Michael Adam

Michael Adam: Der Bayerische Wald ist …kein Produkt, das sich selber verkauft!

HAMCHA art integration, Heinz Michael Vilsmeier
Michael Adam, Landrat des Landkreises Regen und ehemaliger Bürgermeister von Bodenmais

HAMCHA: Wann hatten Sie Ihr Coming-out?

Michael Adam: Mein Coming-out hatte ich mit 18 Jahren.

HAMCHA: Wollen Sie ein bisschen was darüber erzählen?

Michael Adam: Mit 18 Jahren, dann doch relativ spät, obwohl man das … obwohl ich das einige Jahre vorher schon wusste! Ich hatte in der Tat Angst davor, dass mein Umfeld ablehnend und negativ darauf reagiert, was nicht der Fall war! Ich könnte ganz wenige Erlebnisse erinnern, wo ich jetzt sag, da ist mir irgendwo … da ist man irgendwo schief angeschaut worden oder da gab’s Hänseleien. Und das war eher dann atmosphärisch. Also ich könnte jetzt nicht sagen, dass ich irgendwo aufgrund der Homosexualität mal so angefeindet worden wäre, dass ich in meinen Grundfesten erschüttert war.

HAMCHA: Wie ist das vor sich gegangen? Haben Sie sich entschlossen, ich sag es jetzt meiner Familie, ich sag’s meinen Freunden … Wie muss ich es mir vorstellen?

Michael Adam: Das muss man sich so vorstellen, dass man es erst mal der Schwester und den besten Freunden sagt. Dann sagt man es den Eltern. Dann verbreitet sich das so … [lacht]


HAMCHA: Rosa von Praunheim, …

Michael Adam: …mhm …

HAMCHA: … ein schwuler Filmemacher, hatte ja einmal eine Outingkampagne gestartet. – Ich glaube, er hat damals über Biolek geäußert, dass er schwul sei, auch über einige Andere, Kerkeling usw. – Er hat sie bloß gestellt. Ich glaube, und das hat übrigens auch Florian Kirner, von dem ich Ihnen die Einladung überbracht habe, so erwähnt. – Florian Kirner hat übrigens etwa Ihr Alter, vielleicht ist er ein wenig älter … – Dieser Florian Kirner also sagt, für ihn sei Rosa von Praunheim jemand, der tatsächlich etwas in Bewegung gesetzt hat. – Halten Sie es für legitim, was Rosa von Praunheim gemacht hat?

Michael Adam: Ich weiß nicht ob ich das tun würde, weil ich grundsätzlich denke, also für mich persönlich, dass jeder ein Recht auf sein Privatleben hat. – Auf der anderen Seite ist es für mich eine Illusion zu glauben, dass eine Person des öffentlichen Lebens, da gehört ein Fernsehkoch genauso dazu, wie ein Politiker, sich da keine Fragen nach seinem Privatleben stellen lassen muss. Ich sehe das relativ schmerzfrei. Ich hatte jetzt, z. B. letzte Woche, ein Interview mit der Passauer Neuen Presse bei uns. Groß die Frage: ‚was ist jetzt dran an Ihrem Lebenspartnerschaftsvertrag im September?’ … Da gäbe es so ein Gerücht!? – Da gebe ich auch eine Antwort drauf in der Sache hier und ansonsten sehe ich das als mein Privatleben. Aber das kommt! Klar. Also dem kann man sich auch nicht entziehen!

HAMCHA: Haben Sie vor, eine Lebenspartnerschaft einzugehen? Wollen Sie eine Familie gründen oder wäre das für Sie bereits eine Familiengründung? Es gibt ja die Möglichkeit, dass Sie z. B. ein Kind adoptieren.

Michael Adam: Da gibt es momentan …, das meinte ich vorhin beim Lebenspartnerschaftsgesetz, die Reglung so, dass nur ein Partner das Kind adoptieren kann. Darüber hinaus kann man es ja nicht übertragen. – An Familienplanung denken wir derzeit nicht. Wir sind auch in einem Alter, wo das noch nicht sein muss – oder gar nicht sein muss! Konkreter Anlass ist, wir bauen uns zusammen ein Haus. Und wenn sie versuchen, diese finanziellen Risiken und auch die Lebensrisiken, die damit erwachsen, abzusichern, dann sind sie nur noch weniger Zentimeter weg von einem klassischen Lebenspartnerschaftsvertrag. Und deswegen haben wir uns auch zu diesem Schritt entschlossen, wobei es noch kein Datum gibt!

HAMCHA: Was sind Ihre drei wichtigsten Vorhaben für den Landkreis Regen in Ihrer ersten Amtszeit?

