Jutta Schubert

Jutta Schubert: Die Fiktion fängt sofort jenseits der Fakten an.

HAMCHA art integration, Heinz Michael Vilsmeier
DALÍ – DER GROSSE MASTURBATOR
Biographisches Bühnen-spektakel um Salvador Dalí
von Jutta Schubert und Horst Emrich / UA Theaterhaus Stuttgart, 2001

HAMCHA: Sie haben erwähnt, dass Sie zu Ihrem Roman „Zu blau der Himmel im Februar“ sehr viel recherchiert und sehr viel Material gesammelt haben, über einen langen Zeitraum. Auf der anderen Seite gibt es diese spirituelle Quelle, die für Sie Inspiration bedeutet. Ist es dann so ein Balanceakt zwischen dem knallharten Realitätsbezug, dem Material, das Sie anhäufen und auf der anderen Seite der kreativen und inspirierten Verarbeitung dessen? Wie nahe bleiben Sie an der Realität und wie sehr lieben Sie es, in die Fiktion, in die Spekulation, in das selbst Erschaffene hinüberzugleiten?

Jutta Schubert: Alles, was ich belletristisch schreibe, ist Fiktion. Auch der Roman. Er basiert zwar auf Tatsachen, alle Fakten darin stimmen, soweit ich sie recherchieren konnte, aber dann muss man sich von der Recherche wieder lösen, um über sie hinaus an die Gefühle heranzukommen und sich einfühlen zu können. Das ist ein Prozess, er dauert natürlich einige Zeit, bis man das soweit verarbeitet hat und überhaupt wieder einen freieren Blick auf das Ganze bekommt. An diesem Punkt habe ich eine Reise gemacht, ich habe einen Teil der Flucht von Alexander Schmorell nachvollzogen. Ich habe mich in einen Zug gesetzt und bin die Wegstrecke gefahren, die er von München aus auf seiner Flucht gefahren ist. Dabei habe ich aus dem Fenster gesehen und mir erste Notizen gemacht, so fängt auch der Roman an. Dann bin ich, das steht jetzt im Roman nicht mehr drin, am Zielort ausgestiegen und bin den Weg gegangen, den Alexander Schmorell damals auf seiner Flucht gegangen ist. Es war auch Februar, es war Schnee, es war kalt, ich war allein und ich habe diesen Weg nachvollzogen, um mich hineinzuversetzen. Die Fiktion fängt sofort jenseits der Fakten an. Ich hätte das nicht schreiben können, wenn ich einfach nur die Fakten dargestellt hätte, dann hätte ich es als Sachbuch geschrieben. Das ist ja aber ganz bewusst ein Roman, weil es um die Menschen geht und ich mich hineingefühlt habe. Ich bin den Weg gegangen und habe versucht, das mit seinen Augen zu sehen und plötzlich war die Geschichte für mich da.

HAMCHA: Indem Sie diesen Weg gegangen sind, haben Sie auch die Häscher im Rücken gespürt, Sie haben die Gefahr gespürt …

Jutta Schubert: … ich habe weniger die Häscher im Rücken und die Gefahr gespürt, vielmehr, dass es keinen Weg hinaus gibt. Ich habe mir versucht, vorzustellen, welche Emotionen er an dieser Stelle hat und welches Ziel er noch hat. Ich habe kein Ziel gesehen. Ich habe weniger die Angst, die Todesangst gespürt, als vielmehr, dass er hier anscheinend an ein Ende kommt. Die ganze Zeit während seiner Flucht wusste er nicht, dass Hans Scholl schon tot war. Ich hatte ja immer dieses Wissen. Ich hatte ihm so viele Dinge voraus, ich hatte auch das Wissen, dass diese nationalsozialistische Herrschaft Gott sei Dank zu Ende gegangen ist, dass wir den Krieg überstanden haben, dass wir dann ein demokratisches Deutschland bekamen und bis heute haben, das hat er ja alles nicht mehr erfahren. Insofern ist das Hineinfühlen natürlich begrenzt, ich kann nur versuchen, nachzuempfinden. Es hat auch keinen Sinn, zu versuchen, sich da hineinzusteigern. Man muss aufpassen, was einem da begegnet, welche Inspiration kommt. Das war aber sehr stark und sehr positiv. Bei aller Angst, die er gehabt hat, er war am Leben. Und solange er am Leben war, hat er natürlich auch gehofft. Diese Hoffnung, die habe ich auch gespürt und die ist auch in den Text eingeflossen. Aber der ganze Text ist, obwohl er auf Fakten basiert und mir vieles von dem, was da drin steht, erzählt worden ist, selbstverständlich Fiktion, denn wir können es nicht wissen, wie es wirklich war. Ich kann nur sagen, ich glaube, so könnte es gewesen sein und ich finde es wichtig, diese Geschichte zu erzählen, auch jungen Menschen zum Beispiel, damit sie das auch nachempfinden können.

