Cynthia Nickschas

Cynthia Nickschas: Ich will die ansprechen, die in der Angst versteckt sind

HAMCHA art integration, Heinz Michael Vilsmeier
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HAMCHA: Ich möchte das an einem Beispiel verdeutlichen: Prinz Chaos II. ist auch Commander Shree Star Dust und Donna San Floriante und …

Cynthia Nickschas: … Körperkollektives Identitätsprojekt!

HAMCHA: Genau. Eigentlich lebt er, ganz bewusst, mehrere Identitäten, mit denen er unterschiedlich in Erscheinung tritt. Gibt es für Dich Persönlichkeitsaspekte, die Du gerne, losgelöst von anderen, leben würdest?

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Cynthia Nickschas: Schwer – ich glaube nicht. Ich bin schon mehrere Persönlichkeiten, aber ich versuche noch, sie irgendwie zu vereinen. Ich habe viele Persönlichkeitszüge, viele Denkrichtungen. Ich weiß nicht, mein Ziel ist eher, alles zu vereinen, all meine 15 Persönlichkeiten dazu zu bringen, dass sie eine sind und auf der Bühne stehen. Ich habe eher Bock, meine 15 Persönlichkeiten zu einer zu machen und nicht jede einmal leben zu lassen. Das Leben lassen habe ich satt.

 

 

HAMCHA: Gibt es Persönlichkeitsaspekte oder Identitäten, die Du lieber verbirgst, vielleicht weil Du bestimmte Reaktionen befürchtest?

Cynthia Nickschas: Wenig, aber da gibt es schon Aspekte: ich bin nicht gerne zu emotional. Ich lasse das nicht raus, weil ich in dem Moment das Gefühl habe, es ist ein Zeichen von Schwäche. Ansonsten haue ich eigentlich alles raus. Wenn mich etwas stört, sage ich das der Person. Wenn ich ein Problem mit jemandem habe, gehe ich auf den zu und sage es ihm persönlich.

HAMCHA: Welches Ziel verfolgst Du mit Deiner Musik?

Cynthia Nickschas: Mehrere. Einmal für mich, dass ich mich selbst therapiere, dass es mir besser geht, weil ich einfach froh bin, meine Musik leben zu dürfen. Zum anderen will ich eine Revolution. Genau das Gleiche, was der Prinz Chaos von uns möchte und auch ein Rüdiger Bierhorst will und auch ein Götz Widmann oder ein Totte oder Kalter Kaffee…

HAMCHA: Du könntest eventuell mit Deinen Liedern dazu beitragen…

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Cynthia Nickschas: … das hast Du gesagt! Ja, ich glaube schon, dass ich es kann. Aber ich glaube es erst, seit die Leute mir das sagen, seitdem ich merke, dass es jemanden berührt. Die Leute reagieren auf das, was ich sage. Seitdem glaube ich auch ein bisschen daran. Ich sage mal, dass ich das Ziel darauf auslege, dass ich vielleicht etwas bewege, aber ich muss nicht unbedingt etwas bewegen. Ich lege es darauf aus, ich möchte Leute damit ansprechen und ich möchte auch etwas verändern, aber ich erwarte es nicht. Ich will es nicht erwarten, das würde mir alles kaputt machen.

HAMCHA: Okay, Du wusstest es aber, nicht erst, seit ich es gesagt habe…

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Cynthia Nickschas: … nee, ich weiß es. Ich glaube schon dran, aber ich habe keine Erwartungen.

HAMCHA: Ist Dein Lied „Generation blöd“, sowohl eine Rechtfertigung Deiner Generation, wie auch ein Angriff auf sie?

Cynthia Nickschas: Ja, weil es verdammt viele in meiner Generation gibt, die so hirnverbrannt in den Tag laufen und sich durch diese ständige Angst vor dem Leben die ganze Freude kaputt machen lassen, dass ich wirklich denke „Generation blöd“, „Generation

 

verblödet durch die Medien“, durch den ganzen Einfluss und vor allem durch die Angst, die da verbreitet wird. Angst vor allem: vor finanziellem Absturz, vor Einsamkeit, vor Danebenstehen, vor dem Wetter, vor dem Krieg, Angst vor diesem, Angst vor jenem. Das geht mir so tierisch auf den Sack! Und auf der anderen Seite sehe ich ganz viele, die so denken wie ich und die keine Angst haben und die versuchen, ihren Traum zu leben. Oder ich sehe diejenigen, die diese Angst noch haben und ganz kurz davor sind, einfach auszubrechen, die es aber nicht schaffen. Gerade diese Leute, die in dieser Angst versteckt sind und nicht blicken, dass es auch anders geht, dass man diese Angst gar nicht haben muss, dass es ohne Angst viel cooler ist, versuche ich anzusprechen.

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HAMCHA: Sind es viele, in Deiner Generation, die Dich ankotzen?

