Leander Sukov

Leander Sukov: Ich schildere traurige Lebensumstände

 Leander Sukov

Ich schildere traurige Lebensumstände

HAMCHA: Kürzlich bin ich in Facebook auf einen anderen kurzen Text von Dir gestoßen, ich glaube er war mit „Ein Himmel, mein Himmel“ überschrieben.  Daneben ist ein Foto von Dir zu sehen, auf dem Du mit einem weißen Anzug bekleidet bist und einen Schlapphut trägst. Ich zitiere aus dem Text: „… Seit meiner frühen Pubertät wollte ich nicht sein, was ich bin, wenn man die körperlichen Merkmale nimmt.“ Es geht in dem Text um die Themen Gender und Gender-Switchen, um Dein “Du selbst sein wollen”. Sind das Themen, die Dich in Deinem Schreiben bewegen?

HAMCHA art integration, Heinz Michael Vilsmeier
Leander Sukov, Foto von Mandy

Leander Sukov: – Naja … komischer Weise gar nicht so sehr, wie man annehmen sollte. – Manchmal. – Aber wirklich selten. Mich beschäftigt eher dieses Konstrukt … Es gibt natürlich einmal sozusagen den Sex im medizinischen Sinne, also die sexuelle Zugehörigkeit zu einem bestimmten biologischen Geschlecht. Das kann man operativ ändern lassen, wenn man das gerne möchte, aber darum ging’s mir ja nicht. Es ging darum, dass man sagt, es gibt bestimmte Verhaltensweisen, also den Gender und der ist männlich oder weiblich. Das finde ich eine ganz blöde Idee, zum einen, weil ich schon immer bisexuell war, zum anderen weil ich dann in diesen unterschiedlichen Beziehungen für mich auch immer von einem unterschiedlichen Gender gewesen bin. Also dann war ich, wenn ich jetzt so in Gesellschaft …, man muss das jetzt irgendwie zuordnen, sonst kann man es nicht ausdrücken, … wenn man so will, dann war ich mal mehr weiblich und dann mehr männlich, einmal war ich auch innerhalb von fünf Minuten mehr weiblich und mehr männlich, je nach Gusto. Ich finde es völlig normal, dass Männer in Frauenkleidung herumlaufen, weil sie’s heute schön finden, und Frauen in Männerkleidern, und der Mann in der Frauenkleidung sagt: „Heute fühle ich mich so männlich!“, und die Frau in der Männerkleidung sagt: „Heute bin ich besonders weiblich!“. Das hat alles miteinander nichts zu tun, sondern es hat nur damit zu tun, wie man gerade, im Moment, gerne sein möchte. Und am allerliebsten hätte ich so was, nicht wahr, wo ich auf den Knopf drücke und dann sehe ich aus wie Marilyn Monroe, und drück wieder auf den Knopf und dann sehe ich aus wie Johnny Depp. Das wäre natürlich die Ideallösung, die gibt es leider nicht. [lacht] Insofern, es gibt ganz viele Leute, mit denen ich gesprochen habe, denen es ganz ähnlich geht, die also nicht dieses biologische Geschlecht ändern wollen, sondern die sich in ihrem Verhalten und in ihrer gesellschaftlichen Zuordnung einfach nicht auf Männlein oder Weiblein festlegen lassen wollen, sondern sagen: Ich bin ich, und jetzt bin ich gerade männlich, und wenn wir die Tasse Kaffee ausgetrunken haben, kann es sein, dass ich ein Mädchen bin. Also, das ist natürlich auch ein gesellschaftliches Konstrukt, weil hinter diesen Sachen muss… Solange es die Möglichkeit gibt zu wechseln, gibt es auch Konstrukte, weil ohne Konstrukte es ja kein Ziel des Wechselns geben würde. Am schönsten wäre es, es gäbe gar kein Ziel, sondern man wäre nur noch man selbst. Auf die Frage: „Männlich oder weiblich?“ würde niemand kommen, weil es diese Frage gar nicht mehr geben würde. Aber das ist nun mal so, dass es diese Frage gibt, und zwar in dem Bereich des Ständers.

HAMCHA: Wie baust Du diese Auffassung, dass es erstrebenswert sei, zwischen Identitäten, genauer gesagt, zwischen Gender-Identitäten zu wechseln, in Dein Leben ein? Lebst Du in einer festen Beziehung?