Michael Adam: Also drei Themengebiete. Themengebiet eins: die Verwaltung weiterentwickeln zu einer Dienstleistungsbehörde. – Klingt jetzt ein bisschen abgedroschen, könnte ich jetzt aber in tausend Einzelpunkten erklären. Punkt zwei, infrastrukturell vorankommen. Weil ich das Gefühl habe, dass der Landkreis Regen, was Bahnanschluss, was Straßenausbau angeht, total abgehängt ist im Vergleich zu den Nachbarn. Punkt drei, eine moderne und zeitgemäße Struktur in der Wirtschafts- und Tourismusförderung einführen. – Könnte ich jetzt alles an 1000 Punkten erklären, würde Ihnen aber zu lang werden. – Wahrscheinlich.

HAMCHA: Der Bayerische Wald, insbesondere auch der Landkreis Regen hat in der Vergangenheit bedeutende Veränderungen bewältigt – oder auch nicht bewältigt?

Michael Adam: Doch!

HAMCHA: Es gab einen Niedergang der Glasindustrie. Es gab nach der Wiedervereinigung komplett neue Herausforderungen in der Tourismusbranche. – Was sind aktuell die größten Herausforderungen, vor denen der Landkreis Regen steht?

Michael Adam: Ich sehe im Grunde drei Bereiche. Und das geht jetzt auch wieder in das rein, was ich gerade vorher an Zielen definiert habe. Wenn wir z. B. über Infrastruktur reden, über zukünftige Entwicklungen, dann müssen wir wissen, dass die Finanzausstattung des Staates und gerade auch die Fördersituation, gerade in den nächsten Jahren, nicht besser werden wird. Und wir sehen auch immer deutlicher, dass der Mittelabfluss auch Richtung Osten passiert, in die neuen EU-Staaten. Wir sehen auch sehr deutlich, dass gerade Straßenbauprojekte in den nächsten Jahren nicht mehr automatisch passieren weil die beschlossen werden, sondern weil man auch einen objektiven Bedarf nachweisen muss, d. h. ich sehe einfach die Gefahr, dass sehr viel an uns vorbeiläuft, wenn wir uns auch hier infrastrukturell nicht in Position bringen und dann die Gelder woanders hin fließen, bzw. man irgendwann sagt, die Straßen links und rechts perfekt ausgebaut sind, Verkehrsflüsse woanders hin verlagert worden sind, dann haben wir auch gar keinen objektiven Bedarf mehr. Punkt eins. Punkt zwei, im Tourismus sehe ich die Herausforderung dort, dass man erkennen muss, dass der Bayerische Wald, trotz aller Qualität im Übernachtungssegment, die wir ja im Vergleich zu Oberbayern gerade haben, kein Produkt ist, das sich selber verkauft. D. h. die Einsicht, dass schön wandern im Bayerischen Wald nichts einmaliges ist, für dass sich jetzt alle die Füße ausreißen, dass sie das hier machen dürfen. Das ist zwar schmerzlich für einige, ist aber unausweichlich. D. h. wir müssen, weil wir eine austauschbare Mittelgebirgsregion sind, anders in den Vertrieb gehen, offensiver in den Vertrieb gehen, als jemand der sagt, ich hab allein die Marke, ich mach einen schönen Bildprospekt von der Cote Azure und da wollen dann Alle hin. Wir müssen auch über moderne Vertriebswege, über Online-Veranstalter, wir müssen ganz offensiv unsere Produkte abverkaufen!

HAMCHA: Was könnte die Region und vor allem auch den Landkreis Regen mit einem Alleinstellungsmerkmal ausstatten? Weil Sie sagen, es ist nun mal so, dass das hier ein austauschbare Mittelgebirgsregion ist. – Können Sie sich etwas vorstellen, was die Region, den Bayerischen Wald, den Landkreis, gegenüber anderen Mittelgebirgsregionen auszeichnet?

Michael Adam: Schauen Sie, es gibt Nuancen, die ich jetzt bestimmt aufzählen kann und wo ich auch stolz drauf bin, was unsere Identität ist, z. B., trotz aller Unkenrufe, die Verbindung mit dem Glas, z. B. als Region. Dann sportliche Geschichten, wo man sagt … Ein ganz typisches Alleinstellungsmerkmal im Winter ist z. B. der Bereich Langlauf, wo wir nicht, wie in irgendwelchen Alpentälern oder in kleineren Mittelgebirgen in den Tälern herumlaufen und keinen Schnee mehr haben. Wir haben Höhenlagen, hundert Kilometer weit – wir haben Bretterschachten. Wir haben, wenn man sich das so anschaut, Lagen, die so schneesicher sind, wie kein anderes Skigebiet oder Skilanglaufgebiet in Mitteleuropa. Das können Sie alles herausstellen. – Nur das alleine, und das meinte ich damit, dass die Erkenntnis zwar schmerzlich ist aber unausweichlich, das alleine reicht nicht, dass man um den Bayerischen Wald eine Kult aufbaut. Dass der Bayerische Wald so in ist, dass da alle hinfahren müssen, wie das in Südtirol z. B. passiert, das passiert nur mit offensivem Vertrieb und mit offensiver Vermarktung, wo mein einfach auf dem Markt präsenter ist als jeder Andere. Langlaufen können Sie auch im Thüringer Wald, können Sie auch im Schwarzwald!


