Konstantin Wecker

Konstantin Wecker: … dann steigen die Worte heim ins Absolute

HAMCHA: Ich hatte im Anschluss an unser Gespräch im letzten Jahr eine Unterhaltung mit Giora Feidman. Er hatte uns eine Weile beobachtet. Ich muss dazu sagen, dass das Gespräch mit ihm eigentlich kein Gespräch war. Es war einfach so, dass er Lust hatte zu reden und er hat mehr oder weniger doziert. Ich glaube ich habe während der eineinhalb Stunden der Unterhaltung mit ihm vier, fünf Fragen gestellt. Aber das hat ihn inspiriert, er hat immer weiter gesprochen. – Er hat

HAMCHA art integration, Heinz Michael Vilsmeier
Konstantin Wecker, Wolfgang Stute, Dominik Plangger und Giora Feidman bei Songs an einem Sommerabend, 2012, Foto: Heinz Michael Vilsmeier

auch über Dich gesprochen und er hat sich negativ geäußert. Und zwar deswegen, weil er sagt, er verstehe nicht, was es mit Kunst zu tun habe, wenn Du auf der Bühne stehst und über Politik und gesellschaftliche Probleme sprichst. – Ich glaube, er hat Dich nicht verstanden. Er spricht zwar Deutsch und er versteht sicherlich Deine Texte, aber hatte so eine Momentaufnahme von Dir. Um es verständlich zu machen, er beschrieb, woher er seine Musik beziehe. Im Grunde sagte er, es sei das Göttliche, es seien die Höheren Mächte der Menschheit, von denen ein Energiefluss auf ihn einströme. Seine Musik sei das, was die Höheren Mächte der Menschheit, mit anderen Worten, das Göttliche, ihm inspirierten. – In einem Deiner Gespräche, die ich mir vorher angehört habe, sagtest Du etwas, was mich an die Ausführungen Giora Feidman erinnerte, weswegen ich glaube, dass er Dich nicht versteht. Sinngemäß sagtest Du in jenem Gespräch: Die Melodien kommen zu mir aus einem anderen Universum. Wie ist das zu verstehen.

Konstantin Wecker: „Aus einem anderen Universum“ ist  falsch. Die Melodien kommen aus einem Raum, ich sehe das ganz genau so und ich glaube auch, in der Tat, dass er mich falsch verstanden hat. – Er meint vielleicht, dass dies parteipolitische Sprüche sind, die ich sage. Wenn ich überlege und jetzt nicht von mir spreche, sondern von einem wirklichen Meister, Rainer Maria  Rilke, dann sagt man sich, vor allem, wenn man selbst schreibt: Mit menschlicher Kraft kann so etwas nicht gefunden werden, diese ungeheure Weisheit, die in diesen Texten ist, die ungeheure Schönheit dieser Texte! Und wenn man dann von seinem Leben weiß,  wie  verunsichert er war, depressiv  und verzweifelt. Wieso hat so jemand, der menschlich, wie alle, nicht vollkommen ist, wieso konnte er so vollkommene Dinge schreiben? Wieso konnte ein Mozart es? Warum gerade er? Warum hat er die Aufgabe gehabt, für Wien die schönste Musik, die schönsten Harmonien der Weltgeschichte, der Musikgeschichte in sich zu vereinen und uns zu schenken? Da muss es etwas geben! Die Kunst kann mich näher an Gott heranführen, an das Göttliche.

HAMCHA: Ist dieses Wissen eines, das Du im Laufe Deines Lebens erworben hast? Gab es für Dich irgendwann eine Zäsur im Denken oder hattest Du diese Kenntnis schon immer?

Konstantin Wecker: Im Denken gab es viele Veränderungen. Wenn ich jetzt  überlege, ich habe  früher, ich glaube ich war 25, ein Gedicht geschrieben: … Und dann steigen die Worte heim ins Absolute.“  Dafür bin ich damals von einem Dichterfreund sehr angegriffen worden. Er sagte: „heim ins Absolute“, was soll der Quatsch?“ Ich habe gesagt, ja gut, mag sein, aber ich muss es so stehen lassen, das habe ich eben geschrieben und ich wusste, dass das Gedicht mehr wusste, als ich damals. [lacht]

HAMCHA: Ist der Künstler ein Instrument der Höheren Mächte?

Konstantin Wecker: Das klingt mir zu pathetisch. Es ist schön ausgedrückt und es gefällt mir – aber ich würde es nicht so ausdrücken. Ich würde sagen, dass es der Künstler in seiner Sensibilität  schafft, auch in Bereiche einzudringen, die uns unsere Ratio verschließt.

HAMCHA: Ist das etwas Aktives? Du sagst, Du hast dieses Gedicht damals geschrieben und stehen lassen, obwohl Du es nicht verstanden hast. Es war aus Deinem damaligen Bewusstsein heraus nicht erklärbar. Bedeutet das nicht, dass sich in Dir, bzw. über Dich etwas zum Ausdruck gebracht hat, was Du nicht aktiv formuliert hast, sondern wo Du lediglich das Sprachrohr warst?