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Leander Sukov, Foto Pauline

Leander Sukov: Ja, das tu ich, mit einer Frau übrigens. Aber ich lebe in einen offenen Beziehung. Also in einer festen aber offenen Beziehung. – Das war für mich… Also ich hab das nie so… Also ich hab das schon als Problem oft erlebt, aber ich hab es mir nie zu meinem Problem gemacht. Ich hab dann das Problem an sich gesehen…

HAMCHA: … was ist “das Problem an sich”?

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Leander Sukov: “Nun wirke ich ja nicht besonders weiblich…”

Leander Sukov: Das Problem ist, dass man ständig bestimmte Zuordnungen hat. Nun wirke ich ja nicht besonders weiblich, also ich hab immer diese männliche Zuordnung… Vielleicht ‘mal anders rum: Wenn man sich viele Geschichten von mir anguckt, dann wird man feststellen, dass die Hauptfiguren dieser Geschichten Frauen sind. – Von den vielen Geschichten, die ich geschrieben habe, haben vielleicht zwanzig oder dreißig Männer als Hauptfiguren. Die haben aber in den Geschichten ganz beschränkte Handlungsrahmen, dass liegt daran, dass ich vieles auch nicht verstehe, was Männer so machen. Da stehe ich wie der Ochs vorm Berg und kann die als Hauptfiguren gar nicht gebrauchen, weil die sich durchgehend männlich verhalten müssten, wenn die Männer wären, und ich weiß nicht wie das geht. Oder die Männer müssten so sein wie ich, dann würde es aber möglicherweise unrealistisch. – Also das ist vielleicht ein Hinweis darauf, dass das schon in meine Arbeit mit einfließt. Aber ansonsten –

HAMCHA: Sind die weiblichen Hauptfiguren in Deinen Texten Identitäten oder Projektionen von Dir?

Leander Sukov: – Welche meinst Du?

HAMCHA: Zum Beispiel die Marie im Ahab oder diese Lena in Deinem neuen Roman.

Leander Sukov: Die Marie oder die Lena…? Ja, ja, das sind auch Projektionen von mir, nicht ausschließlich, weil bestimmte Verhaltensweisen bei der Marie, bei der Lena ist es jetzt nicht mehr so, aber bei der Marie habe ich von drei real existierenden Frauen bestimmte Verhaltensweisen ganz abgestrippt genommen und daraus bestimmte Verhaltensweisen bei ihr, also bei meiner Hauptfigur, konstruiert. Aber es ist schon so, dass die zu einem nicht unerheblichen Teil Rekonstruktionen meiner selbst ist. Also da muss man sich auch nichts vormachen, das ist schon so. Bei der Lena ist es nicht so, das liegt aber daran, dass die Marie darin noch weiter vorkommt. Die Lena ist sozusagen mein Gegenpart, wenn man so will, da drin, mein Gegenüber.

HAMCHA: Ist die Möglichkeit, Deine weiblichen Identitäten in Deinen Texten quasi schriftlich zu materialisieren, sodass Du in Deinen Romanen mit Deinen Figuren leben kannst, ein Grund dafür, zu schreiben?

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Leander Sukov, Tuschezeichnung von Robert Lange, nach einem Foto von Pauline

Leander Sukov: Nee! Nee, nee, das glaub ich nicht! Ich glaube, dass ich… Also den Urgrund, warum ich das überhaupt jemals angefangen habe, kann ich  wirklich nicht benennen. Das ist wahrscheinlich so, dass sich das selber anfängt, und möglicherweise ist es bei allen Künstlern so, dass die Kunst im Künstler einfach da ist. Dann muss man damit was machen – oder man muss sie totschlagen. – Nee, ich glaub nicht. Es gibt ja auch solche Geschichten über alte Menschen. Es ist eher das, was mich beschäftigt, auch das, was ich sehe. Es ist aber so, dass man bei einer Kurzgeschichte einen ganz knappen Rahmen hat, halt so, wie das, was man erlebt, wenn man in der Schlange im Supermarkt steht und das mal beobachtet und dann aufschreibt. Das ist ja auch ein knapper Rahmen. Oder aber, ob man jemanden heiratet [lacht], dann hat man einen Roman, dann muss man sich mit diesem Gesamtkonstrukt beschäftigen und das ist dann schon so, dass man sich selber mit einbaut. Da kann man ja gar nicht dagegen an.

Entweder ist man als Nebenfigur da oder als …

HAMCHA: … das hat aber nicht so eine Ventilfunktion für Dich, dass Du sozusagen diese konstruierten Figuren in Deinen Romanen und Geschichten leben lässt, weil Du es in der Wirklichkeit nicht können würdest? – Oder kannst Du es in der Wirklichkeit auch?

