Heinz Rudolf Kunze

Heinz Rudolf Kunze: Ein richtiger Künstler ist wie der Liebe Gott.

HAMCHA: Was hältst Du von Liedermachern, die eine Mission erfüllen?

HAMCHA art integration, Heinz Michael Vilsmeier
Heinz Rudolf Kunze & Räuberzivil, 2012

Heinz Rudolf Kunze: Das sind diese beschissenen Oberlehrer! Der Begriff, der mir lange Jahre anhing. Das sind Leute, die Menschen langweilen mit ihren Absichten. Ich will niemals Menschen mit meinen Absichten langweilen. Ich will Menschen mit meinen Wahrnehmungen konfrontieren und wünsche mir, dass sie daraus etwas machen, etwas was ich nicht kontrollieren muss.

HAMCHA: Würdest Du sagen, dass Liedermacher mit Mission Gutmenschen sind?

Heinz Rudolf Kunze: Ich würde sagen, dass es schlechte Künstler sind.

HAMCHA: Weil die Kunst …

Heinz Rudolf Kunze: … keine Absicht haben darf. Ein richtiger Künstler, so wie ich ihn verstehe, ist wie Shakespeare oder der Liebe Gott. Er erzählt die Welt und hält sich raus.

HAMCHA: Und will nichts bewirken?

Heinz Rudolf Kunze: Nein. – Außer das die Menschen etwas schön finden, dass es Ihnen gefällt und dass sie sich dazu ihre eigenen Gedanken machen.

HAMCHA: Schönheit ohne das Hässliche ist nicht denkbar.

Heinz Rudolf Kunze: Das ist richtig, ich bin auch Artaud-Fan. – Aber das bedingt sich gegenseitig. Schönheit kann auch daraus entstehen, dass man unnachgiebig auf das hinweist, was nicht stimmt. Das ist auch eine Form von Schönheit.

HAMCHA: Nietzsche stellt die Existenz des Schönen in Frage, gibt es Schönheit überhaupt?

HAMCHA art integration, Heinz Michael Vilsmeier
Heinz Rudolf Kunze.2012

Heinz Rudolf Kunze: Wenn wir sie wollen, ja. Das ist eine Willensfrage. Nietzsche war ein von Schönheit besessener, von Schönheit trunkener Denker. Er hat einen der schönsten Sprachstile der deutschen Sprache aller Jahrhunderte geschrieben. Er war ein Virtuose des Satzbaus, ein Virtuose der Bildwahl. Die Art wie er mit Worten umgeht und wie er sie zu setzen weiß, ist schon mal der direkte Gegenbeweis.

HAMCHA: Thematisierst Du das Hässliche?

Heinz Rudolf Kunze: Oft, ja. Es gibt Menschen, so betuliche ältere Herrschaften, ich spiele auch oft vor Theologen und so, die sagen: „Es ist ja unerträglich, also Ihre Wortwahl ist ja so drastisch, Herr Kunze!“ Dann sage ich immer, ‚na klar ist sie das, ich beschreibe die Welt, so wie sie mir vorkommt. Ich kann sie mir ja nicht backen, wie ich sie möchte. Ich muss mit dem, was vorhanden ist, umgehen. Das ist mein Material’.


HAMCHA: Heinz Rudolf Kunze, kann man Dich über Deine Musik kennenlernen?

Heinz Rudolf Kunze: Ja, wenn man alles hört. Wenn man nur das hört, was im Radio vorkommt, womit ich sozusagen mein Geld verdiene, dann nicht. Wenn man sich die Mühe macht, das alles anzuhören, kann man mich, glaube ich, kennenlernen. Als Flickenteppich, als Kaleidoskop, als Mosaik.

HAMCHA: Als Mosaik von Dingen, die Dich inspirieren, die Du aufgreifst und in Deinen Texten und in Deiner Musik verarbeitest?

Heinz Rudolf Kunze: Es ist die erste Möglichkeit, denke ich, sich ein Bild von mir zusammenzusetzen.

HAMCHA: Ich hatte Dich so verstanden, dass Du Dich als Person in Deinen Texten zurück nimmst.