By Angelika Knoop-Probst, Nicoasc (talk · contribs) (Own work) [CC-BY-3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by/3.0)], via Wikimedia Commons
Alexander Schmorell By Angelika Knoop-Probst, Nicoasc (talk · contribs) (Own work) [CC-BY-3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by/3.0)], via Wikimedia Commons
HAMCHA: Insofern ist natürlich diese Geschichte, wie Sie sie erzählen, sehr subjektiv gefärbt. Das kann ja noch sehr viel weitergehen, beim Prozess des Schreibens ist man ja immer  dabei, die eigene Persönlichkeit, die eigene Identität fließt in die schriftstellerische Arbeit mit ein. Wie weit geht das bei Ihnen?

Jutta Schubert: Ja, das ist wirklich so ein fließender Übergang, man kann sich ja selbst nicht raushalten, das funktioniert gar nicht und das wäre auch nicht förderlich, denn dann blieben die Texte wahrscheinlich leer. Der Autor gibt den Texten die Farbe seiner eigenen Befindlichkeit mit, ohne dass das eins zu eins zu sehen ist. Es sei denn, man schreibt autobiographisch. Es gibt beim Schreiben so einen letzten Rest, den man nicht ergründen kann und es wäre auch nicht ratsam, ihn ergründen zu wollen, weil er möglicherweise die Quelle des eigenen Schreibens ist.

HAMCHA: Gab es da bei Ihnen im Laufe Ihrer Karriere als Autorin einen Prozess der Veränderung? Viele junge Menschen fangen ja an zu schreiben und hören irgendwann wieder auf, sie fangen an zu schreiben und schreiben im Prinzip über sich, über ihre Konflikte und ihre Gedanken. War das bei Ihnen in der Kindheit, Sie sagten ja, Sie hätten sehr früh angefangen zu schreiben, sicherlich auch als Jugendliche, ähnlich, haben Sie sehr viel über sich selbst geschrieben?

Jutta Schubert: Eigentlich nicht wirklich eins zu eins. Eine Zeit lang habe ich Tagebuch geführt, das habe ich dann aber wieder aufgegeben, vor allem weil es mir zu mühsam war, weil man da nicht so recht filtern kann, was wichtig ist und was nicht. Weil ich schon immer das Bedürfnis hatte, Geschichten zu erzählen, habe ich sehr früh begonnen, Geschichten zu erzählen. Weniger das, was ich tatsächlich erlebt habe, ganz selten eigentlich. Aber emotional verbindet mich mit allen Texten, die ich geschrieben habe, sehr viel.

HAMCHA: Das heißt also, dass Sie immer Geschichten über andere, über Dritte, über etwas außen Stehendes geschrieben haben, weniger über Ihre eigene Subjektivität, Ihre eigenen Erfahrungen.