Konstantin Wecker: Sicher. Ich versuche es ja so auszudrücken, dass alles eigentlich schon da ist, alles ist formuliert, alle Melodien sind schon da. Es gibt alles. Die Frage ist: Wie kommt man ran? Wie Gottfried Benn schon sagte: “Wahrscheinlich schreibt man sein Leben lang nur an einem einzigen Gedicht. Vieles sind Fingerübungen…“

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Konstantin Wecker, Foto: Thomas Karsten

HAMCHA: …ja, mir kommt dabei der Gedanke, dass das, wonach man greift, einem entschwindet. Umgekehrt könnte das bedeuten, dass es zu einem kommt, wenn man sich leer macht und öffnet, dass es dann zu einem kommt…

Konstantin Wecker: Es gibt spirituelle Meister, die können stundenlang meditieren, ich bewundere das auch sehr. Aber das sind keine Künstler. Ich kann mir vorstellen, wenn ich jeden Tag, was ich schön fände, sechs Stunden meditieren würde, dass ich dann nicht mehr den Anspruch hätte, Gedichte zu schreiben. Dann würde ich vielleicht lauter weise Worte von mir geben. Ich würde wahrscheinlich nicht mehr Kunst in dem Sinne machen, wie wir sie jetzt verstehen.

HAMCHA: Okay. Wir haben gerade darüber gesprochen…

Konstantin Wecker: Gustav Mahler ist ein wahnsinnig berührender, ganz großer Künstler. Aber es gibt Momente, wo mich Mahler, deswegen hat Mozart für mich so eine Ausnahmestellung, in die Verzweiflung treiben kann. Dann verstärkt er meinen Zustand. Ich kann auch nicht in jedem Zustand Kafka lesen, so großartig Kafka ist. Aber Kafka kann einen fertig machen. Das ist bei vielen so, es gibt ein paar Ausnahmen, ich finde das ist bei Mozart so und auch bei Goethe, die mich eigentlich eher immer beglücken.

HAMCHA: Mahler hat ja ein monumentales Werk komponiert, eine Symphonie deren Aufführung eine sehr große Besetzung erfordert und die daher nur äußerst selten aufgeführt wird…

Konstantin Wecker: … die Sinfonie der Tausend…

HAMCHA: …ja, genau, die 8. Sinfonie in…

Konstantin Wecker: …wurde einmal groß aufgeführt, von ihm selbst dirigiert.

HAMCHA: … und dann nie wieder in dieser großen Besetzung.

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Konstantin Wecker und Dominik Plangger, Songs an einem Sommerabend, 2012, Foto: Heinz Michael Vilsmeier

Konstantin Wecker: Sie wird schon aufgeführt, aber nicht in der vorgesehen Besetzung. … Aber ich meine nicht dieses Werk. Ich spreche von anderen Werken, zum Beispiel den Liedern eines fahrenden Gesellen oder den Kindertotenliedern.– Ich meine, an der Kunst der letzten zwei, drei Jahrhunderte spürt man die Verzweiflung der Künstler selbst. Das ist auch ein bisschen anders, darum spreche ich hier von der abendländischen Kunst und der Kunst unserer Kultur. Ich habe mit einem afghanischen Musiker gesprochen und gespielt, der sagt,  dass jede Musik, die er mit Indern spielt oder wenn er mit Afghanen musiziert, immer ein Gottesdienst ist, dass sie nicht von der Religion zu trennen sei. Und auch die Auffassung der chinesischen und japanischen Musik ist eine völlig andere Kunst. Wenn ich an die Haikus denke, das sind Gedichte, die nicht menschliches Leiderleben und Zweifel  ausdrücken, sondern eher philosophische Weisheiten von sich geben.

HAMCHA: Wir hatten ja in Europa die Hinwendung zum Rationalismus. Die Spiritualität, sicherlich auch die der christlichen Mystik, ist damit verdrängt worden…

Konstantin Wecker: …die war ja bei uns nur in der christlichen Mystik vorhanden. Eigentlich hat ja die Katholische Kirche alles getan, um jegliche Form von Spiritualität zu beseitigen. Sie hat ja auch ihre eigenen Mystiker mit Begeisterung umgebracht und verfolgt. Mystiker wurden von ihren Amtskirchen immer verfolgt. Diese weltlichen Interessen werden natürlich zutiefst gestört, wenn da jemand kommt und sagt, er kann in seinem tiefsten Innern, ganz alleine, Gott empfangen und das Göttliche. Ich weiß nicht, ob Du in Deinem Leben jemals von Fellini „Roma“ gesehen hast?

HAMCHA: …ja, hab ich.

Konstantin Wecker: …da gibt es eine Stelle, eine Priester-Modenschau. Die Kardinäle sitzen da und Priester auf Rollschuhen führen die neuesten Moden vor. – Besser kann man das Ganze nicht karikieren, als es Fellini gemacht hat.