Heinz Rudolf Kunze: Ja, das ist aber kein Widerspruch, finde ich. Wenn man das alles zusammenfasst, komme ich doch wohl, unter dem Strich, dabei heraus. Denn es wird ja kein Zufall sein, welche Rollen mir einfallen und welche Figuren ich zum Sprechen bringe. Das sind ja entweder geheime Wünsche oder geheime Ängste von mir. Wenn man die alle zusammenzählt, kommt wahrscheinlich doch meine Person dabei heraus.

HAMCHA: Einige Deiner jüngeren Kollegen, ich nenne jetzt einmal Cynthia Nickschas, die sehr drastische und teilweise hässliche Worte benutzt, sagt über ihre Lieder und ihre Musik, sie seien ein Art Selbsttherapie. Welche Funktion hat Deine Musik für Dich?

Heinz Rudolf Kunze: Es ist keine Selbsttherapie, das habe ich mir schon lange abgeschminkt. Es geht einem einen Moment lang sehr gut, wenn man das Gefühl hat, es ist einem etwas gelungen. Das ist eine große Befriedigung und das macht einem auch einen schönen Schauer den Rücken rauf und runter, aber das hält nie lange an. Man muss relativ schnell zum nächsten Lied kommen. Das ist mein Job und es ist der schönste Job der Welt. Ich darf formulieren, weil ich das kann, nicht mehr und nicht weniger. – Selbsttherapie, ne! Das wäre mir auch zu billig.

HAMCHA: Du sagtest, die Reaktion Deiner Zuhörer sei Dir wichtig und die sei teilweise sehr drastisch und vehement. Gibt es ein konkretes Beispiel für eine Reaktion, die Du deswegen erinnerst, weil sie eben so drastisch war?

Heinz Rudolf Kunze: Als mir ein enttäuschter Fan, der mich für einen Judas hielt und für einen Verräter an der reinen Lehre, beim Konzert in Hamburg, als wir zum ersten Mal „Dein ist mein ganzes Herz“ spielten, ein blutendes Schweineherz auf die Bühne warf. Das empfand ich als drastisch und das hing mir lange nach.

HAMCHA: Was hat Dich getroffen?

Heinz Rudolf Kunze: Dass er mich nicht verstanden hat und dass er mir nicht zugestanden hat, dass ich so was auch möchte und kann, dass er mich in eine Schublade einsortiert hat, wo ich doch weiß, dass man für mich einen Schrank braucht.

HAMCHA: Du hast Deine Karriere durch Ado Schlier begonnen …

Heinz Rudolf Kunze: … kann man so sagen, er war jedenfalls dabei.

HAMCHA: Dieses Festival in Banz wird seit 26 Jahren veranstaltet. Gibt es einen Grund, warum Du jetzt erst zum zweiten Mal hierher kommst?

HAMCHA art integration, Heinz Michael Vilsmeier
Heinz Rudolf Kunze, 2012

Heinz Rudolf Kunze: Das weiß ich nicht, kann ich Dir nicht erklären. Ich wurde nur zwei Mal gefragt.


HAMCHA: Hast es aber auch nicht als Nachteil empfunden?

Heinz Rudolf Kunze: Nein. Das hier ist auch nicht mein „Kerngeschäft“. Mein Kerngeschäft ist deutsche Rockmusik.

HAMCHA: Hast Du ja schon ein paar Mal erwähnt. Würdest Du in eine Porträtsammlung über Liedermacher hineinpassen?

Heinz Rudolf Kunze: Ich denke, dass ich mit die besten Lieder in Deutschland mache, insofern ja.

HAMCHA: Obwohl Deine Lieder nicht dem Mainstream der Liedermacher entsprechen.

Heinz Rudolf Kunze: Nein, aber warum muss das auch so sein? Ich habe Liedermachen sehr eng definiert, als eine bestimmte musikalische Form, aber dennoch kann man mir, Wolfgang Niedecken, Herbert Grönemeyer, Wolf Mahn, Klaus Lage und wie sie alle heißen, nicht absprechen, dass wir Liedermacher sind. Wir instrumentieren sie nur oft anders. Wobei es ja bei uns allen, auch bei Herbert, Udo und Peter Maffay immer wieder leise Lieder gibt, die man musikalisch als anders, als liedermacherisch gestaltet, nehmen kann. Es geht ja nicht immer nur auf die Zwölf oder auf die Rolling Stones, es gibt ja auch leise Lieder bei uns allen.

HAMCHA: Liegen Dir die leisen Töne?

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Das Gespräch führte Heinz Michael Vilsmeier

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