Leander Sukov: Ja, das hab ich… Das würde man so nicht erkennen, wenn man mich nicht genau kennen würde. Aber wenn man mich kennt, sieht man schon, dass ich zu bestimmten Anlässen, das hat natürlich immer auch etwas mit Sex zu tun, schon bestimmte Rollen einnehme, auf die ich gerade Bock habe. Diese Rollen sind ja auch ein bisschen wie eine Monstranz, die man so vor sich her trägt, die kann man dann übertheatralisieren, das macht dann natürlich beim Sex ganz viel Spaß. Dann werden sie auch immer größer und nehmen abnorme Formen an, aber es ist dann irgendwann zu ende. Also da lebe ich das aus. Ich leb das nicht… Also meine Romane haben nicht die Ventilfunktion. Die Ventilfunktion von diesen Sachen hatte schon immer der Sex bei mir, und das hat gut geklappt. [lacht]

HAMCHA: Wie offen schreibst Du über Sex?

Leander Sukov: Ganz.

HAMCHA: Also sehr offen?

Leander Sukov: Ja, ich glaube, dass wenn man über Sexualität schreibt, man zwei oder drei Fehler nicht machen darf, sonst wird das schrecklich. Der erste Fehler ist, man darf es nicht verbrämen, sonst wird es zotig. Es gibt ja diese Menschen, die zum männlichen Glied Lustschwengel sagen, oder solche Wörter benutzen. Dann ist es sofort…, dann gleitet es ab, in Richtung Eierlikör, Lufthansa-Cocktail und nächtliche Herrengespräche in den 50er Jahren. Das Andere, was man nicht machen darf, man darf ihn nicht überbewerten. Er ist einfach keine volle Lebensrealität. Und genau so muss er dargestellt werden. Der muss so wichtig oder belanglos sein, wie Einkaufen, Essen gehen oder sonst was. Aber innerhalb dieser Konstruktion, sozusagen innerhalb dieser Blase in einer Geschichte, in der er vorkommt, da kann ganz viel passieren. Nur vom Gefühl her darf das nicht übermontiert sein. Wenn das dann überdramatisiert wird, wenn das eine zu hohe Stellung einnimmt in einer Geschichte, dann gleitet man in Pornographie ab. Das kann man, muss man aber nicht unbedingt. Und das Andere ist halt diese Zotigkeit. Ich glaub, dass man das einfach natürlich schildern muss, so wie es passiert und mit natürlichen Wörtern, die jeder Mensch normalerweise benutzt. Und dann ist alles gut. Warum das so wenige machen, weiß ich nicht.

HAMCHA: In einem Wikipedia-Artikel über Leander Sukov gibt es einen Satz von Marcel Malachowski, der aus einer, in der Zeitschrift Freitag erschienenen, Rezension Deines Romans „Warten auf Ahab“ zitiert wird: „Leander Sukovs Monolog … ist wuchtig, defätistisch und sehr erotisch – damit scheint der Roman aus der Zeit gefallen zu sein … Die schöne, subjektivistische Sprache … in der Tradition Peter Handkes … erinnert in ihrem bedenkenlosen Materialismus …“  In diesem Satz kommt das Wort „defätistisch“ vor, wie erklärst Du Dir das?

Leander Sukov: Das hab ich mich auch gefragt, da ich aber Kritikern professionell nicht widerspreche [lacht], weiß ich das nicht genau. Ich glaube, was er meint ist, dass dieser Roman natürlich einmal… Also viele glauben, dass dieser Roman ein Roman für Berlin-Hasser ist, dass stimmt aber gar nicht, weil das könnte genauso in jeder anderen deutschen Großstadt mit Altbaubebauung spielen. Das ist ein Roman, wo jemand nicht mit dem Leben klar kommt. Die hasst ja nicht Berlin. Ich glaube, dass das da irgendwie mitanschwingt. Die kommt da nachhause in die Altbauwohnung und fragt, wer hat denn hier vorher gewohnt, wie viele Leute sind in dieser Wohnung verreckt, haben die Nazis einen Vorbewohner abgeholt und totgeschlagen, was ist hier passiert, wo ich jetzt bin? Da lagert, wenn ich nachhause komme, die ganze Geschichte dieses Hauses auf mir, was ist hier geschehen, früher? Das passiert ihr, das macht sie ja öfter… Ich glaube, dass ist es, was er meint. Ansonsten neige ich eigentlich nicht dazu, defätistisch zu sein, ich bin eher… Wenn man so will, ist das, was ich so mache, eher traurig. Ich schildere traurige Lebensumstände. Ich bin sozusagen das Gegenteil eines Clowns oder, wenn man so will, das Gegenteil von Karl Valentin. Ich bin privat ein völlig alberner Mensch, aber das, was ich dann so an Romanen und Gedichten produziere, dass ist häufig ganz traurig und bitter, genau das Umgekehrte. Aber defätistisch…? Wenn er das so empfindet, ist das sein gutes Recht. Dafür hat er mich ja so schön gelobt und in einer Linie mit Peter Handke genannt… Da will ich ja nicht widersprechen! [lacht]

