatte mein Leben lang mit Kunst zu tun. Heute, was sehen wir auf der Bühne: Dreck, Onanie, Flüche und Gotteslästerungen. Wenn ich Dreck will, den kriege ich überall, ohne ins Theater zu gehen.

HAMCHA: Wie stark haben Ihre Kindheitserfahrungen mit der Mutter ihr Verhältnis zu Frauen geprägt?

Peter Mühlen schreibt: Als Kind waren für mich alle Menschen gleich, auch in ihren Rechten. Ich muss zu meiner Schande gestehen, dass ich mit 28 Jahren zum ersten Mal in meinem Leben mit Emanzipation konfrontiert wurde. Mittlerweile sind mir Frauen nicht mehr das, was sie waren, sie sollten sexy sein und alle Rechte haben, die Männer auch haben. Inzwischen ist es soweit, dass Männer sich emanzipieren müssten. In 34 TV-Programmen sehen Sie nur noch drei bis vier Männer, im Sport und in alten Filmen. Frauen sollten keine „Heimchen am Herd“ sein, sondern einfach „normal“. Dadurch bin ich den Frauen gegenüber nicht mehr ganz urteilsfrei. Wenn ich dann aber mit einer Frau rede, erscheinen sie mir doch wieder „normal“, Ausnahmen ausgeschlossen! Im Klinikum Rechts der Isar, wo sie mich so behandelten, sind junge Ärztinnen und Pflegerinnen, nicht alle (!), die man direkt fürchten muss.

HAMCHA: Peter Mühlen, Sie schrieben, seit dem 13. März 2012 sind Sie nicht mehr der Gleiche. Sie waren vorher optimistisch eingestellt. Wie kommen Sie mit der Erkrankung, mit dem Krebs klar?

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Peter Mühlen, Abschiedsbrief vom 31.07.2012

Peter Mühlen schreibt: Kurz vor dem Suizid.

HAMCHA: Haben Sie gestern versucht, sich selbst zu töten?

Peter Mühlen schreibt: Jetzt stelle ich einmal eine Frage – wie kommen Sie darauf?

HAMCHA: Sissy sagte es mir.

Peter Mühlen schreibt: Das stimmt! Aber der mich zu diesem Leben verurteilt hat, lässt sich nicht ins Handwerk pfuschen. Das sehe ich jetzt wieder. Viele wollten schon, aber es ging nicht. Bei mir hätte es klappen müssen, aber Sie sehen, ich sollte Sie noch kennen lernen.

HAMCHA: Es freut mich, dass er es anders entschieden hat. – Peter Mühlen, schreiben Sie auch Emails?

Peter Mühlen schreibt: Ich schreibe nur manchmal hier auf diesem PC wie auf einer Schreibmaschine. Von Technik habe ich keine Ahnung. Ich hatte ein Handy, weil ich es gewünscht habe, es lag nur herum, bis es Sissy „konfisziert“ hat.

HAMCHA: Sie waren viele Jahre freier Mitarbeiter beim BR, gleichzeitig aber sehr stark integriert.

Peter Mühlen schreibt: Ich habe in dem Jahr 1961 bei Helmut Bremicke hunderte von Werbetexten gesprochen und ab 1962 ca. 120 Radiosendungen gemacht. Sie aufzuzählen wäre jetzt zu viel – aber beim nächsten Mal –

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Album Peter Mühlen beim Bayerischen Rundfunk

Woher kennen Sie Sissy und noch mal meine Frage, so quasi zum Abschluss. Was soll mit all dem Text des Interviews und den fotografierten Aufnahmen werden?

HAMCHA: Es soll veröffentlicht werden, möglichst in der Süddeutschen oder in einer anderen Münchener Zeitschrift, vielleicht auch im Internet.

Peter Mühlen schreibt: Dazu so viel Zeitaufwand!? Ich habe für so viele Zeitungen geschrieben, in der Musikfachzeitschrift „Der Artist“ über Musik, im 8 Uhr Blatt, das es nicht mehr gibt, ebenfalls über Musik, auch in der AZ (Münchener Abendzeitung), auch als Musikkritiker und in der tz als Filmkritiker. – Ich habe freiwillig aufgehört, wissen Sie warum? Weil es saumäßig schlecht bezahlt war!