HAMCHA: Was wollen Sie dann vermarkten. Also es muss ja etwas geben, was die Region auszeichnet, was man in besonderer Weise auch vermarkten kann?

Michael Adam: Wenn Sie jetzt z. B. mal sich anschauen, ein ganz klassisches Vertriebsprodukt aus Bodenmais. Wir haben gesagt, „Familienurlaub im Urwald“. Nicht lachen! Der Nationalpark und das was dran hängt, ist der letzte Urwald in Mitteleuropa. Jetzt gehen wir weg von Borkenkäferbäumen. Aber in Bereichen, gerade im Wieslochgebiet, wo das nicht angepackt wurde, auch teilweise im Nationalpark Neugebiet, rund um Falkenstein und so. Das ist unberührter Wald! Mit dem Label haben wir geworben und haben z. B. ein Familienprodukt gemacht, wo wir gesagt haben, „Unterbringung in Pensionen und Ferienwohnungen, das kombinieren wir mit Inklusivleistungen, wie das junge Familien wollen. Die Kinderbetreuung ist dabei immer drin. Immer um das Thema Natur, Nationalpark gebaut. Für die Eltern ist das Sport- und Freizeitprogramm mit drin. Dann sind in ausgewählten Gaststätten die Mahlzeiten mit drin. So bauen wir hier ein Produkt, wie das eine moderne junge Familie auch bucht. Wenn ich heute eine Türkeireise buche, möchte ich heute, 50 Prozent der Menschen buchen heute ihre Reise nicht mehr direkt im Hotel, sondern über Pauschalangebote. Mit solchen Produkten müssen sie am Start sein, wenn sie diese Zielgruppe überhaupt noch erreichen wollen. Es ist eine Illusion, dass eine junge Familie heute in Dortmund sitzt und sagt, „a ja, jetzt könnte ich mal in Deutschland wegfahren, und dann fällt mir genau der Bayerische Wald ein, und dann auch noch Bodenmais, und dann buche ich dort das Hotel Riese.

HAMCHA art integration Heinz Michael Vilsmeier
ESHOR-QB-2000-Wannsee

HAMCHA: Für die Menschen in der Region und für die Wirtschaft ist eine intakte Umwelt besonders wichtig. Kann die Region bei der Gewinnung von Energie aus Wasserkraft und aus nachwachsenden Rohstoffen eine wichtige Rolle übernehmen?

Michael Adam: Es ist ja in den Diskussionen um die Energiewende sehr deutlich geworden, dass der ländliche Raum eine ganz neue Bedeutung erfährt im Vergleich zu den Städten. Er wird nämlich der Energielieferant sein. Denn  dass, was die Städte an Energie brauchen, können sie niemals erzeugen. Und ich denke schon, dass der Bayerische Wald hier eine Vorreiterregion sein wird. Wir sehen das heute schon, übrigens nicht nur im Bayerischen Wald, sondern auch im Rest Niederbayerns, bei der Photovoltaik auf Dächern und Freiflächen. Ich hab neulich gelesen, dass Niederbayern an einem sonnigen Tag mehr Solarstrom erzeugt, als die USA insgesamt. Weil da wirklich ein Boom eingesetzt ist, in den letzen Jahren. Wir merken das jetzt auch bei dem Thema Windenergie. Wir wollen anschieben, auch beim Thema Biomasse. In Bodenmais wurde z. B. auch ein großes Biomasseheizkraftwerk gebaut, wo wir Hackschnitzel aus den Restbeständen der Waldwirtschaft verbrennen und verheizen. Es geht um die Fragen von Biogasanlagen, wo es Gedanken gibt, dass man ganze Dörfer und Weiler, wo landwirtschaftliche Anwesen mit dabei sind, autark macht. Also ich glaub schon, dass der Bayerische Wald hier mehr Potential hat, als beispielsweise eine ländliche Region irgendwo im Flachen.

HAMCHA: Sehen Sie die Wasserkraft in der Region als mögliche ausbaufähige Energiequelle?

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Das Gespräch führte Heinz Michael Vilsmeier.

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