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Leander Sukov, Foto von Sabine Thyssen

HAMCHA: Sicherlich, er lässt den Satz ja auch in den höchsten Tönen enden. Insofern ist es ja kein Angriff. Ich habe nur das Problem, dass ich den von ihm diagnostizierten Defätismus nicht verstanden habe. Vielleicht reicht ja schon die Schilderung einer schwierigen Persönlichkeit, einer Persönlichkeit die Probleme hat, aus, um von Defätismus sprechen zu müssen – man muss es sicher nicht.

Leander Sukov: … Nee. Es gab ja eine ganze Zeit lang lustige Literatur, von Herrn Lehmann bis sonst wohin, und da gehöre ich ganz bestimmt nicht rein. Vielleicht ist das ungewohnt. [lacht]

HAMCHA: Du arbeitest als Schriftsteller, bist gleichzeitig aber auch im Kulturmaschinen Verlag tätig. Welche Funktion bekleidest Du dort?

Leander Sukov: Ich bin im Prinzip dort hauptsächlich als Autor, da kommt das raus, was ich veröffentliche. Das wäre halt doof, es woanders zu veröffentlichen. Und ich betreue die sogenannte Blaue Reihe, das ist politische Philosophie. Da kommen so Leute wie Robert Steigerwald, Werner Seppmann und Thomas Metscher raus, also politische Philosophie und Kunstästhetik.

HAMCHA: Bist Du da als Herausgeber tätig?

Leander Sukov: Als Lektor.

HAMCHA: Du hattest einen “Roten Großvater”?

Leander Sukov: Ja, meinen revolutionären Großvater.

HAMCHA: Hat Dein revolutionärer Großvater Dich stark geprägt?

Leander Sukov: Ja, sehr, denn ich bin ja bei meinen Großeltern aufgewachsen. Meine Mutter hat sich früh scheiden lassen. Ich komme ja aus einer Familie, die teilweise aus einem verloren gegangenen Adel kommt, der aber schon vor ganz, ganz langer Zeit schon mal verloren gegangen ist, das ist die Seite meiner Mutter, wo auch mein Großvater hingehört….

HAMCHA: … wie heißt die Familie?

Leander Sukov: Briola. Und der andere Teil kam aus dem Hamburger Großbürgertum. Die haben sich aber… Meine Mutter hat sich scheiden lassen, als ich zwei Jahre alt war. Ich bin dann, weil sie dann arbeiten musste, bei meinem Großvater aufgewachsen, das hat mich sehr geprägt. Ich muss sagen, wirklich sehr! Das war einer mit ganz klaren Wertvorstellungen, moralischen Wertvorstellungen, die aber alle nicht diktatorisch waren und auch nicht unbedingt apodiktisch. Der ist da nicht apodiktisch rangegangen und hat einem nicht ständig Lehrsätze um den Kopf gehauen, sondern er hat durch Beispiel vorgelebt.

HAMCHA: War Dein Großvater Kommunist?

Leander Sukov: Ne! Sozialdemokrat.

HAMCHA: Also ein aufrechter Sozialdemokrat, wie man ihn sich wünscht?

Leander Sukov: Ja, genau!

HAMCHA: War er für Dich Vater?

Leander Sukov: Ja, der war schon für mich Vaterersatz, würde ich jedenfalls heute sagen. – Also damals habe ich das, glaube ich, nicht so empfunden, da war er mein Großvater. Aber das ist natürlich so, dass er durch seine Rolle, die Funktion, die er ausgefüllt hat, der Vaterersatz gewesen ist, für mich.

HAMCHA: Hattest Du zu Deinem leiblichen Vater Kontakt?

Leander Sukov: Ne. Nein!

HAMCHA: Du kennst ihn nicht?

