Ali Khan: “Ali, du kriegst nie mehr Arbeit im Radio!”

Ali Khan

"...du kriegst nie mehr Arbeit im Radio!"

HAMCHA: Ich spüre gerade so eine gewisse Seelenverwandtschaft. Was Du beschreibst, kenne ich aus meinen Interviews.

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Ali Khan - "Hinter einem starken Mann, steht meist ein starker Mann." - Es gibt eine brandneue Reihe Interviews mit "Münchner Helden" - Foto Ali Khan

Ali Khan: … Mhm.

HAMCHA: Also ich hatte mich zum Beispiel mit Leuten wie Thomas Goppel oder Gabriele Pauli verabredet. Das wurden lange Gespräche, mit der Frau Pauli dauerte es sechs Stunden ...

Ali Khan: … Aha ...

HAMCHA: … Das war im Maximilianeum, eigentlich war Sitzung im Parlament, sie musste zwischendurch immer wieder zu den Abstimmungen raus, kam dann wieder rein und hat gesprochen, gesprochen, gesprochen. Sie hat mir über die Ära, in der sie am Sturz von Stoiber beteiligt war, Details erzählt. Das Problem war, dass sie anschließend dieses Interview nicht veröffentlicht haben wollte, weil ...

Ali Khan: … da siehst Du das Problem. Da siehst Du das Problem! Kann ich sagen warum? – Die Menschen entblößen sich, für kurze Zeit, genießen es sehr, haben ein riesen Mitteilungsbedürfnis – und danach fühlen sie sich irgendwie ertappt. Da hab ich natürlich als Radio- oder Fernsehmoderator, Fernsehn is a bissl schwerer, aber im Radio hab ich natürlich zu nächtlicher Stunde, das ist bei mir zehn- bis ein Uhr gewesen, da hab ich die Chance. Das ist life, das ist jetzt und das ist gesendet und sie können das nicht mehr zurücknehmen! ...

HAMCHA: … Ich verstehe das, ja. … Mir geht es ja dann so … Ich hatte solche Situationen vier oder fünf mal. Wirklich extrem interessante Gespräch, zum Beispiel mit einem Unternehmer, der mir ins Mikrophon erzählte, dass er einem Politiker 50.000 Euro gegeben hat, ...

Ali Khan: … Ja ...

HAMCHA: … also einem Amtsträger. So etwas will der natürlich nie und nimmer irgendwo veröffentlicht sehen. Aber im Gespräch ...

Ali Khan: … ja, aber das spricht einerseits jetzt mal für Deine Arbeit, dass Menschen so offen sind, Dir gegenüber, andererseits spricht das natürlich auch Bände darüber, wie unsere Gesellschaft es nicht wahrhaben will. Wie soll man sagen, jeder will Gutmensch sein, jeder will … Aber sie haben keine Ventil mehr. Jetzt ist da aber ein riesen Druck dahinter, wenn jemand so etwas erzählt, dass er einem Politiker Geld gegeben hat. Da ist ein riesen Druck und ein riesen Mitteilungsbedürfnis, doch dann tritt wieder der Wachzustand ein, in dem auf einmal eine Scham einsetzt, weil niemand in seinem Umfeld das wissen soll. Das spricht auch ned für sein Umfeld, das spricht ja auch nicht, wie soll ich sagen, für seinen beruflichen Stand. Da spricht dann der Zwerg, danach. Und weil er meint, das würde nicht kommuniziert … Ich meine, Du sagst es jetzt mir, gerade, so etwas … er meint halt, es würde unter euch bleiben, dass er das zwar gesagt hat aber dann doch zurücknehmen musste. Deswegen glauben sie, dass es sie dann nicht mehr träfe und die Sache wäre gegessen. – Das ist aber nicht so!

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Ali Khan im Interview mit den Sportfreunden Stiller in der Reihe "Münchner Helden", Foto Ali Khan

HAMCHA: Ja, ich habe den Eindruck, dass sie sich vergessen. Wenn man die Gespräche so führt, wie Du es offensichtlich auch tust und wie wir uns jetzt gerade unterhalten, können im Verlauf eines Gespräches die ganzen Ängste und Barrieren verloren gehen, dann kommen Dinge zu Tage, mit denen sich eine Welt öffnet, nämlich die Welt in einer anderen Person.