Jutta Schubert: Schon sehr subjektiv, aber eben fiktiv. Wenn man zum Beispiel etwas schreibt über die Liebe, über den Tod, den Abschied, was auch immer. Das sind ja alles Erfahrungen, die man gemacht hat. Jeder von uns ist schon einmal verletzt worden, jeder von uns ist schon einmal glücklich gewesen oder sehr unglücklich, hat ein Ziel versäumt, ist von jemandem enttäuscht worden, hat jemanden verloren. Das ist das ganze Umfeld, aus dem sich Geschichten speisen, das braucht man,  dieses emotionale Geschehen im Hintergrund. Jeder von uns trägt das in sich, jeder von uns hat diese Erfahrungen gemacht und die fließen natürlich in Texte ein. Sagen wir einmal, wenn ich etwas über eine Beziehung schreibe, die in die Brüche geht, dann kann ich ja emotional auf nichts anderes zurückgreifen, als meine eigene Erfahrung, die stellvertretend sozusagen, von den fiktiven Personen in der Geschichte gemacht wird. Auch wenn ich die Situationen erfunden habe, wenn ich die ganze Konstellation erdacht habe, dann steckt in den Gefühlen, die die Menschen haben, die sich da trennen, um bei dem Beispiel zu bleiben, doch ganz viel von dem drin, was ich selbst einmal erlebt habe. Das geht ja gar nicht anders.

HAMCHA: Wann wird aus einem Text, in den das eigene schicksalhafte Erleben einfließt, Literatur?

HAMCHA art integration, Heinz Michael Vilsmeier
COMING OUT! Klassenzimmerstück von Jutta Schubert

Jutta Schubert: Das kann sehr lange dauern, dass kann viele Jahre, Jahrzehnte dauern. Man schleppt bestimmte Themen, bestimmte Gefühle mit sich herum und plötzlich, eines Tages sieht man ein Bild, oder man hört ein Lied, oder man steht in einer bestimmten Stimmung auf dem Balkon und auf einmal hat man die Idee einer bestimmten Geschichte oder einer Figur, die eine bestimmte Emotion hat, über die man schon lange schreiben wollte. Das wächst langsam. Für mich ist es so, dass die Dinge lange, lange innen entstehen, bis ich sie dann in mehr oder weniger veränderter Form schreibend ausdrücke. Ich habe einmal ein Theaterstück geschrieben, einen Monolog über das Coming-out eines jungen Mannes. Der Schauspieler, der das Stück dann gespielt hat und bis heute spielt und ich haben viele Jahre im Vorfeld Gespräche geführt, recherchiert usw. Dieser Stoff ist irgendwie in mir gewachsen und dann habe ich ihn in wenigen Tagen niedergeschrieben, in einer ersten Fassung.

HAMCHA art integration, Heinz Michael Vilsmeier
COMING OUT!
Klassenzimmerstück von Jutta Schubert

Der Schauspieler sagte später zu mir: „Es schien so, als hättest Du es einfach nur noch ausgedruckt“. Es war aber über Jahre gewachsen. Ich bin dann später in Diskussionsveranstaltungen gefragt worden, wie es sein kann, dass eine Frau die Gefühle eines schwulen jungen Mannes beschreibt und wie es überhaupt sein kann, dass eine Frau über das Coming-out eines Mannes schreibt. Dann haben wir darüber gesprochen und die Fragenden haben festgestellt: „Ach ja, man kann sich ja hineinversetzen“. Also das Gefühl von sich Verlieben, abgelehnt werden, mit sich selbst und seinem Körper ein Problem haben, das ist ja bei allen Menschen gleich. Dann haben sie plötzlich festgestellt, dass man kein schwuler junger Mann sein muss, der gerade sein Coming-out hat, um das schreiben zu können, es braucht etwas ganz anderes. Man muss sich hineinversetzen, eigene Erfahrungen abrufen und eine Sprache dafür finden, dem Ganzen eine Form geben.

HAMCHA: Ja, ich verstehe. – Ich habe gelesen, Sie haben sich sehr intensiv mit Thomas Bernhard befasst, einem der großen österreichischen Autoren. So weit ich weiß, hat er sehr viel autobiographisch geschrieben, einige seiner Werke sind autobiographische Texte.