Leander Sukov: Ne, den kenn ich gar nicht. Ich hab den einmal gesehen, für fünf Minuten. Ansonsten kenne ich ihn nicht.

HAMCHA: Wie war diese Begegnung?

Leander Sukov: Pfhh… Also die war für mich weder bedrückend, noch sonst irgendwie … Die war halt recht kurz, weil ich die auch kurz halten wollte. – Und mir war das dann egal, da war ich 17 oder so. Ich hatte ihn 17 Jahre nicht gesehen, der hat nie Kontakt mit mir gehabt. Ich wusste auch nicht, wo ich ihn erreichen konnte. Also diese Begegnung habe ich kurz gehalten, die hat mir weder weh getan, noch sonst was. Das war einfach… Das war wie, was weiß ich, wie jemand, den man auf der Straße trifft und nicht kennt, fünf Sätze wechselt und weiter geht.

HAMCHA: Hat er den Kontakt gesucht oder ging es von Dir aus?

Leander Sukov: Nee, der brauchte irgendein Papier von meiner Mutter, nach 17 Jahren, und deshalb ist dieser Kontakt zustande gekommen.

HAMCHA: Hast Du Geschwister?

Leander Sukov: Nee, ich bin ein Einzelkind. – Ja, manchmal bedauere ich das, weil ich glaube, so Geschwisterkinder haben schon eine andere Erfahrung, mit anderen Menschen zusammenzuleben. Nicht wahr, die müssen mit ihren Geschwistern immer zusammenleben, das ist ja etwas anderes, als mit seinen Eltern oder, in meinem Fall, mit den Großeltern. Das bedauere ich manchmal, aber es ist halt so gewesen. Ich habe nicht das Empfinden, dass es schlimme Sachen gemacht hat mit mir, dass ich keine Geschwister hatte. Ich hätte es nur jetzt, sozusagen je älter ich werde, desto lieber hätte ich mal gerne Geschwister gehabt. Früher war mir das schnurz, da habe ich mir gesagt, dann muss ich wenigstens nicht teilen. [lacht] Aber mit zunehmendem Alter wird das anders.

HAMCHA: Leander Sukov, was fällt Dir zu dem Namen „Uwe Timm“ ein?

Leander Sukov: Naja, ich heiße ja eigentlich Martin Timm. Uwe Timm ist ein hervorragender und großer Deutscher Schriftsteller, muss man sagen. Also das, was er schreibt, ist sehr schön. Was ich doof finde ist, dass Leute immer dann, wenn’s kritisch wird, ihre politische Meinung wechseln. Ich würd’s ja glaubwürdiger finden, wenn man sie dann wechselt, wenn’s nicht kritisch ist.

HAMCHA: Ist er, wie Du auch, Mitglied der DKP?

Leander Sukov: Er war auch früher bei der DKP und ist dann da ausgetreten, im Zuge von Perestroika und Glasnost. Das ist ja das, was ich meine, dass ich das nicht verstehe, dass, wenn es dann schon weniger wird, die alle abhauen. Das kann ich nicht verstehen, da muss man doch dahinter stehen, da muss man doch kämpfen. – Für mich war die DDR niemals das Rote Paradies, oder die Sowjetunion. Ich hab ja niemals geglaubt, dass das so schön ist, wie einem die Jungs das, wenn man da zum Austausch hingefahren ist, als JuSo, erzählt haben. Das war alles Unsinn. Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass die aus der DKP das geglaubt haben. Die haben das auch alle vorher gewusst. Deshalb ist das ja noch unglaubwürdiger, dass man nur so lange in der DKP mitarbeitet, solange sie funktioniert und 45.000 Mitglieder hat, und wenn das dann rapide weniger wird, dann geht man auch, bevor der Laden zusammenbricht. Das finde ich unglaubwürdig, das ärgert mich auch so ein bisschen. Das trifft aber nicht nur auf ihn zu, sondern auch noch auf viele andere. Uwe Timm ist der Grund, warum ich mich Leander Sukov nenne, weil ich mich immer geärgert habe darüber, dass die Leute mich gefragt haben, ob ich mit Uwe Timm verwandt bin. Und als mich so ungefähr der 25ste oder 30ste das gefragt hatte, da hatte ich die Schnauze voll, ich wollte das nicht mehr gefragt werden, ich suchte mir dann einen Künstlernahmen. Den habe ich ja jetzt schon fast, wie viele Jahre sind’s denn, 15 oder so. Es gibt Menschen, die wissen gar nicht, dass ich eigentlich anders heiße. Ganz alte Freund aus Hamburg sagen immer noch Martin zu mir, aber es sind nur ganz wenige. – Das ist so, das fällt mir ein zu Uwe Timm. Der ist schuld, dass ich jetzt anders heiße! – Und dann gibt es dazu noch eine schöne Geschichte, warum es richtig war, dass zu machen. – Ich sitze in meiner kleinen Parteigruppe und zahle meine Beiträge und ich sehe, dass der Kassierer auf seinen Zettel schreibt: Uwe Timm, 50 Euro. Und damit meinte er mich. Da wusste ich, dass es richtig war, dass ich mir einen Künstlernahmen gesucht hatte.