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Album Leitartikel von Peter Mühlen in “Der Artist”, “Der Sieg der Filmmusik”

HAMCHA: Ich weiß, dass es saumäßig schlecht bezahlt wird, es ist eigentlich mehr der Ehre halber, dass man schreibt. Sie haben es trotzdem lange Zeit getan. Ich tue es auch und zwar deswegen, weil ich gerne schreibe. Ich sehe, dass es Ihnen leicht fällt, Ihre Gedanken zu Papier zu bringen. Ich vermute, dass Sie geschrieben haben, weil es Ihnen so leicht fällt.

Peter Mühlen schreibt: Es hat Freude gemacht!

HAMCHA: Warum formulieren Sie im Perfekt?

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Foto des verehrten Erich Wolfgang Korngold im Wohnzimmer

Peter Mühlen schreibt: Einmal bin ich nach Wien in die Staatsoper eingeladen worden, von meinem Freund Georg Korngold, dem Sohn des Komponisten Erich Wolfgang Korngold, zu dessen Premiere von „Die tote Stadt“. Ich habe es der AZ angeboten, die sagten „ja, gerne“, ebenso die tz. Aber die Bahnfahrt und das teure Hotel Sacher musste ich selbst bezahlen. – Da habe ich sie reingelegt, obwohl ich eigentlich zu ehrlich bin. Das gibt es normal gar nicht. Ich schrieb zwei Kritiken über das gleiche Werk, besser gesagt, dem Sinne nach gleich aber mit anderem Wortlaut. Einfach mit anderen Worten und beide haben es gebracht. Doch meine Ausgaben waren trotzdem viel höher!

HAMCHA: Das verstehe ich, das Problem kenne ich. – Ich verdiene mein Gelt als Firmenberater und wenn ich mit den Unternehmern spreche, kommen oft Situationen zustande, in denen sie mir ihr Leben erzählen. Es sind in der Regel, zwar nicht alle, manche sind einfach Holzköpfe, sehr interessante und kreative Unternehmerpersönlichkeiten. Ich betreue ein Unternehmensnetzwerk im Bayerischen Wald, in dem einige hundert Unternehmen verbunden sind. Da sind sehr interessante Menschen darunter und es macht sehr viel Spaß, in deren Gedankenwelten einzutauchen. Wenn ich schreibe, wiederholen sich die Gespräche für mich.

Peter Mühlen schreibt: Sie wissen es von mir, wie alt sind Sie?

HAMCHA: Ich bin 57.

Peter Mühlen schreibt: Was meine Person betrifft, einen besseren Aufhänger gibt es nicht, ich werde am 4. Oktober 80 oder vorher ist mein TOD – ist auch ein Aufhänger! Das heißt jetzt nicht, dass ich mich aufhängen will. – Bitte nicht böse sein. Aber durch das gestrige Erlebnis habe ich heute noch nichts zu mir genommen, ist eh nur „künstliche Nahrung“.

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Album Peter Mühlen, Anfang und Ende

HAMCHA: Es ist verständlich und ich danke Ihnen für das offene Gespräch. Ich werde Sie heute nicht weiter stören, meine Lebensgefährtin wartet und ich muss noch bis nach Deggendorf. Wir bekommen in diesen Tagen unser Baby, sie wird Cosima heißen. Ich wünsche Ihnen, dass Sie Ihre Zuversicht zurückgewinnen und die Kraft, die Sie brauchen werden. Vielen Dank für das Gespräch!

Peter Mühlen schreibt: Ich wünsche noch alles Gute für die kleine Cosima und natürlich auch der Mutter! – Auf bald! – Habe mich gefreut, Sie doch noch kennen gelernt zu haben.

Guten Nachhauseweg wünscht Peter Mühlen.

Das Gespräch führte Heinz Michael Vilsmeier

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