Jutta Schubert: Ja, in fünf Bänden hat er sein Leben als Kind, als Jugendlicher, den ganzen Familienhintergrund aufgeschrieben. In seine Romane sind sicherlich auch viele persönliche Erfahrungen eingeflossen, wobei sie teils fiktiv, teils autobiographisch sind. Ich habe ihn kennengelernt durch die Arbeit mit Claus Peymann, der ja sehr viele Uraufführungen von Thomas Bernhard-Stücken gemacht hat. Wir waren auf den Salzburger Festspielen, haben dort den „Theatermacher“ uraufgeführt, ich habe das assistiert und da kam Thomas Bernhard auch zu den Proben. Ein sehr eigenartiger, sehr faszinierender Mensch. Ich habe aufgrund dieser Begegnungen angefangen, seine Romane zu lesen. Ich habe später auch meine Magisterarbeit über Thomas Bernhards Stücke geschrieben, weil ich darüber so viel wusste. Die Art und Weise, wie er schreibt, wie er geschrieben hat, hat eine Zeitlang auch meine Art zu schreiben geprägt. Darüber bin ich dann Gott sei Dank wieder hinweg gekommen, weil ich das zwar großartig finde, was er machte, aber es ist eben auch einmalig und es wäre völlig unsinnig, das kopieren zu wollen.

HAMCHA: Thomas Bernhard war offensichtlich ein Autor, der sich sehr stark mit seinen biographischen Erlebnissen beschäftigt hat, in großen Teilen seines Werkes.

Jutta Schubert: Er musste das wohl zwangsläufig, weil er lange krank und dadurch sehr stark in Selbstreflexion hineingestoßen war. Ansonsten hatte er sehr extreme Haltungen gegenüber der Welt, gegenüber Österreich, gegenüber der Sprache. Da steckt schon sehr viel von seiner eigenen Wut und natürlich auch von seinem eigenen Humor drin.

HAMCHA: Und von seiner, doch recht unglücklichen Kindheit.

Jutta Schubert: Ja, auf jeden Fall.

HAMCHA: Jutta Schubert, welchen Einfluss hat Ihre Ehe mit Peter Gogolin auf Ihr Schreiben?

Jutta Schubert: Zunächst einmal ist es einfach ein Glücksfall, jemandem begegnet zu sein, den die gleichen Probleme umtreiben wie mich, der auch schreibt, der Texte im Kopf hat, der zu wenig zum Schreiben kommt und der sich immer wieder darauf einlässt. Wir haben die gleichen Probleme, dadurch leben wir in der gleichen Welt. Dadurch, dass er selbst nicht nur Romane, Drehbücher und Theaterstücke schreibt, sondern auch das Schreiben unterrichtet, Autoren coacht, kann er mir oftmals ein sehr gutes Feedback geben, wobei das beim eigenen Lebenspartner nicht immer einfach ist. Ich mache das bei seinen Texten auch, also wir begleiten uns da sehr intensiv. Es ist eine große Erleichterung, so jemanden an seiner Seite zu haben, der einfach versteht was man tut, der die Probleme die man hat, auch die Befindlichkeiten, die einen damit umtreiben, nachvollziehen kann und der die Arbeit auch mit trägt, mit unterstützt, mit befördert, so dass man viele Dinge dann auch nicht erklären muss, dass man nicht auf Unverständnis stößt …

HAMCHA: … meinen Sie damit die Probleme des Schreibens?

Jutta Schubert: Die Probleme die man einfach damit hat, dass man sich das Schreiben nicht unbedingt ausgesucht hat, sondern dass es etwas ist, was einen immer wieder überfällt, was man tun will oder tun muss. Wozu man nicht kommt, dieses ganze Umfeld, das ist schwierig zu bewältigen, weil man ja schreibend immer zuhause arbeitet und sich schwer abgrenzen kann.

HAMCHA: Wie muss ich mir das Leben der Jutta Schubert und des Peter Gogolin vorstellen? – Jeder hat einen Schreibtisch in jeweils einem eigenen Raum mit vielen Büchern und versinkt mehr oder weniger im Schreibprozess – wann begegnen Sie einander?