HAMCHA: Leander Sukov, ich danke Dir für das Gespräch. – Doch bevor wir an dieser Stelle aufhören, stelle ich Dir eine letzte Frage: Würdest Du gerne noch etwas sagen, was wir nicht angesprochen haben?

Leander Sukov: Nee, dazu müsste ich das jetzt nochmal alles durchgehen, um zu sehen, was wir vergessen haben. – Ich glaube aber, wir haben nichts wesentliches vergessen! Das ist ja schon sehr lange gewesen, was wir hier gemacht haben…

HAMCHA: … das ist meine Spezialität. Ich mache immer sehr lange Interviews und ich erschrecke jedesmal anschließend darüber, wie lang sie geworden sind. Das Erschrecken kommt daher, dass so ein langes Interview richtig Arbeit bedeutet. Andererseits bin ich begierig darauf, sie möglichst wenig journalistisch zu bearbeiten, was aber nicht meiner Faulheit geschuldet ist. Ich glaube, dass wenn man ein Gespräch wirklich literal wiedergibt, es dadurch auch in seiner Lebendigkeit nachvollziehbar wird. Wenn ich es redigiere und journalistisch bearbeite, dann wird ein sprachlich geglätteter Text daraus. Das ist es nicht, was ich für HAMCHA möchte…

Leander Sukov:  … Das finde ich auch ausgesprochen gut. Entweder macht man das als Journalist so, dass man das so hinbiegt, wie man das selber haben will, oder man biegt es so hin, wie es die Agentur vom Anderen haben möchte, also dem, den man da interviewt hat. Und wenn man das fast eins zu eins … Jetzt haben wir doch eines vergessen, ich muss Dich nämlich unbedingt loben…

HAMCHA: … Wie das? …

Leander Sukov:  … Weil das, was Du da machst mit Deiner Seite, dass ist ganz wichtig, weil das Originaltöne sind, der Leute, die in diesem Land etwas mit Kunst und Kultur zu tun haben.

HAMCHA: Danke, dass Du das so würdigst, freut mich. Ja, es lohnt sich, auch wenn es wahnsinnig viel Arbeit macht. – Mein Problem ist, ich muss mein Geld ja anderweitig verdienen, weil mit so einer Website, da kann man nichts verdienen. So tippe ich die Interviews meist in den Nächten. Ärgerlich ist dann halt, wenn es passiert, dass ein Interviewpartner anschließend die Veröffentlichung untersagt. So geschehen beispielsweise mit einem Unternehmer, der mir in die Kamera bestätigte, dass er einem Landrat mal eben 50.000 Euro gegeben hatte. Oder mit einer bayerischen Politikerin, mit der ich vor ca. einem Jahr ein sechsstündiges Gespräch im Bayerischen Landtag hatte, in dem sehr intime Details über Ihre Rolle beim Sturz Edmund Stoibers zur Sprache gekommen waren. – 70 Seiten und dann das Publikationsverbot….

Leander Sukov: … Das kann Dir mit mir nicht passieren. Wenn ich ein Interview gebe, ich interviewe ja manchmal auch Leute, ich finde das ganz schrecklich, dass man sich hinterher eine Genehmigung holen muss. – Also alles das, was ich hier gesagt habe, kannst Du abtippen.

HAMCHA: Super – und auch veröffentlichen!?

Leander Sukov: Wenn ich etwas gesagt habe, wo ich mich hinterher über mich selber ärgere, ist das mein und nicht Dein Problem!

HAMCHA: Okay, das ist sehr fair. Ich wünsche Dir noch eine kreative Nacht.

Leander Sukov: Gerne geschehen. Dir auch eine gute Nacht! (zur Übersicht)

 Das Gespräch führte Heinz Michael Vilsmeier.

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