Ali Khan: Richtig. Richtig! – Und jetzt san ma bei dem, was … Man kann ja immer hochrechnen: Wenn ein einzelner Mensch, der auch in der Öffentlichkeit steht, zum Beispiel so etwas dann zurücknimmt, dann merkt man, was für eine Aufteilung es gibt, in den Gehirnen, in unserer Gesellschaft. Es gibt eben diese öffentliche Meinung und eine private Meinung, die aber eigentlich gar nicht stimmen. Es wird immer austariert, jeder macht des! Da kommt auch nicht mehr der Satz, den höre ich immer gern: Mal ehrlich, soll ich Dir was sagen? Dann hab ich immer geantwortet: Nein, weil dann müsste ich annehmen, dass Du mir sonst die Unwahrheit sagst. Also ich will die Wahrheit, die liegt ja für uns alle, für alle Menschen, immer auf der Hand. Die meisten Menschen in unserer Gesellschaft verlieren wahnsinnig viel Energie und auch Schubkraft, und auch Strahlkraft, dadurch, dass sie ständig versuchen, die Wahrheit in zwei Teile aufzuteilen und die Wahrheit, die nicht mehr stimmt, dann unter dem Tisch zu halten. Das ist eine Riesen-Krux. Ich hab da tausend Beispiele mit großen Politikern. Ich hab da Wahlkampf geführt für die SPD, damals, in Bayern – nicht geführt, sondern moderiert. Ich bin danach als alter Sozialdemokrat von der Partei abgefallen, weil da wirklich Arschlöcher dabei waren! Die waren so unglaublich, unglaublich inkompetent und Schnellsprinter, hinter der Bühne, dass ich gesagt habe: Nein, das darf ich nicht glauben! Und dann hab ich mich wirklich ehrlich davon gelöst, von diesem politischen Gehabe. Wir erleben jetzt gerade ein Wahljahr. Das ist ja unwahrscheinlich, was da die Medien an Verbrechen am Gesellschaftsmodell, was das ja eigentlich sein soll, begehen. Wie da der normale Bürger herangeführt wird an neue Ideen oder an Möglichkeiten, die Gesellschaft zu verändern. Was sich da die Medien davon greifen und die Menschen auf einem Niveau sich zurecht backen – wie wenn der normale Mensch blöd wäre!

HAMCHA: Weißt Du, ich habe den Eindruck, dass es zwischen den Medien, den Journalisten und den Politikern ein Gentlemen's Agreement gibt, bestimmte Dinge nicht zu sagen, nicht in die Öffentlichkeit zu transportieren. Wer gegen diese Konvention verstößt, hat keine Chance mehr, noch ein Interview zu machen ...

Ali Khan: … Genau! ...

HAMCHA: … Ich habe kürzlich ein Interview veröffentlicht, obwohl ich die Androhung einer einstweiligen Verfügung hatte, incl. Unterlassungserklärung, von einer Kandidatin der FDP für den Bayerischen Landtag, die jetzt am Wochenende gewählt werden will. Ich hatte mich mit ihr zum Interview verabredet, an einem Sonntag, im Rathaus ihrer Gemeinde, in der sie Bürgermeisterin ist. Sie hatte mir vier Stunden lang erzählt, welche Schwankungen und welchen Zickzack-Kurs sie verfolgt, nur um wieder gewählt zu werden.

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Ali Khan - Monarch Khan meets Demokrat Ude. Foto Ali Khan

Ali Khan: [lacht]

HAMCHA: Es gibt da keine Ideale, keine Grundsätze, nach denen man Politik macht, sondern es geht darum, gewählt zu werden und in die Macht zu kommen.