Cynthia Nickschas: Ja!

HAMCHA: Zum Glück wahrscheinlich aber auch diejenigen, die Du zu Deinen Weggefährten zählst!

Cynthia Nickschas: Ja. Ich muss aber sagen, dass ich die Leute, die mich ankotzen, auch zu meinen Weggefährten zähle, weil sie ja die Auslöser für meine Lieder sind. Die sind die Auslöser, dass es endlich einmal rauskommt. Sie tun mir eher leid, als dass ich sie nicht mag. Sie tun mir einfach leid, es nervt mich, dass sie sich von dieser Angst so kaputt machen lassen.

HAMCHA: Was gibt Dir die Kraft, da drüber zu stehen, nicht genauso zu sein, wie die, die Du kritisierst und angreifst?

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Cynthia Nickschas: Ich bin ja genauso! Ich sag ja immer: „Man greift das an, was man selbst hat“. Ich hatte das Glück, dass ich, bis ich 13 war, ohne Medien aufgewachsen bin. Dadurch kann ich vieles sehr objektiv betrachten und muss mich nicht so in dieses Öffentlichkeitsgelabere einfügen. Ich glaube, dass das der Grund ist… – Ich war schon immer eine Außenstehende, immer ein bisschen Außenseiter und deshalb habe ich kein Problem damit, weiterhin eine Außenstehende zu sein. Ich will diesen Menschen ja auch nur helfen! Ohne Witz! Die „Generation blöd“ geht mir auf den Sack! Das geht mir tierisch auf den Sack, aber sie sind im Prinzip bemitleidenswerte Menschen! Ich habe mich lange genug auch selbst hinter meinem Kram versteckt! Ich war auch lange „Generation blöd“, weil ich dachte, dass es ohnehin nichts bringt, das Maul aufzumachen. Aber es bringt was! Und wenn es nur mir etwas bringt, irgendwo muss man ja anfangen.

HAMCHA: Was hat Deine Einstellung dazu verändert?

Cynthia Nickschas: Ich habe die Einstellung schon immer gehabt, aber ich habe mich eben auch in dieser Angst davor versteckt, es einfach raus zu posaunen. Es ist die Angst davor, eine Gegenseite zu haben.

HAMCHA: Gab es ein Schlüsselerlebnis, das Dich, bzw. Deinen Umgang mit der Angst verändert hat?

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Cynthia Nickschas: Schlüsselerlebnis? – Ja! Das war meine erste Reise nach Köln, von der ich vorher schon gesprochen habe. Meine Freundin hatte mich eingeladen. Vorher hatte ich meine Lieder nur gespielt, wenn mein Vater etwas organisiert hatte. Bis dahin hatte ich vielleicht zwei oder drei Auftritte mit meinen Liedern. Dann wollte ich mit einer Mitfahrgelegenheit von Frankfurt nach Köln. Ich hatte 27 Euro einstecken, musste aber noch mit dem Zug von Fulda nach Frankfurt. Für das Ticket von Fulda nach Frankfurt hatte ich 13 Euro ausgegeben, stand in Frankfurt und wartete auf die Mitfahrgelegenheit, die auch 2 Euro 50 Cent gekostet hatte. Die hat mich hängen


lassen. Dann habe ich die noch angerufen und somit 50 Cent vertelefoniert. Zuerst ist er rangegangen und ich habe ihn gefragt, wo er ist. Statt einer Antwort hat er mich weggedrückt, dann war das Handy aus. Ich hatte nicht mehr genug Geld, um nachhause zu fahren und erst recht nicht, um nach Köln zu fahren. Dann stand ich in Frankfurt und habe mir gedacht, ‚Na ja, gut, ich muss ja trotzdem irgendwo hin’. Ich bin zu den Bahnhofpunks gegangen und hab sie gefragt, wo man in Frankfurt am allerbesten schnorren kann, weil ich mich dort nicht gut auskannte. Einer von denen kaufte mir eine Wurst und ein Bier und führte mich auf die Zeil. Dort habe ich mich hingesetzt und in meinem Ausgeh-Outfit angefangen zu spielen. Ich habe halt gezockt, weil ich nach Köln wollte und das abends nicht verpassen…

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HAMCHA: Die Gitarre hattest Du dabei?

Cynthia Nickschas: Klar, ich wollte ja nach Köln und abends den Gig machen, zu dem mich meine Freundin eingeladen hatte. Aber ich saß nachmittags in Frankfurt rum. Irgendwann kam so ein Typ vorbei und hat gefragt, ob er Fotos von mir machen kann, weil das so Klasse aussieht, wie ich da herumsitze. Er meinte dann, dass er gern ein bisschen was aufnehmen würde und fragte, ob er mich buchen kann…

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Das Gespräch führte Heinz Michael Vilsmeier

 

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