Jutta Schubert: Wir haben eine mittlerweile schon 23 Jahre währende Beziehung, in der wir versuchen, auch viel gemeinsam zu tun. Wenn ich nicht wegen meiner Theaterarbeit notgedrungen unterwegs bin, dann essen wir zum Beispiel immer gemeinsam und wir versuchen, unseren Tagesablauf insoweit anzugleichen, dass wir auch abends vor dem Schlafengehen noch zusammensitzen, ein bisschen reden, etwas lesen oder einen Film sehen. Wir sind immer im Gespräch miteinander. Ansonsten besteht unsere Wohnung aus einer riesigen Bibliothek, über die man geht und steht und tritt und fällt. Das ist zwar alles sortiert, aber das ist mittlerweile so viel, dass man es gar nicht mehr … [lacht]

HAMCHA: [lacht] … das ist phantastisch…

Jutta Schubert: … im Blick behalten kann. Unsere Wohnung besteht fast ausschließlich aus Arbeitstischen und Büchern. Natürlich hat jeder einen Arbeitsplatz und darüber hinaus haben wir noch ein gemeinsames Büro, wo wir die alltäglichen Bürodinge über das Schreiben hinaus erledigen. Ich hatte in jüngeren Jahren einmal eine Beziehung zu einem Mann, der mit dem Schreiben gar nichts zu tun hatte. Das war unglaublich schwierig für mich. Peter hat im Gegenzug auch eine erste Ehe hinter sich, in der er mit einer Frau zusammenlebte, die sagte: „Wenn du deine Schreibmaschine mit in den Urlaub nimmst, brauchst du gar nicht mitfahren!“. …

HAMCHA: … um Gottes Willen! …

Jutta Schubert: … also von daher sind wir, glaube ich, beide sehr erleichtert, dass wir uns gefunden haben.

HAMCHA: Apropos sich gefunden haben. – Wie haben Sie sich gefunden?

Jutta Schubert: Wir haben uns während eines Autorenstipendiums im Künstlerdorf Schöppingen im Münsterland kennengelernt. Das sind zwei große Bauernhöfe, in denen Autoren und bildende Künstler drei Monate mit einem Stipendium wohnen und arbeiten können. Ich hatte das Glück, ein Stipendium zu bekommen, direkt nach meinem Studienabschluss. Und dort traf ich ihn, der auch ein Stipendium hatte. Er war von Rom gekommen, hatte das Stipendium der Villa Massimo gehabt und direkt im Anschluss dieses Stipendium im Künstlerdorf Schöppingen. Und seit wir uns dort begegnet sind, sind wir zusammen geblieben.

HAMCHA: In welchem Jahr war das?

Jutta Schubert: Das war 1990.

HAMCHA: Dann beglückwünsche ich Sie beide, dass Sie einander gefunden haben und das im Jahr 23 immer noch als großes Glück empfinden. Sie haben mir große Lust gemacht, Peter Gogolin zu bitten, dass er sich irgendwann einmal noch ein bis zwei Stunden Zeit für mich nimmt.

Jutta Schubert: Ich kann es nur empfehlen, er ist ein sehr kompetenter Gesprächspartner, er weiß viel über die Literatur und ich glaube, dass würde Spaß machen.

HAMCHA: Fühlen Sie sich manchmal von ihm gecoacht?

Jutta Schubert: Nein, im Gegenteil, ich würde gerne manchmal mehr von ihm gecoacht werden, es gelingt uns aber nicht. Wir freuen uns gegenseitig, wenn dem Anderen ein guter Text gelingt. Dass, finde ich, ist eine schöne Ausnahmesituation. Es gibt ja viele Künstlerpaare, auch Autorenpaare, die sich im Laufe der Zeiten sehr stark bekriegen, oder wo die Frau sich unterdrückt und untergebuttert fühlt von ihrem starken Mann oder umgekehrt – diese Probleme haben wir Gott sei Dank nicht.