Ali Khan: Ja! – Ja, das ist halt der Endsieg des Kapitalismus. Ja, das ist so, selbst Journalisten sind heute … Wenn Du heute, zum Beispiel, für den Focus dieses Interview machen würdest, würdest Du schon überlegen, ob Du es mit mir machen würdest. Weil wenn Du mit mir in Verbindung gebracht wirst, bist Du schon weg! Da kann's Dir schon passieren, dass Du einen Rüffler kriegst! – Nee, Du der sagt so komische Sachen, überhaupt die Person, des passt ned …! Und Du musst Dich, und des sage ich abschließend zu dem, was ich im Bayerischen Rundfunk gesagt hab. Da musst Du Dich nach einem Arbeitgeber richten und das war noch nie so schlimm wie heute. Das war noch nie so schlimm wie heute! – Ich fühl mich richtig angeekelt von diesen ganzen Entwicklungen in der Richtung! Wenn zu mir ein Fernseh- oder Radio- oder Medienjournalist kommt und sagt: Du, wir sind doch Kollegen! Dann sage ich: Du, ich hab keine Kollegen! Ich habe sie nicht! Ich kenne keine! Ich kenne nur Einzelkämpfer, großartige, die so bekämpft werden, auf eine Weise, dass ich mich frage: Mein Gott, wie überlebt denn der das!? Da brauch ich jetzt gar nicht große Namen hernehmen, aber wir sehen es ja vor unseren Augen, zurzeit! Das ist so eine unglaublich wichtige Zeit, in der das alles kippt. So ein Fall Snowden ist für mich ein Musterbeispiel, wie eine ganze Gesellschaft sich einreden lässt, dass der einfach nur ein Betrüger und ein Dieb ist. Und dass er ihnen die Augen öffnet, dass er ihnen … Dass sie ihm dankbar sein müssten, davon redet keiner! Der setzt sein Leben, seinen Job, seine Familie, seine Freiheit …

HAMCHA: … sein ganzes Leben. Er setzt sein ganzes Leben ein! ...

Ali Khan: … Genau! Sein ganzes Leben und zwar für den Rest seines Lebens! Wir sollten ihm dankbar sein! – Nein, es wird von den Medien, die Medien gibt's ja ned, aber von den einzelnen Journalisten totgeschwiegen. Da spricht man nicht drüber, da schreibt man nicht drüber. Das sind halt die Großtaten: Dann, ja gut, dann lassen wir halt das jetzt, senden wir es nicht, usw. … Ja Herr Gott nochmal! Wozu ist denn die Presse da, eine freie Presse!? Wir können überhaupt nicht mehr von einer freien Presse sprechen! Überhaupt nicht mehr! Da gibt es tolle Leute drin, die wunderbar schreiben können …

HAMCHA: … aber sie sind komplett angepasst. Sie sind komplett angepasst und haben sich dem Druck untergeordnet.

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Ali Khan BatAli vor dem Nachtflug! — mit Michael Key, Yesterday Falls, Bettina Veicht, Eva Muc und Holger Enghardt. Foto Ali Khan

Ali Khan: Ja! Da darf ma ned amal sagen: Ja, des is schwach. – Das ist eine ganz moderne Art der Diktatur! Die ist ganz leise, die ist formal anständig und wird ... – Was hast Du vorhin gesagt: „Es gibt keine Werte mehr.“ – Es gibt keine Werte mehr, die über einem Chefredakteur stehen, sondern es gibt bloß mehr, das meine ich mit Sieg des Kapitalismus, Erfolg. So wie es in der Politik nichts mehr gibt wie: Was sind deine Inhalte? – Was zählt ist: Hast Du die Wahl gewonnen, Ja oder Nein, wie viel Prozent? Und es gibt in der Presse nur: Wie viele Leute lesen das und finden's gut und tippen in Facebook zu dem Artikel „I like!“ Das ist Erfolg, das ist messbar, alles andere ist Misserfolg und ist demnach auch nichts wert. Das ist natürlich, da wird nicht jeder zustimmen. Aber wir sind da alle eingebunden und ich kann nur hoffen. Also ich fresse lieber Gras, des hab i immer gsogt, bevor ich da meinen Mund halte. Ein gutes Beispiel ist dieser offene Brief, wo Du gesagt hast, dass er so bitter wäre, gegen meinen ehemaligen Programmchef. – So was macht man nicht! Das haben mir viele Leute geschrieben, übrigens auch vom Bayerischen Rundfunk! – „Ich finde das toll, dass Du das geschrieben hast“, hörst Du nur privat, oder: „Ich danke Dir, ich bin der gleichen Meinung, aber leider kann ich es natürlich nicht öffentlich sagen!“ Einer hat auch gsagt: „Ali, du kriegst nie mehr Arbeit im Radio!“ Da hab ich gsagt: Ja, das hab ich ja auch nie mehr vor! [lacht]

HAMCHA: Das ist ein Symptom dafür, in was für einem Land wir leben, wie es um die Freiheit in diesem Land bestellt ist.

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Das Gespräch führte Heinz Michael Vilsmeier

Fotos mit freundlicher Genehmigung von Ali Khan von seinen FB-Seiten und seiner Website entnommen. Ebenfalls mit freundlicher Genehmigung von Richard Föhr.

©HAMCHA art integration Heinz Michael Vilsmeier, 

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