Cynthia Nickschas

Cynthia Nickschas: „Man braucht kein Geld, um glücklich zu sein.“

HAMCHA art integration, Heinz Michael Vilsmeier
Cynthia Nickschas Straßenmusikerin

HAMCHA: …klingt irgendwie ein bisschen anzüglich…

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Cynthia Nickschas @ Joern

Cynthia Nickschas: … na ja, ich habe dann gesagt, dass ich eigentlich noch keine Berufsmusikerin bin, aber wenn er möchte, komme ich gerne. So hatte ich direkt von der Straße weg meine erste Buchung. Dann habe ich von dem Typen noch mein Geld bekommen, um das Ticket nach Köln zu kaufen. Er hat gesagt: „Pass auf, Du machst bei mir einen Gig. Der Deal ist, dass ich Dir Dein Ticket nach Köln zahle, damit Du da hin kommst und dafür spielst Du auf meinem Geburtstag“. Und ich habe gesagt: „Cool, klar“. Er hat mir das Geld für das Wochenendticket gegeben und ich habe mir die Verbindung angeguckt und, das ist echt so geil, habe gesehen, dass ich mit dem Zug viel zu spät da wäre! Ich hab mich trotzdem einfach


 

in den Zug gesetzt und bin nach der ganzen Action schwarz nach Köln gefahren! Ich hab’s geschafft! Als ich in Köln am Bahnhof gestanden bin, hab ich mich gefragt, was denn das jetzt gewesen war. Ich hatte den ganzen Nachmittag Straßenmusik gemacht, um das Geld für das Ticket zu haben, dann hatte ich das Geld noch und war trotzdem im Köln! [lacht] – Das war supergeil! Dann hatte ich noch einen supergeilen Abend. An dem Abend habe ich in drei Läden gespielt, habe bis fünf Uhr morgens Musik gemacht, bin am nächsten Tag völlig geplättet bei meiner Freundin aufgewacht und es ging direkt weiter. Das war direkt am Anfang das Schlüsselerlebnis, wo ich mir dachte, dass das so geil ist und dass ich damit nicht aufhören kann. Es war so schön, dass ich nicht damit aufhören konnte. Das allercoolste an der Story ist der Typ, der mich da für seinen Geburtstag, das war zwei Monate später, gebucht hatte.

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Cynthia Nickschas @ Joern

Er hat mich mit einem Audi TT vom Bahnhof abgeholt. – Wir kommen da hin, ein kleines schickes, total spießiges Häuschen, voll konservativ, voll krass, so richtig alles ordentlich und pieke. Erst mal hab ich mich da nicht wohlgefühlt. Ich hab mir ständig überlegt, wo bin ich denn da gelandet bin. Alle voll die Chicksen, überall High Heel Schuhe und Sonnenbrillen. Hier sieht’s nach Solarium aus, dort nach Sonnencreme und hier kannst Du durch die sieben Schichten Make-up gar nicht durchgucken. Und dann die ganzen konservativen Typen mit Anzügen und so. Und ich war so nervös! Aber ich habe mich da hingestellt und zwei Stunden im Wohnzimmer gerockt! Alle fanden es geil, alle fanden es toll! Ich habe sogar übers Rauchen gesungen,

 

übers Kiffen, über… – einfach alles mögliche. Hab angekreidet, Jokes gemacht, eineinhalb Stunden durchgerockt – eigentlich ohne Pause! Ich sagte: „Ich muss gehen, mein Zug fährt gleich!“ Und die sagten „Nein, nein!“ und er sagte: „Pass auf, ich habe sowieso noch nichts getrunken, ich fahre Dich heim, wenn Du noch bleibst“. Ich hab einfach nur Okay gesagt, bin völlig vertrauensvoll in die Sache hinein gerannt, völlig naiv. Irgendwie hatte ich bei der Sache ein gutes Gefühl. Dann habe ich noch eine halbe, dreiviertel Stunde fertig gerockt und ein Bierchen getrunken. Anschließend hat er mich nachhause gefahren. Auf dem Rückweg hat er mir gebeichtet. Als wir irgendwie auf das Thema kamen fragte ich: „Sag mal, was machst Du eigentlich so beruflich?“

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Cynthia Nickschas @ Joern

Dann guckte er beim Fahren so auf die Seite: „Das wollte ich Dir eigentlich gar nicht sagen!“ Und ich: „Warum?“ Er: „Weil ich Angst habe, dass Du mich dann nicht mehr magst!“ Und ich: „Bist Du Bulle, oder was?“ Er so „Mhm“ [lacht] – Geil! Er sagte: „Ich hab gar kein Problem damit, wenn Du was rauchst, Du kannst Dir auch direkt neben mir im Auto einen bauen, aber ich würde zum Rauchen auf den Parkplatz fahren“. Er hat mir dann auch erzählt, dass er lieber ohne Uniform Bahn fährt und sich ein Ticket kauft, damit er die ganzen Schwarzfahrer eben nicht anzeigen muss, weil wenn er in einer Uniform fährt, fährt er zwar umsonst, muss aber auch, wenn jemand schwarz fährt, sofort daneben stehen und Personaldaten aufnehmen. Also kauft er sich lieber ein Ticket, guckt sich das an und lässt die Schwarzfahrer in Ruhe.