HAMCHA: Das heißt, Sie sind beide als Autoren eigenständig und befruchten sich gegenseitig, indem Sie sich austauschen über Ihre Schreibarbeiten, die Dinge, die Sie gerade beschäftigen und Sie finden das beide sehr anregend und produktiv.

Jutta Schubert: Das klingt zwar wie ein Märchen, aber es ist tatsächlich so.

HAMCHA: Es ist phantastisch.

Jutta Schubert: Die Probleme liegen eher auf anderen Ebenen. Meistens ist bei Autoren der andere Partner eher in einem abgesicherten Beruf, egal, ob das der Mann oder die Frau ist. So ist es eben bei uns nicht. Wir müssen damit klarkommen, dass wir beide in dieser freiberuflichen Situation leben.

HAMCHA: Seit wann können Sie vom Schreiben leben?

HAMCHA art integration, Heinz Michael Vilsmeier
Kinderoper “Die Bremer Stadtmusikanten” bei den Erfurter Domfestspielen i. d. Inszenierung von Jutta Schubert

Jutta Schubert: Also ich lebe teils vom Schreiben, teils von der Theaterarbeit. Seit ich mich zur Freiberuflichkeit entschlossen habe, das war 1990, habe ich nichts anderes getan, als zu schreiben und meine Theaterarbeit zu machen. Es gibt Jahre, in denen lebe ich mehr von der Theaterarbeit und andere Jahre, in denen kann ich tatsächlich bis zu einem gewissen Grad vom Schreiben leben. Es ist ja fast unmöglich in diesem Land, rein vom Schreiben zu leben. Das können vielleicht 20 Autoren, wenn überhaupt so viele. Günter Grass oder Martin Walser etwa, wobei Grass ja auch bildender Künstler ist und seine Kunstwerke verkauft und dann auch noch den Nobelpreis bekommen hat. Der normale Autor in diesem Land kann eigentlich vom Schreiben alleine nicht leben. Vielleicht in einer Mischfinanzierung, von Lesereisen, von journalistischer Tätigkeit, dazu noch von Hörfeatures und so weiter. Bei mir ist es so, dass ich immer wieder das Glück habe, dass ich Auftragsarbeiten bekomme für Theaterstücke, so dass in manchen Jahren eben die Hälfte meiner Einkünfte tatsächlich vom Schreiben oder von Tantiemen kommt. In anderen Jahren kommt der Hauptanteil von der Regiearbeit und seit einigen Jahren unterrichte ich auch kreatives Schreiben an zwei Volkshochschulen. Das Unterrichten macht mir sehr viel Spaß und es ist ein Zubrot.

HAMCHA: Ich vermute, dass das auch der Grund ist, warum Ihr Mann auch als Literatur- und Autorencoach tätig ist, weil es eben schwierig ist, vom Schreiben alleine zu leben.

Jutta Schubert: Ja, schon. Aber es ihm auch ein Anliegen, weil er da wirklich sehr viel Wissen weiterzugeben hat. Er hat sein Coaching-Programm selber entwickelt, es fußt auf seiner langjährigen Erfahrung.

HAMCHA: „Zu blau der Himmel im Februar“, das ist Ihr neues Buch, es ist bereits erschienen…

Jutta Schubert: … am 15. Januar ist es erschienen. Es gibt jetzt eine Reihe von Lesungen und Veranstaltungen. Ich bin im März in München bei der Gedenkstätte der Weißen Rose Stiftung, dort stelle ich den Roman vor, dann auf der Buchmesse in Leipzig und im Mai in Berlin. Das Buch ist jetzt da und wird hoffentlich seinen Weg auf seinen eigenen kleinen Füßchen machen.

HAMCHA: Jutta Schubert, ich danke Ihnen für das sehr, sehr interessante Gespräch und grüße Ihren Mann unbekannterweise.

Jutta Schubert: Ich danke Ihnen und freue mich darauf, unser Gespräch auf HAMCHA lesen zu können. (zur Übersicht)

Das Gespräch führte Heinz Michael Vilsmeier

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