HAMCHA: In dieser Freiheit ist er auch eine Brücke zu anderen Kulturen. Du sprachst gerade von Sufis. Ich kenne Sufis in Indien und Pakistan, die dort zwischen Kulturen und Religionen wichtige Bindeglieder sind, weil sie sich vom Mainstream ihrer eigenen Religion lösen. Es sind Menschen, die in den kulturellen Grenzregionen leben und dort wiederum auf andere treffen, die sich von der anderen Seite nähern. Sie sind es, die oftmals das Zusammenleben der Religionen überhaupt erst ermöglichen.

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Konstantin Wecker, Foto: Thomas Karsten

Konstantin Wecker: Ja, weil Du natürlich in der Mystik einer Religion merkst, dass sich die Religionen gleichen. Zwischen den Sufis, der christlichen Mystik und auch dem Buddhismus sind keine großen Unterschiede mehr. Es sind nur andere Bilderwelten, aber ansonsten ist es gleich. Der Kern aller Religionen ist gleich.

HAMCHA: Noch einmal zurück zu unserer europäischen Kultur und den kulturellen Schaffenslinien der letzten zwei, dreihundert Jahre, von denen Du sprachst. Glaubst Du, dass der Rationalismus der Feind der Kreativität ist?

Konstantin Wecker: Nein. Der Rationalismus war ja auch einmal notwendig, es war die Aufklärung notwendig, um diesen fundamentalistischen Ansatz, der der abendländischen Welt durch das Christentum, durch die katholische Kirche übergestülpt worden war, zu zerschlagen. Die Vernunft, die Aufklärung war eine unglaublich wichtige Zeit. Aber wie der Name schon sagt, Rationalismus ist vom Wort her schon eine Ideologie…

HAMCHA: …ich meinte das Rationalitätsprinzip.

Konstantin Wecker: Die Rationalität ist notwendig. Aber wie heißt es im Buddhismus so schön? – Der Verstand ist der Wagen, aber nicht der Wagenlenker. Das halte ich für einen sehr treffenden Spruch. Wir brauchen den Verstand, natürlich. Wir brauchen ihn um zu überleben, wir brauchen den Verstand um Dinge, die bei uns im Ungewissen sind, uns selbst zu erklären.

HAMCHA: Wie würdest Du Dein Verhältnis zwischen Deiner Kreativität und Deiner Rationalität definieren?

Konstantin Wecker: Im Moment der Kreativität muss die Rationalität weichen. Die Rationalität sitzt als Hüter vor diesem Raum, den man ab und zu aufmachen kann, um dort die Melodien zu finden. Sie  muss man halt austricksen.

HAMCHA: …was sicherlich nicht einfach ist.

Konstantin Wecker: Was nicht einfach ist, ja, keine Frage!

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Konstantin Wecker, Foto: Thomas Karsten

HAMCHA: Wie schaltet man die Ratio ab?

Konstantin Wecker: Wenn man eine Künstlernatur hat, ist man oft gefährdet zu Mitteln zu greifen, die einem dabei helfen, das abzuschaffen.

HAMCHA: Verstehe. Du hast ja Kokain und andere Drogen genommen, war das der Versuch, der Kreativität näher zu kommen?

Konstantin Wecker: Ja…

HAMCHA: …oder war es einfach Dein Hedonismus?

Konstantin Wecker: Es war auch der Hedonismus. Am Anfang war es im Sinne von „Genug ist nicht genug“ einfach das Steigern. – Es ging mir gut und es sollte mir noch besser gehen. Später war es auch der Versuch, die Kreativität wieder anzulocken. Aber das ist ein Irrweg. Wie gesagt, unsere Welt ist so schön, Alkaloide sind nicht der Grund, warum manche Künstler geniale Dinge tun. Die meisten Künstler sind so genial, dass sie sich trotz der Alkaloide nicht hindern lassen, Großartiges zu schreiben. [lacht]

HAMCHA: Wenn sie Künstler sind.

Konstantin Wecker: Wenn es Künstler sind.

HAMCHA: Du hast vorhin Goethe erwähnt. Goethe hat über “das Böse” geschrieben. Er hat einen Satz formuliert, mit dem er zum Ausdruck bringt, dass es in der Welt nichts Böses gibt, was er nicht auch in sich selbst erkennen würde.

Konstantin Wecker: Das ist ein Satz, den ich oft zitiere.

HAMCHA: Du sagst, Du zitierst diesen Satz oft. Bringt er etwas auf den Punkt, was Dir an Dir bekannt vorkommt?

Konstantin Wecker: Ja, natürlich. Es gibt ja so vieles, von dem man gar nicht weiß. – Ich bin manchmal, wenn ich von irgendetwas Schrecklichem lese, ganz erstaunt, dass ich selbst noch nie auf den Gedanken gekommen bin. Es gibt wahrscheinlich noch ganz viel, was man nicht weiß! Aber das, was man weiß, ich glaube so ähnlich hat er sich auch ausgedrückt, das Böse von dem man weiß, das trägt man auch in sich.

Das Gespräch führte Heinz Michel Vilsmeier

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