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Cynthia Nickschas mit ihrer Gitarre

HAMCHA: Seine Gäste, für die Du gespielt hast… ?

Cynthia Nickschas: …waren alle seine Kollegen! Alle Bullen! Alle Kollegen, von der Kripo!

HAMCHA: Hast Du gern für die Kripo gespielt?

Cynthia Nickschas: Ja, ich habe an dem Abend die ganze Kripo Frankfurts angesungen! Das habe ich am Ende des Abends erfahren und war völlig platt! Dann durfte ich mir noch seine Bullenmütze aufsetzen, die er im Handschuhfach hatte. Die letzte halbe Stunde bin ich mit der Kappe gefahren, das war cool!

 

HAMCHA: Das ist ja eine tolle Geschichte!

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Cynthia Nickschas Straßenmusikerin

Cynthia Nickschas: Der Moment, als er mir sagte, er sei ein Bulle, war, glaube ich, wirklich der Auslöser. Es war der Punkt, wo ich mir gedacht habe, ‚Cool, ich kann ja auch die andere Seite erreichen!’


HAMCHA: Hast Du noch Kontakt zu ihm?

Cynthia Nickschas: Ja!

HAMCHA: Ist eine Freundschaft daraus entstanden?

Cynthia Nickschas: Keine Freundschaft in dem Sinne, aber ich gratuliere ihm jedes Jahr zu seinem Geburtstag, ich weiß ja, wann das ist. Er hat mich dieses Jahr auch wieder eingeladen, hat aber gesagt, dass er sich freuen würde, wenn ich nur als Gast da wäre, vielleicht meine Gitarre irgendwann rausnehme und ein bisschen zocke. Er würde mich gerne als Freundin und Gast einladen und dann vielleicht mit Übernachtung. Weil er dieses Jahr nicht viel Geld hat, kann er mir nicht viel Gage zahlen. Das wäre dann auf Hut gelaufen. Ich habe gerade einen finanziellen Absturz hinter mir – und dann noch mit den Kids! – Da war mir das Babysitter-Suchen zu riskant. Eventuell wäre ich da mit einem Minus raus zugehen. Im Moment habe ich ja noch zwei kleine Münder zu stopfen…

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Cynthia Nickschas CD “Schicksal” – bestellbar!

HAMCHA: Deine Mama kann nichts beitragen?

Cynthia Nickschas: Doch, das macht sie, aber es ist… Meine Mutter hat einen Job als Illustratorin angenommen. Sie hatte den Vertrag unterschrieben und das Amt war schon so fleißig und hat ihr Geld abgezogen, obwohl sie noch gar kein Geld gesehen hat.
Die erwarten, dass sie jetzt irgendwelche Beträge kriegt und ziehen ihr 300 Euro von der Sozialhilfe ab, obwohl sie noch gar keine Überweisung gekriegt hat.

Deswegen kann sie mir nicht so viel geben, wie eigentlich nötig wäre. Aber es klappt, wir haben letzten Monat gut gegessen, waren auch öfter im Schwimmbad, haben so kleinere Aktionen gemacht. Sie hat mir nicht viel Geld gegeben und es hat trotzdem geklappt. Ich bin auch mit wenig Geld glücklich, ich krieg auch so Action hin, da muss ich nicht viel Geld dafür haben. Aber wenn Geld kommt, gerne, schön für mich, aber ich bin auch so okay. Ich brauche es nicht unbedingt, um glücklich zu sein.

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Cynthia Nickschas +friends

Das ist vielleicht das, was ich anderen Leuten auch mitgeben möchte: Man braucht kein Geld, um glücklich zu sein. Geld ist der größte Irrglaube der Menschheit. Das ist ein Hindernis für alle, dass man glaubt, mit Geld wäre man glücklich. Mit Geld ist man noch unglücklicher, weil man sich dann alles kaufen kann und keine Ziele mehr hat! [lacht]

HAMCHA: Ich mache jetzt das Aufnahmegerät aus… Vielen Dank für Deine Offenheit.

Cynthia Nickschas: Gerne. (zur Übersicht)

Das Gespräch führte Heinz Michael Vilsmeier

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